Szenebesuch - Swissclassicworld 2016

Vorwort
"Szenen" gibt es ja viele, wenn nicht sogar unzählige. Ganz grob zusammengefasst gibt es markeneigene und markenübergreifende Szenen. So zum Beispiel das volkswageneigene Wörtherseetreffen oder die Tuning-World am Bodensee. Beides nicht so ganz meine Welten, wenn ich ehrlich bin. Zu viele blaue LED's. Trotzdem ist es immer wieder spannend, wenn man als Szenefremder mal bei so einem "Happening" reinschaut und den Puls jener fühlt, welche sich nicht nur einem Hobby, sondern einer Leidenschaft versprochen haben. So passiert die Tage an der Swissclassicworld in Luzern. Markenübergreifend und völlig frei von dem Drang dazu, "das beste Auto von allen" zu präsentieren.

Kleiner Disclaimer; auch wenn hier gleich der eine oder andere Firmenname fallen wird ist das hier keine bezahlte Werbung oder sowas. Ich finde einfach, dass gewisse Konzepte und Firmen durchaus mal Erwähnung finden sollten. That's it.
 
In der Szene angekommen?
Meine Wenigkeit ist ja nun auch ein kleiner Fliegenschiss auf der Windschutzscheibe der Oldtimerszene in der Schweiz. Mit der Anschaffung des Chevys wurde ich automatisch zu einem jener Leute, die Ihr altes Eisen in einer trockenen Garage horten und nur bei schönem Wetter aus derselben hervorholen, die Wetterberichtapp auf meinem Handy verursacht in letzter Zeit eine Menge Traffic. An der SCW fand ich eine Menge Leute meinesgleichen, jedoch noch viel mehr solche, die sich auch der Schrauberei an dem Objekt der Begierde verschrieben haben. Etwas, was ich selber zwar gerne mache, aber leider nicht unbedingt dazu eingerichtet bin. Und ich bin da einfach nur ehrlich zu mir selber, ich möchte kein Auto fahren, an dem ich selber rumgeschraubt habe. Ich bin ungefähr ein so guter Schrauber wie Hirnchirurg.
 
Was soll ich eigentlich hier?
... dachte ich mir vorerst. Die Aussteller und vorwiegend Händler der SCW waren mit ihren Exponaten grösstenteils weit weg davon, was mein Kontostand je hergeben wird. Zum Beispiel mit sowas;


Um Gottes Willen, wer kann sowas noch bezahlen? Völlig klar, dass der F40 über Jahre hinweg ein gern gesehener Gast in meinem Jugendzimmer war, wenn auch nur auf 80x60cm und er war damals schon unbezahlbar. Was ich aber wirklich schade finde ist, dass solche Autos immer häufiger in Sammlungen verschwinden und kaum mehr Meter auf der Strasse machen. Trotzdem, dass mich hier ein wenig Wehmut befallen hat, fand ich es schön, den einzigen Ferrari, der mir wirklich und auch nach dreissig Jahren noch gefällt, in der einzigen wahren Farbe und (a)live zu sehen. Und auch mal zu sehen, wie dünn jene heilige Farbe an diesem kompromisslosen Sportler wirklich ist. So dünn, dass man die Struktur der Kohlefaser in der Farbe sehen konnte.

Für einen Petrolhead wie mich sind solche Messen immer etwas anstrengend, man könnte von Schnappatmung verursacht durch Reizüberflutung sprechen. An jeder Ecke blitzt und schimmert der Glanz der alten Tage. Oder, man trifft unverhofft auf alte Bekannte der eigenen jungen Tage nach der Führerscheinübergabe. So musste ich hier auch mal kurz innehalten;


DER Quattro. MEIN Quattro. Wollte ich immer haben, ich liebe den Klang des Fünfzylinders, gepaart mit den besten Eigenschaften die ein Sportcoupé für mich haben kann, handelbare 300 PS, Allrad mit Diffsperren und den Manieren eines Schweins. Ich habe mich sehr über das Wiedersehen gefreut, schade bist auch du schon zu weit aus meiner finanziellen Range herausgerückt. Aber, ich gebe die Hoffnung nicht auf, vielleicht kann ich im Rahmen einer Leihgabe mal Hand an diesen feuchten Traum meiner Autofahrerjugend legen.

Und wenn wir schon in meiner Autofahrerjugend sind, auf dem Weg zurück liefen mir gleich nochmal drei alte Bekannte über den Weg, sauber aufgereiht:


 
Den Lancia Delta fand ich immer schon klasse, auch hier, Allrad, Turbo, keine Manieren, würd' ich heute immer noch haben wollen. Das Auto hat für mich als Liebhaber des alten Rallysports den Charme eines sympathischen Siegers. Die Italiener waren Ihrer Zeit mit dem Delta Integrale weit voraus, noch lange bevor es Impreza&Co. in unsere Breitengrade geschafft haben. Schade war der Ruf des Delta nicht so gut, wie das Auto selber.

Im Gegensatz zu seinem Nachbarn mit den dreiteiligen BBS', den 1er GTI, welchen ich selber des Öfteren gefahren bin. Ich liebe den Sound dieses rotzigen Vierzylinders, das flatternde Armaturenbrett und die pampige Schaltung. Damals wollte ich eigentlich einen GTI haben (wie alle anderen auch), irgendwie bin ich dann aber doch beim Scirocco gelandet.

Und ebenfalls haben will ich die S-Klasse der Baureihe 126. Schon als kleiner Scheisser sass ich schon gerne im Fond dieser erhabenen Limousine und war damals schon beeindruckt, wie gelassen dieses Schiff auch bei 170 km/h auf italienischen Autobahnen war. Für mich immer das wahre Highlight im Sommerurlaub, die Fahrt im Benz an die Adria, weniger als der eigentliche Aufenthalt dort. Mehr als das Rauschen der Reifen habe ich akustisch nicht mehr in Erinnerung an unseren damaligen 380SE. Und hey, im Miami Vice fuhren alle Gangster dieser S-Klasse.

Startups und Kurioses
Man müsste denken, dass die Aussteller an so einer Messe ja genauso alt sein müssten, wie die Autos, mit denen Sie ihren Lebensunterhalt verdienen. Dem war aber nicht so, zumindest nicht durchgängig. Ich hatte das eine oder andere spannende und angenehme Gespräch mit den jungen Inhabern von relativ neuen Unternehmen, so zum Beispiel mit Zoran, dem Gründer und Boss von Factory72. Zoran und seine Leute machen solches Zeug;


Und jap, damit konnte ich mich sofort anfreunden, das Ölfass (sauber) als Sitzgelegenheit mit Stil. Also, Stil im Sinne von, passt zum Auto, jedoch nicht unbedingt in die Bioladen um die Ecke. Fand ich genial und ich möchte sowas haben, auch wenn ich noch keinen Plan habe, wohin damit. Passend dazu gab's bei Factory72 auch noch das eine oder andere Kleidungsstück;

Schicker Kram!

Damit ist klar, Oldtimer bringen auch den Lebensstil aus der jeweiligen Ära mit sich. Ob das Klamotten sind oder gleich eine komplette Tankstelle aus den 50ern.


Eine komplette alte Tankstelle! Kein Witz, die Hütte kann man kaufen. Ich habe zwar keine Ahnung wieviel so ein Spass denn kostet, aber bei der alten Tanke kann man sicherlich mal kostenlos nachfragen. Falls mein Konto mal aus allen Nähten platzen sollte, kuck ich mir das nochmal an, macht sich sicher toll in der heimischen Luxusgarage oder im Garten. Geiler Scheiss.

Auch Andreas von Sixpackmotors hat bei mir einen sympathischen Eindruck hinterlassen. Obwohl er sein Unternehmen erst seit dreieinhalb Jahren führt, machte er einen ziemlich sattelfesten Eindruck inmitten von etablierten und teils seit Äonen agierenden Händlern in der US-Car Szene. Sein Stand war zwar etwas kompakter als andere, dafür waren aber die Chips lecker und das Bier war stilecht ein Light-Gesöff aus den USA. Dass er keine absolut perfekten Autos inmitten von Unikaten und Einhörnern ausgestellt hat zeugt von soliden Cojones.

Fair, ehrlich, Farbe: one drop of milk in an american coffee.

Als Liebhaber von brabbelnden Achtzylindern in V-Form kam ich natürlich auch nicht an diesem Gerät vorbei;



Einen dermassen perfekt aufgebauten und restaurierten Hemi habe ich bisher genau einmal gesehen, das war auf meiner Suche nach meinem eigenen Spritschluckspecht. Im Nachhinein befällt mich aber auch hier etwas Wehmut, so rar und perfekt dieser Dodge auch war, so gering ist vermutlich die Chance, dass dieses Auto regelmässig bewegt wird. Find ich extrem schade, aber das ist wohl auch eine etwas negative Seite der Szene, Sammler sammeln halt und die teuren Objekte der Begierde werden lieber weggeschlossen als dass man sie mal samstags zum Einkaufen benutzen würde. Für mich einfach paradox, Autos, welche kaum gefahren werden. Und ja klar, sowas ist einfach kein Daily Driver, aber Standschäden sind doch einfach auch dämlich. Der Spruch; "Das Auto ist zu schade zum Fahren" gehört eigentlich von Rechts wegen mit zwei saftigen Backpfeifen bestraft.

Lerneffekt
Man kann auch etwas lernen an solchen Messen. Ich dachte wirklich, ich wäre mittlerweile einigermassen fit was die Chevys der Nachkriegszeit anbelangt. Aber dort bin ich auf einen 1955er Bel Air gestossen, der mich etwas konfus hinterliess.


Auch hier, das war der vermutlich perfekteste BelAir, an dem ich jemals vorbeisabbern durfte. Ungefähr so wird das wohl ausgesehen und gerochen haben, als das Ding 1955 aus den Produktionshallen gerollt ist, absolut nichts deutete darauf hin, dass dieser Schlitten schon über 60 Jahre auf seinen Achsen steht.  Abgesehen davon, dass dies nicht nur ein erstklassiger Zeitzeuge aus der Nachkriegszeit ist, dies ist auch ein Beweis, dass solche Schätze einfach auch die Handwerkskunst der wirklich Besten Leute in der Branche benötigen. Leider auch bei mir hier viel zu selten, aber man muss den Mechanikern und Karosseriefachleuten einfach ein riesiges Lob aussprechen, sowas ist leider nicht mehr selbstverständlich und ich möchte mich gerne mal vor diesen Leuten verneigen. Und ich habe gerade den Entschluss gefasst, ich tue dies mal bei Gelegenheit hier in einem eigenen Beitrag.

Nichtsdestotrotz, diese zwei Teile auf dem Armaturenbrett hinterliessen mich etwas fragend, was tun die?


Auf Anfrage beim Standpersonal hin erklärte man mir, dass das Teil rechts der Abstandsregeltempomat sei. Und ich wirklich, für so ca. zwei Sekunden habe ich das auch fast geglaubt und wäre noch dümmer gestorben. Der nette Herr am Stand von US Performance Cars hatte aber dann doch Erbarmen mit meinem fragenden und sicherlich extraordinär dämlichen Blick und erklärte uns folgendes;

Das Ding aus Glas links dient als Ampelindikator. Da man in dem Auto recht weit hinten sitzt, sieht man an der Kreuzung die Ampel nur dann, wenn man sich zur Windschutzscheibe hervorlehnt. Das strukturierte Glas dient quasi als Blickerweiterung, schimmert das Glas rot, ist rot, schimmert das Glas grün kann man drauflatschen. Baut das mal in den Mini ein!  

Aber der Abschuss ist das Ding rechts, es nennt sich Autronic Eye. Durch die Linsen erkennt der Autowagen, wenn ein anderes Auto mit Licht entgegenkommt und schaltet automatisch auf Abblendlicht. Heilige Scheisse, wie geil ist das denn?! Und das 1955? Und ich dachte, mein Benz sei da gerade mal knapp auf dem Stand der Technik mit seinem automatischen Fernlichtassistenten. Pustekuchen, die Amis haben sowas schon vor 60 Jahren in Ihre Schlitten reingepackt.  

Fazit
Zack, die Swissclassicworld ist damit bereits ein fester Bestandteil meines Jahresablaufs. Ich gehe nächstes Jahr definitiv wieder hin. Ich mag diese Atmosphäre, die vielen lächelnden Leute und die grossen Kinderaugen. Und ich bin vor allem auf die Startups gespannt, wie sie sich ein Jahr später präsentieren. Dass die Autos wieder erstklassig sein werden, da hab' ich sowieso keine Bedenken. Bedenken habe ich höchstens wegen meines Geldbeutels, weil leisten kann ich mir so gut wie gar nix was in den Hallen steht, abgesehen von Motoröl, Handtaschen aus US-Kontrollschildern und Schlüsselanhängern. Aber ich weiss auch aus eigener Erfahrung, Spass haben kann man auch weit unterhalb der zweiten Million, wovon meine erste ja bereits verreckt ist. Ach Schitt...
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

1 Kommentare :

  1. Abstandsregeltempomat... :D
    Aber mal im Ernst: das Glas ist eine super Idee - das zeigt, dass sich die Hersteller auch Gedanken gemacht haben, oder erst im Nachhinein festgestellt, dass man aus dem Sitz ja die Ampeln gar nicht sehen kann. Sind die in den Staaten nicht eh auf der gegenueberliegenden Seite der Kreuzung (was ich übrigens für eine prima Sache halte) und damit der Winkel relativ flach?
    Und eine automatische Abblendfunktion in 1955? Wow, da fällt mir die Kinnlade aber auch ein wenig nach unten.

    Wie immer ein kurzweilig zu lesender und informativer Eintrag, weiter so! ;)

    Gruß
    Eno.

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