BMW Alpina B3

Vorwort
Wer möchte das nicht mal erleben, da steht jemand abends vor der Wohnungstür und wedelt mit dem Schlüssel von einem Getriebebestrafungsgerät. Mir tatsächlich passiert, kurz bevor ich mich in meiner Sporthose vor dem Fernseher aus lauter Resignation über das Fernsehprogramm einem Mädchenfilm hingegeben hätte. Bah, das Leben ist nicht immer doof, ungerecht und fies. Ne, manchmal ist es wirklich schön und es kommt Die Hard oder Phantom Kommando.
 
Was denn?
Ein BMW Alpina B3, gefönter Reihensechser aus dem 335i als Basis für 410 schnaubende Hottehühs und 600Nm. Ein Pampersbomber mit der Betonung auf Bomber.




Laufleistung
27'400 Kilometer, als grad mal gut eingefahren.
 
Wie weit?
ca. 50km, der Namensgebung des Autos angemessen durch alpine Serpentinen und Schweizer Vorzeigekäffer.

Handbuch gelesen?
Ne, keine Zeit. Musste fahren.

Erster Eindruck
Dezenter als ein M. Unauffälliger als ein AMG. Schnieker Kombi.   
 
Zeigefinger (Assistenzsysteme)
Alle waren sie da, ABS, ESP, Spurassistent, Abstandsradar, Bremsassistent. Und sie alle wurden mit einem Knopfdruck in die Ecke gestellt. Dort konnten sie sich schämen. Oder auch ne Party feiern, war mir egal, Hauptsache es war Ruhe im Assistentenstockwerk.

Innenraum
In der Fahrzeugklasse der Mittelklassekombis findet man heutzutage schon fast alles, was die Rohstoffindustrie hergibt. Leder, Glas, Alu, Holz, Rotzplastik, Nähte in allen Farben und manchmal auch geflochtenes Einhornhaar. In diesem Alpina war die Materialauswahl dezent, schwarzes Schmuseleder, ein wenig totes, kaltes Alu, eine minzfarbene Ledernaht und leider auch Rotzplastik, jedoch in vertretbaren Mengen unterhalb meiner persönlichen Schmerzgrenze.


Das Cockpit spricht die BMW-typische Sprache der aktuellen Modelljahre, die Bedienelemente sind fahrerorientiert plaziert, schlüssig angeordnet und geben keine grossen Rätsel auf. Für die Eigenständigkeit des Alpina sorgen ein paar dezente Firmenlogos auf Lenkrad und Sitzen.


Der automobile Informationsfluss findet in den gut ablesbaren Rundinstrumenten hinter dem Lenkrad, dem schicken und hochauflösenden Display auf dem Armaturenträger und bei einem flotten Auto wie diesen sehr sinnvoll, mittels Projektion in der Frontscheibe statt. Vom Fahrersitz hat man also immer alles in seinem Blickfeld. Und sitzen tut man im B3 wirklich gut, straff und eins mit dem Fahrzeug. Nicht wie in meinem Alltagsbenz, dessen Sitze soviel Sportpotential haben wie Rainer Calmund. 

 

Die Sitze in den meisten BMW's gehören zu meinen absoluten Lieblingsstühlen der Branche. Natürlich mit elektrischem Hexenwerk versehen, lässt sich das bequeme Sesselwerk perfekt an den sportresistenten Körper einstellen. Entgegen dem ersten Eindruck von der Optik; diese Sitze entsprechen meiner Meinung nach am ehesten einem Sportsitz, welcher auf der Rennstrecke wie auch im Alltag den besten aller Kompromisse bietet. In Verbindung mit dem in Höhe und Nähe verstellbaren Lenkrad ergibt sich damit ein perfektes Homeoffice für den Hobbyrennfahrer.
 
Die ersten Kilometer
War was? Fährt sich auf den ersten Metern wie ein normaler Dreier. Wenn die Elektronik nicht gerade auf Krawall gebürstet ist, gleitet der B3 sanft und leise über den Asphalt, schaltet unmerklich durch die acht Gänge und schluckt auch üble Strassen souverän weg. Kein Gepolter, keine übertriebene sportliche Härte welche die Bandscheiben auf dem letzten Loch pfeifen lässt. Lediglich die etwas straffere Lenkung lässt vermuten, dass hier ein potenter Familiensportler lauert.


 
Nach 10 Kilometern
Holy Shit! Auf Sport+ kommt der wahre kleine Drecksack im Alpina zum Vorschein. Schluss mit Understatement, die offenen Auspuffklappen machen keinen Hehl mehr draus, hier werden drei Liter Hubraum mit ordentlich Druck durchgef...önt und das automatisierte Getriebe lässt meine alltagskomfortverwöhnte Nackenmuskulatur an seinen acht blanken Metallärschen lecken. Das Headupdisplay spuckt Zahlen in mein Blickfeld, die nichts Gutes für meine Strafzettelstatistik vermuten lassen und erinnern mich daran, dass ich die letzten drei Wochen meine Statistik für dieses Jahr ja schon komplett ruiniert habe. Und es ist erst Juli. Verdammt!



Multimediaplunder
Das Harman Kardon System hab ich mir kurz angehört. Das alles klingt der Fahrzeugklasse angemessen, mir jedoch fehlen ein wenig die abgrundtiefen Bässe, welche das System vom selben Hersteller in meinem Benz etwas präsenter wiedergibt. Das tue ich aber unter Geschmackssache ab.
 
 
Die Bedienung des BMW-Systems verlangt Eingewöhnungszeit. Mir fehlt da ein wenig die Schlüssigkeit innnerhalb der komplexen Menüs in Verbindung mit einem Dreh-Touchcontroller und ein paar zusätzlichen Funktionstasten. Aber auch daran würde ich mich gewöhnen, der Alpina macht meinen ersten Frust mit der Multimediazentrale dann wieder wett, wenn er das tut, für was er primär im Allgäu entwickelt wurde. Nämlich für...
 
Die Fahrt
Die Alpinas haben bei mir einen grossen Sympathiepunkt. Sie sind einfach nicht solche hart abgestimmten Schlaglochsuchgeräte wie die Mitbewerber der M GmbH. Was nützen mir die zehn Sekunden auf der Nordschleife, wenn ich dafür von jedem Gullideckel den Hersteller inkl. Baujahr beim Überfahren derselben durch den Hintern via Wirbelsäule in die Zähne gemorst bekomme. Der Alpina ist schnell, ohne Zweifel, aber er ist nicht so kompromisslos hart abgestimmt um wirklich auch das letzte aus dem Chassis zu holen. Und es mag in der Branche das Klischee kursieren, der Alpina ist der M für die Kuschelfraktion. Sorry, aber dieses Klischee ist Bullshit.


Erstmal, die Leistung in Verbindung mit der vorhandenen Traktion ist für mich perfekt. Der Alpina zickt nicht unvermittelt rum, sondern kündigt sich spürbar durch die sportlich präzise Lenkung und durch die strammen Sitze an meinen Nieren an; Freundchen, jetzt kommst du in die Spasszone, jetzt ist alles nur noch ab 18. Und dabei bleibt die Karosse verschont von üblen Wankbewegungen oder Lastwechselreaktionen, welche mir den Schweiss auf die Stirn treiben würden. Der B3 bleibt auch dabei ein Gentleman, wenn er dem Asphalt mit der Sozialkompetenz eines Barschlägers einen Scheitel zieht. (OMG, ich muss grad feststellen, dieses Auto ist wieder mal eines der Sorte, die ich dem Benz in Nachfolge stellen würde. Weil, da passt bestimmt auch ein Schlagzeug rein.)


Stellt man den Alpina auf Sport+, also Traktionskontrolle und ESP ist mundtot, mutiert er wirklich zu einer Fahrmaschine, ein Fahrerauto par Excellence. Die Bremse greift gut dosierbar bis zu dem Punkt, wo mir die Augäpfel an der Brille kleben. Und dies nicht nur ein oder zweimal, sondern auch mehrmals hintereinander. Ich würde das mal als standfest bezeichnen. Man kann ihn wirklich fliegen lassen, ohne dass man die Zuversicht und die Glaubwürdigkeit der Rückmeldungen aus allen Ecken des Autos in Frage stellen müsste. Auch ohne Helferlein bleibt der B3 ein gut beherrschbares und vor allem ehrliches Fahrzeug, mit dem ich gerne mal 100'000km durchmachen möchte.


Unterstrichen wird das alles noch mit einem Relikt aus meiner Zeit, als ich selber noch aufgeladene Spoilermonster bewegt habe. Geht man im B3 abrupt vom Gas, ertönt eines der schönsten Nebengeräusche aus einem Turbomotor, jenes des Ladedruckregelventils, wenn der überschüssige Druck abgelassen wird. Wie sehr ich dieses Zischen aus dem Motorraum vermisst habe, stelle ich erst jetzt fest, wo es wieder da ist. Dasselbe gilt auch für das Laderpfeifen, welches zumindest bei offenem Seitenfenster gut zu hören ist und darüber informiert, was denn die Schnegge da vorne grade so treibt. Awwww...! 
 

Den vehementen Vortrieb unterstützt ein gut abgestuftes und überraschend zügig schaltendes Getriebe aus der Automatenabteilung. Für mich persönlich das allererste Automatikgetriebe, welches auch im manuellen Modus perfekt funktioniert und sogar Spass macht. Freut mich dich kennenzulernen.



Überhaupt, der Sound des aufgeladenen Reihensechser, den ich in etwas zivilerer aber nicht weniger zivilisierten Form aus dem M135I schon kannte, gehört für mich zu den besser klingenden Turbomotoren. Unter Teillast das typische Knurren, unter Volllast das infernalische Fauchen eines Düsentriebwerks. Wer den ansonsten dezenten Alpina anhand seiner weniger dezenten vier Auspuffrohre am Heck noch nicht erkannt hat, spätestens wenn der Fahrer das Pedal in den Teppich tritt, der weiss dass es sich hier nicht um einen 320er mit 20"ern handelt. Erstens weil er ziemlich flott aus dem Sichtfeld verschwindet und weil die Akustik dies noch unterstreicht. 

  
Was mir am B3 nicht so gut gefällt; obwohl er ein sehr responsives Auto ist, lässt sich das Gewicht (min. 1705kg) in Verbindung mit den klassischen Alpina 20"ern nicht verleugnen.


Das zeigt sich nicht, wie oben schon erwähnt, in irgendwelchen Lastwechselreaktionen oder dem Gefühl, dass man gerade einen Elefanten mit einem Besenstiel um eine Kurve wuchten möchte. Vielmehr birgt er die Gefahr, dass man sich der tatsächlichen Geschwindigkeit nicht bewusst ist. Man merkt nicht viel von der immensen Zahl, die da plötzlich in der Windschutzscheibe steht. Das ist einerseits ganz schlecht für die Fahrerlaubnis, verwässert aber auch das Erlebnis des bevorzugt flotten Fahrstils, den der B3 zweifellos noch fördert. Aber, das ist halt einfach der Preis, den man für ein dermassen gut ausgestattetes KFZ bezahlt, nicht nur monetär, sondern auch sensorisch.


Trotzdem, weg mit den schlechten Gedanken, das ist meckern auf hohem Niveau und wie anfangs erwähnt, das Leben fetzt manchmal. Und dazu kann so ein Alpina B3 eine Menge beitragen. Bei mir hat er jedenfalls den Abend, der schon in einem Meer von Mädchenfilmtränen zu versinken drohte, zu einem absoluten Kracher gemacht. Danke, wir sehen uns beim nächsten Alltagsautokauf gerne wieder.

Fazit
Wem die Handelsgüter der M GmbH etwas zu krawallig sind, der sollte sich die Alpinas wirklich mal ankucken. Dezenter wenn auch immer noch als flotterer BMW zu erkennen, machen die Alpinas zumindest aus meiner Sicht genau dort die Kompromisse, wo sie vor allem im Alltag am wenigsten weh tun. Für den Stammtischdisput taugt der B3 dann dann immer noch und wer dann immer noch meint, der "M" sei das Mass der Dinge bei sportlichen BMW's, der wird spätestens nach der ersten Fahrt seinen Horizont etwas erweitert haben. Der B3 kann auch Krawall, Spocht und souverän Reifen bestrafen. Aber in den anderen 99% des Autofahreralltags wird er eine Spur besser funktionieren. Und, er ist definitiv exklusiver als die M's.
 
Kaufen?
Jep, gerne. Wer etwas an mich überweisen möchte, nur zu.

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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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