Aston Martin DB 2/4 Mark III "Scheuni"

Vorwort
1957 war kein schlechtes Jahr. Weniger für mich, ich war ja noch lange nicht da, aber andere waren dafür um so präsenter. NSU brachte den ersten Wankelmotor zum Laufen, ohne dass er sich in all seine Einzelteile zerlegte. Die damalige Sowjetunion hat ihren Sputnik ins All geschossen und damit den Amerikanern ans Bein gepieselt. Österreich sendete erstmal ein regelmässiges Fernsehprogramm, und es bestand nicht aus Endloswiederholungen von "Two and a half men" und "The Big Bang Theory". Und im Pariser Louvre schmeisst ein Depp vor dem Herrn einen Stein auf da Vincis Mona Lisa. Klar, das stetige Feixen der Dame kann einem nach einer gewissen Zeit auf den Sack gehen, aber muss man deswegen gleich mit Steinen schmeissen? Einfach weggehen und Micky Maus lesen hätte auch gereicht.
 
Also, eigentlich ist heute alles wie damals, Wankelmotoren brauchen zwar immer noch Unmengen an Öl, aber sie laufen. Die Russen machen die Amis mit Raketen pampig und Leute schmeissen mit Steinen auf andere. Nur der ORF hat sich unterm Strich weiterentwickelt, wenn auch nicht unbedingt in die richtige Richtung. Und dann hat 1957 aber noch etwas stattgefunden, nämlich der Bau von einem etwas sehr speziellen Engländer.

Was denn?
Ich hab's ja schon angedroht, hier ist er tatsächlich. Der Aston Martin DB 2/4 Mark III aka "Scheuni".
 
 
Das Auto wurde erstmals in Frankreich zugelassen und vor ein paar Jahren aus einer Scheune rausgezogen. Kürzlich erfuhr der DB2/4 eine absolut erstklassige Restauration der Technik und des Innenraums und wie man sieht, die Aussenhaut hat man bis auf ein paar strukturelle Teile unberührt belassen und konserviert. Jeder gewinnorientierte Sammler würde nun im Viereck den Maccarena tanzen, weil dies nach einer halben Restauration aussieht. Ich persönlich würde mich aber schon schwer tun, dieses Auto als "minderwertiger" zu bezeichnen, für sowas braucht es sicherlich mehr Mut, als für eine wirklich halbschwindlige Restauration. Und das Ergebnis spricht für sich.
 
Narben der Zeit
 
Böse Zungen würden behaupten, dies ist der echte schwarze Ritter aus "Die Ritter der Kokosnuss.
 
LaufleistungSeit seiner Restauration ca. 2500 Kilometer.
 


 

Wie weit?
Hier die grosse Ausnahme, ich schreibe sonst ja über nix, dessen Getriebe ich unter Last nicht selber einmal hoch- und wieder runtersortiert habe. In Anbetracht dessen, dass es sich hier um ein wirklich einmaliges Fahrzeug handelt, habe ich freiwillig darauf verzichtet, den Aston zu fahren. Die Fahreindrücke sind also vom Beifahrersitz aus zu verstehen. Und in diesen habe ich mich etwa 20km lang für eine kleine Zeitreise reingelümmelt. Mit Sicherheitsgurten, welche dasselbe Verschlusspatent haben wir einer meiner Gürtel, der nicht im Stande ist meine Hose den ganzen Tag dort zu halten, wo sie hingehört.
 


Handbuch gelesen?
Hab' keins gesehen, hab aber auch irgendwie vergessen zu fragen.

Erster Eindruck
Der erste Eindruck entstand vor ein paar Wochen am British Car Meeting in Mollis. Dort lief ich das erste Mal an "Scheuni" vorbei und dachte mir sowas wie: "Mein Gott, kaum fährt das Ding, wird es bewegt. Man hätte ja wenigsten die Restauration fertigstellen können." Als ich das zweite Mal an dem DB 2/4 vorbeilief, schnappte ich aus dem Augenwinkel die Sitze auf. Halt. Stop. Wer restauriert so ein Auto zuerst innen komplett und dann erst aussen? Ein paar prüfende Blicke später musste ich feststellen, dass dieser augenscheinliche Haufen Schrott ein absolutes Juwel war. Und ich war augenblicklich fasziniert davon. Was für eine Schönheit auf den zweiten Blick!

 
 
Zeigefinger
Für mich: der Besitzer. Ging absolut klar.

Innenraum
Feinstes Leder an den Nieren. Dicke Teppiche an den Füssen. Metall an den Fingern. Noch mehr Leder an den Türen. Samt im Himmel. Bin ich tot?
 




 
Im Gegensatz zu manch anderen alten Eisen die ich die letzten Jahre fahren durfte, versprühte dieser Aston nicht den charismatischen, öligen Duft eines alten Autos. Hier roch es ein wenig nach Möbelhaus, nach Leder, nach Teppichen und vielleicht ein klitzkleinwenig nach Benzin und Öl. Und dies wiederum stand in keinem Gegensatz zu der Verarbeitung, welche hier vorherrschte. Alles war perfekt verarbeitet, passgenau und ohne jeglichen Makel. Um so charmanter kam der Aschenbecher daher, welcher in seinem ursprünglichen Zustand belassen wurde.
 
 
Diese winzige, aber doch wunderschöne Verbindung zu der fast schon etwas morbiden Schönheit der äusseren Erscheinung macht den Innenraum zumindest für mich zum perfektesten Oldtimer, welchen ich je Anfassen und Riechen durfte. Und nein, ich habe nicht an diesem Auto geleckt. Auch wenn ich dies im Nachhinein etwas bereue.
 
Nach 10 Kilometern
Auch hier, das Fahrgefühl stand in einem krassen Gegensatz zu der äusseren Erscheinung. Der Aston fühlte sich auch vom Beifahrersitz straff und solide an. Nix klappert, scheppert und scheuert in diesem Auto. Der Wagen passt wie der sprichwörtliche Handschuh.

Multimediaplunder

Zwei Motorenlautsprecher im Heck sorgen für die akustische Unterhaltung der Insassen in Stereo. Und das nicht zu knapp. Das Auto ist ein wenig wie Spinal Tap, Regler auf Elf und damit sehr laut. Allerdings, das schöne Laut.
 

Car HiFi anno '57
 
Die Fahrt
Wie gesagt, ich kann nur den Eindruck vom Beifahrersitz wiedergeben. Und der ist nicht von schlechten Eltern. Klar, dem DB 2/4 fehlt der Hubraum und damit auch ein wenig der Durchzug und das Temperament eines E-Type. Find ich allerdings überhaupt nicht tragisch, der Aston gibt seine Leistung dosiert ab und glänzt vielmehr durch sein präsentes Reihensechserstakkato, welches dem 2.9 Liter grossen Monstrum im Bug entweicht.


 
Die Lenkung ist gemäss dem Fahrer für diese Autos wohl auch typisch etwas gewöhnungsbedürftig. Soll heissen, um die Mittellage passiert nicht viel und eine gewisse Grundwachsamkeit und entsprechende Korrekturen an der Fahrtrichtung sind in gewisser Regelmässigkeit nötig, damit man nicht irgendwann eine Kuh auf der Haube hat. Die Schaltung ist ab dem 2. Gang synchronisiert und damit auch tauglich für jeden, welcher die letzten 10 Jahre einen Führerschein in einem Golf gemacht hat. Wer es schafft, mit "Scheuni" auf der Strasse zu bleiben, wird belohnt. Mit dem Spass den es machen kann, eine solch alte Maschinerie in Bewegung zu versetzen. Und mit dem Spass den es macht, Leute in den Rückspiegeln zu betrachten, welche sich staunend nach dem alten Aston Martin umdrehen. Übrigens, DEM Aston Martin, den James Bond in den Büchern Ian Flemmings gefahren hat, im Gegensatz zu dem nicht minder schönen DB5 aus den Filmen. Den Roger Moore als Bond nie fahren durfte. Ätschibätsch.
 

Ich bereue es nicht, dass ich den Aston nicht selber fahren durfte. Im Gegenteil. Ich durfte für ca. zwei Stunden mit dieser aus einer Scheune gezupften morbiden Schönheit und meiner Kamera verbringen, ganz alleine. Und dabei durfte ich all die unzähligen Details und Perspektiven ausloten, welche so ein Haufen verlebtes Blech zu bieten hat. Das war nicht minder beeindruckend wie eine Fahrt selber. Im Gegenteil. Alleine der Sound, den die Türen beim Zuschlagen machen verspricht, dass hier keine halben Sachen gemacht wurden und ein Paradebeispiel der Handwerkskunst in meine Augen sticht.  
 
 


 
Ich mag Speichenräder einfach. Gewisse Baujahre funktionieren nur damit.
Der Schlüssel zur Extrovertiertheit
 
Wie angefressen darf ein Aston Martin sein?
 
Patina in seiner schönsten Form
 
Es mag Aston Martins geben, welche jedem Fan das Wasser in die Augen treiben. DB5, 7, 9 etc.. Sie sind zeitlos schön, makellos, vollendet britisch und oft auch ziemlich schnell. Auf diesen DB 2/4 Mark III trifft das alles nicht zu, abgesehen von der britischen Herkunft. Er ist weder der schönste, noch makellos noch der schnellste. Und trotzdem, zumindest für mich ist dieser der begehrenswerteste von allen. Er hat unglaublich viel Seele und auf den zweiten Blick fliesst in ihm auch jenes Herzblut und der Schweiss, welche seine Erbauer in ihn reingepumpt haben. Damit wird er zu sowas wie einem einzigartigen Kunstwerk und ich hoffe inständig, dass nicht irgendwann auch so ein Idiot auf die Idee kommt, mit Steinen nach ihm zu schmeissen, wäre wirklich schade um das umfangreiche Handwerk.
 
Fazit
Kurz und knapp; Es war mir eine Ehre. Absolutes Highlight für einen Benzinschnüffler wie mich.


Kaufen?
Leider nein. Dieses Auto kriegt man so nicht beim Händler um die Ecke. Und wer sich einen DB 2/4 Mark III im Look eines Scheunenfunds selber bauen möchte wird damit leben müssen, dass er nur eine Kopie dieses absolut einzigartigen Aston Martins haben wird. Perfekt restaurierte Exemplare mit makelloser Aussenhaut sind sicherlich einige zu finden. Aber damit hat man dann immer noch "nur" einen Aston Martin, wie ihn viele andere auch besitzen. Sorry, aber dieses Auto gibt's wirklich nur einmal. Kaufen ist nur dann, wenn sich der jetzige Besitzer davon trennen möchte. Und das möchte er definitiv nicht. Verständlich.
 
Vielen Dank an den Besitzer! Und ja, ich bin etwas neidisch.

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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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