Volkswagen Touran 1.4 TSI BlueMotion Technology Highline

Vorwort
Schön war es die letzten Wochen bei den Briten. Die Formen, die Farben, die Details, das Chrom, der Geruch nach Benzin und Öl, die Freude am Fahren und die damit verbundenen Emotionen. Das ist jetzt leider alles ein wenig zu Ende, der berufliche Alltag hat mich wieder und damit bin ich auch wieder mittendrin in den Mietwagenangeboten. Jene Autos, welche es allen recht machen sollen. Und dabei so emotional sind wie ein Eimer voll Milch.

Was denn?
Ein Volkswagen Touran 1.4 TSI BlueMotion Technology in Highline Ausstattungslinie. 150 PS und ein 6-Gang Doppelkupplungsgetriebe sorgen für wahrnehmbaren Vortrieb und das ist OK.


Laufleistung
7500 Kilometer.

Wie weit?
ca. 160 Kilometer.

Handbuch gelesen?
Getreu nach dem Motto; kennste einen VW, kennste alle. Also nein.

Erster Eindruck
Aha, noch so eine anzuggraue Kommode aus Wolfsburg. Irgendwie ist der Kontrast zu den letzten Wochen gerade etwas zu krass. Von Rinderfilet zu Milchreis. Von 12 Jahre altem Single Malt Whisky zu lauwarmem Wasser. Oder einfach, von Sean Connery zu Didi Hallervorden. Nein, eigentlich will ich damit nicht irgendwo hinfahren. Am liebsten würde ich mich in der Tiefgarage bei den anderen Mietwagen auf den Boden schmeissen und so lange herumheulen, bis jemand kommt und mir den Schlüssel für ein wenigstens etwas bunteres Auto in die Hand drückt. Aber, ich bin keine 27 mehr, das kauft mir niemand mehr ab. OK...

Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP, Tempomat mit Abstandsradar, Rückfahrfernsehstudio.   

Innenraum
Mich erwartet kein poliertes Alu. Kein lackiertes Stahlblech. Und kein handgeprügeltes und wohlriechendes Leder. Stattdessen finde ich eine unfassbare Menge Rotzplastik, Plastikaluminium und Sitze aus Stoff, wobei der Stoff vermutlich auch aus Plastik ist.


Okay, so schlimm ist das ja alles eigentlich gar nicht. Nüchtern betrachtet erwartet den Fahrer auch im Touran die VW-typische "Voll-OK"-Verarbeitung. Material und Haptik geben keinen Anlass zu Klage, ebensowenig wie es Anlass zum euphorischen Jubeln gibt. Ok, vielleicht ein wenig. Yay, kein Dreizylindersaugerpolo.

Der Sitz kommt ebenfalls aus dem Voll-OK-Gestell, nicht zu hart, nicht zu weich und für einen standardisierten Familienbomber bietet das Gestühl mehr als genug Seitenhalt. Überhaupt nicht OK fand ich allerdings die Mittelarmlehne beziehungsweise das gepolsterte Geldbeutelablagefach. Die ist im Touran nämlich dermassen tief, dass sie als Mittelarmlehne gar nicht zu gebrauchen ist. Wer sich trotzdem darauf abstützen möchte kann nach zwei Stunden Fahrt gleich beim Chiropraktiker einchecken und sich die krumme Wirbelsäule wieder geradeziehen lassen. Wirklich, ich frage mich, wie es solche Dinge in die Serie schaffen. Das muss doch jemandem auffallen...


Nicht zu vergessen sind die zahlreichen Ablagen und Fächer, in welchen die Nachkommenschaft allerlei Krempel verstauen kann, den man dann nie wieder findet. Oder auch sonstige Fahrgäste, welche dann fünf Minuten nachdem man zu Hause die Schuhe ausgezogen hat anrufen und anmerken, dass sie noch ihren Mantel in der Türablage vergessen haben. Und dass dort der letzte Kaugummi drin ist, den Sie unbedingt heute noch brauchen.
Die nicht ganz so billigen Plätze im Fond lassen sich mittels Aufklapptischchen zu etwas verwandeln, was an die Economy-Class  im fliegenden Zeug  erinnert. Nur dass hier niemand vorbeikommt und fragt, ob man denn eine Zwergentüte Cracker haben möchte, welche definitiv zu klein ist um den Hunger zu stillen, aber sicher gross genug um noch mehr Hunger zu verursachen. Alternativ lassen sich die Tischchen auch abgewinkelt so arretieren, dass man ein Tablet so darauf befestigen kann, dass man sich locker einen Game of Thrones Staffelmarathon reinziehen kann, z.B. auf der Strecke von Berlin nach Moskau. Man kann nicht behaupten, dass die Innenraumdesigner bei  Volkswagen nix überlegen.

Etwas ungewohnt aber nicht unangenehm ist das Raumgefühl im Touran. Viel Luft auf alle Seiten und eine eher aufrechtere Sitzposition lassen das Gefühl aufkommen, dass auch längere Fahrten als wenig anstrengend empfunden werden. Auf Langstrecke würde ich trotz der komaverursachenden Optik den Touran einem E-Type vorziehen. Ich hoffe, das ist auch für einen Petrolhead voll OK.

Die ersten Kilometer
Anfahrschwäche, wo warst du nur die letzten Jahre? Ah, hier. Der kleine 1.4er TSI und der grosse Touran sind keine Freunde fürs Leben. Beim Anfahren und vor allem ohne die Unterstützung des Föns liegt auch nur soviel Drehmoment an, wie so ein 1.4L kleiner Reihenvierzylinder halt hat. Und das ist nicht viel. Höchstens viel zu wenig für den grossen Touran. So sehr mich diese Aussage auch schmerzt, aber hier hätte ich lieber einen Diesel mit etwas breiteren Schultern. Einmal in Schwung ist der 1.4er aber voll OK.

Nach 10 Kilometern
Abgesehen davon, dass es der Maschine gerade im Stop and Go-Verkehr einfach an Temperament mangelt, macht der Touran seine Sache als Fortbewegungsmittel wirklich voll OK. Und wenn man nicht gerade das Gaspedal in den Teppich einmassiert, ist es im Innern des Siebenplätzers absolut ruhig. Normalerweise kommt bei mir in jedem Auto irgendwann der Moment, wo ich mich mit allem angefreundet habe und mich ein wenig in den Sitz hineinlümmle, um eine möglichst entspannte Sitzposition einzunehmen. Die viel zu tiefe Mittelarmlehne verhindert dies. Bringt mich jetzt nicht um, damit wäre aber die Sitzposition im modernen Familienbully tatsächlich perfekt. Trotzdem, alles OK.

Multimediaplunder
Des Tourans Stärke liegt nicht in der Kapelle im Innenraum. Das Kopfteil kennt man aus unzähligen anderen Konzernbrüdern, Passat, Tiguan, Golf, Octavia und und und. Und anscheinend gilt das auch für die Lautsprecherbestückung, ich mutmasse einfach, es ist dieselbe wie auch z.B. im Passat. Nur dass hier ein paar Kubikmeter Luft mehr den Innenraum ausfüllen. Und dort hapert's dann mit der Beschallungsleistung, wirklich druckvoll, pegelfest oder mit ordentlichen Fundament wäre anders. Aber andererseits, die Musi spielt im Touran zwar nicht sehr laut, aber das ist eigentlich auch voll OK.  



Die Fahrt
Worin unterscheidet sich die Fahrt in einem Touran z.B. mit der Fahrt in einem Golf? Auf den ersten Blick gar nicht. Auf den zweiten Blick ein ganz klein wenig. Und auf den dritten Blick stellt man fest, dass es völlig wurscht ist. Emotionen kommen im Touran beim Fahren höchsten in homöopathischen Dosen vor. Und woher sollen die auch kommen, der Motor ist mit seinen 150 PS und dem schweren Touran (ausstattungsbereingt ca. 1750kg) gut beschäftigt und hat alle Hände voll zu tun, um für einigermassen Vortrieb zu sorgen. Da bleibt nix übrig für einen kleinen Schub Glückshormonen beim Fahrer. Daran ändert auch das Doppelkupplungsgetriebe leider nix, es sortiert seine sechs Gänge dermassen unbemerkt hoch und wieder runter dass man meinen könnte, das Auto hat eigentlich nichts was an ein Getriebe erinnert. Und so manierlich wie die Schaltvorgänge während der Fahrt von statten gehen, so unfassbar dämlich funktioniert das Getriebe z.B. beim Rangieren und Einparken. Es ist fast unmöglich sich an ein Hindernis heranzutasten, ohne dass man kleine und immer wiederkehrende Adrenalinschübe verpasst kriegt. Anders als ein Wandlerautomat oder auch mein linker Kupplungsfuss dosiert das DSG den Kraftschluss nicht sanft und dosierbar. Ne, BÄM! Kupplung zu, Kraftschluss, plötzlicher Vortrieb, erschreckt wie ein junges Reh auf die Bremse latschen. So tastet man sich mit einem DSG an ein Hindernis beim Parken ran. Super. Jetzt weiss ich, wie sich mein Fahrlehrer damals gefühlt haben muss, als ich die ersten Male mit dem Feingefühl von Chuck Norris rückwärts in eine Parklücke gefahren bin.

Aber, weg vom Parken, zurück zum Fahren. Und fahren tut sich der Touran, wer hätte das gedacht, genauso wie all seine Konzernbrüder, Cousins und Tanten. Nämlich voll OK. Das Fahrwerk ist ausgeglichen, trotz der stattlichen Höhe von der Bude schwankt nix, die Lenkung ist nicht übermässig sportlich, besitzt aber dennoch genug Rückmeldung für zielgenaues Kurvenfahren. Apropos sportlich, dieser Touran besass die adaptive Fahrwerksregelung, welche sich auch im sportlichen Sinne auf Lenkung und Gasannahme auswirkt. Zumindest angeblich. Vielleicht bin ich da auch einfach etwas unsensibel, aber auf der Stellung "Sport" war die einzige Veränderung jene, dass das Getriebe einfach gerne etwas länger auf Drehzahl geblieben ist anstatt in den nächsthöheren Gang zu schalten. Das war's dann auch mit Sport. Aber ja, was soll man meckern, ein Touran ist kein Sportler, er ist ein familientauglicher Siebenplätzer und macht mit viel Anlauf auch seine 200. Und das ist dann wieder auch voll OK. Wer's gerne noch eine Nummer grösser haben möchte...



Ämmm ja...

Fazit
Der Touran konnte mir keine Emotionen entlocken. Ich fand ihn weder lustig noch traurig noch hätte er mich wütend gemacht. Ne, der Touran war einfach OK. Völlig. Er fährt sich wie man es von einem guten Mittelklassewagen erwartet, nur dass er dafür halt noch eine Menge Platz und einige praktische Lösungen mit sich bringt, er ist das perfekte Auto für den Ned Flanders in jedem von uns.

Bei VW nennt man Sortimentsbestandteile einfach "Das Auto". Der Touran ist für mich einfach nur "der Touran" damit wie Bratkartoffeln, jederzeit OK aber haben wir noch trotzdem noch 'was anders da?

Kaufen?
Als Auto macht der Touran nix falsch, also kann man ihn kaufen, man kriegt in jedem Fall ein Auto das folgendes ist: OK.
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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