Jaguar E-Pace R-Dynamic P250

Vorwort
Die Engländer waren schon immer sehr authentisch, wenn es um den Bau von Fahrzeugen ging. Zweckmässig wie die ersten Land Rover, elegant und opulent wie Rolls Royce, stilvoll wie Bentley, geheimagententauglich wie Aston Martin oder eben auch luxuriös sportlich wie Jaguar. Der Ruf, der den Engländern aber anhaftet, der ist bei allen englischen Nobelmarken derselbe; sie sind scheisse. Sie verlieren mehr Öl als die BP in der Nordsee und entsprechen von der Servicefreundlichkeit einer Schweizer Uhr nachdem man sie mit einem Hammer umgestaltet hat. Klischees, welche sich seit den 80ern und 90ern hartnäckig halten wenn es darum geht, englische Autos basierend auf Vorurteilen zu bewerten. Doch nun, die Zeiten darf man getrost ad acta legen. Die wenigsten englischen Hersteller sind noch in englischer Hand. Rolls Royce gehört zu BMW, Bentley zu Volkswagen und Jaguar zu Tata. Tata? Sind das nicht die, welche Mopeds und Mineralwasser verticken?

Was denn?
Ein Jaguar E-Pace P250. 2.0 Liter Vierzylinder Benziner mit 249PS, 365Nm, Allrad und einem 9-Gang Automatikgetriebe. 




Laufleistung
12 Kilometer, Neuwagen. 

Wie weit?
160 Kilometer. 

Erster Eindruck
Aha, so sieht der Evoque von Jaguar also aus. In Summe braucht er sich auch nicht vor dem kleinen Range zu verstecken, der E-Pace besitzt ebenso diese zeitlose Form von sportlicher Eleganz, welche ihn auch über die Jahre hinweg von der Schublade der altbackenen SUV-Klötzern bewahren wird. Ich find' den schnieke. Auch wenn es mich noch ein wenig befremdet, dass ausgerechnet Jaguar mit einem mittelgrossen SUV in den Markt reindrängt. Deren Raubkatzenrevier sind sonst ja die flotten Limousinen und feudalen Coupés...

Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP, Spurwarner, Bremsassistent.

Innenraum
Auch hier, kurzer Ausflug in der Zeit zurück; Der Innenraum eines Jaguars besteht aus Holz, Leder, Chromstahl, Aluminium und gerne auch beledertes Holz. Also, so:


Die Zeiten sind dann zum Glück auch vorbei und abgesehen von der Rohstoffknappheit, man würde hier vermutlich auch nicht mehr die breite Käuferschaft ansprechen. Hierfür braucht es solche Innenräume:


Von der barocken Atmosphäre der alten Tage ist (zum Glück) nichts mehr da. Heute ist man sportlich schlicht unterwegs. Im sonst ziemlich schwarzen Innenraum heben sich ein paar blaue Kontrastnähte von der sonst eher nüchternen Gestaltung von Armaturenbrett und Türverkleidungen ab. Und dort ist auch noch die Verwandtschaft zum Evoque ersichtlich, die Memoryschalter für die Sitze habe ich dort schon mal gesehen. 


Die Materialien sind natürlich auch nicht mehr auf dem Niveau von 1975, wo man bei Jaguar die Kühe noch zuerst handverlesen und danach zu Sitzbezügen verarbeitet hat. Es dominieren Lederimitate und Kunststoffe, hie und da etwas Plastik in Aluminiumlook und dann war's das auch mit der Materialvielfalt. Beim E-Pace bewegt man sich auf dem klassenüblichen Niveau, man kann hier natürlich keine Blinkerhebel aus Kristall oder ein Lenkrad aus Tropenholz erwarten. Und das ist ja auch gut so. 


Bei den Sitzen, deren vielfältigen Einstellmöglichkeiten und der darin resultierenden Sitzposition ist man auf hohem Niveau. Man sitzt stramm und eng mit dem Fahrzeug verbunden. Und damit fühlt sich der E-Pace auch ziemlich gut an, weniger wie ein hochbeiniges SUV mit Schlabbersitzen, sondern eher wie ein kompakter Hatchback. 


Auch die Übersicht und die Bedienbarkeit spricht für das schlichte, aber schlüssige Innenraumkonzept. Alles ist gut erreichbar, verständlich und intuitiv bedienbar. Well done. 

Die ersten Meter
Zwölf Kilometer stehen auf dem Tacho. Alles in dem Auto ist noch auf Werkseinstellung, also fange ich mal an mich durch die Menüs zu wühlen und die Spiegel auch so einzustellen, dass ich nicht nur die ISS sehen kann. Mir fällt auf, dass auch die softwareseitigen Bedienkonzepte zu Ende gedacht wurden, man bewegt sich sehr schnell und einfach durch alles durch, das gefällt. 

Der Motorstart klingt wie erwartet, halt nach Reihenvierzylinder. Das dämpft die Emotionen etwas, klingt einfach nach nix, trotzdem dass ich meine einen Soundgenerator im Innenraum wahrzunehmen. Und hoppla, das Getriebe geht aber für eine Automatik sehr flott vom Stand weg, trotz null Gas. 

Nach zehn Kilometern
Der E-Pace und ich haben uns einigermassen aufeinander eingegroovt. Ich sitze hervorragend und wunder mich über das stramme Kurvenverhalten. Der kleine Jag geht sehr zuversichtlich um die Ecken rum und rein vom Gefühl her fühlt sich das alles eher nach einem Golf GTI an, als nach einem englischen Midsize-SUV. Der Jag macht gute Laune. 

Multimediaplunder
Meridian. Ein Soundsystem von dem ich schon viel gelesen, aber nie etwas gehört habe. Bis jetzt. Mein E-Pace hatte zu meinem Erstaunen das ganz dicke System verbaut, welches mit 825 Watt Musikleistung angegeben ist. Das ist ne Menge Holz für einen Mietwagen und dessen Fahrzeuginnenraum. Aber, es geht ja auch nicht darum, das System permanent an der Leistungsgrenze zu betreiben, sondern auch mal bei normaler Lautstärke trotzdem alles noch mitzukriegen, was so eine moderne Musikproduktion zu bieten hat. Hierbei war ich zuversichtlich. 


Bedient wir die Kapelle über ein grosses Display mit Touchfunktion oder über die Tasten am Lenkrad. Auch hier, das ist alles nicht nur sehr bunt, sondern auch sehr einfach zu bedienen. Jaguar und Range Rover teilen sich hier ein feines Stück Technik, mit dem ich mich im Alltag wirklich gut anfreunden könnte. Auch das Navi funzt herrlich schnell, geht auch online und die Routenführung klappt angenehm. 

Nochmal zurück zum Klang. Wie es sich für einen so pompösen Namen wie Meridian und eine ebenso pompöse Angabe der Leistung gehört, klingt das alles auch sehr pompös. Obwohl gerade nicht zur Hand, aber gerade Queens Bohemian Rhapsody würde hier sicherlich sehr standesgemäss klingen, wulstig, breit, laut. Es mag zwar meiner Meinung nach etwas an den Feinheiten in den höheren Sphären des Klangschemas fehlen, aber dies ist meckern auf hohem Niveau. "Schwung in die Kiste" von den Orsons hat jedenfalls sehr amtlich gescheppert. Der Woofer kann was. 
 
Die Fahrt
Bei so fabrikneuen Autos bin ich immer etwas vorsichtig. Deswegen, weil ja vor mir noch keiner wirklich herausgefunden hat, ob bei 140 km/h die Rückspiegel abfallen, weil bei der Montage jener Seitenspiegel gerade Schichtwechsel war. Oder ob auch wirklich noch all jenes Kühlwasser da ist, welches man im Werk eingefüllt hat, das kann bei nem Neuwagen durchaus mal nicht der Fall sein. Und darum warte ich den Moment ab, wo das Kühlwasser schon einen Moment im Normalbereich verbracht hat. Erst danach gebe ich dem Auto mal für einen kurzen Moment auf die Fresse. Und stelle fest, 250PS in einem Auto in dieser Gewichtsklasse sind gerade mal so knapp genug. Weniger wäre für mich zu wenig, viel mehr wäre aber irgendwie auch nicht wirklich nötig. Wie sprechen ja immer noch von einem SUV.  

Dieses Triebwerk passt aber auch gut zum Auto. Für einen aufgeladenen Vierzylinder geht der Jag ordentlich gut aus dem Stand weg, diese Form der Leistungsentfaltung aus dem Keller raus kennt man sonst nur von kurzatmigen Dieseln. Nur eben, das hier ist ein Benziner, der mag dann oben raus auch noch drehen und produziert dann auch noch munter Leistung. 

Wer möchte, kann den E-Pace auch mal in den Sportmodus schubsen. Ich stelle dabei nur fest, dass Getriebe und Motor etwas zackiger am Start sind, das Fahrwerk verharrt aber im selben (sowieso schon) sportlichen Modus. Uhuuhnd, das Auto wird etwas lauter. Man vermutet eine Klappenauspuffanlage, mir persönlich kam das aber schon eher wie ein Soundgenerator vor. Etwas sehr synthetisch. Mir hat's gefallen, aber ich befürchte, der Effekt wird sich genau so abnutzen wie alles, was synthetischen Klang erzeugt. 

Einen kleinen, faden Nachgeschmack hat auch das Getriebe bei mir hinterlassen. Angepriesen als 9-Gang Automatik wurde ich den Eindruck nicht los, dass es sich hier um ein Doppelkupplungsgetriebe anstelle eines Wandlerautomaten handelt. Das Anfahren mit Leerlaufdrehzahl war wandleruntypisch ruckartig, was vor allem bei Parken an eine Tiefgaragenwand extrem genervt hat. Auch bei Stop and Go war ziemlich viel Unruhe im Antriebsstrang, vor allem dann wenn der Motor gefühlt so lange gegen die Bremse arbeitet, bis der Gang nach unten gewechselt wird und dies dann mit einem Ruckeln durch die Karrosse quittiert wird. Ich habe im E-Pace oft genickt, allerdings weniger aus Zustimmung sondern eben weil das Auto oft unruhig geschaltet hat. Hoch ging dafür sehr flott. Kann aber natürlich auch sein, dass das Auto noch ein paar Kilometer mehr benötigt, bis sich Soft- und Hardware aufeinander eingeschossen haben. 

Genug gemeckert. Ich find den E-Pace klasse. Er hat trotz der nahen Verwandtschaft zum Evoque einen eigenen, unverwechselbaren Charakter. Er fährt sich für ein SUV ausserordentlich stramm, aber immer noch komfortabel genug um auf Langstrecke zu brillieren. Die Lenkung ist typisch für ein Auto in dieser Klasse etwas gefühllos, aber immer noch direkt genug um ein zielgenaues Lenkgefühl zu vermitteln. In Kombination mit dem munteren Motor und dem flott schaltenden Getriebe ergibt sich hier tatsächlich das, was die DNA von Jaguar ausmacht; eine sportliche Attitüde, welche man in dem Fahrzeug so gar nicht vermutet. 

Fazit
Es gibt Autos, welche ich im Mietwagenparkhaus abgebe und froh bin, wenn ich sie keinen Meter mehr fahren muss. Der kleine Jag hier gehört aber definitiv nicht dazu. Er hat wirklich und vor allem völlig unerwartet Spass gemacht, ich wär' den kleinen weissen Klotz gerne noch ein, zwei Tage gefahren. Auch deswegen, weil das Gesamtpaket stimmte. Der Innenraum, die schnieke Aussenhülle, das gute Entertainmentsystem, die Kombination dieses tollen Motors und des zwar gewöhnungsbedürftigen, aber nicht unmöglichen 9-Gang Getriebes, all dies in Summe macht den F-Pace zu einem überraschend guten Auto. Fernab vom Ölverlust der Exxon Valdez oder der Verarbeitung eines Tata Xenon. Wieder mal stelle ich fest, dass wenn ich mit einem Engländer klarkommen müsste, es dürfte gerne auch ein Jaguar sein .

Kaufen?
Ja nun, hier gibt es viele Alternativen. Und unter dem Strich bieten sie alle fast dasselbe. Der Evoque ist nach meinem Eindruck hübscher. Der Tiguan ist besser für die Nachbarn. Und überhaupt, wozu braucht der Mensch überhaupt ein SUV? Wenn ich mir den Konfigurator von Jaguar zu Gemüte führe und den E-Pace so konfiguriere, wie ich ihn ungefähr gefahren bin, dann kommt für mich ein Preis dabei raus, der so gar nicht nach Jaguar klingt. Damit, ja, kaufen. 

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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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