1968 Dodge Charger 383

Vorwort
Was lange währt, wird endlich gut. Vor ein paar Wochen war es so weit, wir konnten endlich den Charger aus der Werkstatt holen. "Den Charger", das klingt schon nach Gangstern, Knarren und rauchenden Radkästen. So war auch ich ziemlich rattig auf die Antwort auf jene Frage, wie sich ein knapp 50 Jahre alter Haufen Eisen aus Detroit Michigan denn so fährt. Denn auch hier handelt es auch um eines jener Fahrzeuge, welche auf meiner All-Time-Car-Bucketlist stehen. Fährt er sich toll? Fährt er sich scheisse? Brennt er nach Erreichen der Normaltemperatur ab? Zumindest das Risiko mit dem Abfackeln hat sich minimiert, seit der inkontinente Vergaser gegen ein Neuteil ersetzt wurde. 

Was denn?
Na eben, "der Charger". Ein 1968er Dodge B-Body mit dem 6.3 Liter grossen V8, nominell 330 PS. 727er Automatik mit 3.23er Hinterachse. Wem das alles nix sagt; man stellt den Chromstahlprügel in der Mittelkonsole auf "D" und ballert los. 





Laufleistung
Weiss keiner so genau. Auf dem Tacho stehen 3500 und ein paar zerquetschte Meilen. Dem Zustand nach zu urteilen, die Laufleistung seit der Restauration. 


Wie weit?
Bis jetzt ca. 150 km bunt gemischt durch Dorf, Landstrasse und Autobahn. Bei Tag und auch bei Nacht. Waah! Bei Nacht!

Erster Eindruck
Oh mein Gott. Gross. Nicht nur durch die metrische Systembrille betrachtet, auch sonst. Dieses Auto ist eine Schubkarre voll mit allem, was die Automobilindustrie der späten 60er hergegeben hat. Blech, Chrom, Glas, Vinyl, Kanten, Schwünge, Auspuffrohre, Stahlfelgen. Leider geil. 1740kg voll geil. 


Zeigefinger (Assistenzsysteme)
Ein Seitenspiegel auf der Fahrerseite, ein Innenspiegel, eine Hupe. Muss reichen. 

Innenraum
Was für eine Materialschlacht in schwarzweiss. Hier ist einfach alles was der Planet hergibt; Stahl, Aluminium, Vinyl, Textilien, Kunststoffe und Gummi. Erstaunlich, dass dies alles vor 50 Jahren zum Industriestandard gehört hat. 


Die "Bucket Seats" tun das was man von ihnen erwartet. Sie verhindern, dass man auf dem blanken Bodenblech sitzen muss. Aber aus ergonomischer Sicht und mit heutigen Massstäben betrachtet, bietet vermutlich ein Gartenstuhl mehr Seitenhalt. Jedoch lässt sich so ein 68er Charger nicht mit modernen Massstäben messen. Damals waren Konturen im Gestühl nicht so en vogue, man bevorzugte eine stimmige Optik vor dem Seitenhalt in Kurven. Und wenn man sich die Architektur des amerikanischen Tiefbaus etwas genauer betrachtet, weiss man, was mit "Kurven" gemeint ist. 



Erstaunlich gut ist die bedientechnische Ergonomie. So mancher Franzose gibt heute mehr Rätsel in der Bedienung auf, als es dieser Charger tut und hat mich damit auch schon in den weissglühenden Wahnsinn getrieben. Nicht in diesem 50 Jahre alten Personenfrachter. Alles ist tiptop ablesbar und auch da wo man es vermutet. Nach fünf Minuten ist man mit dem grossen Dodge angefreundet und bestens vertraut. Dass die Schalter und Hebel etwas mehr Schmackofatz benötigen als in einer S-Klasse sei ihm verziehen und das unterstreicht den etwas rauhen Charakter dieses Luxury Coupés. Wer hier das Licht einschalten möchte wird feststellen, dass "möchte" nicht reicht. Hier muss man das so richtig wollen. Zack! Und es wurde Licht. Aus den Scheinwerfern unter den charakteristischen Scheinwerferklappen. Tadaaa. 



Die ersten Meter
Oh, schön roh, laut und vor allem an diesem Abend eiskalt. Der Charger hat nämlich zum heutigen Tag keine funktionierende Heizung. Das ist mir aber ziemlich wurscht, die Art und Weise, wie sich dieser Container in Bewegung setzt lässt in mir den Wunsch aufkommen, mal kurz unter Vollast über eine ausgestorbene Landstrasse zu ballern (welche dann bitte auch schnurgerade sein sollte). Aber erstmal, warmfahren. Der 6.3. Liter grosse Benzin-zu-Spass-Konverter braucht etwas länger bis alles auf Betriebstemperatur ist. Bis dahin ist gemütliches Blubbern angesagt. Noch nie hat warmfahren so viel Spass gemacht. 

Nach zehn Kilometern
Wau. Was für ein Ritt. Die Akustik des 383 Kubikzoll grossen V8's im Bug entschädigt auch für die klammsten Finger an diesem riesigen Lenkrad, ein wunderschönes, sonores Spektakel. Ein weiteres Abenteuer sind die Bremsen. Trommeln rundum. Und Gottseidank wurden diese auch gerade komplett ersetzt. Die Bremsleistung an sich wäre ja noch ok, damit kann man gut leben. Aber dieses Ungewissheit, welche der vier Trommeln denn nun gerade das meiste an verfügbarer Bremsleistung produziert erinnert mich daran, was mein Fahrlehrer immer gepredigt hat; Beide Flossen ans Lenkrad du Depp!

Anfassen, bitte!


Multimediaplunder
Das AM Radio ist technischer Standard von 1968 und vor allem kaputt. Interessiert niemanden. Hat auch damals nur gut ausgesehen, egal ob an oder aus. 

Die Fahrt
Es ist Nacht und ich zum Glück sind die Scheinwerfer am Charger besser als gedacht, in Tatsache sogar besser als so manche Beleuchtung an einem modernen Auto. Flutlicht geht mit dem linken Fuss per Trittschalter, Standard in dieser Zeit. Als ich mal kurz an einem Bahnübergang stehe lasse ich meinen Blick über die grün beleuchteten Armaturen gleiten. Und da fällt mir auf, die Tanknadel steht ziemlich auf Abspann. Da ich mir nicht sicher bin, ob die Tankanzeige futsch oder der Tank einfach nur verdorrt ist kurve ich gleich die nächste Tankstelle an, ich hab 'ne angeborene Abneigung gegenüber Pannendiensten.


Der gesunde Durst des Charger hat aber wirklich etwas Gutes. Wer den langen Dodge tanken muss kommt in den Genuss des wohl geilsten Tankverschlusses der Muscle-Car-Ära. Man könnte diesen Verschluss auch locker an eine Diesellok  packen, das Ding ist massivstens massiv. Kein Drehen eines Plastikzapfens, einfach nur mit dem Finger drauf zum aufmachen (Klack!) und am besten mit einem liebevollen Faustschlag wieder zu (Klonk!). So macht tanken heftigst Spass! Und die Tankanzeige scheint nicht futsch zu sein.


Zurück auf der Strasse stellt sich irgendwann ein entspanntes Fahrgefühl ein. Die Akustik ist Bombe und entgegen meiner Vermutung ist der Charger weder schwammig noch schwimmig, trotz der Bereifung in den Dimensionen einer Bratwurst. Das Broadcast-Sheet verrät auch, dass hier das optionale Heavy Duty Fahrwerk verbaut ist, quasi das Sportfahrwerk der damaligen Zeit. Damit wird auch die Fahrt jenseits der 100km/h auf der Autobahn nicht zum Ritt auf dem Wasserballon. Allerdings, die vom Hersteller versprochenen 201 km/h Höchstgeschwindigkeit möchte ich an diesem Abend nicht unbedingt ausloten. Weil eben; Trommelbremsen mit aktivem Überraschungsspurwechsel. Ich lasse mich aber trotzdem dazu hinreissen, das Beschleunigungspedal für einen Moment in den Teppich zu parken. Und heiliges Dosenbier; wenn das nicht nach Verfolgungsjagd klingt was denn sonst? "Der Charger" macht einen Höllenspass, ohne wenn und aber. Er ist laut, roh und hat das richtige Mass an Lebensverachtung am Start. Danke. Unter 80 km/h schaltet der Charger bei Bleifuss noch frech einen Gang runter und das ziemlich flott, was nachher kommt lässt sich eigentlich fast nicht beschreiben. Ich hatte noch selten einen Lachanfall und gleichzeitig so dermassen Panik. Glücksgefühle und Adrenalin sind eine geile Form des Mischkonsums. Hat auch ordentlich Suchtpotential. 


Ich bemerke, dass man 1968 noch sehr spärlich mit Dämmmaterialien um sich geschmissen hat. Die vielen Hohlräume in der Karosserie leisten beste Arbeit wenn es darum geht, Fahrgeräusche auch akustisch spürbar zu machen. Bei einem modernen Auto würde man jetzt den Kopf in den Nacken legen und lautstark mit den Augen rollen. Aber bei einem fast 50 Jahre alten Amerikaner muss das so, ein 6.3 Liter grosser V8 muss rumpeln. Für denjenigen, für welchen es noch ein bisschen mehr sein soll gibt es gute Nachrichten, es gab auch noch potentere Motoren, den 440er oder gleich den 426 Hemi. Aber gerade letzterer ist kaum noch zu bezahlen. Und nüchtern betrachtet, der 383er hier bringt dich auf jeden Fall auch locker 1.80 unter den Spazierweg. Weil, wie gesagt, Trommelbremsen rundum, Wurstbereifung, holla die Bratwurstfee. Man sagt ja auch, dass Trommelbremsen die Männer von den Jungs trennen. Aber diese Trommelbremsen trennen auch lebendige von toten Menschen. Man mag mich jetzt eine Pussy nennen, aber in einem Auto, welches so zackig von 120 auf 150 zieht, da möchte man gerne noch etwas Rückversicherung haben. D.h., ich persönlich würde hier den Frevel begehen und vorne zwei Scheiben montieren. Abgesehen davon, genau so habe ich mir den Charger vorgestellt. Und ich wurde nicht enttäuscht. Der Schlitten ist absolut Bombe, in die Fresse, vor den Latz, BÄM! 


Fazit
Der Charger hat nicht enttäuscht. Sobald die Maschine in den munteren Bereich kommt fährt sich das fünfzig Jahre alte Dodge Coupé wie Led Zeppelin, akustisch wie fahrdynamisch. Er ist trotzdem, dass er nicht in vier Sekunden auf hundert ist, so wunderbar gefährlich wie kaum ein modernes Auto. Er klingt extremst nach Fluchtfahrzeug und er riecht nach Gangster. Wer mag, kann mit ihm Gangsterkram erledigen und Gangsterzeug transportieren. Man kann irgendwo in eine dunkle Gasse abbiegen und sich mit anderen Gangstern treffen, um Gangsterzeug zu besprechen. Man kann ihn auch einfach fahren, tanken und wieder weiterfahren. Man kann ihn mit laufendem Motor vor der Bank stehen lassen. Man kann ihn aber einfach nur irgendwo in die Landschaft parken und anschauen. Und innerhalb seiner klobigen Klotzbauweise Rundungen finden, welche dem Auge schmeicheln. Das aber bitte auch mit laufendem Motor. Denn dann macht er am meisten Spass, wenn die Maschine läuft und die Trommelfelle massiert, unverkennbar Mopar, absolut V8. 


Kaufen?
Ja, bitte. Das Auto ist laut, lustig und vielleicht auch etwas ungeschickt, so wie es dein bester Freund ist wenn er zwölf Kurze zuviel hatte. Der Charger ist in der heutigen Zeit mit der Vernunftbrille betrachtet so nutzlos wie eine Zahnbürste mit Bluetooth. Aber das mit der Vernunftbrille ist so eine Sache, wenn gerade so ein Eisenschwein aus Detroit über jene Brille drüberrollt. Man kriegt hier eine Menge Antidepressiva pro Kilometer und wer sich jetzt noch Gedanken über den Verbrauch macht; sogar das Tanken des Chargers macht mehr Spass als 1000 Kilometer in irgendeinem verbrauchsoptimierten Toyota oder einem "emissionsoptimierten" Wäschetrockner aus Wolfsburg. Versprochen. 

Wer sich jetzt fragt, ob das Auto bei uns zu verkaufen ist, den muss ich leider enttäuschen. Kaum war er da, schon hatte sich sein neuer Besitzer komplett in ihn verknallt. Oder wie er sagte, "She". Glückwunsch. Ich bin etwas neidisch. 

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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

1 Kommentare :

  1. Oh, ooooh, es ist soo gut! Es ist so gut, es ist so gut, es ist so gut!

    Klischee-Kopfkino vom Allerfeinsten mal wieder. MEHR!!! ;-D

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