Alfa Romeo Giulia Super 2.0

Vorwort
Es gibt so Tage, da passt irgendwie gar nix. Das fängt oft damit an, dass man verpennt. Dann reisst man sich einen Schnürsenkel ab. Auf dem Weg zur Arbeit stellt man fest, dass der Morgenritualkaffee immer noch ungetrunken neben der Kaffeemaschine steht. In der Firma findet man keinen Parkplatz, welcher nicht wenigstens einen Kilometer vom Büro entfernt ist. Und in diesem Büro steht dann ein bis dato unbekannter Handwerker, die Hände in die Hüfte gestützt und meint nur trocken "Die Heizung im oberen Stock ist in der Nacht geplatzt, sie sehen ja die Sauerei". Ich rieche es. Und will man diese besagte Sauerei festhalten stellt man fest, dass die Kamera vom Handy in den letzten Zügen liegt. Dann, mitten am Tag die Erkenntnis, dass man schon seit mindestens einer halben Stunde auf dem Weg zum Flughafen sein sollte. Für den Weg dahin fehlt dann nur noch ein labbriges, langweiliges, lautes und langweiliges Auto und der Abend an der Hotelbar könnte richtig teuer werden. Zum Glück hat man auch an solchen Tagen mal, ja eben Glück.  
 
Was denn?
Sie. Die Alfa Romeo Giulia Super. Wirklich super. 2.0er Benziner mit 200PS, 8-Gang Wandlerautomatik, Heckantrieb. Heckantrieb! Ich muss echt mal eine Kiste Bier in unseren Fuhrpark bringen...
 



 
 
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Laufleistung
Eigentlich null. Das Auto war funkelnagelneu.
 
Wie weit?
Lächerliche 160km.
 
Handbuch gelesen?
Ne, ich hatte sowas von keine Zeit.
 
Erster Eindruck
Wohoo! Für mich ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen, momentan die schönste und aufregendste Limousine am Markt. Warum? Welches Auto in dieser Klasse funktioniert auch in dieser Mutter aller Rottöne? Keines? Tja, eben drum.  
 
Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP und passiver Spurassistent. Könnten auch noch mehr gewesen sein.
 
Innenraum
Das geht innen genau so weiter wie aussen. So sehr ich den Innenraum der E-Klasse ein paar Wochen zuvor mochte, aber gegen die inneren Werte der Giulia war das eine emotionslose Materialschlacht. Aber zur Verteidigung der E-Klasse, die kauft auch kein Mensch in diesem Rot. Und ja, man kann den Innenraum dieses schönen Alfas auch in rot haben.
 
 
Die Giulia erwartet ihre Passagiere mit einer Mischung aus filigranem Minimalismus und fast schon ausladenden Rundungen. Und trotzdem, dass man hier das Cockpit auf eine eigene, authentische Weise gestaltet hat, leidet die Ergonomie keineswegs darunter. Abgesehen von der Starttaste ist alles genau da, wo man's vermutet und auch wenn man wie ich an diesem Tag gerade keine Zeit und Muse hat, um sich ausführlich mit dem Innenraumkonzept zu befassen, steigt man trotzdem ein, fährt los und kommt mit der Giulia vom ersten Moment an bestens zurecht.
 
 
Der Sitz ist erwartungsgemäss sportlich konturiert. Und er lässt sich problemlos von dem Alltagskomfortsetting in ein absolut tiefst sitzendes und enges Gestühl verwandeln, welches auch an einem Trackday dem Fahrer den nötigen Halt im Auto geben würde. Wunderbar.
 
 

Die Armaturen und der fliessend integrierte Bildschirm in der Mitte des Armaturenbretts sind top ablesbar, hauptsächlich weil das meiste weiss auf schwarz dargestellt ist. Vor allem von der schönen Bildschirmintegration könnte sich so mancher Hersteller mal eine dicke Scheibe abschneiden. Und auch die Vielfalt an Tasten, Reglern und Knöpfen ist in der Giulia sehr überschaubar. Kurz, das Auto ist so einfach zu bedienen wie ein Toaster mit WLAN.
 
Die ersten Kilometer
Hm. Diesel oder Benziner? Diese Frage stellt sich mir beim Motorstart. Das was da in den Innenraum durchdringt ist irgendwie nicht eindeutig zuzuordnen. Ein Blick auf den Drehzahlmesser hinterlässt auch keine eindeutige Schlussfolgerung zu, der rote Bereich fängt bei 5'500 Umdrehungen an. Viel Drehzahl für einen Diesel, wenig für einen Benziner. Nach ein paar Metern entscheide ich mich leicht verwirrt und nicht so richtig überzeugt für den öligen Dieselstempel auf der Giulia. Der Antritt ist schon in tiefen Drehzahlen sehr amtlich, aber auf das Ausdrehen verzichte ich vorläufig. Noch.
 
Nach 10 Kilometern
Ich bin immer noch in dem Glauben unterwegs, dass ich hier einen soundgetunten Diesel fahre. Einen eher leiseren Diesel. Und was auffällt, die Giulia riecht gut! Neuwagengeruch ist für mich ja nichts Unvertrautes. Die Fords riechen nach Pfeifentabak, die VW's nach Verpackungsmaterial, Die Mercedes' nach Kleiderladen und die Audis nach Lack und Leder. Aber die Giulia, die riecht für mich einfach unverkennbar gut, eine Mischung aus Unisexparfum, Schreinerei einem nicht eindeutig zuzuordnenden Gewürz. Sicher kein Zufall, hat man auch bei den Materialgerüchen auf Emotionen gesetzt, das Auto riecht im Innenraum wie kein Zweites.
 
Multimediaplunder
Da steht schnieke "Harman Kardon" auf dem filigranen Lautsprechergitter aus Alu an der Tür. Das bedeutet meistens nichts Schlechtes. Doch hier schwächelt die Italienerin überraschend. 


Das System wird auf den Seiten von Alfa Romeo als aufpreispflichtiges Gimmick geführt und soll 900 Watt leisten. Und man kann durchaus sagen, die 900 Watt sind allesamt widerstandslos versammelt, Ohm ein Gott. Allerdings nur dann, wenn man die Lautstärke auf Konzertniveau hebt. Dann ballert das alles sehr, sehr druckvoll und auch standfest. Aber wo das System eine wirklich fast schon inakzeptable Schwäche hat, ist in dem Bereich, wo man vermutlich 95% der Zeit die Lautstärke einpegelt. Dort klingt das nämlich wirklich dünn, quäkig, ohne Fundament und nicht viel besser als in einem Günstigstasiaten. Auch diverse Anpassungen am Klang ändern an dem eher dürftigen Sound bei Normallautstärke im Innenraum leider nix. Subwoofer defekt? Ich weiss es leider nicht...


Die Bedienung des Multimediasystems bzw. dessen Konzept scheint nicht unvertraut, Alfa Romeo hat hier nicht das Rad neu erfunden. Haptisch stark an das MMI von Audi angelehnt, grafisch und von den Menüstrukturen scheint man zu BMW hinübergeschielt zu haben. Das geht OK und wirft auch keine grossen Fragen auf, Innovation scheint aber nicht das grosse Ziel gewesen zu sein als man das System entwickelt hat. Dafür macht die grafische Aufbereitung durchaus was her, wie auch der Innenraum eher minimalistisch, dafür aber sehr funktional.  
 
Die Fahrt
Ach verdammt. Ich bin in Eile, muss telefonieren und ich bin nur einen Stau davon entfernt, meinen Flug zu verpassen. Das sind nicht meine bevorzugten Rahmenbedingungen, um meine Aufmerksamkeit einem Auto zu widmen, welches ich schon seit den ersten Pressefotos fahren wollte wie kaum ein anderes. Der Nebeneffekt meiner Hektik ist allerdings erstmal eine grosse Erkenntnis. Ich fahre keinen Diesel! Das bemerke ich, als ich den endlich warmen Motor sich auf der Autobahnauffahrt mal frei drehen lasse. Für einen Diesel ist die Drehfreude oberhalb des Viertausenders zu gross. Und das sehe ich auch bei meinem kurzen Fotorundgang um's Auto, dort steht nämlich "Benzin" über der Tankklappe. Ich stutze kurz darüber, dass ein moderner Benziner aus italienischem Hause bei 5'500 Giri die nächste Fahrstufe fordert, aber jo, was soll man machen. Immerhin, die Gänge lassen wich mittels riesigen Schaltwippen flott durchsortieren. JETZT wünsch ich mir den V6 Turbo mit den 510 angepissten italienischen Pferden. Aber, ich bin auch froh, habe ich die zivilere Giulia bei mir und nicht einen spassmeuchelnden Dreizylinderpolo. Der geschenkte Gaul macht seine Sache tiptop. Der Gedanke an die zweieinhalbfache Leistung in diesem Auto lässt mich ins Träumen kommen, auf abgesperrter Strecke, nur ich und die wütende Italienerin...

Als ich auf der Autobahn endlich den Tempomaten drin habe und mal kurz durchatme stelle ich ein, zwei, vielleicht auch drei Dinge fest. Erstens, das griffige und schicke Spochtlenkrad ist mit einem leichten Linksschlag montiert. Zweitens, die Bordelektronik fordert mich auf, Öl in den fabrikneuen Motor zu kippen. Zumindest auf einem Teil der Strecke, dann verschwindet die Meldung aus dem Display. Drittens, im Antriebsstrang scheint ein klein wenig Spiel zu sein, ein Tritt aufs Gaspedal quittiert die Hinterachse mit einem kurzen Rumpeln.  Ich bin wirklich kein Fan von Qualitäsklischees ("Italiener sind doch schon im Prospekt defekt"), zumal ich wirklich schon des Öfteren das genaue Gegenteil bei dem einen oder anderen Fabrikat erfahren "durfte". Und da war auch schon ein Alfa dabei, welcher in der Qualität absolut null Potential für Motzereien geboten hatte. Aber diese, meine allererste Giulia, hätte tatsächlich schon den ersten Besuch und Garantiearbeiten in der Werkstatt nötig gehabt. Man müsste jetzt meinen, ich sei enttäuscht gewesen...

Nein, verdammte Axt! Und wenn eine Tür abgefallen wäre, die Gulia hätte mir immer noch ein dämliches Grinsen ins Gesicht getackert. Und das an diesem Tag, wo schon der Morgen ohne Kaffee in die Hose ging. Die Giulia als fahrerorientiertes  Auto macht unheimlich viel Spass, den Spass den andere Autos leider immer weniger machen. Einzige Ausnahme auf dem selben Niveau sind höchstens die BMW's. Und die hübsche Italienerin teilt sich das eine oder andere Charakterspiel mit den dagegen eher nüchtern wirkenden Derivaten aus München. Das hecklastige Fahrverhalten. Die geile, direkte und tatsächlich sportliche Lenkung. Das stramme und kommunikative Fahrwerk mit viel Reserven, trotz Winterreifen. Nur im Gegensatz zu den Münchnern packt die Schöne aus Cassino noch eine ordentliche Schippe Emotionen oben drauf. Die Giulia ist noch einen Ticken weniger gefiltert, härter aber dennoch nicht einfach nur ungehobelt. Die Doppelrohre im Heck sorgen vor allem für einen Reihenvierzylinder für die sportlich akustische und damit spassige Untermalung des hektischen Alltags von jenen Leuten, die gerade einen Scheissvormittag hatten. Der Antritt ist punchy und das Getriebe schnell. Lediglich die Drehfreude geht dem Triebwerk komplett ab, was wäre dieses Auto für ein Knaller, wenn die Maschine einfach nochmal muntere 1500 Umdrehungen oben draufpacken würde. Dann wär diese Motorisierung trotz nur vier Zylindern für mich potentielles Kaufmaterial. So bleibt das Triebwerk leider nur als drehzahlmüder aber drehmomentstarker Ausnahmebenziner in Erinnerung.


Ich nähere mich meinem Ziel, dem menschengefluteten Flughafen und dem Mietwagenparkhaus, wo ich die Giulia wieder aus den Händen geben muss. Und ich bin etwas wehmütig, mir wäre es gerade fast schon wurscht, würde ich aufgrund eines Monsterstaus meinen Flug verpassen, dann würde ich die Giulia nämlich gleich wieder mit nach Hause nehmen. Aber dem ist nicht so. Ich führe die rote Italienerin auf die Plätze des Vermieters, wo ein Mitarbeiter eines anderen Vermieters sichtlich glücklich im Innern einer schwarzen Giulia sitzt und der "einheimische" Mitarbeiter das Auto mittels viel Gestik und den mir gerade bestens vertrauten Emotionen erklärt. Und wieder, meine Eile nervt. Ich wäre gerne noch dazugestanden und hätte mit den beiden ein tiefst philosophisches Benzingespräch über die schöne Giulia geführt. Aber der Flugplan war anderer Meinung. Verdammt.

Wirklich, wirklich schade musste ich die Giulia im Schnellverfahren erfahren und erleben. Ich hätte gerne nochmal ein paar hundert Kilometer mehr auf das Triebwerk raufgespult und wäre dabei gerne auch etwas entspannter gewesen. So war's leider nur ein Quickie mit der schönen Italienerin. Aber vielleicht sieht man sich ja mal wieder. Wenn die ganz böse Giulia plötzlich dasteht, pfeif ich zusammen mit den Turbos definitiv auf den Flugplan.  
 
Fazit
Ach, was soll man einen verliebten Autonarren nach dem Fazit zu einem italienischen Auto mit diesen Dimensionen und Formen befragen? Sie ist schön und sie kann dich aufregen. Die Giulia ist eigentlich das perfekte Auto für jeden, der die Welt gerne bunt sieht. Sie macht Spass, sieht gut aus und ja, sie hat vermutlich das eine oder andere verbesserungswürdige Qualitätsmerkmal.


Aber davon sieht man gerne ab, wenn man sie fährt und damit auch erlebt. Sie ist eine lebendige Limousine, ein Fahrerauto par Excellence. Sie ist nicht zu Tode gedämpft und man hat nicht das Gefühl, dass man in einer Kiste voll Watte von A nach B fährt. Nicht dass die Giulia nicht auch komfortabel kann, man kann sich in dem Auto auch durchaus mal entspannen. Aber wenn mal die Autofahrermoral etwas tiefer sein soll, dann ist dieses Auto sicherlich für so manche Schandtat bereit.

Kaufen?
Ums kurz zu machen, es gibt aus meiner Sicht aktuell kein Auto für weniger Geld, dass so viele Köpfe verdreht. Wer Emotionen und den Spass am Autofahren zuoberst auf seiner Liste hat, unbedingt die Giulia ankucken und ausgiebig zur Probe fahren. Wer sich doch den A4/C/3er/XE... kauft und danach mit der Giulia fährt, wird sich vermutlich nachher in den Hintern beissen. Und wehmütig jeder Giulia auf der Strasse hinterherkucken. Wer sich aber dazu entschliesst, die Giulia jede Nacht auf dem heimischen Parkplatz übernachten zu lassen, wird sich mindestens zweimal pro Tag freuen. Morgens wenn er sie aufschliesst, und abends wenn er sich nochmal zum Auto umdreht bevor er ins Haus geht. Garantiert.
 
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

1 Kommentare :

  1. Bilder ausformulieren kannst du wirklich gut! *grins*
    Die Giulia ist für mich das Ausnahme-Auto diesen Jahres. Welcher Hersteller ist denn noch so vernünftig, von der fehlgeleiteten Frontantriebsplattform wieder zurück zum wahren Konzept zu gehen? Ein Hoch auf die Giulia! Möge sie Alfa Romeo wieder groß und stark machen!
    Die zweitbeste Nachricht ist vermutlich die Umstellung von Benz und Jaguar auf Reihensechser. Mhmm, Reeihensechser ... von Seiitenbacheer!

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