Verschwundene Freunde des Alltags - Der Opel Calibra

Vorwort
Oft sehe ich Leute im Fernsehen, die mich darüber erstaunen lassen, dass sie überhaupt noch leben. Axl Rose zum Beispiel. Oder Betty White. Bei Autos geht's mir auch ab und zu so, ich sehe ein Auto und denke mir; Wut? Der ist noch nicht zu einem Selfietoaster verarbeitet worden? Und so mancher denkt jetzt sicher an einen Oldtimer, de facto mindestens dreissig Jahre alt, gepflegt und rar. Doch, es sind nicht nur die Oldtimer, die dem durchschnittlich gealterten Petrolhead die Freude ins Gesicht fahren lässt. Es gibt nämlich noch die Zwischenstufe, den Youngtimer. Sie sind vielleicht nicht ganz so selten wie die älteren Eisen, aber sie sind so manchem noch gut im Gedächtnis präsent, als jene Autos die das Strassenbild damals prägten, so wie heute ein A5 oder der 3er BMW. Ein Blick zurück auf verschwundene Kameraden, welche ab und an wieder im Augenwinkel aufblitzen und bei meinereins die Hoffnung aufkeimen lassen, dass die Oldtimer von morgen ihre gewissenhaften Hüter haben. So passiert diese Woche, als mich unverhofft ein picobeller Calibra V6 in authentischer DTM Dekoration überholt hat.
 
Der Opel Calibra
Schon 27 Jahre ist es her, dass Opel ein modernes Coupé namens Calibra auf den Markt gewuchtet hat. Und damals war der Markt an erschwinglichen zweitürigen Sportlern noch ziemlich überschaubar, der Corrado, das Audi Coupe, ab '94 das Fiat Coupé und vielleicht noch der eine oder andere übrig gebliebene Scirocco, mehr war am bezahlbaren Markt für führerscheinpubertierende Nasen wie mich kaum zu finden. Ausser man konnte sich noch für einen zu Unrecht belächelten Nissan 200 SX begeistern, der heute in der Driftszene eine feste Grösse ist. Weil er halt auch Heckantrieb hat. Aber so modern wie der Calibra heute noch, kommt keiner mehr daher, auch deswegen glaubt man kaum, dass die Dinger heute schon über 25 Jahre auf den Achsen haben und der neongelbe Charme der 90er klebt nicht so sehr am windschlüpfrigen Coupé wie er es an vielen anderen Autos jener Jahre tut.
 


Der Calibra war nicht jedermanns Sache. Obwohl, er war als sportliches Coupé von Opel durchaus ansehnlich und auch wenn an ihm das prollige Erbe des Mantas klebrig etwas anhaftete, blieb er von Fuchsschwänzen und dem ziemlich etablierten Image des Mantas weitestgehend verschont.
 
2.0er mit 150PS
 
Nicht verschont blieb er vom Rost, den er vom Vectra A als festen DNA-Defekt geerbt hatte. In meinem näheren Umfeld waren fünfjährige Calibras mir durchgerosteten Schwellern keine Seltenheit. Und das erklärt auch, warum der Calibra heute nur noch selten auf den Strassen anzutreffen ist, die meisten hat die braune Pest so zuverlässig dahingerafft wie das Ablaufdatum mein Joghurt von gestern.
 
Das Krümelmonster in rot
 
Schade hatte man damals im Controlling bei Opel auf schreiend bunte Seidenkrawatten und billigen Stahl gesetzt, gerade die Turbos mit 4x4 und der V6 waren durchaus flotte Sportcoupés mit amtlichen Fahrleistungen. Und das kam nicht von ungefähr, auch im Rennsport war der flache Opel eine feste Grösse, Nico Rosbergs Papa Keke hatte sein eigenes Team und pilotierte den Calibra medienwirksam über die Bildschirme am Sonntagnachmittag.
 
gerne auch mit 2.0er Turbo und Allrad
 
Die gefällige Rosbergedition war damals die letzte Krönung, BBS Räder, 30mm tiefer, dezente Irmscher Anbauteile und für die komfortverwöhnte Kundschaft auch eine Klimaanlage liessen zwar die Anschaffungspreise weit über 50'000 DM schnellen, aber gerade heute sind diese Modelle mehr gesucht denn je.
 
 
Wenn ich mir das Foto unten so anschaue frage ich mich, gibt's dieses Duschmittel eigentlich noch oder ist das auch vom Markt weggerostet?
 
 
Die Rennsportpräsenz hat zum Leidwesen vieler so den einen oder anderen dazu verleitet in den nächsten D&W zu latschen und allerlei Spoilerkram zu bestellen. So mancher Calibra fand seinen letzten Weg zum Schrottplatz nicht mal unbedingt wegen dem Rost, sondern wegen der Unverkäuflichkeit aufgrund der immensen Summen, die manche in einen optischen Totalschaden mit dem Peinlichkeitsfaktor einer vergessenen Hose verwandelt haben. Aber OK, jedem das seine...
 
heute haben nicht mal mehr alle Lamborghinis Lambotüren...
 
Heute sind die Calibras zu einer äusserst seltenen Erscheinung geworden, jedenfalls mir kommt das so vor. Glücklich schätzen können sich jene, welche sich einen in der trockenen Garage konservieren konnten, es ist nicht unwahrscheinlich dass die Besitzer von damals in ein paar Jahren in einem Anfall von nostalgischer Sentimentalität einen rechten Batzen Kohle auf den Tresen blättern und sich wieder so ein Coupé in die Garage stellen. Wer einen hat, Ruhe bewahren, nach Rost Ausschau halten und vor allem, behalten. In ein paar Jahren gilt er offiziell als Oldtimer.
 
Kaufen?
Gute Exemplare sind zwar schwer zu finden, aber mit etwas Glück findet man sie. Auf einem bekannten Verkaufsportal in der Schweiz sind gerade mal 11 Stück (in DE 199 Stück) zu haben. Jedoch, wenn ich mir all die Exemplare so ansehe, sehe ich in grober Unterteilung drei Sorten von Fahrzeugen. Alltagsmöhren mit Restguthaben, vergessene Hosen und Projekte. Und als Projekt kann gerade für den ambitionierten Schrauber so ein Calibra eine ewige Baustelle, ein Fass ohne Boden, aber gleichzeitig auch ein sehr exklusives Stück Opelgeschichte sein. Wenn in ein paar Jahren die ersten Exemplare offiziell als Oldtimer/Veteranen gelten, kommen erstmal die Wertstabilität und irgendwann auch der Wertzuwachs. Und exklusiv sind die Calibras heute schon, exklusiver als die Corrados und tatsächlich exklusiver als ein Lamborghini Aventador. Aber wie gesagt, gut kucken, nicht dass der vermeintliche Rosberg zum Rostberg wird.
 
Heute
Ich muss ehrlich sein, damals hat mich der Calibra nicht so gepackt. Mir war er zu opelig, zu sehr an den biederen Vectra angelehnt und die Roststellen an eigentlich noch recht frischen Autos liessen mich angewidert wieder in meinen nicht weniger rostenden, aber wesentlich älteren Scirocco einsteigen. Heute sehe ich das anders und nicht nur deswegen, weil meine Brille etwas stärker korrigiert ist wie damals. Heute finde ich den Calibra eine erfrischende Erscheinung und ich muss gestehen, dass damals biedere Design gefällt mir besser als damals. Vielleicht auch darum, weil sich die heute so seltenen Coupés wesentlich exklusiver anfühlen. Da hat der Rost und die Tuningindustrie paradoxerweise gute Arbeit geleistet.
 
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

3 Kommentare :

  1. Jou, echt Schade um den Calibra..
    Ich mochte ihn, war echt ein schnittiges coupe und nicht gerade "langsam"..
    Schade nur, dass an der Qualität so gespart wurde..

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  2. Mit Liebe zur Technik, Funktionslität, Gemütlichkeit, Pflege und fachgerechter Wartung erlebt mein Turbo'93 noch einiges (257'000km). Verschleiss eingdämmt, durch Veredelung mit besten Materialien (auch innen), Präzisionsausführung punkto Mechanik, Elektronik und Motoraufbereitung (zugelassen StVO)! Keine Flügeltüren, oder Monster-Leitwerke! Dezent breitere Karosserie Mit 9.5"x 18"+ DS_H30/V10, variable Leistungs- und Krafstoffwahl (98_100-E85). Rost hat nie existiert(!), bis 2005 auch im Winter gefahren, reines Liebhaberfahrzeug mit ohhh-ahhhh-Effekt, nicht zu übertrieben und absolut alltagstauglich für erfahrene Topfahrer (meine Ehefrau gehört dazu) oder Rennpistentaugliche. Nichts für Rowdys/Pseudorennfahrer/Techbanausen, es wäre zu kostspielig-gefährlich-zu schnell, vor allem aber zu schade! Erhielt schon ein Höchstangebot von 80'000 CHF, bleibt trotzdem mein Tussy;-))) Eines Tages gibt's ne Überraschung:-) Macht's so wie wir, denn der Cali-Turbo verdient dies und macht Freude!

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  3. Mit Liebe zur Technik, Funktionslität, Gemütlichkeit, Pflege und fachgerechter Wartung erlebt mein Turbo'93 noch einiges (257'000km). Verschleiss eingdämmt, durch Veredelung mit besten Materialien (auch innen), Präzisionsausführung punkto Mechanik, Elektronik und Motoraufbereitung (zugelassen StVO)! Keine Flügeltüren, oder Monster-Leitwerke! Dezent breitere Karosserie Mit 9.5"x 18"+ DS_H30/V10, variable Leistungs- und Krafstoffwahl (98_100-E85). Rost hat nie existiert(!), bis 2005 auch im Winter gefahren, reines Liebhaberfahrzeug mit ohhh-ahhhh-Effekt, nicht zu übertrieben und absolut alltagstauglich für erfahrene Topfahrer (meine Ehefrau gehört dazu) oder Rennpistentaugliche. Nichts für Rowdys/Pseudorennfahrer/Techbanausen, es wäre zu kostspielig-gefährlich-zu schnell, vor allem aber zu schade! Erhielt schon ein Höchstangebot von 80'000 CHF, bleibt trotzdem mein Tussy;-))) Eines Tages gibt's ne Überraschung:-) Macht's so wie wir, denn der Cali-Turbo verdient diese und macht Freude!

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