1971 Dodge Challenger R/T (Tribute)

Vorwort
Die Woche war heftig. Sie war laut, hart und schwammig zugleich und sie hat nach ner Menge unverbranntem Benzin gestunken. Pardon, gerochen. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich schon mal innerhalb ein paar weniger Tage so viele Kilometer mit brabbelnden Achtzylindern runtergerissen und damit auf so kurze Strecke soviel Sprit verblasen hätte. Einerseits mit meinem eigenen, rotweissen Alptraum jeden Liters Benzin und dann hat es sich noch ergeben, dass ich im Rahmen einer, sagen wir mal Kaufassistenz, gleich nochmal eine Ikone aus der Muscle Car Ära fahren durfte.

Meine Damen und Herren, es ist Frühling! Ich dreh am Rad.

Was denn?
Ein 1971er Dodge Challenger RT mit einer "geringfügig" optimierten 340er (5.6L) Maschine und einem manuellen Übersetzungssortiergerät. DER Challenger, gebaut in Hamtramck Michigan USA. Heiliges Blech aus Detroit.



 

Laufleistung
Keine Ahnung. Hat nicht interessiert.

Wie weit?
geschätzte 30km, als Fahrer und Beifahrer durch kurvige Bergstrassen.

 

Handbuch gelesen?
Nein, wir haben keins gefunden, haben aber auch nicht danach gesucht.  

Erster Eindruck
Die Post ist da! Allmächtiger, ist dieses Auto gelb. Und gross natürlich. Optisch ein richtiger Knaller, wäre er noch gelber gewesen, wären meine Pupillen an den Hinterkopf geknallt.

Zeigefinger (Assistenzsysteme)
Bremse, Gas, Modellautoseitenspiegel, Drehzahlmesser. Muss reichen um sich nicht damit umzubringen. Als passives Sicherheitsfeature kann man die Lackierung gelten lassen. Wer das Ding nicht kommen sieht, dem kann auch die Auskunft nicht mehr weiterhelfen.

Innenraum
In den Siebzigern waren die Ansprüche der Kundschaft an ein High-Performance Luxury Muscle Car noch andere. Es musste Sitze haben, ein Sportlenkrad, ein wenig Holzimitat und ein Radio. Hattahattahatta.
 
Kuck!

Aber auch für heutige Verhältnisse ist das alles noch völlig akzeptabel und ausreichend. Die meisten Bedienelemente sind da wo man sie auch heute noch sucht und wer schon mal ein Auto gefahren ist, der wird auch mit diesem 44 Jahre alten Dodge vor keine Rätsel gestellt. Die Dinger an den Türen nennt man Kurbeln, damit kann man Fenster rauf- und runterkurbeln. Das macht tatsächlich noch mehr Spass als ich es in Erinnerung hatte.  

Zieh!

Sitz!

Das ist tatsächlich ein Sportlenkrad.
 
Die ersten Kilometer
Auf dem Beifahrersitz fühlt sich ein Auto ja gerne mal etwas anders an. Und man fragt sich ja schon, wieso derjenige, welcher das Auto gerade fährt und noch Minuten vorher die Scheisse aus seinem eigenen Einer rausgeprügelt hat, sich nun so anstellt. Wie gesagt, vom Beifahrersitz aus ist gut motzen.

Nach 10 Kilometern
Ich darf auch mal ran. Himmel, die Kupplung verlangt nach einer strammen Wade. Das Getriebe verlangt nach einer harten Hand (oder einem harten Hund), die Gänge sind zwar kurz und knapp beieinander sortiert aber hier is nix mit flutscht mit zwei Fingern von alleine rein. Und ich hatte mich ja schon wieder an die analoge Gasannahme gewöhnt, aber gleich so? Trotzdem, der alte Dodge und ich wurden beim dritten Gang schon dicke Freunde.
 
Multimediaplunder
5.1 Dolby analog. Vier Rohre hinten, Motor vorne. Klingt super. Schön basslastig mit variabler Tonlage und Lautstärke.  

Surround.

Center.
 
Die Fahrt
Sie war leider etwas kurz, die Fahrt in dem gelben Asphaltfresser. Aber sie war umso eindrücklicher. Zehn Kilometer in dieser rohen, ehrlichen Maschine entsprechen der körperlichen Anstrengung von ca. 500km in einem neuen Golf. Das Schalten wird hier zum schweisstreibenden, aber unendlichen Spass, jeder Gangwechsel will entschieden umgesetzt sein und der Schaltvorgang, vom zweiten unter Volllast in den dritten und dann wieder Volllast, so gut fühlt sich nur noch das Poppen von Luftpolstermatte an. Und vielleicht noch der erste Schnitt in ein saftiges Steak.

Der Motor ist eine Wucht, im wahrsten Sinne des Wortes. Nicht mehr ganz original, zugegeben. Aber trotzdem, dieses Triebwerk ist ein Schweinehund allererster Güte. Von Drehmoment brauch ich gar nicht zu schreiben, davon hat der Dodge definitiv mehr als genug. Aber die Drehfreude, bis 6000 Umdrehungen bekommt man eine Schiffsladung Leistung mit dem Bagger mitten ins Genick serviert. Leider geil.


Schnauze Bob!

Nüchtern betrachtet weniger wenn sogar überhaupt nicht geil, die Lenkung. Auch an diesen technischen Standard aus den 60ern/70ern konnte ich mich diese Woche zwar schon etwas gewöhnen, aber diese servounterstützte Lenkhilfe scheint tatsächlich nur in einem Eimer Mascarpone zu stecken. Und bei der Lenkunterstützung sind auch die Ballonreifen keine wirkliche Hilfe. Klar, sie halten das Auto insofern auf der Strasse, dass sie den Reibungswert eines Radiergummis haben und damit immer noch besser sind als ein paar seifige Putzlappen. Aber die Lenkpräzision, pardon, der Wille zur Lenkpräzision ist eher verhalten. Der Challenger schwimmt, schwammt, rutscht, pampt, eiert und schmiert eher über die Strasse, als dass er nach modernen Massstäben gemessen fährt. Aber das war mir sowas von strunzegal, dieses Auto hat ein km/h zu Adrenalin Verhältnis wie es sonst nur ganz wenige haben. Mit 80km/h im Challenger in eine leichte Linkskurve oder 300km/h in einem kleinen roten Italiener aus Maranello auf der Autobahn? Ich nehm' dann den Challenger, ohne Eis. Danke.

Ebenso keine wirkliche Hilfe sind die Sitze. Diese Dinger heissen nur darum Sitze, weil man sich darauf setzen kann, ohne schon beim Einsteigen gleich durch den pompösen Innenraum zu zu purzeln. Das war's dann aber auch schon, Seitenhalt oder überhaupt etwas um die Finger mit den weissen Knöcheln dranzuklammern gibt's im Innenraum nicht. Als Fahrer kann man sich ja noch ein wenig an dem Lenkrad mit dem bestenfalls mittelfingerdicken Lenkradkranz und der Pistole festhalten, aber als Beifahrer ist man der Physik und Querbeschleunigung so ausgeliefert wie ein rohes Ei dem Berg. Vorteil; wer möchte, dass die Begleitung etwas näher herrückt, zupft mal kurz am Lenkrad. Also zupfen soll heissen, ca. eine halbe Umdrehung. Innerhalb von gefühlten fünf Sekunden ist die Lenkbewegung auch an den Vorderrädern angekommen und der/die Beifahrer/in rutscht galant in den rechten Arm. Nicht charmant und vielleicht etwas billig, aber selten und immer noch besser als die Gähnnummer im Kino. Man kann Lenkbewegung auch widerrufen, einfach innerhalb jener fünf Sekunden in die Gegenrichtung lenken, alles was passiert ist, dass es mal kurz etwas schwankt. OK, ich mag vielleicht ein wenig übertreiben...

Und ja, er hat Beckengurte. Fünf oder sechs Spanngummis um den Bauch und Sitz (also, das Gestell mit den weichen Polstern) wären aber genauso effektiv bei einem abrupten Stop. Überhaupt, man mag sich in diesem Auto keine Gedanken darüber machen, was bei einem Crash passieren würde. Ich hab's trotzdem mal kurz gemacht, als mir die Leitplanke etwas näher kam als geplant. Yay, noch ein wenig mehr Adrenalin!


Ja, die paar Kilometer waren dann leider auch schnell vorbei. Geblieben sind die brachiale Soundkulisse, die "ich schiess auf rostige Dosen"-Schaltung, die endlos scheinende Haube von der Dimension eines Scheunentors und die beeindruckende Leistungsentfaltung des rotzigen und brüllenden Mopar V8's. Achja, und das Postkastengelb. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder, simpsonsgelber Treckererschrecker.
 
Fazit
Das ist nicht der beste Challenger der Welt, das ist nur ein Tribute. Aber ich war da mal nicht so kleinlich, ich habe diese Woche auch schon ordentlich Toleranz an meinem Chevy üben müssen. Auch wenn das Auto ursprünglich mal blau war und "nur" einen 318er verbaut hatte, so wie er da stand war er völlig Okelidokeli. So wie er fuhr, war er völlig Banane und damit ist er voll auf meiner TopTen Liste der bescheuertsten Autos die ich je gefahren bin. Klar, ein strammes Fahrgefühl ist anders, aber trotzdem, das hier ist eine Todesfalle par excellence. Man kann ihn nicht "normal" fahren. Er verlangt dermassen vulgär danach, dass man seine vier Gänge unter Volllast durchreisst, dass es plötzlich logisch erscheint, warum Führerscheine erst ab 18 Jahren ausgegeben werden. Und dabei eine vermutlich absurde Menge Sprit verballert. Er ist ein Schweinehund und so laut wie er gelb ist. Er ist sicher nix für extrem introvertierte Leute, aber definitiv etwas für jeden Petrolhead. Ganz egal, ob man sonst auf flotte Lotussis oder dicke Diesel steht, das Ding setzt Sprit mit einer unverwechselbaren Vehemenz in Glücksgefühle um und als Gesamtpaket ist das gut so.

Kaufen?
Die harten Mopar-Enthusiasten werden bei diesem Exemplar sicherlich die Nase rümpfen. Motor nicht original (obwohl er richtig gut im Futter steht), Häuschen ist überlackiert, falscher Kühlergrill und vielleicht noch zwei oder drei andere kleine Details, die nicht so ganz passen. Auch die Karosserie wurde schon das eine oder andere mal nachgebessert, leider nicht mit Blech, sondern mit der weissen Pampe. Jedoch, hier muss man fair sein, weil der Preis ist diesem Fahrzeug und seinen 44 Jahren einigermassen angemessen. Alleine der Motor ist eine wirkliche Meisterleistung. Und da sind wir schon beim Thema. Challenger sind einfach nicht billig, sollten sie in Originaloptik und in originaler technischer Ausstattung dastehen. Authentische Fahrzeuge kosten gerne mal das doppelte von dem, was dieser gelbe Unruhestifter kosten soll. Und damit, wie gesagt, findet man auch wirklich das eine oder andere faire Exemplar. Wenn er nicht matching Numbers sein soll, die Karosserie ein paar Macken haben darf und schlussendlich der reine Fahrspass mit einem soliden Auto im Vordergrund steht: ja, kaufen! Mehr Spass für weniger Penunzen gibt's nur noch dann, wenn man einen Toyota Prius in die Luft sprengen darf. Und das ist dann eine einmalige Sache. Der hier hat einen Repeatschalter in Form einer dicken Knarre.

Danke auch nochmal an den Besitzer. Es ist nicht selbstverständlich, dass man so ein Gerät einfach mal aus der Hand gibt.

 
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

4 Kommentare :

  1. Danke Markus, geil wie immer

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  2. Hallo Benzinjunkie ! Da , ich gebs zu, bin ich schon ziemlich neidisch geworden....Die alten "Schiffe" sind einfach geil; und if you ask me : who the FCK cares ob das alles original ist oder nicht ! Cheers und Keep on posting !

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  3. Super Bericht danke!
    Habe ihn gelesen bevor ich mir einen ebensolchen Challenger zugelegt habe
    (383 RT 1971) und jetzt nach etwa 1000 abgespulten Kilometern nochmals.
    Ganz so unpräzis wie beschrieben scheint mir meine Lenkung nicht aber der Spass-Faktor ist riesig und macht definitiv süchtig!

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