Volkswagen Touareg 3.0 V6 TDI SCR

Vorwort
Reisen hat ja was Feines an sich. Man kommt rum, lernt Leute kennen und ist einfach mal unterwegs. Das kann aber auch anstrengend sein. Wenn man z.B. in einem 80 Jahre alten LKW reist, oder mit der indischen Bahn. Da möchte man dann doch gerne mal etwas Komfort, die Nieren umschmeichelt und das Gehör mit Ruhe verwöhnt haben. Ein Airbus A320 und ein Sitz in der Economy gehören da nicht unbedingt dazu, umso schöner wenn man zum Flughafen raus kommt und ein hippes Geländewohnzimmer auf Rädern auf einen wartet. Gratisupgrade! 
 
Was denn?
Ein Volkswagen Touareg 3.0 V6 TDI SCR mit 262PS und elefantösen 580 Nm. Gepaart mit einer 8-Gang Automatik und Allradantrieb. Also alles, was man braucht, um souverän über Randsteine und Dolendeckel zu cruisen. 
Haaalt Stop! Was soll der Blödsinn? Sofort tieferlegen!
So, jetzt ist das diesem Parkplatz hier angemessen.



 
Laufleistung
850 zarte Kilometer.
 
Wie weit?
Ca. 180km.

Handbuch gelesen?
Ne. Kennste einen Volkswagen, kennste alle.
 
Erster Eindruck
Wenn so ein Ding vor dem Eigenheim aufkreuzt, hat man entweder eine Rechnung vergessen zu bezahlen oder aber man wohnt im Wald und der Nachbar verbringt sein Wochenende mal wieder mit der Flinte im Anschlag auf dem Hochsitz. Gross ist er und mit der von Chromzierrat durchzogenen Front hat er fast schon etwas Bedrohliches. Nein, dieses Auto ist nicht putzig.
 
Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP, Müdigkeitserkennung.  
 
Innenraum
Der aktuelle Touareg wird so wie ich ihn hatte, so seit 2010 gebaut, abgesehen von einigen Modellpflegemassnahmen. Und die Plattform teilt er sich mit dem Porsche Cayenne, wie auch zum Beispiel das Triebwerk.
 

Für den Konzern typisch kommt der höchste VW ohne Ladebrücke sauber sortiert und ergonomisch daher. Hier gibt's nix zu klagen, abgesehen vom Hochglanzplastik, die Aufpreisliste schafft da aber Abhilfe für so eine putzfaule Sau wie mich. 


Das Gestühl ist straff gepolstert und mit angenehmem Material bezogen. Überhaupt sind die Innenraummaterialien einen grossen Zacken hochwertiger als noch im Vorgänger und auch die Verarbeitung scheint lasergenau. Klar, es handelte sich hier um einen Neuwagen, ob das nach 100'000 Kilometern Nutzung als  Kinderspielplatz oder Pferdeklamottengarderobe immer noch so lecker aussieht wäre erst noch zu beweisen.  

Lass die Sonne rein!

Hier sehen wir die Mutter aller Glasschiebedächer. Damit lässt sich der Innenraum des Touareg so richtig mit Licht fluten. Und in Verbindung mit den schwarzen Sitzen wird man an sonnigen Tagen im Sommer eine schmerzhafte Lektion lernen müssen, nämlich die "Vorhänge" zuzuziehen, ausser man steht auf fahrbare Saunas. Aber abgesehen davon ergibt sich daraus ein sehr luftiges und angenehmes Raumgefühl. Und auch bei Autobahntempo kann man das Dach getrost offen lassen, nix wummert, nix pfeift. War aber an den Tagen leider etwas frisch in DO.   


 
Tacho, Tempo und auch sonst ein paar mehr oder weniger hilfreiche Informationen liefert das grosse aber gut ablesbare Kombiinstrument. Aber bitte, muss der Tacho wirklich bis 280 km/h gehen? Kommt schon VW, das ist jetzt wirklich einen auf dicke Hose gemacht, offiziell ist ja bei 225 km/h Ende Gelände. Lieber etwas weniger dick auftragen und dafür kann man das Tempo auch auf dem altmodischen Zeigerding noch etwas besser ablesen.

Die ersten Kilometer
Wuff! Grooosser TDI! Die Gasannahme ist im ersten Moment eher verhalten, wenn jedoch der Turbo spürbar verzögert, aber dafür umso bestimmter das Triebwerk aufbläst, dann gehen die 2.2 Tonnen Material doch recht amtlich vorwärts. Ui...
 
Nach 10 Kilometern
Schön ruhig ist er, dieser Autowagen. Geschwindigkeit nimmt man in dem Mafiabrummer nicht so wirklich war, keine Windgeräusche, kein Motorenbrummeln, ich sehe meinem weiteren Weg gelassen entgegen und freue mich darüber, diesen nicht in einem knatternden Polo antreten zu müssen.

Multimediaplunder
Man kann hier nicht meckern, die riesige Fahrgastzelle, die Ruhe und eine Menge Lautsprecher sorgen dafür, dass es tatsächlich so gut klingt, dass ich geneigt bin, dass dieser Volkswagen den besten Klang im Innenraum bietet, den man aus Wolfsburg haben kann. Ausgeglichen, mit ordentlich Tiefgang und Pegelfestigkeit. Passt, auch ohne das aufpreispflichtige Dynaudio System.
 
 
Das serienmässig verbaute Navigationssystem RNS 850 ist vom Prinzip her bekannt aus anderen Modellen aus dem Konzern und lässt sich via liebevollem Tätscheln auch intuitiv bedienen. Etwas mühsam finde ich in der heutigen Zeit immer noch die lange Ladezeit, bis die digitalen Karten für die Pfadfinderei zur Verfügung stehen. Aber, man würde sich sicherlich auch daran gewöhnen.
 
Doch halt. Ein Manko hat der Innenraum vom dicken Diesel aus Wolfsburg. Etwas, was für den gestressten Businesskasper unentbehrlich scheint. Ich zumindest habe im ganzen Innenraum keinen einzigen USB Anschluss gefunden, um mal kurz meinem Handy neues Leben einzuhauchen. Dort, unter der riesigen Armablage fand sich nur ein iPod Anschluss und eine Blende, wo vermutlich ein USB Anschluss sein sollte. Und auch im Handschuhfach wurde ich nicht fündig.
 
Gehen sie weiter, hier gibt es kein Uessbeeeh!
 
Die Fahrt
Wer mich kennt weiss, dass ich von aufgeplusterten Dieseln nicht viel halte. Ich muss da mal relativieren, das gilt nur für zitternde, rumpelnde und schüttelnde Vierzylinder mit der Leistungsentfaltung eines Wadenkrampfs. Bei Sechszylindern sehe ich das etwas anders. Diese kommen erstmal mit der Soundkulisse von einem LKW daher und haben bereits bei tiefen Drehzahlen eine gewisse Souveränität, welche an grossvolumige Sauger erinnert. Wenn denn der Lader mal damit anfängt, Luft in den Motor zu drücken. Beim 3.0er TDI aus Wolfsburg ist das nämlich so eine Sache, die Leistungsentfaltung verlangt nach Gewöhnung. Drückt man das Beschleunigungspedal ein wenig gegen Boden und ist mit der dabei gelieferten Beschleunigung soweit happy, hat der V6 eine Überraschung parat. Ca. eine gefühlte Sekunde später reisst der Turbo die Nase dieses Dampfers hoch und fängt fast schon panisch das Rennen an, als wäre man auf der Flucht. Gut dosierbar wäre anders und eigentlich müsste man meinen, dass moderne Triebwerke keine wirklichen Turbolöcher mehr haben. Der 3.0er Diesel-V6 hat es noch, es ist wirklich riesig und es erinnert ein wenig an den Moment, wenn man im Dunkeln Achterbahn fährt und die Fuhre unverhofft in die Tiefe stürzt.
 
 
Trotzdem, irgendwie mochte ich irgendwann diese Form des plötzlichen Anschiebens. Der V6 macht keinen Hehl aus dem gewaltigen Drehmomentberg, der in ihm steckt. Das passt wiederum zu diesem Auto, der Grösse und der hohen Sitzposition. Und dank Allrad ist dies auch gar kein Problem, die Traktion ist auch bei nassen Strassen immer ausreichend. Aber, man muss sich ein wenig dran gewöhnen.

Das verstellbare Luftfahrwerk ist für ein grosses, 2.2 Tonnen schweres und bei Bedarf auch sehr hochbeiniges SUV komfortabel abgestimmt und im Grossen und Ganzen OK. Wo ich's nicht so Okeh fand, war beim Überfahren von Querfugen, dort rumpelt's auch gerne mal in den Innenraum hinein und man bemerkt, dass hier eine Menge Fahrwerksteile ungefedert ihren Dienst verrichten. Nicht schlimm, aber doch spürbar. Im strafferen ML war das absolut nicht der Fall, dafür umso mehr im schiffigen Tahoe. Und unabhängig davon, dass das Fahrwerk in der Einstellung "Sport" so gar nicht sportlich war, bot es dort den für mich besten Fahrcharakter. In der Einstellung "Comfort" fand ich das ganze dann doch zu sehr entkoppelt von der Strasse und vor allem hatte der Grosse in Kurven etwas zu viel Seitenneigung für meinen Geschmack. Dämliche Physik, warum machst du auch in Wolfsburg nicht halt!

Im Alltag schlägt sich der grosse Wolfsburger trotz seiner Grösse gar nicht mal so schlecht. In Summe ist er sogar übersichtlich und wer sich den Dimensionen z.B. auch in einem sehr engen Stadtparkhaus nicht sicher ist, dem hilft ein kleines Fernsehstudio rund ums Auto. Bei langsamer Fahrt und beim Parken helfen 360° Rundumsicht auf den grossen Display in der Mittelkonsole und ein Flughafenradar in Form von Piepsern. War vor ein paar Jahren das Einparken eines Touaregs noch mit schwitzigen Händen verbunden, heute kann das jeder der bis zum Navidisplay gucken kann. Wie schon bei so vielen anderen Autos mehr als nervig, die Start-Stop Automatik. Vor allem in diesem Exemplar, diese war eine von der extremst umweltbewussten Sorte. So ging der Motor immer auch dann schon aus, wenn man eigentlich noch langsam auf dem Vordermann zurollte. Man kann's auch übertreiben, wenn so ein mit Heizöl betankter Schrank einen auf Umweltschutz macht ist das einfach nur paradox. Abgeschaltet.   

Über die Geländetauglichkeit kann ich nicht viel sagen, die Strassen auf denen ich unterwegs war hätten zwar durchaus noch Optimierungspotential gehabt, aber ich bin fest davon überzeugt, ich wäre auch mit einem Golf an mein Ziel gekommen, ohne dass ich mir die Ölwanne abgerissen hätte. Wer aber trotzdem mal die Überquerung der Alpen plant, dieser Elefant scheint dafür gerüstet. Das Fahrwerk lässt sich auf eine für jemand höhenängstlichen wie mich fast schon unangenehme Höhe raufblasen, wobei man sich dann etwas Zeit nehmen sollte für diesen Vorgang. Und man sollte, nicht wie ich, den Fuss dabei von der Bremse nehmen, ansonsten resultiert das in üblen Geräuschen aus dem verspannten Fahrwerk und Antriebsstrang. Ich dachte erst, ich hab ihn kaputtgemacht, aber die rettende Werkstatt wäre ja quasi um die Ecke gewesen und die hätten sicher auch noch gleich Software gemacht. Auch wenn der Meister nicht im Haus war.


Nette Garage.

Fazit
Der Touareg kann nicht alles, aber vieles. Er ist ein äusserst angenehmer Gleiter mit standesgemässem Vorwärtsdrang. Er ist sicherlich auch ein tolles Zugpferd, sofern man hinten eine Anhängerkupplung dranschraubt. Und er wird den Strassenreifen entsprechend auch noch einige Qualitäten im Gelände haben. Sicherlich wird's nicht reichen für die Paris Dakar, aber um mal kurz querfeldein zum Hochsitz zu fahren, das wird sicher gehen. Natürlich kann Mutti damit auch die Kinder zur Schule fahren oder beim Gärtner einen halben Urwald in den Kofferraum packen. Platz ist genügend für alle da. Den ersten Touareg fand ich, bis auf den mit dem 5.0er V10 TDI, scheisse. Die Innenräume waren damals schon altbacken, die Motoren konnten irgendwie nix mit dem schweren Auto anfangen und überhaupt hatte das Auto bei mir einfach keine grossen Sympathien. Der aktuelle Touareg macht da vieles besser und ist meiner Meinung nach in vielen Punkten auf Augenhöhe mit der Konkurrenz aus den deutschen Häusern.
 
Kaufen?
Das würde ich dem persönlichen Geschmack und der Budgetierung überlassen. Er ist der günstigere Cayenne, der dezentere X5 und der etwas komfortablere ML. Aber er hat nicht das Flair eine Range Rover Sport, die Power von einem Cherokee SRT 8 und die feinen Linien von einem Jaguar F-Pace. Im Gegenzug kommt er aber etwas humaner bepreist daher, wer zum Beispiel Flugzeugträger sammelt, für den ist der Touareg 3.0 TDI ein "Schnäppchen". Dafür kriegt man einen guten Reisegefährten mit genügend zeitgemässem Schnickschnack und dem standesgemässem Auftritt für eine Inkassofirma aus Moskau. Wer noch warten will, der nächste Touareg steht schon vor der Tür und nach dessen Marktstart gibt's den aktuellen Brummer sicherlich noch ein paar Taler günstiger.  
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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