BMW 218d Active Tourer

Vorwort
Ab und zu und in geschätzter Gesellschaft, da hört man verfilmungswürdige Geschichten im Zusammenhang mit Autos. Zum Beispiel gestern, als sich der Gaszug von einem 400+ PS Vergasermotor auf der Autobahnauffahrt in der Vollgasstellung verklemmt hat. Und der Fahrer (und ein unbekannter X3 Fahrer) hatte damit einen Adrenalinschub allererster Güte, gratis und frei Haus. Oder von ein paar Typen, welche innert 24 Stunden mal kurz nach Wien gefahren, dort ein über 40 Jahre altes Auto gekauft haben und damit wieder zurückgefahren sind. Ohne nennenswerten Schlaf. Wirklich beides tolle Storys mit sehr viel Unterhaltungsfaktor. Kann ich von meinen Roadtrips der letzten Zeit nicht gerade behaupten...

Was denn?
Ein BMW 218d Active Tourer mit 150 Diesel-PS und einem Steptronic Getriebe. Und jap, man muss das erstmal sacken lassen, aber dieser BMW hat Frontantrieb. Front. Antrieb. Im BMW. Capisch?




Laufleistung
5300 Kilometer. 

Wie weit?
150 Kilometer, hauptsächlich Autobahn.

Erster Eindruck
Oje. Jetzt ist es tatsächlich passiert, der zurzeit einzige frontangetriebene BMW steht da und ich hab den Schlüssel dazu in der Hand. Meine Güte, was hat man sich bei BMW nur dabei gedacht? Diese Mischung aus 3er BMW und VW Touran lässt mich etwas sentimental werden. Musste das jetzt wirklich auch noch sein?

Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP, HeadUp Display. 

Innenraum
Es ist so paradox. Das sieht man diese bestens vertrauten Bedien- und Designelemente aus dem Hause BMW, aber alles scheint in die Höhe gezogen und diese sonst so angenehme Kompaktheit eines Innenraums aus München ist komplett weg. 



Mich irritiert dieses Raumgefühl. Auch der Blick nach vorne ist so ungewohnt, keine Motorhaube welche das Sichtfeld fundiert. Ich komme mir wirklich vor, als ob ich in eine Playbackshow geraten bin, alles sieht nach BMW aus, aber es fühlt sich entfernt nach 0815-Touran an irgendwie. Schräg.  


Und mein komisches Gefühl wird weniger komisch durch die besten Sitze welche man in so einem Auto finden kann. Man kann diesen im Grundsatz straffen und mit robustem Stoff bezogenen Sitz von sehr kuschelweich bis nierenquetschend stramm BMW-typisch perfekt einstellen. Nur halt eben, ich sitz nicht in einem M135. Oder einem 340er. Ich sitz in einem familientauglichen Selbstzünder mit Frontantrieb. Wozu ich diesen Sitz auf rennstreckentaugliches Schraubstockgefühl einstellen kann, denn Sinn dahinter erkenne ich nicht. 


Die ersten Meter
Ich biege in dem mir eigentlich bestens vertrauten Flughafenparkhaus erstmal übelst falsch ab, finde eine defekte, aber dafür ziemlich offene Schranke und lande im Keller jenes Parkhauses. Ein Ort, an dem anscheinend jemand wie ich nix zu suchen hat, unwillkommenderweise hat man da unten auch darauf verzichtet, Nachts das Licht überall brennen zu lassen. Im ersten Moment denke ich, da springt gleich ein Irrer mit Kettensäge um die Ecke, mich beruhigt dann aber der Gedanke, dass so Zeug immer erst dann passiert, wenn Motoren anfangen zu stottern, jemand sagt "ich seh' mal nach" und Scheinwerfer flackern. Gottseidank hat der 218er LED-Licht mit der Intensität einer Supernova. Wenn da wirklich einer mit ner Kettensäge von links reinhüpft, verpass ich Mr. Kettensägenmörder per Lichthupe einen veritablen Pupillenkrampf. Das Licht im Zweier ist der Hammer. 

Nach zehn Kilometern
Ich fühle mich immer noch etwas komisch in diesem schizophrenen BMW. Positiv, ich kann die angeregte Diskussion über den Konflikt zwischen Erwartung und Erfüllung in meinem Kopf tiptop hören, im 218er ist es nämlich unfassbar leise. 

Multimediaplunder
Kennt man auch aus den anderen Baureihen der Münchner Fahrfreudenerfinder. Deswegen bin ich auch schon vorbereitet auf das etwas inkonsequente Bedienkonzept mittels multidirektionalem Drehschalter und einer Handvoll Zusatztasten in der Mittelkonsole. 



Aber auch hier, irgendwie passt das um ein paar Zentimeter nicht. Wo sich in anderen BMW's die Bedienelemente neben dem Wählhebel bei entspannter Sitzposition quasi unmerklich unter die Hand schmuggeln, muss man im Zweier den Ellbogen von der Armauflage runternehmen und kucken, wo gerade was ist das man drücken möchte. Was wäre bloss passiert, hätte man die Mittelkonsole um ca. 10cm angehoben? Vermutlich wäre es der Innenraumergonomie nicht abkömmlich geworden. 

Klingen tut die Kapelle im 2er passabel, wenn auch nicht gerade hochfidel. Ich persönlich würde mir für den Alltag etwas Potenteres wünschen. Und dies wäre ja auch nur ein Kreuzchen auf der Aufpreisliste weit weg entfernt. 

Auch das Navi ist BMW typisch erstklassig, mittels Split Screen auf dem grossen Display gut dargestellt und einigermassen flott. Unterstützend dazu gibt's dann noch ein Head-Up Display, welches praktischerweise die Navianweisungen gut sichtbar auch dorthin projiziert, wo man als eingefleischter BMW-Fahrer sonst die Motorhaube im Sichtfeld hätte. 

Die Fahrt
Als ich den 218er aus dem Mietwagenparkhaus abgeholt habe, bin ich gewohnheitsmässig erstmal aus dem Parkfeld rausgefahren, ausgestiegen und um den kompakten Tourer herumgelaufen, Parkschadenscanning. Dabei fiel mir auf, dass der Diesel nagelt und lärmt wie ein Trekker. Innerlich stellte ich mich schon mal auf eine brummelige Fahrt nach Hause ein. 

Zack, eins zu null für den 2er. Deswegen, weil entgegen der Geräuschkulisse von aussen im Innenraum eine Stille herrscht, welche man bestenfalls von den obersten Oberklasselimousinen erwartet. Hier herrschte auch bei 130kmh die absolute Ruhe, ausser natürlich bei Beschleunigung unter Vollast. Kein Windgeräusch, kein Dieselbrummeln, kein gar nix. Abgesehen von der Musik im Hintergrund kam ich mir vor, als ob ich in einem schalltoten Raum sitze. Aber de facto sass ich ja in einem Touran. Ich mein BMW. Mit Frontantrieb. Uiuiui, so kriegt man Schlaganfälle, nicht?? 

Der 2er hatte es also nicht leicht mit mir. Die Lenkung arbeitete BMW-eigen sehr sportlich, direkt und damit voll nach meinem Geschmack. Der 150PS Diesel hatte genügend Leistung für ein Fahrzeug dieser Klasse und das Getriebe macht seinen Job souverän und spielt dem Triebwerk gut in die Hand. Das Fahrwerk ist im Comfortmodus etwas zu wenig komfortabel und im Sportmodus zu straff. Für einen Minivan. Moment...

Halt Stop. Zeit für einen Perspektivenwechsel. Ich vergesse jetzt einfach mal die Nieren im Kühler und die weissblauen Badges am und im Auto. Ich sitze jetzt in einem Minivan unbekannten Herstellers. Und plötzlich funktioniert der 218d für mich. Der Diesel dieselt stramm vorwärts. Das Getriebe schaltet flott und gleichzeitig fein. Das Innenraumgefühl ist wertig und die erhöhte Kopffreiheit in Verbindung mit der tadellosen Sitzposition lässt Entspannung aufkommen. Das Fahrwerk ist etwas gar straff für so ein Auto, geht aber noch ok. Unter dem Strich kann man wirklich sagen, dass dieses Auto sich nicht vor der etablierten Konkurrenz zu verstecken hat. Am Schluss drängt sich mir nur noch die Frage auf, warum musste man am Schluss den 218er einen BMW sein lassen, den er gar nicht sein kann? Ich mein, den Mini hat man ja schon dermassen schamlos entminisiert, ein Familienbomber in dem Format hätte den Braten auch nicht mehr fett gemacht. Naja, egal, jetzt ist das Kind schon in den Brunnen gefallen. 

Diese Eindrücke lassen mich am Ende der Fahrt sehr entspannt, aber etwas unentschlossen aus dem Zweier aussteigen. Als BMW funktioniert er für mich nicht, nicht nur wegen dem Frontantrieb. Das wird mit Rückwärtsfahren übrigens auch nicht besser. Also Minivan funktioniert er allerdings bestens, hat alles was man von und in einem Auto dieser Klasse erwartet und er übertrifft die eine oder andere Erwartung an die Fahrzeugklasse vielleicht sogar noch. Aber ich werde einfach das Gefühl nicht los, dass ich mit diesem Auto in den falschen Film geraten bin. Ich wollte Deadpool, habe dann aber irgendwie Spiderman gekriegt. 

Fazit
Wer hier einen echten BMW mit Fahrfreude, sportlichen Ambitionen und dem BMW-typischen Fahrgefühl erwartet, wird so wie ich auch, etwas enttäuscht sein. Das Gefühl des Heckantriebs gehört zu einem BMW wie Niveaulimbo zu RTL zwei. Ende. Das ist meines Erachtens der Lustkiller im 218er, er fährt sich einfach nicht wirklich wie ein BMW. Lässt man diesen Anspruch aber einfach mal weg oder noch besser, man ist noch nie aus bzw. mit Überzeugung einen BMW gefahren, dann erscheint der Zweier als ein rundum gutes Auto aus dem Regal "Emotionsloser People Carrier". Motor, Antrieb, Ergonomie, alles tiptop. Der 218er erlaubt sich keine Schnitzer und keine WTF-Momente. Also, tolles Auto für Fahrten von A nach B. Fahrfreude konnte ich aber keine finden. Sorry. 

Kaufen?
Kann man machen, gerade im Hinblick auf den Wettbewerb im Segment der Minivans(+). Die Premiere in dieser Fahrzeugklasse ist BMW nicht schlecht gelungen, andere Hersteller kriegen das auch in der x-ten Modellgeneration nicht so gut hin. Die Aufpreisliste gibt auch allerlei Schnickschnack her, packt man den Zweier einigermassen voll, dann werden einfach mal 65TSD Euronen fällig. Für einen Minivan mit Vierzylindermotor. Bin gespannt wo BMW's Reise in der Fahrzeugklasse hingeht...

PS: sorry wegen der Fotos nach Qualitätsstandard von 1914, aber ich hatte nur ein zweitklassiges Handy dabei, es war dunkel und für ein aufwendiges Fotospektakel war's mir einfach zu tief in der Nacht. 

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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

1 Kommentare :

  1. Wie immer sehr unterhaltsam geschrieben, auch wenn das bei einem solchen Auto sicher nicht einfach ist...... aber auf jeden Fall so gut, dass ich einen Bericht über einen BMW 218D mit Frontantrieb(würg) lese und dabei schmunzeln muss. Chapeau!

    Gruss
    Markus

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