Jaguar E-Type 4.2 Roadster

Vorwort
Ich verweile noch ein wenig in Grossbritannien. Der Zufall wollte es so, dass ich die Tage wieder eine Nachricht erhalten habe, ob ich denn Lust hätte, nochmal an englischem Leder zu schnüffeln. Selbstverständlich, deswegen, weil ich damit wieder einen Haken auf meiner All-Time-Favourite-Car-Bucketlist setzen konnte, aber hauptsächlich weil es sich um den wohl wohlgeformtesten Engländer überhaupt handelte. Leider sind die Fotos heute wieder nur statisch, die Fotosession kam uns erst dann in den Sinn, als der Jag schon wieder bettfertig bei seinen Katzenkumpels in der Garage stand. Verdammt. Entschädigung folgt aber die nächsten Tage und wir holen die bewegten Bilder bei passender Gelegenheit nach, dann werden auch noch ein paar andere Schönheiten dabei sein.

Was denn?
Ein 1966er Jaguar E-Type. 4-Gang Handschalter, gewaltiger Reihensechszylinder mit 4.2 Litern Hubraum und Heckantrieb. PS und Drehmoment sind hier im wahrsten Sinne des Wortes wunderschöner Schall und Rauch. Der perfekte Sportwagen für 1966. Und eigentlich auch heute noch...
 
 
 

Laufleistung
unglaubliche, echte 12'900 Kilometer, das wären dann rund 250km im Jahr. Nach heutigem Massstab wäre dies noch nicht mal einen Wartungsintervall wert, man konnte aber schon sehen, dass das Auto schon den einen oder anderen Kontakt zu einem Mechaniker hatte. Zum Glück, das Auto war bzw. ist in einem beneidenswert guten Zustand und eigentlich "fabrikneu".

Wie weit?
ca. 50km in die Berge rein, Kurven, Serpentinen, kurze Geraden, ein Luna-Park für Autofahrer.

Handbuch gelesen?
Nein.

Erster Eindruck
Das grenzt doch einfach an jugendgefährdendem Material. Kein Wunder trendete in den Jahren nach den ersten E-Types die freie  Liebe wie das Tinder von heute. Das Auto hat einfach die perfekt gerundeten Sportwagenproportionen, die lange Haube wird abgeschlossen durch die gewölbte und mit Chrom verzierte Windschutzscheibe, welche wiederum perfekt mittig in der Karosserie sitzt. Der E-Type ist in Natura und vor allem in Ruhe betrachtet einfach eine sanfte Massage für die Augen von so manchem Petrolhead. Ich hätte mich auch eine Stunde lang auf den kalten Boden setzen und das Ding so lange anstarren können, bis sich diese rote Schönheit in meine Pupillen gebrannt hatte.

 
 
Zeigefinger
Nix, nada, niente. Kein ABS, kein ESP, nur Rückspiegel und eine Hupe für jene Leute, welche vor lauter Glotzen geradewegs auf einem zusteuern. Wir mussten tatsächlich dreimal mittels energisch-englischem Horn irgendwelche Leute davon abhalten, frontal auf unserer Strassenseite in uns reinzukrachen. Noch nie erlebt sowas. Immerhin, der Jag hatte Dreipunktgurte. Also, irgendwie.

Innenraum
Der Einstieg hat sich seinen Namen noch hart verdient. Man kann nicht einfach in einen E-Type wie in einen Golf hineinfallen, man muss noch richtig in ihn hineinsteigen. Und dort wird man erwartet von dicken Teppichen, üppig gepolsterten Sitzen und echtem Holz. Einmal im Innenraum angekommen, will man eigentlich nur ungerne wieder raus.
 


Und die Sitze sind wirklich erste Sahne, nicht von der Konsistenz her, sondern vom Seitenhalt, welcher vor 50 Jahren höchstens in richtigen Rennfahrzeugen oder in Mondraketen zu finden war. Das Aussteigen will übrigens auch geübt sein, vor allem für die Dame. Als Kerl kann man einfach irgendwie rausklettern. Oder rausfallen. Man fährt ja einen Tschääääg, da reicht der Stil auch noch, um irgendwelche körpermotorischen Peinlichkeiten mit-zu-kompensieren.


Nach 10 Kilometern
Hm. Damit habe ich nicht gerechnet. Der 50 Jahre alte Kater fährt sich überraschend modern, leichtfüssig und sogar restkomfortabel. Huiuiuiui, ich verknall mich gerade ein wenig in eine 60 Jahre alte britische Lady.

Multimediaplunder

Es hat ein Radio. Wozu auch immer.

Die Fahrt
Das Leben ist schön. So stelle ich mir den Arbeitstitel der Konstrukteure für den E-Type vor. Der Fahrtwind hinter der flachen Scheibe ist omnipräsent und zerstört ab 60 km/h jegliche Art von Frisur schnell und zuverlässig, abgesehen von Fleischmützen, also Gesichtern die bis zum Nacken reichen.  Von hinten rotzen sechs mal 0.7 Liter Hubraum in die Natur hinein und die Aufmerksamkeit der Leute auf der Strasse erreicht ein wirklich überdurchschnittliches Mass. Dies Auto ist definitiv nix für introvertierte Leute. Ich ertappe mich, wie ich an einer Schaufensterpassage kurz mal in das Spiegelbild linse und feststelle, dass das Auto in Bewegung noch besser aussieht, als wie wenn es einfach nur irgendwo rumsteht. Und sogar ich sehe in dem Jag gut aus, trotz der miesen Frisur. Aber das würde Keith Richards wohl auch. Und der kümmert sich den ganzen Tag nicht um seine Frisur.

Die Leistungsentfaltung des Reihensechsers ist nicht brutal, aber auch nicht verhalten. Saugertypisch hängt er sehr willig am Gas und liefert auch schon bei tiefen Drehzahlen einen grossen, dampfenden Haufen Drehmoment. Der E-Type marschiert für heutige Verhältnisse wirklich sehr, sehr ordentlich und die Akustik aus dem Heck wirkt dabei noch als Gefühlsverstärker, dieses Auto macht wirklich glücklich und lässt den Alltag langsam aber sicher in einer Woge von rohen Fahreindrücken ohne Filter ersaufen. Die Lenkung ist untypisch direkt und verlangt nach einer kräftigen Hand und einer wohlüberlegten Taktik. Das wunderschöne, dünne Holzlenkrad mit den gelochten drei Speichen ist entgegen vielen anderen Autos aus dieser Epoche nicht an einen Eimer Nutella angeschlossen, Lenkbefehle werden sofort und ohne Verzögerung umgesetzt, nicht ein gefühlter Millimeter Spiel um die Mittellage. Allerdings, servolenkungsverwöhnte Tellerwäscher werden nicht happy mit der nach Kraft verlangenden Richtungsdynamik, man braucht wirklich beide Hände für den Jag und auf längeren, flott gefahrenen Touren machen Fahrerhandschuhe tatsächlich Sinn.



Dies gilt zum Glück nicht für die Schaltung, welche zwar auch nach einer entschlossenen Hand verlangt, aber deswegen nicht unpräzise oder übermässig widerspenstig ist. Zwischengas hilft, nicht nur gegen das gelegentliche Kratzen bei zu schneller Betätigung, sondern auch beim Spass den die Fahrstufenwechsel machen. Ich erwische mich des Öfteren, wie ich einen Gang hochschalte, was aber eigentlich nicht nötig war, nur um dann wieder einen Gang runterzuschalten und dabei eine Scheissfreude zu haben. Die Bedienung dieser Maschinerie lässt sich einfach nur als fantastisch mechanisch bezeichnen. 
Lustprügel

Um die Ecken rum sind die dünnen Wurstgummis auf den chromblitzenden Speichenfelgen leider keine grosse Hilfe in Sachen Haftung, aber bei diesem Auto würde ein Semislick das ganze Fahrerlebnis wohl auch ruinieren. Der Jag lebt ungemein von seiner Tendenz zum Schlingern und Schmieren und dies tut er immer sanft, angekündigt und mit viel Verständnis für ungeübte Fahrer. Und damit kriegt er gerade bei etwas flotterer Gangart eine wirklich gut zu dosierende Eigendynamik, ich entwickelte bereits nach ein paar wenigen Kurven das Bedürfnis, dieses Auto auf einer abgesperrten Rennstrecke am Limit zu bewegen. Was mich aber wieder ein wenig von dem Gedanken abgebracht hat, war die Bremse. Diese packt zwar dank Scheiben rundum ordentlich zu, verlangt aber auch danach, dass man sich in den Sitz hineinstreckt. Natürlich, man darf nicht vergessen, dass dieses Auto 50 Jahre auf dem Rahmen hat, aber im Gegensatz dazu fährt sich der E paradoxerweise einfach zu modern. Und dann vergisst man die 50 Jahre auf den Achsen plötzlich wieder. Was für ein gemeiner Gegensatz für ein Auto, welches sich anfühlt wie ein verlängerter Rücken mit Rädern und den inneren Schweinehund so sehr zum schnellen Fahren animiert.
 

Genug geballert. Wie cruist sich denn der E so? In einem Wort: Herrlichstens. Er kann wirklich den vielbesagten Spagat, vom flotten Sportler zum gemächlichen Briten mit Understatement. Um 1500 Umdrehungen rum klingt der Motor immer noch göttlich, aber keinesfalls aufdringlich. Wer's gerne etwas präsenter haben möchte, der gönnt sich den Spass eines Fahrstufenwechsels gegen unten und hat dann dafür auch noch etwas mehr Prominenz aus den beiden Auspuffrohren.
 
reizender Hintern

Schade, war die Fahrt schon zu Ende. Der E-Type macht süchtig. Er riecht gut. Er sieht gut aus. Ich muss einen haben. Wo zum Teufel sind die Lottoscheine?


Fazit
Der E-Type war ebenfalls einer jener persönlichen Helden, welche meine Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern bei weitem übertroffen haben. Die Optik war für mich schon immer ohne Zweifel, das Auto sieht einfach in jeder Farbe perfekt proportioniert aus. Der E hätte auch ein Fahrgefühl von einem Sack voll Hirschgeweihen haben können, ich hätte es ihm locker verziehen. Dass er sich dann auch noch so herrlich fuhr, wie er aussieht, dieser Nachmittag war mal wieder eines jener Highlights, die mich auch mal etwas weitere Wege fahren lassen, um so ein Auto abzuleck... zu fahren. Danke dafür. Ich glaube, ich hab wirklich das geilste Hobby der Welt.

Kaufen?
Ja, auf jeden Fall. Ich möchte unbedingt einen haben. Auch wenn die Preise die letzten Jahre gestiegen sind und auch noch weiter steigen werden, eines Tages steht auch so ein Gerät in meiner heimischen Garage. Als ich vor ca. 10 Jahren mal aus Jux nach den Preisen für einen E-Type geschaut habe musste ich feststellen, dass die ja gar nicht so teuer waren und ich habe die Investition etwas beruhigt nach hinten geschoben. Was war ich für ein Narr.  Kucke ich mir das Preisgefüge heute an stelle ich fest, dass die Autos je nach Zustand und Jahrgang locker mal das zweieinhalb bis vierfache kosten wie damals. Schöner Mist, hätte ich mir den doch nur damals schon gekauft, anstelle des weissen WRX'. Aber ich war jung und brauchte Turbolader. Und hätte ich doch nur eine Probefahrt gemacht, dann wär's geritzt gewesen. Aber tja, hätte hätte Fahrradkette. Schade schade Schokolade. Blablabla...
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

3 Kommentare :

  1. "Der Zufall wollte es so, dass ich die Tage wieder eine Nachricht erhalten habe, ob ich denn Lust hätte, nochmal an englischem Leder zu schnüffeln."

    Diese Art Nachrichten würde ich ebenfalls gern bekommen. ;)
    Wunderschöner Wagen, prima Bilder (v.a. das Erste hat was - was ist das für ein Effekt?)

    Grüße,
    Eno.

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    1. Danke :-). Ist kein spezieller Filter, nur ein bisschen am Tiefenkontrast herumgefummelt ;-).

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  2. "Huiuiuiui, ich verknall mich gerade ein wenig in eine 60 Jahre alte britische Lady."
    Hihi, der Ducky verknallt sich in eine "Granny"! Möhöhöhö ...
    Aber in diese Richtung haben wir ja alle einen kleinen Fetisch. ;-)
    Der Blog macht sich so langsam bezahlt, nicht wahr?

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