Mercedes Benz A200

Vorwort
Es sind Mercedeswochen. Könnte man meinen. Da kriegt man jahrelang keine Sterne in die Hände, ausser man kauft sich so einen Hobel. Und dann innert weniger Wochen hat man alle Baureihen einmal in den Fingern gehabt, ausser den ganz Dicken. Dafür aber die Ikone. Wenn man als Schreiber seine Themenauswahl dem Zufall überlässt, kann das durchaus mal für Überraschungen gut sein. Es birgt aber auch das Risiko der Langeweile und Enttäuschung. Zum Glück, dies gilt nicht für mich. Ich hatte schon schlimmere Wochen. Gerade diese Woche hatte ich wieder einen kleinen, knallroten Höhepunkt. Zuerst kommt aber noch die mausgraue A-Klasse.  
 
Was denn?
Ein Daimler A200 Benziner mit 156 PS, 250Nm, 7-Gang DKG und angetriebene Front.
 


Laufleistung
18'200km 
 
Wie weit?
ca. 90km.
 
Handbuch gelesen?
Nein.
 
Erster Eindruck
Zum Glück hat man bei Mercedes das Design der A-Klasse vor einigen Jahren angepasst bzw. der B-Klasse verpasst. Jetzt ist der A ein Hatchback mit Stern. Und dafür die B-Klasse der designtechnische Schuss in den Ofen aus Stuttgart.
 
Zeigefinger (Assistenzsysteme)
Hier war nix ausser ABS, ESP und dem ILS (Intelligent Light System) am Start. Die Aufpreislisten geben da aber noch so einiges her.
 
Innenraum
Gerade in den Baureihen C, E und sowie S sind die Innenräume schon eine feine Klasse für sich. Beim A lässt sich das leider nicht unbedingt behaupten. Die Ergonomie und auch das Raumgefühl ergeben schon mal keinen Grund zur Klage, aber bei den Materialien macht sich die Zugehörigkeit in der kleinsten Klasse schon ziemlich bemerkbar. Und irgendwie sieht es im A aus, als ob man noch ein paar Reste aus älteren Baureihen inkl. dem Sprinter verwurstet hat. Das mag auch daran liegen, dass der aktuelle A schon seit vier Jahren am Markt ist.


Viel grossflächig verbautes Hartplastik mit dem Charme und der Haptik einer Legostadt. Darüber hinweg tröstet nur das dezent verbaute Leuchtmaterial in Türen, Dachhimmel und Kopfstützen, welches wenigstens des Nachts ein etwas höherwertiges Innenraumgefühl vermittelt. Aber bei Tag enttäuscht der Innenraum des A, da liefern Golf, A3 und der 1er BMW besser, moderner und einen Ticken hochwertiger ab.

Wo der A aber definitiv glänzt ist beim Sitz.


Nicht weil das künstliche Leder glänzt wie eine Speckschwarte, dieser Sitz ist einfach voll paletti. Nicht zu eng, nicht zu weit, nicht zu weich, nicht zu hart. Ein Sitz, den man eigentlich gar nicht spürt und damit perfekt.  

Die ersten Kilometer
Och Mönsch, auch hier herrscht die Mutti aller Anfahrschwächen. Dieselbe, welche auch mein C an den Tag legt. 30% Gaspedalstellung, gefühlte fünf Prozent Motorleistung. 1% mehr Gas, 97% Motorleistung und Kickstart inkl. scharrenden Reifen. So was Doofes, wer programmiert solche Gaspedalkennlinien? 
 
Nach 10 Kilometern
Es rollt. Und das einigermassen leise. Beim Geräuschpegel im Innenraum scheint der A wieder ein echter Benz zu sein.
 
Multimediaplunder
Auch hier, etwas in die Jahre gekommen das Ganze, aber deswegen nicht zwangsläufig schlecht. OK, natürlich kenne ich das System aus meinem Dailydriver und kann das auch noch dann noch bedienen, wenn ich im Koma liege. Trotzdem, ich denke auch Unvertraute kommen mit dem System nach etwas Eingewöhnung gut klar. Ich Depp krieg's ja auch jeden Tag hin.


Das aufgesetzte Display mag ja noch eine (Geschmacks)Sache für sich sein, aber der Look eines 95 Euro China-iPads mit der Auflösung eines teuren Taschenrechners unterstreicht jetzt nicht unbedingt den Innenraum eines Herstellers, der sich auf die Fahne schreibt: "Das Beste oder Nichts". Auch das sieht z.B. im 1er BMW um Welten wertiger aus.

Klangtechnisch ist die Bordkapelle des A keine Offenbarung, aber auch keine herbe Enttäuschung. Auch in diesem Auto spielt die gute Geräuschdämmung dem Unterhaltungssystem in die Hände und für die Fahrzeugklasse geht das Klangspektrum ok, für mich persönlich fehlt einfach der Punch aus dem Keller.

Die Fahrt
Mein Weg führt mich erstmal in die "City" eines Kurortes für die gehobene Klientel. Mitten durch einen Golfplatz hindurch, vorbei an einem Hotelkomplex mit Zimmern jenseits der 600qm Klasse, wo sich die schwarzen S-Klassen und 7er in der Langausführung im Entrée stapeln. Jede Menge Weihnachtsbeleuchtung knallt mir von allen Seiten entgegen und lasst mir fast die Netzhaut von den Augen bröseln. Als ich den kleinen Benz vor einer Schaufensterpassage parke, fällt mir ein Pärchen vor einem Juwelierfenster auf. Er, mitte 60 im dunklen Mantel und mit Burberry Strick um den Hals, sie, mitte 20, schminktechnisch leicht über's Ziel geschossen, gekleidet in einem flauschigen Viech, vermutlich Angoraopossum. Ihr kurzer aber abschätziger Blick in Richtung meiner A-Klasse sagt nicht alles, aber vieles. Sie würde verutlich lieber die kleine Breitling aus der Auslage geschenkt haben als den kleinen Benz. Auch wenn der Benz in derselben Preisklasse spielt und wesentlich schneller von 0-100 geht als eine Uhr. Zwischenfazit aus dieser kleinen Begegnung; der A200 wird trotz grossem Stern im Kühler nicht unbedingt als ein Fahrzeug der gehobenen Klasse wahrgenommen. OK, das fazitiere ich jetzt nicht unbedingt ausschliesslich wegen den dezent verdrehten Augen der Blonden im Pelz, sondern aus meinem eigenen Eindruck, den mir die A-Klasse seit Jahren auf der Strasse vermittelt.
Einstieg in die Sternenwelt
Aber ok, das Auto soll ja nicht vor Juweliergeschäften die Leute in Interessenskonflikte bringen, sondern fahren. Von A nach B. Diesen Anspruch erfüllt der kleine Mercedes und bei entsprechend schwerem Gasfuss tut er das sogar noch mit einer dezent sportlichen Note. Diese beschränkt sich aber nur auf den Klang der Doppelrohre im Heck bei Volllast, welche das in die Welt rausposaunen, was ein Vierzylinder konstruktionsbedingt so an Klang halt produzieren kann. Beim Fahrgefühl setzt der Schwabe dann aber konsequent auf politische Korrektheit. Dumpf gefedert, eine etwas indirekte Lenkung und eine Tendenz zum untersteuern, das macht die A-Klasse sicher, aber nicht unbedingt spassig. Und der etwas träge Motor sorgt ohne Zweifel für ausreichend Vortrieb, ist jetzt aber auch nicht unbedingt ein Knaller an Temperament. Meh.

Weniger praktisch, die Sicht nach hinten. Bzw. die nicht vorhandene Sicht nach hinten. Das ist natürlich der Form geschuldet, die immer noch wesentlich ansprechender daherkommt wie die B-Klasse, aber eben leider den Panoramablick gegen hinten komplett ruiniert. Sinnvollerweise war dieses Auto mit einer Rückfahrkamera ausgestattet, welche zwar auch nicht das Allheilmittel gegen die Rückfahrblindheit war, aber wenigstens eine gute Hilfe beim Verhindern von Parkschäden ist.

Irgendwann erwische ich mich dann auch dabei, den Gedanken "Fast wie ein Golf" durch meine Gehirnwindungen zu schubsen. Und es lässt sich nicht abstreiten, der A fühlt sich auch irgendwann an wie ein Golf. Nämlich dann, wenn man das Vorurteil, einen Stern zu fahren, komplett abgelegt hat. Das Fahrgefühl im A ist solide, einigermassen kompakt und höchstens aus Versehen sportlich. Und damit kann man den A nur noch OK finden.
 
Fazit
Ich brauchte einen Moment, um mich mit dem kleinen Benz anzufreunden. Aber nach ein paar alltäglichen Fahrten stelle ich fest, dass das Auto in genau dem Alltag gut funktioniert, wo es funktionieren sollte. Er ist nicht ein unangenehmes und krampfhaft sportliches Schlaglochsuchgerät, aber auch nicht ein pampiger, auf kompromisslosen Komfort getrimmter Hatchback. Auch wenn die eher komfortable Abstimmung überwiegt. Aber das macht ihn zu einem angenehmen, wenn auch etwas emotionslosen Zeitgenossen. Er macht seinen Job als Auto, nicht viel mehr, und schon gar nicht weniger. Das prädestiniert ihn zu einem guten Dailydriver, welcher verdient in derselben Liga fährt wie der Volksgolf und damit auch niemandem ein Ei gegen die Schiene nagelt. Man kann mit dem A(200) genau so wenig falsch machen, wie mit Schnitzel Pommes und einer Apfelschorle dazu.

Kaufen?
Nun ja, Zeug das glitzert neigt dazu, etwas zu kosten. Ob das eine mit teuren Steinen besetzte Uhr ist oder ein Auto mit Stern im Kühler. Zumindest aber bei den Autos setzt der schmerzhafte Wertverlust schon am ersten Tag ein. Will heissen, als Gebrauchter ist die A-Klasse eine wirklich wertige Alternative zum Pendant aus Wolfsburg. Er fährt sich in etwa gleich emotionslos und damit auch gut, es gibt ihn mit Allradantrieb und Spielereien wer mit dem biederen Look der hier dargestellten "Urban" Ausstattung nix anfangen kann, der holt sich einen der im Markt zahlreich vorhandenen Exemplare in AMG Optik. Das bringt zwar auf der Nordschleife so überhaupt nix, aber wenigstens sieht das Auto dann nicht mehr aus wie ein Glas lauwarmes Wasser. Und damit geht er zwar immer nicht vor der Staatsoper, aber wenigstens vor der Eisdiele und dem Tanzschuppen.
 
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

2 Kommentare :

  1. Werde ich an die zuständigen Abteilungen weiterleiten, immer wieder unterhaltsam zu lesen :)
    Gruß aus Sindelfingen, der silberne Ingenieur

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    1. Besten Dank Herr Ingenieur A. aus Sindelfingen, grüssen Sie mir die Hut- und Hosenträger-CBU. :-D

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