Volvo XC60 D3 Kinetic

Vorwort
Das umgangssprachliche Wort "Schwedenpanzer" ist ja nicht mehr aus dem heutigen Benzingespräch wegzudenken und steht meist für einen Volvo, welcher die Karrosseriefestigkeit von eben einem Panzer zu haben scheint. Mittels Stahl hat man damals die Crashsicherheit erhöht, zumindest für diejenigen, die in dem Volvo sassen, weniger für diejenigen, welche in einem Fiat sassen. Ist aber heute nicht mehr so, das ist (zum Glück) überholtes ein Relikt aus der Zeit der 240er Volvos, welche schon optisch daherkamen wie ein Amboss auf Rädern. Ich erinnere mich gerne an den 240er Turbo, den mein Patenonkel damals hatte. Der war schnell, hatte eine Ladedruckanzeige und rote Nähte im Lenkrad. Und Stossstangen wie Eisenbahnschwellen. Und den nervigsten Gurtwarner aller Zeiten. Alter Schwede!
 
Was denn?
Ein Volvo XC60 D3 Kinetic, 6-Gang Handschalter, entgegen der SUV-Optik Frontantrieb mit 150 Diesel-PS und 350Nm ab 1500 Umdrehungen.






Laufleistung
ca. 8000 Kilometerlein.
 
Wie weit?
ca. 160km.

Handbuch gelesen?
Nope.

Erster Eindruck
Unverkennbar ein Volvo. Etwas grob kommt er daher mit seinen breiten Schultern in der aufsteigenden Seitenlinie. Schön? Naja, Volvo halt, wenn man's mag? Ich find das Design etwas geschmacksneutral.
 
Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP, Ende Gelände. Das Auto war minimalst ausgestattet, auf der Aufpreisliste würden sich aber noch eine Menge Assis ankreuzen lassen.

Innenraum
Kühl, aber nicht unbehaglich.


Man mag in Schweden offensichtlich keine barock geschwungenen Linien und Stuck, im XC60 findet man eher die gerade gezeichneten Elemente und Symmetrie. Gut für jene, die gerne Ordnung haben und auf kühles Design stehen, schlecht für die anderen, die gerne mal ein paar Emotionen im Innenraum haben möchten. Dafür ist das Raumgefühl in der vorderen Reihe klasse, keine bedrückende Enge und die SUV-typisch hohe Sitzposition vermittelt eine tolle Aussicht auf den Verkehr. Geländewagenfeeling kommt aber keins auf.
 

Wer das erste mal in einem Volvo sitzt muss sich erst mal ein wenig orientieren, denn vieles erschliesst sich nicht auf den ersten Blick. Z.B. das Ablagefach hinter der abgesetzten Mittelkonsole. Dort lässt sich tiptop ein Handy verstauen und im Sinne der Sicherheit ist es auch ausser Reichweite des Fahrers, sollte mal eine lebenswichtige SMS reinkommen. Oder der allwöchentliche IKEA-Newsletter; "Nur diese Woche, zwölf Kilo Lachs zu jedem Billyregal!" . Weniger gut kommen die Schalter und Knöpfe für Tempomat und Kapelle am Lenkrad daher, sie erscheinen zwar für die Ewigkeit gebaut, sind aber etwas unwillig in der Annahme von Befehlen.


Die mit irgendeinem undefinierbaren, aber angenehmen Textilzeug bezogenen Sitze sind OK, keine Offenbarung aber auch keine Katastrophe.

Die ersten Kilometer
Ahja, endlich mal wieder ein Schwede. Aber man merkt schon auf den ersten Metern im Parkhaus, das Panzergefühl ist noch da. Fast 1900kg Leergewicht sei Dank. Das Schaltgetriebe passt nicht so ganz zu dem Koffer, eine feine Automatik wäre die bessere Wahl. Und ein etwas kräftigerer Motor wäre auch nett. Alternativ dazu, weniger Speck auf der schwedischen Hüfte.
 
Nach 10 Kilometern
Ui. Also Dynamik ist nicht das Metier des XC60. Der Diesel lebt vom Drehmoment, stirbt aber an der mangelnden Drehfreude. Das straffe Fahrwerk kaschiert zwar bis zu einem gewissen Punkt das hohe Gewicht, reduziert aber den Restkomfort auf das notwendige Minimum. Erinnert entfernt an den X3, welcher auch etwas arg polternd über Gullideckel und tiefgefrorene Frettchen rollt.

Multimediaplunder
Ich erinnere mich an einen Autosalon in Genf vor ein paar Jahren, wo Volvo in einem kleinen Raum die Soundanlage eines V70 installiert hatte. Und wow, das ist mir geblieben, das klang dort besser als so manches Homecinema bei Mediabazar. Daher waren meine Erwartungen hoch, vermutlich etwas zu hoch.



Die Bedienung von Musik und Navi über das Drehrad oben rechts und den zwei OK/nix-ist-OK-Tasten lässt sich mit einem Wort beschreiben; Wut? Da komm ich nicht ganz mit, zumindest nicht von Anfang an. So ganz logisch ist das alles nicht gelöst und schon gar nicht blind während der Fahrt zu bedienen, dafür ist der Kram zu weit vom Fahrer weg platziert. Dafür aber ist der Nicht-Tatsch-Bildschirm gut ablesbar und in Kombination mit dem digitalen Kombiinstrument weiss man wenigsten immer, was grad Sache ist.
 

Tontechnisch ist das alles extrem basslastig und meine erste Vermutung, dass derjenige, welcher den Schlitten vor mir hatte, hätte die Bässe aus Prinzip auf Anschlag rechts gestellt, hat sich nicht bewahrheitet. Keine Ahnung was das soll, aber wenn man die Bässe im Equalizer und im Bass/Treble Menü nach ganz rechts dreht, versumpft der Innenraum des Volvos in einer Orgie aus Bass. Klingt, wie wenn man sich im hippsten Club der Stadt an den grössten Woofer im Raum kuschelt. Ne, so wird das nix, auch nicht mit Abbas "Dancing Queen" und Ace of Bace's "All that she wants".
 
Die Fahrt
Gemäss den Ärzten ist Schweden das schönste Land der Welt. Kann man vom XC60 nicht unbedingt behaupten, zumindest nicht dann, wenn man Spass haben möchte. Weil Spass, ne, das findet sich auch in der Aufpreisliste von Volvo nirgends. Der mitteldicke XC macht seinen Job ordentlich, gewissenhaft und streng nach Protokoll, kein Scherz, kein Witz, nicht mal ein doofes Kichern entlockt mir der breit geschulterte schwarze XC60. Der XC produziert keine LOLs.


Der leise schnatternde Diesel hilft da auch kein bisschen und ich bin mir bis heute nicht sicher, ob die "Performance"-Einstellung im Digitaltacho kühler nordischer Ernst oder ein eiskalter Scherz sein soll, den ich einfach nicht verstehe.
 

Ein rot unterlegter Drehzahlmesser, welcher bei 5 aufhört? Oder ist das etwa schwedischer Sarkasmus? Ist ja auch egal, auf jeden Fall müht sich die Fuhre mehr schlecht als recht ab wenn es darum geht, ein sportliches Fahrgefühl aufkommen zu lassen. Ebenfalls keine Hilfe, die straffe Federung, welche eher das Gefühl von einem schweren Kombi vermittelt. Aber OK, das ist einfach zu akzeptieren, auf seinen 17"ern kommt er ja auch nicht wie ein Krawalleimer daher. Ich finde mich damit ab, lege den sechsten Gang ein, schalte den Tempomaten über die etwas sehr knusprige Taste am Lenkrad ein und lasse den Schweden über die Autobahn hoppeln. So weit so gut.
 
Weniger gut wird es dann beim Zirkeln in einer wirklich sehr wirtschaftlich gebauten Tiefgarage. Dort kriege ich nämlich sofort Streit mit der pampigen Lenkung. Die Servounterstützung scheint mir etwas sehr demotiviert und das macht das Zirkeln um Randsteine und Poller nicht gerade angenehm, man hat immer schön den Selbstbehalt bei einem Schaden im Hinterkopf. Ja, ich weiss, in der Fahrschule hat man gelernt, dass man beide Hände zum Lenken benutzen soll und dass man auch den Kopf drehen kann, man hat ihn schliesslich nicht nur zum Brot fressen (O-Zitat von meinen Fahrlehrer). Aber gerade bei einem solch schweren Gerät sollte die Lenkung doch etwas mehr Unterstützung bieten. Ah, Moment, diese Form des unter die Arme-Greifens findet sich in der Aufpreisliste. Volvo, echt jetzt? Ihr wollt Kohle dafür, dass sich der Schrank mit einer Hand parken lässt? Ich benutze meinen Kopf mal kurz zum schütteln...
 

Beim Parken an und für sich ist man dann auch auf Assistenz angewiesen, das können z.B. eine Rückfahrkamera und Piepsarmada sein, ein hysterisch herumfuchtelnder Beifahrer oder einfach nur die Aussenspiegel. Das Drehen des Kopfes nach hinten hilft nicht viel, da man dabei hauptsächlich die Rücksitze sieht. Und mal schnell ein Brot fressen während dem Parken is' dann trotzdem nicht, weil man ja beide Hände zum Kurbeln am Lenkrad braucht. Fazit: mein Fahrlehrer hatte wie immer Recht und der XC60 ist auch zum Parken kein Spass.
 
Etwas enttäuscht stellte ich dann den XC60 wieder zurück zum Vermieter. Die anfängliche Freude ist mir die Tage in seiner Gesellschaft vergangen, bietet das Auto doch sehr wenig bis gar keine Emotionen und hat einen etwas sehr groben Charakter für meinen Anspruch an einen Langstreckenbomber. Aber immerhin, damit bleibt er dem Klischee der Schweden treu. Zum Lachen geht man dort anscheinend in die Kellersauna.
 
Fazit
Der XC60 macht Vieles richtig und eigentlich nur wenig so richtig falsch. Er tut das, was ein Auto tun soll, fährt von A nach B und wieder zurück nach A. Und das tut er halt eben mit seiner nordischen Kühle. Wer die Lenkung zu schwergängig empfindet springt nach dem Saunieren auch nicht in den kalten Schnee und wälzt sich darin. So gesehen ist der XC60 kein Auto für komfortverwöhnte Weicheier, sondern verlangt noch etwas mehr gute alte Handarbeit und Toleranz in der Wirbelsäule. Wer gerne mal im Winter an einem Sonntagnachmittag bei Schneefall und minus 20°C das Feuerholz für die nächsten zwei Monate mit einer stumpfen Axt aus einem Wald rausprügelt, der findet den XC60 spitze. Wer nicht, der kann dem XC mittels zahlreicher Checkboxen auf der Zubehörliste einige Kanten und Ecken abfeilen. Mit ner stumpfen Axt Marke "Penunz".  
 
Kaufen?
Ich bin mir nicht ganz sicher wieso und wer? Allrad hat der D3 nicht. Sportlich ist er nicht. So richtig komfortabel ist er auch nicht. Emotionen bietet er keine. Dafür ist er aber sicher bzw. lässt sich zur uneinnehmbaren Burg hochkonfigurieren. Er hat ordentliche Platzverhältnisse und bietet ein gutes Innenraumgefühl. Und er ist halt auch kein VW Tiguan, sondern ein kühles Nordlicht mit einem eigenständigen Design. Wie schon anfangs bemerkt, muss man alles mögen. Was ich nicht so mag ist die Aufpreispolitik. Vieles, was das eine oder andere Manko am XC60 wegbügelt kostet Penunzen. Sogar eine schlichte Kindersicherung kostet was. Und auch beim dicksten T6 will man für Parkpiepser vorne und hinten noch Bares sehen. Und damit wird ein für meine Bedürfnisse ausgestatteter XC60 dermassen teuer, dass ich mir dafür lebenslang Smørrebrød zum Frühstück leisten könnte.


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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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