Ford Expedition 3.5 V6T Ecoboost

Vorwort
Ein Snickers soll gegen miese Laune helfen. Ausser es hat 30° und dieser Schokoriegel mit dicken Nüssen ist kaum zu essen, weil das Ding gerade mit seiner Verpackung fusioniert. Das gibt dann noch schlechtere Laune. Die gibt es auch, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden. Wenn man enttäuscht wird. Das kann einem eine ganze Woche versauen. So passiert, als ich vor ein paar Wochen zuerst am Mietwagenschalter ein gutes Beispiel an ausserordentlichem Kundenservice erfahren durfte, aber dann im Mietwagenparkhaus am liebsten den Tatbestand der Brandstiftung erfüllt hätte. Der letzte V8 fuhr gerade vor unserer Nase weg. Übrig blieb für uns nur dieser dämliche Schrank. Scheissndreck!
 
Was denn?
Ein Ford Expedition mit einem... mir stellt's grad die Nackenhaare auf... 3.5 Liter grossen Turbo Ecoboost. V6. 365 PS und ca. 560 Nm, alles auf die Hinterachse.



Da kommt man in die USA, bucht extra noch einen völlig überdimensionierten Fullsize SUV in der Hoffnung, das da sowieso ein V8 drin hocken muss und dann stellen die sowas hin. Ich verkünde offiziell, Downsizing ist doof. Ich geh ja auch nicht in ein Steakhouse und frage nach Cesar Salad all you can eat?
 
Laufleistung
75 jungfräuliche Meilen, der Eimer kam direkt vom Händler und hatte noch den ganzen Innenraum voll mit Schonklebern, Warnschildern und er roch nach einer Mischung aus Unfallklinik, Lederparfüm und Pfeifentabak.
 
Wie weit?
ca. 1000 Meilen.

Handbuch gelesen?
 
 
Erster Eindruck
Oh mein Gott. Ich hasse dich. Stattliche 2600kg schwer, 5.20m lang, 1.96m hoch und inkl. Seitenspiegel 2.33m breit. Designtechnisch hat der Expedition so gar nix zu bieten, er ist einfach nur ein Riesentopf, fertig, aus. Leckt mich Leute, ich geh' nach Hause.
 
Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP, Rückfahrkamera und jede Menge Bimmeln, welche auf irgendwelches Unwohlsein des Fahrzeugs hinweisen. Und dem Ford war so gar nicht wohl in unserer gemeinsamen Zeit.

Innenraum
Es wird immer hoffnungsloser mit mir und dem Expedition. Erstmal das Gute, der Innenraum hat was von einer Kathedrale, und ich meine, dass bei Unterhaltungen sogar ein Echo von der Heckscheibe zu hören war. Und, auch das Gestühl in der Estrade war bei längeren Fahrten in der der brüllenden Hitze sehr angenehm, weil belüftet. 
 
inkl. kaltem Popofön
 
Das wars dann aber auch schon mit den guten Dingen zum Innenraum. Ich kann mich nur an ein einziges Auto erinnern, welches von der Materialanmutung dermassen lausig war wie die Church of Expedition, und das war der Tupperwareseat. Ohne zu übertreiben, aber sogar mein Staubsauger fühlt sich kuschliger an, als alles was in diesem Ford verbaut war. Härtestes Hartplastik, vermutlich sogar noch speziell gehärtet und kugelsicher bis 9mm. Mein Gott, wie scheppert und knarzt das bloss in diesem Auto, wenn der Kasten mal ein paar Meilen auf der Welle hat. Und bis dahin wird sich der Innenraum anfühlen, wie ein Pool voller Spielbälle. Aber statt mit Bällen ist das Becken gefüllt mit Elektroschrott und Plastikbesteck.
 
 
Und dann halt auch wieder etwas, was mir im letzten Focus schon aufgefallen ist. Der Ford ist innen in allen möglichen und unmöglichen Farben illuminiert, bei Nacht sieht der Innenraum aus wie die Skyline von Miami. Bunt. Quietschig. Zum Davonlaufen. Man merkt, ich mag den Expedition nicht?
 
Die ersten Kilometer
Man muss sich ja manchmal das Leben etwas schönreden, damit man nicht gleich anfängt, in irgendetwas rein zu treten. Auf den ersten Kilometern dachte ich mir, könnte doch alles viel schlimmer sein.


Die Sonne scheint, es ist warm, überall stehen Palmen anstelle von Blitzkästen und mich muss wenigstens keinen Prius fahren. Das Leben ist ja eigentlich ganz OK.  
 
Nach 10 Kilometern
OK, der Prius war nur ein schwacher und vor allem zeitlich begrenzter Trost. Meine diabolische Schadenfreude konnte nicht lange darüber hinwegtäuschen, dass der Expedition eine Laufkultur wie ein LKW hat. Auf's Gas rauf und dann kommt nix, nix, nix, der Wandler aus flüssigem Valium schaltet einen, vielleicht auch zwei Gänge runter, dann wieder lange nix, Ladedruckaufbau, Wump! und wir kriegen hier alle ein Schleudertrauma. Was habe ich mir einen saugenden V8 gewünscht. Ehrlich, ich hätte sogar gegen den getauscht.


Selbe Bodenfreiheit, auch nur den V6, aber immerhin Sauger.

Multimediaplunder
Willkommen der Church of Expedition, wo Multimedia ganz gross geschrieben wird. Mit Internetz, Apps, Touchscreen, Wischgesten und einigermassen intuitivem Bedienkonzept. Trotzdem, die Zusammenarbeit zwischen dem Ford Sync System und meinem geliebten iPod lief nicht so toll, um nicht zu sagen, Sync war da oft gar nichts. Mal kannten sich die beiden, dann wollten sie wieder nichts voneinander wissen. Dasselbe mit meinem Handy, alles was per USB an das System angedockt wurde, ging mal, dann ging's wieder nicht. Und wenn's nicht ging, dann war Radio angesagt.


Klangtechnisch war das aber alles dem riesigen Innenraum würdig. Bass ohne Ende und eine absurde Pegelfestigkeit. Klang ganz nett, auch wenn das mit Sonylautsprechern bestückte System etwas Feinheiten vermissen liess. Aber für den meisten Krempel auf meinen MP3 Playern war's ok, sofern denn eben mal Musik abgespielt wurde und wir beim losfahren nicht von dem stoischen UKW-Rauschen begrüsst wurden.
 
Die Fahrt
1000 Meilen in einem Auto, welches man schon gehasst hat, bevor man auch nur einen Meter damit gefahren ist. Auch ich bin nicht frei von Vorurteilen, vor allem, wenn mir die Enttäuschung auch noch tagelang Recht gibt. Ich hatte wirklich schon bessere Roadtrips durch die USA. Aber, da musste ich durch, es wird gegessen was auf den Tisch kommt.

Grundsätzlich ist der Expedition ja kein schlechter Reisebegleiter. Voraussetzung ist, die Wandlerautomatik hat sich für einen der sechs Gänge entschieden und der Tempomat macht sein Ding. Dann gleitet die Fuhre flüsterleise über die Betonpisten, federt auch Roadkill gut ab und die wirklich sehr potente Klimaanlage hält die Achselhöhlen trocken. Und man glaubt es kaum, zumindest auf amerikanischen Strassen kann man dieses Fullsize SUV sogar als wendig bezeichnen. U-Turns mit nur zwei Fahrspuren Platz gehen unter einem Zug (Wendekreis von 12.5m). Das ist auch gut so, denn Gott sei gnädig, wenn man die Fahrstufen wechseln sollte um zurückzusetzen, das verlangte nach der Geduld aller Beteiligten.

Wo der Expedition für mich so gar nicht funzt, ist im Stadtverkehr. Das geht schon los beim Anfahren, der aufgeladene V6 besitzt einfach keine Manieren wenn es darum geht, seine durchaus üppige Leistung zur Entfaltung zu bringen. Mal kurz in eine Lücke reinmogeln? Geht nur mit entsprechender Vorlaufzeit, am besten gleich mal in den Kalender reinschauen. Schnell mal links über eine Kreuzung abbiegen um das Rotlicht doch nicht zu erwischen? Endet dank Turbohammer in einem 180° Spin mit Beanspruchung von allen drei Fahrbahnen. Wer macht denn auch die Traktionskontrolle aus *hust. Das geht alles einfach viel zu lange, bis sich die Technik nach dem Tritt aufs Gas mal sortiert hat, ist der Spuk auch schon wieder zu Ende.  

Geholfen hat uns dann die Möglichkeit, einen Drehzahlmesser in das Mäusekino hinter dem Lenkrad einzublenden. Damit wussten wir immerhin, was die Maschine grade macht, denn zu hören war von dem V6 idR fast gar nichts.


Allerdings, ich fühlte mich beim Blick auf diesen Tacho etwas in jene Zeit zurückversetzt, als ich als Rotzlöffel an meinem Amiga 500 meine Rennfahrerkarriere plante.


Das Display bot in etwa dieselbe Auflösung und Grafikleistung wie jenes Computerspiel, von dem ich mal eine Nacht lang erfolglos und verzweifelt versucht habe versucht habe, die defekte Floppydisk zu reparieren.

Überhaupt, man müsste ja meinen, dass so ein fabrikneues Mietfahrzeug so zuverlässig funktionieren sollte, wie ein Schweizer Taschenmesser. War wohl auch nix, das Mäusekino blökte immer wieder mal, dass die Bremse vorne links ersetzt werden sollte. Oder mitten im Verkehr hupte uns die Parkdistanzkontrolle an. Und auch sonst gongte und bimmelte es immer wieder mal aus dem Armaturenbrett raus, wir wussten bis zum Schluss nicht, was uns der Ford damit mitteilen wollte und wo ihm denn nun der Schuh drückte. Apropos Schuh, Bereifung 255/50 R22 rundum. Die breiten Schluffen konnten aber auch nicht verhindern, dass wir versucht haben, den Schrank zu schurbeln aka burnouten. Kurz; geht. Man muss einfach den Ladedruckaufbau abwarten. Bis das passiert, kann man sich im Fond eine Zeltstatt für zwölf Personen aufbauen, über 3000L Kofferraumvolumen sei Dank. Das konnte der Tahoe wesentlich besser, auch wenn der Burnout als Kriterium an ein SUV mit den Ausmassen einer Kirche vermutlich zu vernachlässigen wäre. 

Überhaupt, trotzdem, dass der Ford fahrwerkstechnisch wesentlich sanfter und vor allem an der Hinterachse nicht so polterig abgestimmt war, wünschte ich mir den Tahoe jeden verdammten Tag wieder zurück. Ach ja, die Lenkung im Pford ist auch ganz fest doof, exzentrisches Rangieren führt nämlich schnell mal zu spontanen Schweissausbrüchen. Nicht weil man ohne Kameras und Piepser ohne Fernglas sowieso nichts sieht und am Tag wie in der Nacht nur im Instrumentenflug parken kann, sondern weil die Lenkung einfach zu schwergängig ist für jemanden wie mich, der in einem Alter ist, in welchem man bereits Besitzer einer guten und einer schlechten Schulter ist. Aber selber schuld, hätte ich die Klimaanlage die ersten Tage nicht gleich auf sibirischen Hagelsturm gestellt wäre der linke Arm auch expeditionstauglich gewesen.  

Kurz; der Expedition ist ein Spassbremse der ganz üblen Sorte. Wenn sie da jetzt noch einen Elektromotor dranpappen, dann kriegt er von mir wirklich diesen Preis;



Herzliche Gratulation schon mal vorab.
 
Fazit
Völliger Dreck. Der aufgeladene V6 in Verbindung mit der trägen Valiummatik passt in keinster Weise zu diesem Fischcrawler mit Plastikkajüte, das Gaspedal scheint keinerlei Kompetenzen zu besitzen und Befehle von diesem werden nur widerwillig und mit zu viel Verzögerung umgesetzt. Umso grotesker, dass wenn denn mal ein Gang drin und Ladedruck vorhanden ist, der Expedition abgeht wie Schmitz' Katze. Einfach, alte Katze. Der Innenraum schreit geradezu, wir wollen dich hier nicht haben, dämlicher Passagier. Nimm den Bus! Und eben, der Motor und das Getriebe haben dieselbe Willkommenspolitik, der Fahrer scheint einfach nur lästig zu sein.


Nein, ich mochte den Expedition schon vor der Fahrt nicht, er mochte mich währenddessen nicht und ich mag ihn jetzt noch viel weniger. Hoffentlich wird der Koffer bald mal abgekündigt oder noch besser, wie die Süssgetränke in gewissen Staaten, verboten weil gesundheitsgefährdend.  Ach ja, auch wenn's sonst hier kein Thema ist, aber sparsamer als der V8 im Tahoe war er grad auch nicht. So, dir hab ich's jetzt gegeben, dussliger Expedition.
 
Kaufen?
Niemals! Vorher werde ich Frutarier und esse nur noch freihändig Fallobst.

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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

1 Kommentare :

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