Jeep Renegade Limited

Vorwort
"Jeep" war schon immer der Überbegriff für DEN Geländewagen, auch darum weil er der erste richtige Geländewagen war. Also, nicht ein SUV, sondern ein Arbeitstier für das Grobe, der konnte einfach alles. Daher auch der Name, General Purpose, GP, Tschiipi. Und Jeep hat einen weiten Weg hinter sich, vom zweiten Weltkrieg her, als die Amerikaner ein Gerät brauchten welches auch mal durch eine zerbombte Landschaft brettern konnte, ohne dass sich gleich irgendwelche Anbauteile verabschiedeten. Und auch wenn dies schon ein paar Jährchen her ist, ist der Willy's Jeep heute noch ein durchaus präsenter Geselle. Weil; unzerstörbar. 

Was denn?
Ein Jeep Renegade Limited aus dem Hause Fiat/Chrysler. 170PS aus einem 1.4 Liter grossen Multiair Triebwerk. Für die Kraftübertragung sorgt ein Automatikgetriebe mit 9 Gängen und Sperren für das ungebremste Vorankommen. 




Laufleistung
6800km. 

Wie weit?
160km durchschnittlicher Strassenverkehr. 

Erster Eindruck
Oje. Ein kastiger, kantiger und grober kleiner Geselle. Schön wäre anders. Aber hey, ein Jeep wollte noch nie einen Schönheitswettbewerb gewinnen, um im Schlamm zu wühlen braucht's keine Kosmetik, da braucht's Nehmerqualitäten und Cojones.

Opa!
 
Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP, Spurhalteassistent, Abstandsradar. 

Innenraum
Die Willy's damals hatten eigentlich gar keinen Innenraum. Da waren zwei gepolsterte Gartenstühle vorne, eine Menge Hebel für Getriebe und Sperren und ein Tacho. Das bevorzugte Material für den Innenraum und Lenkrad war Stahl. Keine Teppiche. Türen gab's grundsätzlich auch keine. Eine Blechwanne mit Rädern und Motor. Das ist beim heutigen Renegade etwas weniger grob. Aber für heutige Weicheiverhältnisse immer noch grob genug. 


Man hat hier einen etwas schmerzhaften Spagat versucht, zwischen alltagstauglichem Ambiente und robusten Geländewagenmaterialien. Für eine gediegene Limousine wäre das alles ein wenig "chunky", für einen Jeep jedoch geht das i.O.. Nicht dass man damit in einen Krieg ziehen möchte, aber für den harten Alltag eines Jägers, Försters oder Hufschmieds scheint das zu taugen. Jedenfalls soweit ich dies bei einem Auto mit nicht mal 7000km auf der Uhr beurteilen kann. Natürlich ist hier vieles aus harten Kunststoffen geformt und dementsprechend nicht so wahnsinnig wertig. Dafür tut es dann auch nicht ganz so weh, wenn man mit dem schlammigen Trekkingschuh mal an eine Türverkleidung aneckt. Auch wenn ich das niemandem empfehle, aber ich denke man könnte den Innenraum des Renegades auch mal mit dem dicken Kärcher saubermachen, ohne dass die Hälfte der Applikationen gleich davonfliegt. 


Und wer gerne mal auf einen Stein rauf- anstatt drumherum fährt braucht Seitenhalt. Man möchte ja auch nicht gleich bei der ersten Überfahrt von einem Kiesel aus dem Gestühl fliegen. Im Ur-Jeep war das noch anders, da gab's nicht mal Sicherheitsgurte und hat man nicht alle Sinne am Start gehabt, ist man einfach mal aus dem Auto gefallen. Ziemlich doof für die Beifahrer. Beim Renegade scheinen die Stühle ebenfalls für die ruppige Gangart gewappnet zu sein, die Sitze sind robust, straff gepolstert und ausreichend konturiert. Im urbanen Alltag kamen mir die elektrisch verstellbaren Sitze etwas zur hart rüber, auch bin ich nicht so ganz warm geworden mit dem etwas arg rutschigen (Kunst?)Leder, trotz potenter Popoheizung. Aber, das war damals auch nicht besser. 



Die ersten Meter
Bevor ich losfahr' fällt mir das etwas ungewohnte Innenraumgefühl auf. Man hat wirklich das Gefühl, dass man in einer quadratischen Box mit Rädern sitzt. Der Renegade verspricht nix von aussen, was er innen nicht durchzieht. Bereits an der ersten Bodenwelle fällt mir der kurze Radstand auf. Und stramm gefedert ist er, der Jeep. 

Nach zehn Kilometern
OK, der Renegade scheint ein echter Jeep zu sein. Zumindest was den Fahrkomfort auf asphaltierter Strasse anbelangt. Rauh, hart und ziemlich ungefiltert springt der Jeep von Schlagloch zu Schlagloch. Ein entspanntes Fahrgefühl wäre ein anderes. 

Multimediaplunder
Auf den Lautsprecherverkleidungen fällt mir das Logo von "Beats" auf, das kriegt man quasi kostenlos dazu, wenn man das aufpreispflichtige Premium Audio System ordert. Und gerade bei amerikanischen Autos müsste man davon ausgehen, dass man damit das klangliche Volumen eines Vulkanausbruchs dazu kriegt. Diese Erwartungshaltung meinerseits trägt leider keine Früchte.


Die DAB-Bordkapelle im Jeep kann leider nix. Wirklich nix. Bässe kriegt man wahlweise dröhnend oder bei höheren Pegeln scheppernd serviert. Den Rest kann man bestenfalls als plärrend bezeichnen. Und auch wenn da steht "Since 1941", der Klang ist irgendwo in den 80er Jahren anzusiedeln. Schade. 

Zu bedienen ist das System allerdings recht simpel, dank Touchscreen und akzeptablen Reaktionszeiten ist das Navi ein guter Begleiter im Alltag. 

Die Fahrt
Gleich mal zu der Motorisierung in Verbindung mit dem 9-Gang Automaten; das wäre jetzt nicht meine erste Wahl gewesen. 170PS klingen für so ein Fahrzeug ja erstmal fast schon etwas unvernünftig, subjektiv jedoch fühlt sich das nach viel weniger an. Das liegt auch daran, dass hier ein vergleichsweise hubraumschwacher Motor in Verbindung mit Aufladung seinen Dienst tut. Und genau dort liegt der Hase im Pfeffer. Das Turboloch ist spürbar und auch wenn der Antritt in unteren Drehzahlen vieles verspricht geht dem Triebwerk bei hohen Drehzahlen komplett die Puste verloren. Auch wenn ich nach wie vor kein Freund von Selbstzündern bin, aber hier würde ein drehmomentstarker Diesel einfach mehr Sinn machen. 


Er kann und sollte wohl auch seine Herkunft nicht verleugnen. Der Renegade ist ein rauer Kumpan um nicht zu sagen, er ist ein erstklassiges Schlaglochsuchgerät. Ob Dolendeckel, Asphaltflickereien oder Bahnübergang, hier weiss man jederzeit bestens darüber Bescheid, was im steuerfinanzierten Strassenbau grad so schiefläuft. Und das wird alles nicht besser, wenn man mit dem Renegade mal ne längere Autobahnetappe fährt. Der kurze Radstand in Verbindung mit dem robusten Fahrwerk lässt Langstreckenqualitäten vermissen und macht den Renegade etwas nervös.


Aber, aller meiner Unkenrufe zum Trotz, der Renegade hat seinen eigenen Charme, davon zeugen auch die vielen kleinen Details in der Form des Gesichts vom alten Willy's. Er möchte auch gar nicht so ein komfortbetontes Weichspüler-SUV sein, so wie es so ziemlich der komplette Rest seiner Mitbewerber auf dem Markt ist. Er ist wirklich nicht so ein frontgetriebenes Blendermobil mit Alcantarasitzen und cleverer Traktionskontrolle. Er versucht das gar nicht, woran andere hochbeinige Klassenkameraden mal mehr, mal weniger scheitern. Er ist und bleibt ein Jeep und auch wenn ich die Fahrt im Renegade nicht so wirklich prickelnd fand, macht er seine Sache eigentlich und irgendwie perfekt. 


Nach vielleicht 50 Kilometern hatte ich den veritablen Wunsch, den Renegade mal ins harte Gelände zu führen und dem kleinen Indiana Jones in mir etwas Freiraum zu verschaffen. Ich war bzw. bin der festen Überzeugung, dass der Jeep dort seine Konkurrenz auf ihre Plätze verwiesen hätte. Doch das ist ja so eine Sache mit Autos, welche einem nicht selber gehören. Man tut das einfach nicht, das Auto eines anderen durch die Pampa zu scheuchen und kucken, wie weit man damit kommt, bis wirklich Ende Gelände ist. 


Damit hinterliess mich die Fahrt im Renegade etwas unausgeglichen. Klar, das Getriebe schaltet intelligent und die Lenkung ist dem Fahrzeug entsprechend angemessen abgestimmt. Trotzdem, der kleine Italo-Ami ist einfach kein Golf. Nicht nur wegen dem ruppigen und holprigen Fahreindruck auf der Strasse. Vielmehr fand ich im Jeep keinen wirklich finalen Abschluss in meinem Urteil weil ich das Gefühl hatte, ich hätte irgendwie nicht alles gehen was der Renegade zu bieten hatte. Klar, er hat alles, was ein modernes, gut ausgestattetes Auto heutzutage braucht und vor allem hat er auch seinen eigenen Charme. Mich würde es aber wirklich interessieren, was der Kleine abseits des Asphalts so kann. Weil, im Gegensatz zu anderen Fabrikaten verspricht dieser Schalter für die Sperre und Fahrmodi nochmals eine gute Portion Spass, den ich auf der Strasse leider so nicht haben konnte. 


So glänzte der Renegade auf den letzten Metern im Parkhaus noch durch eine gute Übersicht und seine Wendigkeit. Parken ist damit ein Klacks weil er halt auch so quadratisch, praktisch und gut ist. 

Fazit
Dieser Jeep ist soviel Jeep wie ein Jeep nur Jeep sein kann heutzutage. Er ist kurz, robust gebaut und für den urbanen Alltag gut gerüstet. Assistenzsysteme, Popoheizung, 220V Steckdose, USB, Bluetooth und eine Menge Mäusekino im Tacho. Etwas fehlplaziert scheint mir aber der kleine Benziner, welcher nicht so richtig zum Rest des Autos passen will, er hat einfach zu wenig Dampf unten- und zu wenig Puste obenrum. Die Geländetauglichkeit ist von mir zwar (leider!) nicht getestet worden, ich mutmasse jetzt aber mal, dass dieser kleine Karton um Längen weiter kommt als so mancher Quattro, X oder 4Matic. Stellt sich dann halt die Frage ob man's braucht? Nein, vielmehr stellt sich mir die Frage, was tut man wenn man weiss dass man denn könnte? Und dort hebt sich der Renegade von den Mitbewerbern ab. Er ist halt einfach etwas weniger mimosenhaft als die anderen. Er mag zwar auch nicht dafür gebaut sein um in einen Krieg zu ziehen, aber wer schon mal einen Weihnachtsbaum im Wald anstatt aus dem Baumarkt geholt hat, weiss was ich meine. 

Kaufen?
Möchte man einfach nur ein Urban-SUV wie alle anderen auch, dann eher nein. Der Jeep taugt nicht um vor der Schule der Nachkommen anzugeben. Er ist auch für weite Strecken nicht so der angenehmste und komfortabelste Geselle. Der Innenraum mag etwas wenig edel daherkommen und die Materialien sind nicht komplett frei von Zweifeln. Aber man kann mit dem Jeep können, wenn man denn wollte. Weiter als die anderen kommen. Und dabei darauf vertrauen, dass der Renegade seinen Job schon machen wird. Wer ein alltagstaugliches Arbeitstier mit kompakten Ausmassen sucht, wird hier fündig. Viel Spass damit. 

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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

2 Kommentare :

  1. Herrlicher Beitrag, gut geschrieben und ich hab mich köstlich amüsiert.
    Warst du mit dem Jeep auch auf Schotter unterwegs?

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    1. Ne, leider kein Schotter oder sonstiger loser Untergrund. Hätt' aber schon Bock drauf gehabt...

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