BMW 118d

Vorwort
Wenn mich ab und an mal jemand mit medizinischer Kompetenz fragt ob ich Sport mache kommt in mir so etwas wie ein schlechtes Gewissen auf. Und ja, ich hab' dafür alle faulen Ausreden dieser Welt, keine Zeit, die Muckibude gegenüber der Strasse ist mir zu weit weg und überhaupt empfinde ich Joggen als die dämlichste Form von Sport überhaupt. Wer rennt freiwillig in der Gegend rum, ohne dass er entweder auf der Flucht oder auf dem Weg zum Essen ist? Ne, ich mach eigentlich keinen nennenswerten Sport. Der Gang von der Couch zum Kühlschrank zählt anscheinend auch nicht als körperliche Betätigung, auch dann nicht wenn ich dabei ne Jogginghose mit Katzenaufdruck trage. Zählt denn wenigstens das Fahren von sportlich ambitionierten Autos? 

Was denn?
Ein BMW 118d. Entgegen der Typenbezeichnung ein zwei Liter grosser Vierzylinder mit 150PS und 320Nm, geflanscht an ein etwas knorpeliges Sechsganggetriebe. Aufgeladener Diesel. Und Heckantrieb. Juhu!




Laufleistung
4200km. 

Wie weit?
160km.

Erster Eindruck
Den kenn ich doch. Da war doch schon mal einer aus der Modellbaureihe, der M135i, eines meiner absoluten Lieblingsgeräte aus dem Regal der Hatchbacks mit Wumms. Also in Summe eigentlich nix neues, abgesehen davon, dass der 118d nicht mal die Hälfte der Leistung besitzt, wie sie der kleine M hat. 

Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP, mietwagenflottentechnische Minimalstandard. 

Innenraum
Auch hier, nix neues aus dem Hause BMW. Die Designsprache scheint mir etwas in die Jahre gekommen, bleibt dabei aber immerhin unverwechselbar. Bedienen lässt sich so ein Einer intuitiv, nix ist kompliziert, alles wunderbar. Reinsitzen und sofort vorstehen, daran gibt's nix zu meckern. Und das auch ganz ohne Touch, Geste oder digitaler Telepathie. 


Aber, trotz ansprechender Materialien hinterlässt gerade das Drücken und Drehen einen zwar robusten, aber dennoch etwas altertümlichen Eindruck. Vielleicht täuscht mich mein Eindruck auch, aber irgendwie scheint das Backoffice hinter all den Schaltern und Knöpfen dasselbe zu sein wie es schon vor 10 Jahren in den BMWs dieser Welt verbaut worden ist. 


Wo BMW aber definitiv eine Menge Punkte sammelt ist bei der Bestuhlung. Sogar der 0815-Standardsitz ist was den Seitenhalt und die Einstellmöglichkeiten anbelangt der vermutlich beste Sportsitz am Markt, der eigentlich offiziell gar kein Sportsitz ist. Dem eher sportlichen Wesen des Einers entsprechend kann man sich hier richtig in die Fahrgastzelle reinschrauben lassen und in Verbindung mit den Einstellmöglichkeiten des Lenkrades entsteht eine perfekte Verbindung zum Fahrzeug. Wirklich kein anderer Hersteller kriegt das so dermassen gut hin, dass man sich auch in so einem kleinen Diesel fühlt als ob man gleich auf Sekundenjagd auf der Rennstrecke ist. Der Einer ist also auch in kleinerer Motorisierung immer noch ein richtiges Fahrerauto. 

Die ersten Meter
Ja. Es nagelt halt. Wäh. Ich vermisse sofort den Sechszylinder aus dem M135i und dessen bärigen Antritt. Aber sonst, alles gut. Ich freu mich trotzdem auf die Heimfahrt. 

Nach zehn Kilometern
Das Nageln ist vergessen. Denn ich stelle fest, dass auch der 118d die sportlichen Gene aus dem Hause BMW noch hat. Merkt man beispielsweise daran, dass beim Fahrstufenwechsel nach unten automatisch Zwischengas gegeben wird und damit keine ruckeligen Lastwechsel an der Hinterachse entstehen. Fein. Schade hat's keine Kurven auf der Autobahn. Was mich nicht davon abhält im zähen Abendverkehr manchmal auch etwas sinnbefreit die Gänge hoch- und runter zu sortieren. Macht Laune, auch wenn der Selbstzünder klingt wie ein Sack voll Nüsse. 

Multimediaplunder
Auch wenn ich schon einige Stunden in modernen BMWs verbracht habe werde ich einfach nicht so wirklich warm mit dem Bedienkonzept der Bordkapelle. Ich bin ein Freund der unsortierten Musikwiedergabe und dabei skippe ich meist minutenlang durch meine Musiksammlung, bis ich etwas finde was ich gerade hören möchte. Wo andere Hersteller extra ein Knöpfchen oder der simple Dreh an einem Drehrad für den Titelsprung vorgesehen haben, muss ich hier erst den Cursor auf der Funktion "next" plazieren und dann das grosse Drehrad in der Mittelkonsole drücken. Doof.

Drücken, drehen, schieben, regeln. 

Abgesehen von diesem bedientechnischen Murks aber macht das System im Einer seine Sache aber ganz ok. Klangtechnisch zieht die Membranenarmada im Innenraum kein Schnitzel vom Teller, das tun andere Mitbewerbersysteme aber auch nicht. Ob A-Klasse, Golf oder Focus, in Summe bewegen sich alle auf demselben Niveau. Aufpreissysteme tun ihren Job da schon besser, aber kost halt auch was. 


Gut und ansprechend dargestellt kommt das Display auf Sichthöhe des Fahrers daher. Auch dass z.B. Navi und Musik parallel dargestellt werden können empfinde ich als nützlich, etwas was ich bei anderen Herstellern vor allem darum vermisse, weil ich ab und zu mal in einem BMW sitze. Aber, in Anbetracht dessen, dass sich aktuell sowieso alle darum zanken, wer mehr Displayfläche in seinem Schlitten verbaut, wird dies wohl ein "Problem" sein, welches die nächsten Jahre kein Thema mehr sein wird. Siehe die neue A-Klasse

Die Fahrt
So. Endlich mal fahren. Wie schon erwähnt, ich habe mich auf die Fahrt im Einer gefreut. Und ich wurde nicht enttäuscht. Enttäuscht war ich höchstens von meiner Route über ziemlich viel Autobahn und das auch noch mitten im Abendverkehr. Der Wunsch nach einer kurvenreichen Bergstrecke war noch selten so gross wie im Dieseleiner und dabei waren mir die Fahrmodi Sport und Sport+ auch keine grosse Hilfe. Etwas gedämpft wurde mein Verlangen nach engen Kurven nur vom etwas kurzatmigen Diesel. Und dass ich dabei dem M135i noch im Hinterkopf hatte machte mein Dilemma auch nicht besser. 


Aber es half alles nix. Es waren keine engen Kurven da, welche das stramme und narrensicher abgestimmte Fahrwerk mit Tendenz zum leichten Übersteuern gefordert hätten. Wobei. Doch. Die Ausfahrt zu einer verträumten Raststätte war da noch. Langgezogene Rechtskurve. Sport+, ESP komplett aus. Runter in den Zweiten, nochmal kurz über das automatische Zwischengas gefreut und dann ja, leichtes Übersteuern bis zu dem Punkt, wo 150PS und 320Nm halt einfach zu wenig sind um den letzten Funken Verstand über Bord zu werfen und sich des Lebens zu freuen. Trotzdem, Highlight der Fahrt.

Und dabei versteht des der kleine BMW wie kaum ein anderer, dass das alles völlig locker und entspannt rüberkommt. Dabei hilft einfach das ehrliche Fahrgefühl, als Fahrer weiss man immer, was welches Rad grad so tut, der Einer lässt mich nie im Ungewissen ob's vorne grad rutscht oder ob hinten grad völlig unvermittelt die Traktion abreisst. Auch der 118d ist herrlich ehrlich. 

Der Einer ist für mich auch dank des Antriebs im Heck der sportlichste aller Hatchbacks. Hier stösst ihn keiner mehr vom Thron. Und jetzt mag so mancher denken, der Typ hat keinen Plan. Aber wenn's um den reinen Spass geht, da zieh ich den 118er in vielerlei Hinsicht einem 300PS Allradler vor. Die Verbindung von Sitzposition, Lenkung, die Handschaltung und Heckantrieb hinterlässt mich kindisch kichernd. Dass da noch ein 140er am Markt ist lässt mich manchmal darüber nachdenken, ob ich mein komplettes Schlagzeug auch in einen Einer reinpacken kann.


Fazit
Man kann in einem nicht-modifizierten Auto in der Leistungsklasse einfach nicht mehr Spass haben. The End. (OK, in 'nem Mini vielleicht...)

Kaufen?
Auch wenn der Einer schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat und in einigen Punkten der Konkurrenz etwas hinterherhinkt ist er immer noch Benchmark. Kein Kompakter versteht es so gut, sportliche Fahreigenschaften in ein so unauffälliges Gewand zu packen. Wem der Dreier zu gross und zu teuer und Golf & Co. zu brav sind, der soll bitte einfach mal Einer fahren. Und es muss nicht unbedingt der M135i oder M140i sein, schon in der vergleichsweise kleinen Motorisierung vermittelt der kleinste BMW eine Menge Fahrfreude. Richtig knallen tun dann aber nur die Sechszylinder. Und Vorsicht, wer mal damit gefahren ist wird mit einem Derivat der anderen Hersteller Mühe haben. Und zwar egal, ob die vielleicht noch ein paar PS mehr aus ihren Triebwerken rausquetschen. Denn Leistung ist tatsächlich kein Garant für Fahrspass. Auch wenn ich kein Sympathisant von Dieseltriebwerken bin, der 118d ist der Beweis. 

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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

1 Kommentare :

  1. Die Sitzposition ist im 1er wirklich Oberklasse!
    So gut gesessen habe ich zuletzt in meinem damaligen E36!
    Weder der E46 (viel zu hoch) noch der E92 (zu hoch) kommen da trotz super Sitze mit. Die F 3er sind da wieder ein wenig besser, haben aber leider nicht mehr die herrlich hochdrehenden Saugmotoren...

    Das automatische Zwischengas beim Handschalter hat mich jedoch eher schwer angenervt.
    Ich besitze nämlich die Angewohnheit, schon sehr früh den den passenden Gang einzulegen. Danach fix selbst auf den Pinsel um Drehzahl anzupassen und eingekuppelt im 2. um die Kreuzung.

    Auf der Landstrasse macht das bei 70 vom 6. in den 2. natuerlich dann sofort "Kreisch" -> doof, nervig, unsinnig.

    Mit dem/einem DKG im E92 ist das freilich eine andere Sache - da hier die "Angewohnheit" nicht zum tragen kommt und man perfekt steuern kann, ob er unauffällig selbst herunterschaltet ohne TamTam zu veranstalten oder am Hebel zieht und einem das Grinsen ob des Gasstoßes im Gesicht steht.

    Viele Grüße,
    Enrico.

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