Ford Galaxy 2.0 TDCi Titanium

Vorwort
Was tut eigentlich Ford so? Das letzte was mit in Erinnerung blieb war die Markteinführung des Mustang. Was für ein mutiger Schritt in einer Zeit, wo alles was mehr als zwei Liter Hubraum und 90PS hat als ein Schlag in die Fresse der Umwelt empfunden wird. Oder wie ich letztens in der Kommentarspalte eines Boulevardportals lesen musste:


"370 PS machen auch hier keinen Sinn. Genau so wenig wie bei allen anderen Boliden auch. Das ist reine Protzerei und verleitet zu aggressiver Fahrweise mit überhöhter Geschwindigkeit." 

Ja. Ganz toller, fundierter Beitrag von jemandem, der per Gesetz nur noch zu Fuss gehen sollte. Und was lernen wir daraus? Dass die aktuelle PS-Wut der meisten Hersteller etwas Tolles ist, diese Protzerei erlaubt es, Entwicklung jenseits der Vernunftsgrenze zu betreiben und Grenzen auszuloten. Und was kommt dabei raus?

Was denn?
Ein Ford Galaxy 2.0 TDCi mit 150 Diesel-PS an einem "PowerShift" Automatikgetriebe mit sechs Gängen. So vernünftig.

 




Laufleistung
4'100 Kilometer. Also eigentlich neu. 

Wie weit?
ca. 160km. 

Erster Eindruck
Ist dies das ungeliebte Kind eines VW Sharans und eines Aston Martins Vantage? Und ziemlich blau das Ganze, die Farbe knallt bei einem Kasten dieser Grösse mit Vehemenz auf die Pupille. Irgendwie hinterlässt mich der Galaxy aber im Zwiespalt, einerseits ist die Designsprache ziemlich unique und auch weit fernab von Mut zur Hässlichkeit, aber irgendwie werd' ich mit solchen Rollschränken für Leute nicht warm. 

Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP, eine etwas befremdlich wirkende Form von Spurhalteassistent.

Innenraum
Endlich. Man scheint sich bei Ford innerhalb des Teams für Innenraumdesigns tatsächlich in Einigkeit gefunden zu haben. Vorbei sind die Zeiten, als z.B. im Focus Turnier der Eindruck entstand, dass bei den Besprechungen in diesem Team auch mal Blut geflossen ist und Zähne ihren angestammten Platz verloren haben. 


Für mich auffällig ist, dass man im Hause Ford die Liebe zu Material und Verarbeitung wieder gefunden hat. Natürlich ist in dieser Fahrzeugklasse immer noch kein Echtcarbon, Conolly Leder und hundert Jahre altes Sumpfeichenholz zu erwarten. Aber die verbauten Kunststoffe sind wertig und sind mit einem gewissen Qualitätsanspruch verbaut. Nett hier. Und endlich haben Sie mal ein Multifunktionslenkrad verbaut, bei welchem ich mir nicht die Daumengelenke ruiniere, wenn ich mal das Radio etwas lauter machen möchte. 


Mangels Weitwinkelfähigkeiten meiner Handykamera ist es leider nicht möglich, die unendlichen Weiten im Innenraum des Galaxy festzuhalten. Aber soviel sei gesagt, wer wie ich alleine in diesem Raum-Schiff unterwegs ist wünscht sich plötzlich etwas Gesellschaft. Der Galaxy hat die Kopffreiheit und vor allem Ellbogenfreiheit welche man sich an einem All-Inclusive Buffet in der Domrep wünscht. Der Kasten ist auch Innen riesig! 


Wer weit reist, möchte auch gut sitzen. Auch das hat man bei Ford verstanden. Die Sitze sind nicht unnötig straff gepolstert und bieten der Fahrzeugdynamik entsprechend genug Seitenhalt. Einmal eingestellt gibt es auch na einigen Kilometern keinen Bedarf um den Stuhl nachzujustieren. Tolle Sache, die Sitzlandschaft im Galaxy.


Die Ergonomie im Ford hat gegenüber den letzten Generationen ebenfalls spürbare Entwicklung erfahren. Aufgeräumt, schlüssig und intuitiv, so wünscht man sich das. Der Innenraum des Galaxy ist trotz der etwas konservativen Gestaltung meiner Meinung nach etwas vom Besten was der Markt in dieser Fahrzeugklasse aktuell hergibt. 

Die ersten Meter
Es dieselt. Und mein Gott, sofort stellt sich der Eindruck ein, dass ich hier einen Bus fahre. Der Blick in den Innenspiegel lässt mich die Augen zusammenkneifen, die Heckscheibe scheint in einer anderen Zeitzone zu sein. Der Galaxy kann seine Grösse kaum verbergen, auch nicht auf den ersten Metern durch das Mietwagenparkhaus. Zum Glück piepst es rundum und eine Rückfahrkamera wird zum geschätzten Gimmick, auch wenn eine 360° Kamera noch wesentlich nützlicher wäre. Gerade die Front versinkt in der Ungewissheit, wo hört dieser Koffer eigentlich auf?

Nach zehn Kilometern
So. Bin dann mal auf der Autobahn. Die Gange sind einmal von der flott arbeitenden Automatik komplett hochsortiert. Cruisen kann der Galaxy schon mal nicht schlecht. Aber das Temperament des Mustangs hat er definitiv nicht. Aber wozu auch. Ich fühl mich wohl im grossen Ford. Musik dudelt, Klima prima, der Motor hält die Klappe, das Geräuschniveau ist sehr niedrig. 

Multimediaplunder
Wer weit reist will auch gut unterhalten sein. Das lässt sich entweder durch angenehme Beifahrerschaft realisieren oder eben durch eine gut marschierende Bordkapelle. Hmnaja...



Nicht ganz unvertraut ist die grafische Aufbereitung des Sync+ Systems. Hab ich doch letztes Jahr schon mal gesehen. Im Expedition. Jenes Autos, welches ich so abgrundtief gehasst habe. Hier jedoch ist meine Einstellung eine andere, ich mag ja den Galaxy eigentlich. 

Die Bedienung ist ebenso intuitiv wie der Rest des Autos. Also, meistens, ab und zu frage ich mich schon, ob ich jetzt in den Menüs aus Blödheit falsch abgebogen bin oder wieso ich jetzt plötzlich DAB+ höre anstelle dem Krempel, welche via Bluetooth von meinem Handy auf die Lautsprecher gestreamt werden sollen. Aber nix, was mich jetzt komplett verdutzt hinterlässt. Der Touchscreen mit den auffallend grossen Icons hilft. 

Um einen solch grossen Eimer wie den Galaxy mit Bass vollzupumpen würde es eine Menge Membranfläche benötigen, die aber leider durch Abwesenheit glänzt. So hinterlässt der Klang im Ford einen eher mittelmässigen Eindruck, es fehlt an Tiefgang und auch an Pegelfestigkeit. Mir wär's zu wenig, zu dünn.

Die Fahrt
Was soll so ein Peoplecarrier? Fahren, Leute oder auch mal ein paar Fahrräder komfortabel transportieren. Und das traue ich dem Ford ohne Zweifel zu. Der 150PS starke Diesel hat in Verbindung mit dem automatischen Fahrstufensortierer etwas entspanntes, es fehlt ihm aber Temperament. Komplett. Natürlich stellt sich die Frage, wer will mit so einem schick gemachten Bus um die Ecken wetzen, als ob's um Leben und Tod ginge? Vermutlich niemand. Und jener frisch gebackener Familienpapa, welcher aus Vernunft seinen Focus RS gegen den Galaxy eingetauscht hat wird sich damit abfinden müssen, dass hier keine Spasszone im Pflichtenheft des Galaxy vermerkt wurde.

Spass macht der Galaxy nämlich von Natur aus keinen. Die Lenkung ist unsportlich indirekt, dafür aber leichtgängig und vor allem auf dem engen Parkplatz vom Fahrradhändler von Vorteil. Der Motor ist im Alltag zwar immer präsent genug, aber in der zweiten Hälfte des Gaspedalweges nicht wirklich präsenter. Das klingt jetzt alles sehr vernünftig...

Also daher weht auch der Wind, aus der Ecke der Vernunft. Auf langen Strecken trumpft der grosse Ford vollends auf. Er rollt sanft ab, hat kaum Fahrgeräusche, die guten Sitze tun ihr Übriges. Dabei hat mich lediglich ein kleines Detail gestört, der Instrumentencluster. 



Im Fahrbetrieb werden hier irgendwie einfach zu viele Informationen auf zu kleinem Raum zusammengepfercht. Und das, was mir persönlich am wichtigsten wäre, nämlich die Geschwindigkeit, das geht irgendwie unter. Ohne tempomatische Unterstützung war ich dauernd zu schnell oder zu langsam. Weil man in diesem riesigen und gut gedämmten Auto kaum ein Gefühl für die Geschwindigkeit entwickelt fällt es schwer, diese auch zu halten. Und da hilft leider auch kein ca. sieben Millimeter grosser, blauer LCD-Zeiger, welcher im Informationsgewusel komplett untergeht. 

Auch nicht so toll fand ich den Spurhalteassistenten. Ich hatte dauernd das Gefühl, dass mit jemand mit dem kleinen Finger in der Lenkung rumfummelt. Mal verspürt man etwas Widerstand in der Lenkung, dann wieder geht sie wie Butter. Hat etwas von Spuken. Lenkungsspuken? Kam mir etwas befremdlich vor. 

Aber das ist meckern auf hohem Niveau. Es gibt bzw. gab ja Autos, die ich heute am Mietwagenschalter gerne mal ablehne und nach etwas anderem frage. Weil, manchmal ist man einfach froh, wenn man aus den Kisten wieder draussen ist und zum finalen Abschied die Tür mit Schmackes zuschlägt. Um dann festzustellen, dass sogar dieser Schliessgeräusch noch Scheisse klingt. Aber nicht so beim Galaxy. Vor allem, nicht so bei diesem Ford, seit langer Zeit bin ich mal wieder positiv überrascht davon, was Ford so getan hat. Hat zwar keinen Spass gemacht, war aber an diesem Tag auch OK. Der Galaxy hat seinen Job souverän gemacht, er war einfach nur ein gutes Auto. Nicht ganz standesgemäss war mein Besuch bei J.P. Krämers Burgerladen in dieser Woche.


Der Parkplatz hauptsächlich voll mit Autos, welche von ihren Besitzern definitv geliebt wurden. Und dann kam ich, mit einem Ford Galaxy Diesel in blau. Trotz der Farbe und dem Aston Martin Zeugs, er taugt halt nicht für den Auftritt vor der angesagtesten Burgerbude in der Stadt. Welche btw; wirklich geil ist. Bude wie Burger, der Schuppen macht abgesehen von dem etwas komischen Bezahl- und Abholsystem schon ziemlich Spass. Mehr Spass als der Galaxy. 


Fazit
Der Galaxy macht alles richtig. Er ist gross, clever, hat Platz, fährt sich gerade auf Langstrecke gut und bietet dabei ein stimmiges Ambiente. Er verleitet weder zur Raserei noch zur Protzerei und erscheint in der heutigen Zeit politisch korrekt, sofern man den Kasten mit Passagieren und Krempel vollpackt. Dieser Ford ist eine mehr oder weniger geschmacksneutrale Packung Reiswaffeln, Family-Size. Achja, der Bezug zum Mustang; keinen. Hier scheint keine Blutsverwandtschaft zu bestehen, da hat jemand eingeheiratet.  

Kaufen?
Wer einen praktischen, grossen, pflegeleichten Langstreckenbomber sucht kann mit dem grossen Ford nix verkehrt machen. Jedoch muss man sich damit abfinden, dass dieses Auto zumindest gesellschaftlich nirgends aneckt und die Guilde der automotiven politischen Korrektheit im Tiefschlaf belässt. So wie mich irgendwie auch. Mir persönlich schläft bei solchen Autos nicht nur das Gesicht ein. Da ändert leider auch die optische Verwandtschaft zu Aston Martin nix dran. Aber abgesehen davon, tolles Auto mit überragenden Langstreckenqualitäten, welches eine spürbare Entwicklung erfahren hat. Die haben bei Ford wirklich mal etwas getan. 


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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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