Audi Q5 3.0TDI

Vorwort
Ein bekannte Metapher lautet "Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht". Man geht mit dem Smartphone in der linken und dem teuren Kaffee im Pappbecher in der rechten Hand durchs Leben und in der Flut von Informationen fallen gewisse Dinge einfach nicht mehr auf. Mülleimer auf den Gehsteigen, die graue Schönheit eines wolkenverhangenen Himmels, das neueste iPhone oder Windows Updates.  So verhält es sich bei mir mit SUV's, es hat heutzutage so viele auf den Strassen, dass ich sie schon gar nicht mehr sehe. Mittlerweile, so kommt's mir vor, scheint jeder sein Wohndomizil in einer Felswand zu haben, wo der tägliche Nachhauseweg eine monatelang geplante Trekkingtour durch den Himalaya wie einen Spaziergang aussehen lässt. Und der Winter geht ja zeitgleich mit Weihnachten los, also eigentlich jetzt. Es ist angeblich schon im Oktober mit 50cm Schnee im Flachland zu rechnen. Wobei, ne. Eigentlich nicht, der Schnee wird immer weniger, die Tiefgarageneinfahrten immer flacher aber dafür enger und die Anforderungen an die Geländetauglichkeit eines urbanen Fahrzeugs beschränken sich auf Randsteine und Schlaglöcher.  Was finden denn alle an diesen Dingern mit den viel zu hohen Ladekanten?
 
Was denn?
Ein Audi Q5 mit dem konzernbekannten 3.0er TDI mit 258PS und 580Nm. 7-Gang S-Tronic (DKG) und Quattroantrieb, selbstverständlich.



Laufleistung
5300km.
 
Wie weit?
ca. 220km.
 
Handbuch gelesen?
Nein.
 
Erster Eindruck
Weniger schrankig als der Q7 und weniger knuffig wie die Q3 und Q1. So gesehen der perfekte Kuh. Vom Design her einer von vielen Bäumen im Wald von Audi. Unauffällig, korrekt, Single-Frame, langweilig? Schon ein wenig, gerade aufregend ist der Q5 nicht gerade.
 
Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP.
 
Innenraum
Irgendwie hab ich auch beim Innenraum das Gefühl, ich hab' das alles schon tausendmal gesehen. Allerdings nur in Teilen. Eine Menge vom A5, ein bisschen A3. Allerdings, das ist nicht ungefällig, das Ganze, weil so korrekt. 
 
 
Es ist aufgeräumt im Q5. Und nicht nur weil die Mietwagenputzfrau da war. Trotzdem, dass das Innenraumkonzept schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, ist die Bedienung schlüssig und stellt keine grossen Rätsel an den Fahrer. Auch ohne, dass zwei Quadratmeter Touchscreenerei und eine ausgefuchste Gestensteuerung verbaut wäre. Mit dem MMI habe ich mich über die Jahre irgendwie abgefunden, je nach Tagesverfassung.     


Die Sitze von Audi haben bei mir schon sowas wie einen guten Ruf. Auch im Q5 ist das Gestühl gewohnt sportlich straff, aber gut konturiert und wertig bezogen. In diesem Fall der aufpreispflichtige Sitz der S-Line Ausstattung, ich sag aber nicht "NÖ!" dazu.

 
Auch an den Türen findet sich das Alcantarazeugs von den Sitzen wieder. Sieht nicht nur kuschelig aus, es sorgt auch für die Innenraumakustik einer Kissenburg. Praktisch, wenn die Kinderschar auf dem Rücksitz gerade ausdiskutiert, wer denn nun mit was auch immer angefangen hat.
 
Die ersten Kilometer
Halllooo 3.0er TDI. Da hab ich mich ein wenig drauf gefreut, ich mag diese LKW-Akustik der V6 Diesel aus dem Supermarkt von VW. Leider wurde daraus irgendwie nix. Der Q5 ist dermassen gut gedämmt, dass der Sechszylinder nicht wirklich zum Fahrer durchdringt. Schade.
 
Nach 10 Kilometern
Alles so leise hier. Der Q5 federt für einen solchen Schrank gut ab, auch wenn er vielleicht ein Quentchen zu straff über Strassenschäden drüberbügelt. Das Navi lotst, die Musi spielt, der Selbstzünder säuselt mit der Klimaanlage um die Wette. Das Aussenthermometer verkündet stolze 35° an diesem Tag. Was bin ich froh, waren die Kleinwagen irgendwie alle aus dem Mietwagenparkhaus verschwunden.

Multimediaplunder
Ich war und bin immer noch kein Fan von Audis MMI System der letzten Jahre. Ich versteh' irgendwie die Logik nicht, vermutlich bin ich einfach zu doof dafür. Drehrad, ja gerne. Aber wozu denn nochmal ca. 10 Knöpfe um das Drehrad rum? Wie gesagt, ich bin vermutlich zu doof dafür. Nichtsdestotrotz, wenn denn mal das Handy mit dem System verbunden ist und man (ich) es geschafft hat Musik abzuspielen, ist der Ärger auch schon wieder vergessen. Das Standardsystem spielt frisch und knackig und legt einen angenehm warmen Klangteppich in den Innenraum. Passt scho.

Die Fahrt
Würde man nicht etwas erhöht sitzen möchte man meinen, man sitzt in einem A5 mit etwas höherer Dachlinie. Vorbei sind die Zeiten, als ein SUV ein wabernder Metallklotz war, der in jeder zügig gefahrener Kurve das Gefühl vermittelte, dass man demnächst den Strassenbelag durchs Seitenfenster angrabbeln kann. Auch der Q5 vermittelt ein solides Fahrgefühl, dass nicht mehr weit von der Standardlimousine weg ist, auch dank dem griffigen, dicken Sportlenkrad und der daran angeschlossenen, angenehmen Lenkung.
 
Nein, natürlich fühlt er sich nicht wie ein 1.4er Golf an, schuld daran sind auch die Ballonreifen auf meinem Exemplar. Man merkt natürlich auch, dass hier eine Menge Gewicht in Bewegung ist, nämlich... mal googeln... hm..., zwei Tonnen. Moment, ZWEI TONNEN? Ich bin wie vom Taser geschockt und erstaunt gleichzeitig, wie kann so ein eher kompaktes SUV (rund 10cm kürzer als der aktuelle A4 Avant) zwei Tonnen schwer sein, wo kommt das Gewicht denn her? Und wie kann sich dieser halbe Elefant dermassen leichtfüssig durch die Stadt wuseln?
 
Das mit der Leichtfüssigkeit ist mir schnell klar. Die leichte Lenkung und die gute Übersicht in Verbindung mit 580Nm Drehmoment sind schon eine Menge Holz, welche zuverlässig dafür sorgen, dass der Q5 ziemlich unangestrengt durch die Stadt und auch auf die Autobahn raufziehen kann. Auch wenn man das ziemlich präsente Turboloch bei spontanen Sprints nicht vergessen sollte. Und auf selbiger Autobahn ist das Triebwerk dann auch potent genug ist für flottes Überholen. Damit ist der Q5 auch ein tolles Fluchtauto. Weil A) das Auto wirklich gut geht, B) vier Gangster inkl. Beute darin gut Platz finden und C) nach zwei Kurven schon nicht mehr auffällt, weil es gefühlt einfach so viele davon hat. Sie sind einfach überall und doch nirgends.  
 
 
Aber, ich mag die Kuh eigentlich gar nicht fliegen lassen. Ich hau' einfach den Tempomat rein und erfreue mich des guten Sitzes und der schwerst arbeitenden Klimaanlage. Alles gut, mein Ruhepuls liegt irgendwo zwischen 50 und 60. Bis zu dem harten Bremsmanöver.
 
Statistisch gesehen passieren an Schönwettertagen mehr Unfälle als an Schlechtwettertagen. Warum weiss ich jetzt auch nicht so genau, aber anscheinend scheint auch die Hitze daran schuld zu sein, dass so mancher sein Hirn auf Notstrom schaltet. Wie z.B. der Typ, welcher mit seinem alten Passat und dem Hänger voller Dachlatten mit ca. 85km/h auf die Überholspur wechselte, gefühlte 5m vor mir. Während ich mit ca. 130km/h ankam. Was dann kam, fand ich nicht mehr so entspannend. Während ich das Bremspedal relativ uncharmant getreten hatte stellte ich fest, dass das nicht mehr reicht, ohne dass ich nachher ein paar jener Dachlatten im Kühler stecken hatte. Also, dorthin ausweichen, wo der Passat vor ein paar Sekunden noch war und eigentlich immer noch hingehörte. Und jetzt war es endgültig vorbei mit der Ruhe im Q5. Nicht nur ich, auch das ESP hatte alle Hände voll zu tun, damit wir nicht demnächst zu einem Klecks in der Unfallstatistik wurden. Und ab diesem Zeitpunkt wurde mir der Q5 unheimlich. Ich hatte mal kurz das Gefühl, dass das rechte Hinterrad in der Luft war. Und dass mir das ESP mal kurz das Lenkrad ein wenig zu forsch nach links gezwickt hatte. Und das zwei Tonnen einfach zwei Tonnen sind. Das muss man jetzt nicht falsch verstehen, der Q5 war auch unter diesen eher extremen Bedingungen immer noch beherrschbar. Ich jedoch war relativ unbeherrscht, es folgten Worte, die mich vor dem jüngsten Gericht in Erklärungsnot bringen könnten. Einerseits wegen dem Hirnamputierten Vollkoffer im Passat, einerseits aber auch wegen dem für mich einfach zu forschen elektronischen Regelwerk im offensichtlich schwerer als geglaubten Q5.
 
Da war ich dann. Neben dem Passat, hinter dem Auflieger eines 40-Tönners, mit einem leicht erhöhten Puls mit 80km/h. Und zurück in der Realität, dass man sich Physik auch mit allen möglichen Ingenieurtricks einfach nicht abschminken kann. So sehr ich mich in der kurzen Zeit mit dem Q5 angefreundet hatte, so schnell hatte ich mich wieder mit ihm entfreundet. Und es hat mich wieder in meiner Meinung bestätigt, sollte ich jemals den sehr merkwürdigen Gedanken fassen, dass ich mir noch ein SUV anschaffen könnte, dann sollte ich unbedingt eine Probefahrt machen, in welcher ich als allererstes versuche, das Ding umzukippen. Ich hoffe, das wird mich wieder heilen von der Einbildung, ich wohne in der Eigernordwand, habe von Oktober bis Mai Schnee vor der Haustür und heize mit Dachlatten.   
 
Fazit
Abgesehen von der etwas unauffälligen Optik mochte ich den Q5 schon nach ein paar Kilometern. Er war von der ruhigen Sorte, hatte genügend Dampf, ich wusste wie er funktioniert und er stellte mich nicht vor unlösbare Rätsel, das ideale Auto mit dem gelassenen Charakter einer Fuhre Sand. Fast hätte er mich gekriegt. Dass mich ausgerechnet ein uralter Passat von dem Gedanken abgebracht hat, dass so ein SUV ja doch nicht so verkehrt sein könnte, war wohl Ironie des Schicksals. So gesehen muss ich dem Vollhorst im Passat eigentlich dankbar sein, dass er mich und sich selber fast umgebracht hat. Irgendwie endet für mich die Beurteilung von jedem SUV in einem Interessenskonflikt...

Kaufen?
Naja, wer sich ne Hängerkupplung an den Q5 dranpappt, der kann ihn gerade mit dem 3.0er TDI perfekt dazu verwenden, Pferde oder Dachlatten in der Gegend rumzuziehen. Wobei, ne, dafür tut's ja irgendwie auch ein alter Passat, das allerdings mit weniger Stil, Ruhe und Souveränität. Aber eigentlich ist's auch wurscht, der neue Q5 steht ja schon in den Startlöchern, wenn, dann kriegt man den seit 2008 gebauten Q5 demnächst nur noch als Gebrauchten. Und dann vermutlich auch für einen Preis, der einem nicht gleich das Konto in Stück reisst.  Ach verdammt, ich weiss doch auch nicht.
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

1 Kommentare :

  1. Aua.
    Erstmal ein Glück, dass es Dich bei der Ausweichaktion nicht in die Leitplanken gedreht hat. Kaum auszudenken, was hinter der Grenze (auf der guten Seite im Norden ;) ) in der Situation passiert wäre, wenn man zu den 130 noch einmal 50 drauf addiert hätte.

    Aber was Du ansonsten beschreibst, durfte ich auch feststellen, als ich vor ein paar Jahren in einer HauRuck Aktion quer durch die Republik musste, und AVIS mir ein Upgrade auf eine M-Klasse verpasste. "Sie haben eigentlich in der Klasse A6 gebucht, aber wir haben nur einen A4 - ich könnte Ihnen aber auch eine M-Klasse..." (Gewicht afair 2,5to)

    Das Gefährt fuhr sich mit dem ~220PS Dieselaggregat auf der Bahn besser (stabiler), als jeder Opel Vectra - auch wenn am Ende 14l / 100km auf der Uhr standen und für ungläubige Blicke meinerseits an der Tankstelle sorgten.

    Sobald es aber auf der Landstrasse in Kurven ging, konnte er seine Masse nicht verbergen. (da wäre der Vectra wieder besser)
    Ein Ausweichmaneuver hätte ich mit der Schrankwand demzufolge nur sehr ungern gefahren - Assistenzsysteme hin oder her.

    Gruß,
    Enrico

    P.S.: Nenn mich Krümelkacker - aber bei Deinem sonst gewohnt hochklassigen Ausdruck und der prima Grammatik fällt die Nichtverwendung des 2. Falls nach "wegen" negativ auf ;)

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