Letzten Spritwoch

Wir
und mit "Wir" meine ich vier Bekloppte, teilen uns einen kleinen Fetisch. Nicht das was der eine oder andere jetzt denkt, das hat jetzt nichts mit Ledergeruch und Erklärungsnot bei Striemen am Körper zu tun. Wir müssen für das Ausleben jener kleinen Freude auch nicht nach Amsterdam ins Rotlichtviertel und mittels speziellem Klopfzeichen auf unsere Bedürfnisse aufmerksam machen. Unser kleiner Fetisch heisst "Hubraum". Und jenen haben wir gerne verteilt auf acht Zylinder, bevorzugt in der Bauweise "V" und in der saugenden Ausführung. Warum? Weil's Spass macht. Und weil's halt einfach sowas wie ein Gesetz ist; Hubraum ist durch nichts zu ersetzen ist, ausser eben durch noch mehr Hubraum.
 
13.7 Liter
würden gewisse Interessensgemeinschaften vermutlich schon dann in Rage bringen, wenn es sich um einen Durchschnittsverbrauch auf hundert Kilometern handeln würde. Nach gewissen Massstäben berichte ich hier und heute über eine Umweltkatastrophe vom Ausmass einer LKW-Ladung illegal entsorgter Friteusen. Tatsächlich aber handelt es sich schlicht nur um die Summe der heiss befeuerten Hubräume jener zwei Mittelpunkte eines voll lustigen Tages unter Petrolheads. Und so nebenbei, keines dieser beiden Kraftfahrzeuge lässt sich mit 13.7 Litern in der Spasszone bewegen. Und weil hier auf diesen Seiten eben andere Massstäbe gelten als anderswo, sind diese 13.7 Liter völlig i.O. und herzlich willkommen.  Heute auf der Showbühne:
 

Alter vor Schönheit...
 
Der '75er Pontiac Trans Am mit dem 7.5 Liter Super Duty Motor
 
 
Der dicke Pontiac aus Übersee hat schon was mitgemacht. Über vierzig Jahre ist er schon auf dem Planeten unterwegs, ob in Texas USA, Queensland AUS oder in der aktuell recht kalten Schweiz, dieses Auto ging schon durch die eine oder andere Zeitzone und durch Liebhaberhände.


Zugegeben, es gibt Schöneres mit mehr Ästhetik. Wenn man aber mal kurz drüber nachdenkt, es waren halt auch die 70er. Karomuster überall, Hosen mit Schlag, ich und Donald Duck waren zumindest zeitweise ohne Hose und  Donald Trumps Frisur stammt ebenfalls aus diesem Jahrzehnt der exzessiven Haarföhnerei und dosenweise ozonvernichtendem Haarspray. Also eigentlich ist die Optik nicht ganz sooo übel, wie sie nach heutigen Idealen rüberkommt. Und sie kommt mit verbeiterten Kotflügeln, dem Shaker in der Motorhaube und nem Flammen spuckenden Hühnchen auf der Motorhaube. Passend dazu, das quietschblaue Interieur. BÄM!

Wurscht!
Wirklich speziell macht diesen Pontiac aber die Tatsache, dass er die Sachen von einem älteren Bruder austrägt. Konkret den Motor aus einem 74er Modell. Einen 7.5 Liter (455cui) grossen V8 mit der Zusatzbezeichnung "Super Duty".


Klingt jetzt erstmal nach Resteverwertung im Hause General Motors, Pick-Up oder Mähdreschermotoren von der Halde? Mitnichten. Dieser Motor ist eigentlich ein Rennmotor, den man für den Strassenverkehr ein wenig gezähmt hat. In Zahlen: einer von 1296 gebauten Motoren, wovon nach den Benzinpreiserhöhungen so einige in Dragstern und Speedbooten gelandet sind. Ab Werk mit Pleueln und Kurbelwelle in der 1000PS-Dimension und so Zeug halt. Gaga.


Die Leistungsdaten sind nicht genau bekannt, aber ich kann nach einigen lustigen Kilometern sagen, es wird wohl genug sein. Oder als O-Zitat eines anderen Nichtbesitzers an diesem Tag; "Wenn du im zweiten voll reintrittst, fühlt sich das ganze Auto an, als ob es wie ein nasser Lappen ausgewrungen wird". Wir haben unsere Zustimmung in den Wald hinausgelacht. Tatsächlich lässt es sich nicht abstreiten, dass der Rest des Autos mit diesem Getriebebestrafungsgerät von Motor ein klitzekleinwenig überfordert scheint.  


Doch genau das macht eigentlich die Faszination an diesem Eisenschwein aus Detroit aus. Er riecht schon nach einer verdammten Todesfalle, eine Mischung aus Benzin, Öl und 40 Jahre Duftbaumkultur. Traktion ist rar und gerade an kalten Tagen ist ein gesundes Mass an Menschenverstand nicht verkehrt, möchte man die nächste Zeit nicht in einer Notaufnahme verbringen (wenn's gut geht).   


Das Auto verlangt bei sportlicher Gangart nach einer Menge Aufmerksamkeit, und diese sind nicht in Form von Streicheleinheiten abzuliefern. Die vier Gänge sind kurz übersetzt und ist dann auch mal Kraftschluss vorhanden, zeigt das Triebwerk unter Teil- wie Volllast seinen Charakter. Den eines mies gelaunten Gorillas auf 40 Dosen Redbull. Der Super Duty fackelt nicht lange rum, wer Leistung haben will, kriegt sie ohne Verzögerung vor die Füsse gebombt. Die Kombination Saugmotor/Sprit/Vergaser/7.5 Liter ist so analog wie ein Lichtschalter. Eine gewisse Dosierbarkeit ist zwar möglich, aber nach etwas Eingewöhnung vergisst man diese irgendwie wieder und lässt den Schweinhund unter dem rechten Fuss gewähren und die Hinterreifen langsam aber bestimmt zur Hölle fahren.  


Dieser Motor ist auch nix für Pflegemittelfetischisten. Er ist ölig, dreckig und an einigen Stellen ist der Lack schon lange ab. Würde ein moderner Motor so daherkommen, man würde sich wohl Sorgen um die Zuverlässigkeit machen. Tatsächlich aber ist dieser Motor gemäss Besitzer sehr zuverlässig und auch nach ein paar Wochen Standzeit ist diese Maschine an einem ziemlich kalten Morgen klaglos angesprungen. Der Wecker braucht einfach Benzin, davon zwar ziemlich viel, die Verbrennung von jenem Kraftstoff erfolgt aber akustisch ziemlich angemessen.

Der C63 AMG
Der C63 bedarf eigentlich keiner grossartigen Vorstellung, jeder der mal auf der Suche nach einem V8 Kombi/Limousine/Coupé war, ist zwangsläufig über den C-AMG gestolpert. Und wer sich damals schon dachte, dass der C63 eine elende Prollkiste ist, der hatte nicht so ganz Unrecht, dieses Klischee klebt an den AMG's wie eine Klette am haarigen Cockerspanielhintern.  Würde man der Typenbezeichnung und der Hubraumangabe auf den Kotflügeln Glauben schenken, müsste der C63 ja eben 6.3 Liter Hubraum haben. Hat er aber nicht. Der Hersteller hat einen Deziliter dazugeschummelt. Er hat nämlich nur 6.2. NUR! Bwahaha!


Scherz beiseite, natürlich sind 6.2 Liter Hubraum nicht gerade wenig, vor allem nicht in dieser heutigen Zeit, welche ich gerne als die "bescheuerte Downsizing-Ära 2.0" bezeichne. Und damit prädestiniert sich der AMG für das Label "Se dschermän Muscle Car". Er ist nämlich nichts anderes, halt einfach modern, mit Popoheizung und Harman Kardon.


Wir hatten an diesem Tag irgendwo am Strassenrand noch einen kleinen Austausch darüber, ob denn der C63 dezent sei. Beantworten konnten wir das nicht abschliessend. Denn ja, er sieht unterm Strich aus wie ein C mit schicken Rädern und nein, vier Brülltüten am Heck sind kein Zeichen von dezentem Understatement. Wo wir uns am Schluss aber einig waren, es ist völlig Banane und kein Kaufkriterium für den C63, ob er jetzt dezent ist und was die Nachbarn denken sollen. Er hat einen grossen V8 aus Affalterbach. Das muss reichen. Wenn nicht, dann nicht.


Der AMG kann vieles gut. Gerade als Kombi hat er Platz, ist praktisch und passt auch in jeden Parkplatz, Waschanlage oder zwischen zwei Rennstreckenbegrenzungen. Damit hat er als Gesamtpaket als über ausreichend motorisierte Familienkutsche eine fast schon unerreichte Alltagstauglichkeit. Achja, man kann vom Fahrersitz aus die elektrische Heckklappe einen Spalt öffnen. Was das bringt? Ich sag mal, ca. 25dB.


Der Leser fragt sich jetzt wohl, was soll denn jetzt der Mist von wegen alltagstauglich, der Eimer hat auf die letzten 60TSD Kilometer einen dokumentierten Durchschnittsverbrauch von 17.5 Litern gehabt. Und klar, mein C350 braucht +/- etwas mehr als die Hälfte, dafür macht der C63 aber definitiv mehr als doppelt soviel Spass. Das Benzin/Leistungsverhältnis stimmt also. Und jup, das geht zwar etwas zu Lasten der Bereifung an der Hinterachse, aber zu viele Schnitzel geben auch einen fetten Hintern. Also, wer sich jetzt über den Reifen- und Spritverbrauch des AMG Sorgen macht, kann sich auch gleich den Kühlschrank zutackern und sich nach nem Fahrrad umsehen.


Das Triebwerk in Verbindung mit dem Antrieb an der gesperrten Hinterachse ist eine einzige Versuchung und sehr reelle Gefahr für den Inhalt des eigenen Geldbeutels, also vor allem für die (Führer)Scheine. Saugertypisch ist die Leistungsentfaltung sehr direkt, aber nicht unkultiviert. Bis 3000 Umdrehungen passiert nicht viel. Also, ziemlich viel für einen 1.4er TFSI, aber nicht so viel für einen so grossen V8. Dafür aber entschädigt dieser Kollege mit einer unerwarteten Drehfreude oberhalb der dreitausend, erst um 43'400L/min macht er den Schirm zu und verlangt nach dem nächsten Gang. Dazwischen klingt der Motor schlicht nur geil, egal ob unter Last oder im Schiebebetrieb.


Gänge werden in diesem spezifischen Modell und Jahrgang (Performance Package) von einer 7-Gang Wandlerautomatik durchsortiert. Man mag jetzt denken, dass so ein Wandler die Sportlichkeit im Ansatz erwürgt und sicherlich nicht die erste Wahl des sportlich ambitionierten Fahrers ist. Jedoch, kann man vernachlässigen, in Verbindung mit dem üppigen Drehmoment passt das nämlich ganz gut. Auch selber schalten macht gerade noch so knapp Spass. Auch wenn das Getriebe nach dem Zug am Paddel am Lenkrad ein paar Zehntel braucht für den gewünschten Gang, gewöhnt man sich aber dran und zieht irgendwann einfach ein bisschen früher. Und, der Gang, welchen man gewählt hat, der bleibt auch drin. So lange man will. Sehr nett. Sinnloses hoch- und runterschalten? Gerne und gerne oft. Die dazugehörige Akustik macht nämlich Laune.
 
Im Vergleich
Im Piephahnvergleich: Geht es geradeaus gewinnt der AMG nur sehr, sehr wenig Land gegenüber dem Trans Am. Beschleunigung kann der alte Amerikaner erwartungsgemäss gut, das war's dann aber auch mit den Gemeinsamkeiten in der Performance, diese beiden Autos lassen sich eigentlich nur schwer direkt vergleichen. Es liegen vierzig Jahre Entwicklung und die Philosophien zweier verschiedener Hersteller dazwischen. Der eine ein Viertelmeilenrenner, brutal, ungehobelt und mit einem nicht zu diskutierenden Anspruch nach einer entschlossenen, harten Hand. Und Angst ist ein schlechter Beifahrer im Trans Am, wenn er sie riecht, springt er dir an den Hals. 
 

Der andere ein Familienauto, pflegeleicht, im Grundsatz gutmütig, berechenbar und vollkommen alltagstauglich, aber trotzdem schnell und vor allem politisch so korrekt wie ein Kilo Hack, geformt zu dem Wort "Vegan". Und Leichtsinnigkeit ist ein schlechter Beifahrer im C63, wenn er sie riecht, springt er dir ebenso an den Hals.


Sie haben aber beide eine grosse Gemeinsamkeit, beziehungsweise der eine wird die Eigenschaft für diese mit den Jahren noch stärker erlangen und sich damit uU zu einem begehrten Sammlerstück mausern. Sie werden beide als Relikte eingehen, aus einer Zeit wo Hubraum noch als bezifferter Garant für Leistung stand. Keine aufwendige Mehrventiltechnik oder Turbolader, einfach nur acht Zylinder und grosse Brennräume, welche mit Benzin und Luft gefüllt werden wollen. Und ja klar, Turbolader sind heute nicht mehr aus dem modernen Motorenbau wegzudenken, wenn es darum geht, auch dem kleinsten Furzmotor noch etwas mehr Drehmoment abzuwringen. Aber wenn es um die Art der Leistungsabgabe geht, ist der Saugmotor einfach einzigartig und mit wachsendem Hubraum wird er um so grossartiger.


Nicht, dass man das bei Pontiac Ende der 70er und im Rahmen einiger Ölkrisen  nicht auch den Weg des Aufladens gesucht hätte, um die Auflagen der Umweltbehörden zu erfüllen. Die letzte Generation des Trans Am's war ein 4.9 Liter grosser V8 mit Turbolader. Und im Vergleich zum Super Duty Motor war das aufgeladene Triebwerk nicht so der Hit, mehr als 200 PS waren nämlich nicht zu holen, der Motor war eher ein Cruiser als ein Sportler. Die einst so aberwitzig motorisierte Plattform des damaligen F-Body war am Schluss nur noch ein Schatten ihrer selbst. Krümelkacke.
 
 
Doch, es besteht Hoffnung für Leistungsfetischisten. AMG z.B. zieht aus dem aktuellen 4.0er V8 bis zu 612 PS und erfüllt damit die geltenden Abgasauflagen ebenfalls. Irgendwie. Sieht auf dem Papier jedenfalls klasse aus, aber wird es sich gleich anfühlen wie ein Sauger in derselben Leistungsklasse? Ich werd's hoffentlich irgendwann noch rausfinden.

 
Die Industrie hat also gerade sowas wie ein deja vu. Hatten wir doch alles schon mal, weniger Hubraum, mehr Turbolader und vierzig Jahre später müssen sich die Hersteller wieder über Downsizing Gedanken machen, Abgasvorschriften "biegen" und Messzyklen erfinden. Natürlich sehr hilfreich dabei, Software, die hatte man in den späten 70ern noch nicht. 
 
Aber es tröstet mich, dass auch die nächsten Jahre noch literweise Hubraum am Stück als Gebrauchte zum Verkauf stehen. Sei es frischer, moderner digital eingespritzter Hubraum oder alter, nach heutigem Massstab ineffizienter Vergaserhubraum mit Oldtimerzulassung. Ich kann mit beidem ziemlich gut leben. Und eigentlich muss ich beides haben. Hm. Verdammt.
 
Fazit
Ja, es gibt Dümmeres, als sich an einem kalten Dezembermittwoch in der Pampa zu verabreden, um zwei Hubraumschweine ihre Arbeit tun zu lassen. Es gibt Dümmeres, als einfach mal anzuhalten, Benzingespräche zu führen und sich den Arsch abzulachen. Und es gibt Dümmeres, als sich eine vor Fett triefende Rösti mit Käse, Speck und einem Spiegelei ins Gesicht zu schieben und damit dem lebensverachtenden Charakter dieser beiden Autos noch kauend zuzunicken. Das Dümmste an diesem Tag war es nicht, bei 80km/h und gefühlten -10°C aus einem Schiebedach zu hängen und Bilder zu schiessen. Dumm war es, sich dabei an der Schiebedachkante die Birne blutig zu hauen. Aber ich würde aber sagen, es war Herzblut, welches da am Abend noch an meiner Kamera klebte.
 
Geil war's, danke an jene, welche den Weg und die Mühe auf sich genommen haben, um an einem freien Tag den Beweis anzutreten, dass man nie zu viel Hubraum unter eine Haube packen kann.
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

4 Kommentare :

  1. Super geiler Artikel Markus.
    Sprichst mir aus der Seele, einfach Top

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  2. Sehr geil Mr. Ente, cooler Artikel und war ein super Tag! Dank der Rösti hab ich dann Abends im Steakhouse einen Salat gegessen...^^
    Mehrventiltechnik hat der M156 aber doch schon, das ist ja das coole dran, quasi Ami-V8 mit moderner Schwabentechnik :)
    PS: den 4.0L oder sonst nen Turbo-AMG bring ich auch irgendwann noch mit.
    Ah und danke für's verlinken!
    Martin

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  3. Toller Artikel, schön+interessant zu lesen.

    Da werden Erinnerungen wach, als ein Freund vor genau 40 Jahren einen ´76 Camaro neu gekauft hatte - allerdings einen Automatik mit zahmen 170PS aus 5,7 Hubraum (weiss ich nicht mehr so genau.

    Damals - nach einem Capri I 1700GT - genügte diese "brachiale" Leistungsentfaltung auf den Bundesstrassen ...

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