Honda Jazz 1.3 i-VTEC

Vorwort
Es ist Sonntagmorgen und ich sitz hier mit einem Kaffee. Den heutigen Probanden vom Wort zum Sonntag hab ich mal kurz durch die Bildbearbeitung gezogen und gerettet, was noch zu retten war. Ich sollte mir echt mehr Zeit nehmen um die Schlitten einigermassen klug abzufotografieren, welche ich hier auf die Bühne zerre. Das kann zur Herausforderung werden, weil, beim heutigen Exemplar war ich nur auf Kurzstrecke und davon auch noch die meiste Zeit im Stau unterwegs. Ok, ein wenig Autobahn war auch dabei, aber man würde es vermutlich nicht so amüsant finden, wenn ich das Auto auf der Bahn parke und mit dem Handy in der Hand drumrum springe, während alle hupend an mir vorbeifliegen. 

"Polizeinotruf, was kann ich für sie tun?"
"Da steht ein Typ mit einem Kleinwagen auf der Autobahn"
"Ok, hat er eine Panne?"
"Ne, er fotografiert das Auto aus allen Perspektiven"
"Auf dem Pannenstreifen?"
"Ne, auf der Überholspur."
"..."
 
Was denn?
Ein Honda Jazz 1.3 i-VTEC mit 102PS und 123 Nm an einem manuellen 6-Gang Getriebe.  
 


 
 
Laufleistung
1650 km.
 
Wie weit?
ca. 45km.
 
Handbuch gelesen?
Nicht.
 
Erster Eindruck
Ein kantiger Kleinstwagen. Mit Kleinstmotor. Aber he, sicher besser als der Bus oder Führerscheinentzug.
 
Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP, Spurassistent.
 
Innenraum
Honda fährt ja eine ziemlich unverwechselbare Linie was das Innenraumdesign anbelangt. Wenn ich mich an den aktuellen und den alten Civic erinnere fällt mir gleich mal die Brücke der Enterprise ein. Doch halt, was geht im Jazz? Das sieht alles recht kommod aus, keine schwebenden Anzeigen, keine 3D Animationen, welche um den Fahrer herumfliegen, kein CSI Tokyo. 


Ein normales, rundes und vor allem griffiges Lenkrad mit Funktionstasten. Überraschend hochwertige Materialien, vor allem im Vergleich zum Vorgänger, dessen Innenraum auch aus den 80ern hätte stammen können. Klassische Rundinstrumente und vor allem: fünf Becher- bzw. Flaschenhalter im vorderen Bereich.  


Der Sitz war keine Offenbarung an Seitenhalt oder Komfort, aber da der Jazz ja eher ein Stadtauto sein möchte, sind auch keine Langstreckenqualitäten vom Gestühl zu erwarten. Welches sich übrigens formidabel beheizen lässt.
 
Die ersten Kilometer
Ein wenig paradox scheint der Jazz. Vom Innenraum und auch von der Lenkung her vermutet man sich in einem eher grösseren Auto, fast schon Van-artig fühlt sich der kleine Honda an. Aber in Fahrt bemerkt man die kleinen Räder, welche sich etwas näher an Fahrbahnunebenheiten rankuscheln und dies den Fahrer auch mal spüren lassen.
 
Nach 10 Kilometern
Der kleine Saugmotor ist dann wieder ein typischer Honda, er will ordentlich gedreht werden, möchte man denn seine 102PS z.B. auf der Autobahnauffahrt abrufen. Dann wird's auch eher laut im Innenraum. Und es erinnert mich an das erste Auto, welches man in Gran Turismo im Karrieremodus erhält. Dort wo man auf der Geraden den Beschleunigungsknopf mit Tesa auf dem Kontroller runterkleben kann und sich dann einen Kaffee holt.
 
Multimediaplunder
Volltouch. So lässt sich das Bedienkonzept der Bordkapelle (und auch der Klimaanlage) im Jazz beschreiben. Etwas, was ich nach wie vor nicht als der Weisheit letzten Schlusses bezeichnen würde. Mir fehlt gerade im Blindbetrieb das haptische Feedback. Ich kann nicht eine Funktion auf einem Touchdisplay ausführen, ohne dabei hinzusehen und beim ersten Schlagloch gleich noch die falsche Funktion anzutippen. Ne. Ich werd' einfach nicht warm mit Touch in einem Auto, ich mag einfach Regler und Knöpfe. Die verraten auch nicht gleich den viel zu hohen Chipskonsum.
 
 
Der Klang ist für einen Kleinwagen in dem Preissegment ok. Irgendwann fangen die Lautsprecher unter zu hoher Basslast an zu scheppern, aber Jazz hat idR ja auch nicht unbedingt die membranenmordenden Bassdrops eines Flugzeugabsturzes. Also, Jazz geht im Jazz.
 
Die Konnektivität ist dafür weit über Durchschnitt. Neben USB- und Klinkenanschluss findet sich auch ein HDMI Anschluss in der Mittelkonsole.
 
 
Macht HDMI im Auto Sinn? Wenn man seine Foto- oder Videobeute mal kurz auf einem grösseren Bildschirm betrachten möchte, dann ja.
 
Die Fahrt
Alles ganz solide. Der kleine Jazz kommt erwachsener daher als so mancher anderer Kleinstwagen oder Minivan. Innerorts ist der Jazz wirklich agil und würde sogar noch mehr Spass machen, wenn denn das Triebwerk nicht so nach Drehzahlen lechzen würde. 102PS klingt jetzt nicht nach wenig für ein Stadtauto, aber die werden leider erst dann geliefert, wenn VTEC zum Zug kommt.


Soll heissen, unter 4000 Umdrehungen kommt nicht viel und über 4000 Umdrehungen kommt dann der Rest. Und gerade innerhalb der Agglomerationen wird es eher als unpassend empfunden, wenn man mit 6000 Umdrehungen durchs Quartier knallt um mal kurz ein Brot zu holen. Vor allem in einem Kleinstwagen. Und ja OK, das war jetzt vielleicht ein wenig übertrieben dargestellt, aber man mag mir  hoffentlich verzeihen, ich liebe Drehmoment und der Motor des Jazz hat leider so gar keines.

Aber abgesehen von der Leistungsentfaltung, ist der Jazz mal in Fahrt erledigt er seinen Job als Auto tiptop. Er lenkt präzise, er ist übersichtlich und er lässt sich überall parken. Damit erfüllt er die Anforderungen an ein Stadtauto vollends.

Und der Innenraum fängt an, mir wirklich zu gefallen und täuscht damit auch etwas über den grummelnden Motor hinweg. Auch die Rundumsicht ist wirklich gut, vor allem dank der etwas erhöhten Sitzposition.


Auf der Autobahn zeigt sich leider auch wieder das Manko an Drehmoment. Mal kurz beschleunigen im höchsten Gang endet in dem Gefühl eines Tritts in die unendliche Leere. Ich fühlte mich immer etwas genötigt, einen Gang runterzuschalten und das letzte Tröpfchen Leistung aus dem Triebwerk zu pressen. Aber eigentlich mochte ich den kleinen Japaner nicht unnötig quälen, wen juckts, dann komm ich halt etwas später an. Und ich sollte Recht behalten, keine 20km weiter stand ich schon für eine Viertelstunde im Stau. Es hätte also gar nix gebracht, hätte ich den Jazz mit Geschrei auf die Überholspur geprügelt.

Und es hätte sowieso nur damit geendet, dass mein grünes Gewissen blau geworden wäre. Wer im Jazz glaubt, dass noch etwas mehr von der guten Sosse in den Motor rein sollte, der wird bestraft. Mit blauem Licht aus dem Tacho. Kennen wir ja schon aus seinen Geschwistern aus dem Konzern. Was kommt eigentlich als nächstes? 10'000 Volt aus der Kopfstütze direkt ans Ohrläppchen, sollte man etwas zu viel Gas geben? Dass die Hersteller Mechanismen in ihre Autos einbauen, welche dem Fahrer den subtilen Vorwurf der Umweltzerstörung in den Blickwinkel rücken, das empfinde ich als eine falsche Form der Schuldzuweisung. Möchte man wirklich etwas gegen zu hohe Treibstoffverbräuche unternehmen, sollte man den Spiess umdrehen. Jedes Mal, wenn ich 0.5L über der NEFZ Werksangabe fahre (also immer), sollte dem CEO des jeweiligen Unternehmens ein ganz feiner Stromstoss in den Hintern fahren. Wobei, ne, geht auch nicht, wer lässt sich schon für ein siebenstelliges Jahresgehalt auf den elektrischen Stuhl schnallen und unter permanenten Augenlidzuckungen niedergaren. Das wäre ja gleichzustellen mit der Übernahme von Verantwortung an Durchschnittsverbrauchs- und Schadstoffmärchen. Da leuchtet man doch lieber dem bezahlenden Käufer der Ware bunt in die Fresse oder spuckt Öko-Tips auf das erstbeste Display rauf. Böser Autofahrer! Böser! 

Fazit
Der Jazz ist ein überraschend erwachsenes Kleinstauto. In allen Belangen sind die Unterschiede zu den grösseren Fahrzeugklassen geschwunden, Innenraum, Raumgefühl, Fahrgefühl, in all den Bereichen konnte der Jazz massiv Boden gut machen. Wo er halt immer noch ein Kleinstwagen ist, ist bei der Motorisierung. Ja, er hat 102PS, aber die kommen leider erst mit hohen Drehzahlen zustande und das ruiniert ein wenig die Souveränität, welche der Rest des Autos an den Tag legt. Schade.

Kaufen?
Wer ein Stadtauto sucht, für die kleinen und vielleicht auch mal grösseren Besorgungen und Dienstfahrten des Alltags, der ist mit dem Jazz wirklich bestens bedient. Auf Langstrecke schwächelt er etwas, zumindest nach meinen persönlichen Massstäben, welche auch mal min. 300Nm Drehmoment beinhalten. 123Nm bei 5000 Umdrehungen sind einfach nicht meine Welt und machen auch zuviel Vierzylinderkrach, den ich nicht so mag. Wem das aber alles Wurst ist, Jazz kaufen.
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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