Alte Freunde besuchen

Wenn man Freundschaften über weite Distanzen und über Sprachbarrieren pflegt, ist das so eine Sache, nicht immer ganz einfach. Es war überfällig, dass wir unseren Freund Louis endlich mal in seiner Garage, «The Bar’n», wie sie heisst, besuchen sollen. Auf seine Einladung hin mussten wir auch gar nicht lange überlegen, es sollten zwei Tage unter Petrolheads sein, bei einem guten Wein und einem richtigen Schweizer Raclette, flankiert von vier ikonischen Musclecars. Um Spass zu haben, Blödsinn zu labern und vor allem, das Ganze in unseren Köpfen und Speicherkarten festzuhalten. Doch, wie sollen wir standesgemäss bei Louis aufkreuzen? Mit unserem Firmenwagen? Dem Dailydriver aus Stuttgart? Auf keinen Fall.

 



The Shoebox

350 Kilometer von der Ost- in die tiefe Westschweiz lagen vor uns. Es war naheliegend, dass hierfür nur einer unserer V8's in Frage käme. Der 66er Dodge Coronet 440, welcher in seinem üppigen Kofferraum Platz für unser Gepäck, meinen ganzen Fotoplunder, einen Benzinkanister und einen ausgewachsenen Kaufrausch bei Ikea bietet. Kein wirkliches Musclecar, aber dennoch würde der alte Mopar eine gute Gesellschaft darstellen für Ginette, Pierrette, Paulette, Hugette, und Henriette. Und, dieses lange Coupé mit seinen üppigen Platzverhältnissen und diesem wunderschönen Innenraum hat eine Menge Glas rundherum, so sollten wir bei gemächlichem Tempo auch mal wieder etwas von der wunderschönen Schweiz im Herbst zu Auge bekommen, namentlich auch die (grob geschätzt) sechzehn dutzend Blitzkästen, mit welchen die Westschweizer Autobahnen gespickt sind. Dennoch haben wir uns entschlossen, selber ein Bild in schwarz/weiss von dem Dodge zu machen, kommt günstiger.




Das Ziel - "The Bar'n"

Louis’ Garage ist nicht nur ein Platz, wo er seine Musclecars lagert. Es ist ein wunderbarer Ort für alle jene, welche eine gute Zeit in guter Gesellschaft verbringen möchten, um dort ausführliche Benzingespräche zu führen. Ein Platz, an welchem man das Leben, den Wein und gutes Essen unter Gleichgesinnten liebt. Also eigentlich der perfekte Platz für Leute mit Benzin im Blut. Doch, wer waren, abgesehen von den teils weit angereisten Freunden von Louis, jene Gefährten, welche den angenehmen Duft von Benzin in dieser ehemaligen Scheune verströmten?

 


"Ginette"

Dies war Louis’ allererstes Pony im Stall. Ein atemberaubender 66er Mustang Shelby GT 350 mit einer aussergewöhnlichen Geschichte. Mehr von dieser Lady folgt im Laufe des Jahres. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen und Wiederhören.






"Pierette"

Dieser 68er Dodge Charger hatte uns und Louis damals zusammengebracht. Im Rahmen einer Weiterveräusserungsmassnahme schien es, dass wir derselben Auffassung über dieses Auto waren. Ein Gangstercar mit schlechten Manieren, welches man gerne mal mit laufendem Motor vor der Bank stehen lässt, damit der Beifahrer schnell mal etwas Bargeld abheben kann. Ein Auto welches mit seinen Dimensionen und Formen einen Meilenstein in der Musclecar Ära der späten 60er darstellt. Und in unserem Fall, auch mal mitten auf einem Bahnübergang seinen Dienst verweigerte, ein Adrenalinschub der anderen Sorte. Braucht keiner, wirklich. Aber hey, man ist nach solch einer Aktion dezent mit Adrenalin geflutet, ohne dass man auch nur einen Meter damit gefahren ist. Oder eben genau deswegen.





"Paulette"

«Unser» GTO. Das wohl wildeste Auto in Louis’ Fuhrpark und einer unserer, wenn nicht sogar, das favorisierte Musclecar, welches wir je im Sortiment hatten. Dieser 67er GTO mit seinem 400cui Big Block und dem 3x2 Vergasersetup hatte unser aller Herzen erobert, damals als wir ihn zum ersten Mal gesehen haben auf einer Reise durch den Sonnenstaat der USA. Die Länge dieses Autos, diese Front und vor allem dieser Sound, die Wut, die Qualität und die Liebe der Restauration, wir mussten dieses Auto mit zurück in die Schweiz nehmen und unsere Meilen innerhalb der Bündner Herrschaft und der weitläufigen Ostschweizer Alpenstrassen runterdrehen, wegen der Benzinpumpe in unseren Herzen. Louis wird uns beipflichten, das Auto hat eine unverwechselbare Seele.




"Hugette"

Der 1970er Plymouth Roadrunner ist ein Comedycar par excellence. Nicht nur wegen der Farbe oder dem angeregten Plappern seines 383er V8’s. Es ist vor allem der Hintergrund dieses Autos, angelehnt an den «Acceleratii incredibus» aus der Trickfilmserie «Wile E. Coyote and The Road Runner». Die Hupe ist nur eines der vielen Details, welche dieses Fullsize Coupé damals zu einem jener ikonischen Autos gemacht hat, welche diese bunte, verrückte Zeit geprägt hatten. Ein Musclecar war schon immer laut, lustig und vielleicht auch etwas ungeschickt. Wie unser aller Cousin, welcher an Familienfeiern zwar immer etwas zu viel getrunken, aber mit seinen Witzen die ganze Sippschaft zuverlässig unterhalten hatte.




"Henriette"

Der 1957er Ford Thunderbird is Louis’ neuester Bewohner in «The Bar’n», frisch vom Hänger runter. Darüber irgendwann auch noch mehr. Vorab, einer unserer geheimen Favoriten aus dieser Ära.




Willkommen in "The Bar'n"

Louis' Mancave. Es riecht nach Benzin, Vinyl, warmen Motoren, nach alten amerikanischen Autos. Und, an diesem speziellen Abend, nach einem hervorragenden Schweizer Käse. Hier werden keine Geschäfte gemacht, über Politik diskutiert oder Salat gegessen. Weil, keine gute Story über Autos hatte jemals etwas mit dem Geschäft,  Politik oder Salat zu tun.





Warum Musclecars?

An diesem Wochenende wurde nicht nur dem kulinarischen Genuss gefrönt, wir haben uns natürlich auch ausführlich über Benzinthemen unterhalten. Namentlich über die Autos, die Sparte Musclecars und irgendwann kam auch die Frage auf, warum denn überhaupt ein Musclecar? Warum ein Auto, welches gerade in der heutigen Zeit, zumindest verbrauchstechnisch, völlig unwirtschaftlich ist? Und vor allem, warum gleich mehrere davon?

 


Die Revanche

Louis’ Geschichte ist definitiv aussergewöhnlich, wenn es darum geht, die Motivation an der Anschaffung von gleich mehreren, ikonischen Musclecars zu erklären. «Schuld» ist die Grossmutter Louis’ mütterlicherseits. Tragischerweise verstarb Louis’ Mutter schon früh an einem verdammten, ungerechten Drecksack von Krankheit, an Krebs. Und als ob dieser Umstand nicht schon schmerzhaft genug gewesen wäre, war Louis’ Grossmutter in dieser schwierigen Zeit alles andere als nett zu seiner Mama. Schwere Kost für jemanden, welcher zweifelsfrei einer von jenen Menschen ist, welche man gerne als vollblütige Familienmenschen bezeichnet. Der Umgang von Louis mit seinen Töchtern hat, zumindest für mich als Vater, Vorbildcharakter. Nicht nur deswegen, weil er seine beiden Mädels auch gerne mal mit einem seiner Musclecars zur Schule fährt. Das Bild in meinem Kopf...

 




Die Beziehung zu seiner Grossmutter war also definitiv schwer belastet. Und, als diese, verbitterte alte Hexe (Zitat L.) verstarb, hinterliess sie ihm eine Kleinigkeit. Nicht, dass Louis diesen Nachlass nötig gehabt hätte, er verdiente sich seinen Lebensunterhalt schon seit vielen Jahren als professioneller und erfolgreicher Segler, rund um die Welt, teilweise bis zu 210 Tage im Jahr auf Achse. Oder besser, auf den Meeren dieser Welt.

 


Als Louis dieses Erbe erhalten hatte, machte er sich also erst mal Gedanken darüber, wie er diese missgünstige alte Frau auch im Grab noch ärgern konnte. Oder, wie er im Abschluss dieser Überlegung den Gedanken gefasst hatte; «hoffentlich rotiert sie bei jeder Umdrehung eines Big Blocks in ihrem Grab auf diesem kleinen Friedhof in den Walliser Bergen!». Damit hatte Louis zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, er erfüllte sich einen lange gehegten Kindheitstraum und liess dabei seine verhasste Grossmutter auch noch im Grab rotieren. Bei Bedarf mit 5500 U/min. Der Mann hat seine Prinzipien. Zweifelsfrei. Und so tragisch der Hintergrund hinter dieser Geschichte ist, trotzdem haben wir über Louis' Erklärung hart gelacht.



Die Gespräche

An diesem Abend in «The Bar’n» hatten wir einige sehr angeregte Gespräche und haben uns sicherlich auch die eine oder andere Portion Käse gleich wieder von den Rippen runtergelacht. Weniger über seine Grossmutter, mehr über die Freude, welche er mit seinen hubraumstarken Schätzen hat. Er gehört definitiv nicht zu den Leuten, welche ihre Autos in einer Garage horten und damit der Lebensfreude, welche diese grossvolumigen V8's erzeugen, entsagen. Nein, Louis fährt diese Geräte so oft wie möglich, hart, laut und ihrer ursprünglichen Bestimmung entsprechend. Und nicht nur deswegen ist Louis auch ein absoluter Petrolhead, Enthusiast und Liebhaber. Auf meine Beichte hin, dass ich seinen GTO, als er in unserer Obhut war, der Qualitätskontrolle wegen, vor dem Kauf auch mal ziemlich heftig ge-burnoutet habe schallte er mir entgegen: «Hoffentlich auch, du dämlicher Motherf...!!». Der Benzingehalt in Louis' Blut liegt definitiv auf ziemlich hohem Niveau. Nicht nur das macht ihn zu einem ziemlich sympathischen Kerl.

 

So verliefen unsere Gespräche an diesem Abend sehr kraftstofflastig, über unsere mobilen Helden, Filme, Achtzylinder, seine und damit auch einige unserer ehemaligen Autos. Es war einer jener Abende, als ein paar Achtjährige in ihren eigenen Kreisen und benzingeschwängerten Welten waren und es war niemals ein Thema, dass der andere auch mal ausserhalb der eigenen Wertvorstellungen eine Meinung über ein Fahrzeug äussern durfte, ohne dass gleich der gasoline Djihad ausgerufen wurde und auch nur der Ansatz einer Meinungsverschiedenheit zum Thema wurde. Einmalig, und für uns, absolut stimmig. Auch deswegen, es gab ein standesgemässes Raclette, einen guten Westschweizer Weisswein, man kann nicht in den französischen Teil der Schweiz fahren und einfach Pizza bestellen. Damit war der Abend für alle Beteiligten ein voller Erfolg, wir haben uns ernsthaft einen Muskelkater in unsere Sixpacks (Onepacks) gelacht. Und auch mal kurz die Klangunterschiede der Fords, GM's und Mopars am lebenden Beispiel verglichen.




In einem Meer von V8-Bass ertrinken

Nachdem wir eine ruhige Nacht im Nebenhaus von "The Bar'n" verbracht hatten, sollte der Morgen danach folgen. Er sollte sehr entspannt beginnen. Leichter Dunst legte sich über die feuchten, malerischen, fast schon märchenhaften Wiesen und mit einem dunkelschwarzen Kaffee in der Hand, rückten sich auch unsere Gehirnströme wieder in normale Bahnen. Dorthin, wo wir am, naja, frühen Morgen aufgehört hatten. Zu den Autos. Es war Zeit für eine standesgemässe Ausfahrt all dieser Legenden, kurz bevor sie in den Winterschlaf versetzt werden sollten. Wir feuerten sämtliche versammelten Zylinder an und drapierten sie vor der «Bar’n», brabbeln, blubbernd, röchelnd und plappernd. Bis auf den Shelby GT 350, der hatte keine Lust auf diesen kühlen Morgen und meldete sich mit einem Problem an der Zündanlage ab. Alte Autos, kann vorkommen. Deswegen, der Shelby kriegt dann noch einen gesonderten Auftritt, die Geschichte hinter diesem Mustang ist wirklich sehr aussergewöhnlich.





Wir sattelten also die Pferde, eine Menge Pferde, welche allesamt auch einen gesunden Durst hatten, deswegen war die erste Anlaufstelle eine Tankstelle. Und von der hatten wir gleich mal die meisten Säulen belegt und liessen dieses hochoktanige Lebenselixier gleich hektoliterweise in die Tanks laufen. Musclecars sind durstige Gesellen und ja, das ist nicht ökologisch. War uns aber egal. Wir wollten an diesem Sonntagmorgen in der Westschweiz alle nur das Leben geniessen. "Ich bezahl' die Säulen drei bis sechs. Und ein Päckchen Parisienne super bitte.".



Die Ausfahrt

Es gibt Tage, da lebt man sehr intensiv, oft auch gerne exzessiv. Wir hatten alle an diesem Morgen einer jener Tage beschlossen und mit dem Dreh von zahlreichen Schlüsseln auch lautstark gestartet. Es war einer jener Tage, welche leider viel zu selten vorkommen, ein Tag an dem alles stimmt. Die Sonne scheint, die Stimmung ist erfreulich komisch, die Autos klingen gut und es riecht dezent nach Treibstoff. Es war erfrischend, so nahe am Autofahren dran zu sein, ohne Elektronik, ohne Komforttechnik, welche all das wegdämpft, was das Autofahren ausmacht. Nur wir, gut eingestellte Vergaser, ein paar Achtzylinder, die zahlreichen Weinberge und diesem Eindruck der Freiheit, die innere Ruhe, welche so ein soundgewaltiger Sonntagmorgen vermittelt. Ohne Termindruck, ohne Emails, ohne wirkliches Ziel, abgesehen von einem gemeinsamen Mittagessen.




Die Stimmung, welche wir alle untereinander hatten, während den Fahrten, während der Fotoshootings, während wir bei Zwischenhalten über die Autos diskutiert und rege die Fahrersitze getauscht hatten, diese Stimmung ist einmalig. Trotz Sprachbarrieren, unterschiedlichen beruflichen Hintergründen und der unterschiedlichen Längen unserer Bärte waren wir alle in derselben Welt. Wir alle sprachen Automobil. Und das war gut so. Ich bin überzeugt davon, so mancher Marken-, Konzept- oder Qualitätsfanatiker hätte an diesem Tag verstanden, warum man sich selber als Petrolhead bezeichnet. Wegen dem Spass, der Freude am historistischen Fahrzeug und vor allem, an der Freude an Freunden. Viele mögen sich jedes erdenkliche Fahrzeug leisten können. Aber dieses Verständnis, die gemeinsame Begeisterung und die Faszination, der Spass an einem Musclecar (oder Sportwagen, Supersportwagen, etc…), das ist unbezahlbar und durch keine Kreditkarte dieser Welt gedeckt. Wie so manche Herzensdinge.

 




Danke an Louis und seine Gefährten, welche allesamt nicht unserer Muttersprache mächtig waren, aber uns trotzdem mit weit geöffneten Armen in den Tiefen der Westschweiz empfangen haben. Was haben wir an diesen zwei Tagen gelernt, wie man sich mit englisch, französisch, ein paar Brocken deutsch und mit Händen und Füssen einwandfrei darüber unterhalten kann, was uns allen Freude bereitet. Der wunderbare Klang von explodierendem Geld.

  




Was soll schon schief gehen?

Eine Menge. So ein Wochenende mit so vielen Kilometern geht nicht pannenfrei über die Bühne. Und uns hat's diesmal erwischt. Kurz vor der Autobahnauffahrt dachte sich das Gaskabel von unserem Coronet, dass es sich verabschiedet, am Pedal abgerissen. Nun, für so manchen käme jetzt das Telefonat mit dem Pannendienst, welcher sowas sowieso vor Ort nicht reparieren kann und damit hiesse es, aufladen, ab zum Bahnhof, mit dem Zug nach Hause. Doch nein. Ein Telefonat mit Louis genügte, 10 Minuten später stand er bei uns mit seinem Hausmechaniker. Eine weitere halbe Stunde später reagierte der Coronet wieder auf Gasbefehle, nicht zuletzt dank einem kleinen Stück Schnur, welche Louis sonst auf seinen Segeljachten gute Dienste leistet. Vor allem aber dank Dilan, welcher sich auf dem Parkplatz einer Tankstelle so richtig ins Zeug gelegt hat. Deswegen auch hier nochmal, danke Dilan und Louis! So stellt man sich den Zusammenhalt unter Petrolheads vor. Auch sonntags