Tesla Model 3 - Der Hype der Woche

Vorwort
"Gekauft wie gesehen und gefahren". Wenn dieser Satz im Kaufvertrag eines Autos steht, sollte man schon mal kurz misstrauisch werden. Oder wenn jemand erzählt, er habe sich in Übersee ein Auto übers Internet gekauft. Sah auf den Bildern gut aus und die Mail des Verkäufers hatte eine Menge Ausrufezeichen. Da läuft's mir eiskalt den Rücken runter, sowas macht man einfach nicht. Ein Auto ist zum fahren da, also sollte man es zumindest mal zur Probe fahren. Und überhaupt, ankucken, anfassen, dran riechen und wenn der Verkäufer grad nicht kuckt, von mir aus auch mal ablecken. Diese Woche hat man's bei Tesla Blenders, Verzeihung, Motors, geschafft, die geltenden Gesetze beim Autokauf ad Absurdum zu erklären und aus dem Satz "Gekauft wie nicht gesehen und niemals gefahren" einen Hype zu generieren. Hut ab, das muss man erst mal schaffen.
 
Der Hype
Wer diese Woche die ganzen Newssites ein wenig gewälzt hat, kam nicht drum rum. Elon Musk's neuestes Batterieauto, das Model 3.
 
 
Monatelang wurde spekuliert und viel über ein Auto berichtet, von dem keiner wusste, was da als Gesamtpaket eigentlich dahintersteckt. Und diese Woche war's soweit, mit viel Tamtam wurde der breiten Öffentlichkeit der Tesla für das Volk unter buntem LED-Licht vorgestellt. Und überall scheint man komplett auszurasten, mehrere hunderttausend Vorbestellungen in den Tagen rund um die Präsentation. Obwohl die Autos erst 2017 ausgeliefert werden. Wenn's gut läuft. Wenn nicht, nicht.
 
Wie war das noch mit dem Verstand?
Was mich nicht nur verwundert, sondern ziemlich amtlich verblüfft, da reservieren Leute ein Auto für 35'000 Obamataler, machen offensichtlich unter komplettem Verlust des Verstandes gleich eine Anzahlung von 1'000 Öcken, kriegen eine unverbindliche Lieferfrist von 18 Monaten mitgeteilt und haben das Auto ausser auf ein paar Pressebildern noch nicht mal gesehen, geschweige denn, sie wären den leisen Hobel mal gefahren. Mutig. Aber wie auch, es gibt ja noch keine, abgesehen von ein paar Präsentationsmodellen, von welchen keiner wirklich weiss, ob sie nun solide gebaut waren oder das Chassis hauptsächlich aus Panzerband und altem Zitronenkuchen bestand. Und ich persönlich bin mir so gar nicht sicher, ob das Auto dann wirklich auch so geliefert wird, wie es auf der Bühne stand.
 


 
Schick ist er ja schon...
Man muss ja zugeben, das Model 3 ist nicht ungefällig. Optisch am Model S angelehnt, einfach etwas kompakter. Mir gefällt's. Und der breiten Masse anscheinend auch. Damit bin ich wohl breite Masse.
 
Was kriegt man denn überhaupt für den Preis eines VW Golf 2.0 TDI GTD?
Kurz; ein Elektroauto. In Zahlen; 345km Reichweite, weniger als sechs Sekunden von null auf den Stammtischhunderter, fünf Sterne Sicherheitsbewertung, fünf Sitze, vier Räder, ein Lenkrad und keine Garantie, dass das alles dann auch wirklich so kommt. Abgesehen vom Lenkrad und den vier Rädern. Sie wollen einen? Macht dann 1000.- Taler "Reservationsgebühren". Wofür? Für das Exklusivrecht, wie viele andere auch keinen Tesla zu haben. Mindestens für die nächsten eineinhalb Jahre.
 
 
Würde ich die Reservation machen?
Verflucht nochmal, nein?! Ich würde mich hüten, eine (verbindliche?) Reservation für ein Auto zu unterschreiben, welches weder sonst jemand getestet, noch ich selber gefahren bin. Dazu noch ein Liefertermin, der dem Sternbild Kassiopeias entspricht. Und ich hab beim Autokauf schon oft Dummheiten gemacht, aber das wäre sogar für meine Verhältnisse etwas gar doof.
 
OMG! Ist das spannend!
Die Art und Weise, wie Musk nun ein Auto verkauft ist eine neue Dimension der Hypes, die in der heutigen Zeit an jeder Ecke aus dem Boden des Internets spriessen. So gehen nur noch iPhones über die Theke, allerdings kosten die keine fünfunddreissig Kilo. Aber ich habe da meine Bedenken, in 18 Monaten passiert viel. Da kommen andere. Mit demselben Zeug. Das vielleicht besser aussieht. Oder nach Ambrosia mit Wodka riecht. Oder weniger kostet. Oder man kriegt noch einen Korb voll süsser Hundewelpen dazu. Die Gunst der Käufer ist eine von Launen geprägte Kraft. Und damit ist auch die Enttäuschung nicht weit, so manches Mitglied im Teslareserviererclub wird sich den Austritt aus dem selbigen nochmal überlegen. Und dann steht die Frage im Raum, könnte ich bitte meinen Tausender wiederhaben? Ich möchte ihn lieber in einen Elektrorasenmäher investieren, weil diesen Sommer das Gras wächst wie blöd.
 
Feststellbremse in Form eines Keils - das ist zwar nicht innovativ, aber effektiv. Beim Zulieferer für die Keile reibt man sich die Hände, es wurden zum Zeitpunkt der Präsentation schon 129'741 von den Dingern vorbestellt.  
Fahren
...möchte ich das Model 3 auf jeden Fall. Zur Probe, weil ich schon vom Model S sehr positiv überrascht war. Weil er zumindest theoretisch Sinn machen sollte. Und weil er Spass machen könnte. Und weil er zumindest auf den gerenderten Hochglanzfotos aus der CAx-Applikation gut aussieht. Nicht wie andere Fabrikate mit demselben Antriebskonzept, die in Natura wie eine Mischung aus Kompaktauto und Biotonne daherkommen. Und bevor ich den nicht selber um die Ecken gescheucht habe, den Laderaum auf seine Schlagzeugtauglichkeit geprüft habe und das Infotainmentsystem auf Konzertlaustärke getestet habe, bleibt es bei dem netten Versuch Musk's, mich mit seinen Hypegelüsten in das Boot des Volksteslas zu ziehen.
 
Die nächsten 18 Monate
Damit der Hype seine Dynamik nicht verliert wird man zu folgenden Mitteln greifen. Immer wieder mal werden Bilder auftauchen; aus der Wüste, vom Nürburgring, aus dem verschneiten Norden, aus der Crashtesthalle und von Musk, wie er feixend neben seinem neuen iPhone mit Rädern steht. Dann wird es noch eine Menge Leaks geben (natürlich völlig unbeabsichtigt), einige Negativschlagzeilen, vielleicht sogar ein Model 3, welches gerade abfackelt. Und das alles wird die potentiellen Käufer bei Laune halten. Bis zu dem Tag, an dem sie ihr eigenes Model 3 geliefert bekommen. Und ernüchtert feststellen, dass man für 35 grosse Scheine auch bei Tesla "nur" ein Auto bekommt. Bis dahin kann man bei F&E bei Tesla anhand der Vorverkaufszahlen und den Anzahlungen die Fertigstellung etwas strammer budgetieren und noch ein wenig an der Ausstattung und den Materialien schrauben. Man muss wirklich anerkennen, diese Form der Beschaffung von Cash für die abschliessenden Entwicklungsschritte eines Autos ist schlichtweg genial.  Ich bin wahnsinnig gespannt, ob diese Form des Autoverkaufs für Tesla Motors, und vor allem, für die Kunden aufgeht. Bis in 18 Monaten.
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

2 Kommentare :

  1. Was ist eigentlich eine Reservation?? Ist das solch ein seltsames Wort, das es scheinbar nur im schweizerischen Deutsch gibt, ähnlich dem "Occasion" in Gebrauchtwagenangeboten (heißt es eigentlich genau dieses?) ich kenne diese Wort nämlich nur unter "Reservierung"!^^

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    1. Eine Reservation ist dasselbe wie eine Reservierung, das Wort gibt es anscheinend wirklich nur im schweizerischen Kuhdeutsch. Dasselbe gilt auch für (die) Occasion, wir sind vermutlich einfach zu faul für das lange Wort (der) Gebrauchtwagen. Oder anders, man kann den Autokauf auch gebraucht wagen aber nicht occasionieren, und es ist ein gutes Zeichen, wenn das Zeug fährt. Man kann den Kauf natürlich auch neu wagen, wobei sich das Wagnis in Grenzen hält, weil neue Wagen ja keine Occasionen sind. In DE gibts dafür entweder Garantie oder die Gewährleistung, nicht zu verwechseln mit der Gewehrleistung, die gibts nur in den USA. Blablabla...

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