Youtubsche Zeitverschwendung der schöneren Art

Vorwort
Es gibt ja mittlerweile zu jedem Blödsinn einen Youtubechannel. Ob man sich stilsicher für den Transendienstag schminken will, Yogaübungen für den Hund sucht, Eiersalat in Flaschen abfüllen oder einfach nur stundenlang zukucken möchte, wie Leute in Russland ihre Autos zu Klump fahren. Für wirklich alles gibt es irgendwo einen Youtubekanal. Das sorgt zumindest bei mir auch ab und zu dafür, dass sich der Fernseher mit der Küche solidarisiert und kalt bleibt. Damit, meine Damen und Herren, kommen wir zum heutigen Thema. Meine liebsten youtubschen Zeitklauer zum Thema Auto in zufälliger Reihenfolge. Holt euch schon mal eine nette Tüte Chips mit Laktritzgeschmack, macht euch dazu einen schönen Kamillentee aus Strohrum und ladet ein paar Freunde ein.

Dieser Kanal hat alles. Also, alles ausser Gurkensalat und einen Uhu. Aber sonst ist alles da was das Greasemonkeyherz begehrt. Ne Menge Schrott, Schneidbrenner, Flex's, Hämmer, literweise WD40 und Kabelbinder. Daraus entstehen bei den beiden Hauptprobanden Freiburger und Finnegan solche Prachtstücke;

 
Die beiden sind eigentlich beim HotRod Magazine angestellt(?) und leisten dort Ihre Beiträge zur Menschheitsgeschichte im Bereich Altmetallverwertung. Roadkill war eigentlich auch nur Junk, wurde aber mehr und mehr zum Publikumsmagneten für jene, welche nicht immer noch hochglänzendes Chrom und perfekten Lack sehen wollten. Man will ja auch mal Rost sehen. Sehen, wie sich die Probanden auf die Fresse legen. Oder auf den Rücken.
 
Nachher.
Das Schöne an Roadkill, es gibt keine umfangreichen Vorgaben seitens Strassenverkehrsgesetzen oder den konventionellen Wiederherstellungsprozessen im Fahrzeugbau. Solange das Objekt der Begierde eine Fahrgestellnummer hat und der Motor aus eigener Kraft dreht, gilt es als fahrbar und legal. Und Roadkill gibt sich nicht damit zufrieden, mal kurz um den Block zu fahren. Die Typen tun sich immer die volle Packung an, elendig lange Roadtrips mit Autos, welche sie bevorzugt aus der Presse rausfischen, mit Klebeband wieder zusammenpappen um dann einfach nur von A nach B zu fahren. Und dort feststellen, hier is ja gar nix.
 
Und dann kommt man auch mal auf die Idee, man könnte ja mal Boot fahren. Was aber, wenn das Boot keinen Motor hat? Kein Problem, das Zugfahrzeug (der Muscle-Truck) hat ja einen. Also baut man die Maschine schnell mal über Nacht vom Truck ins Boot und am anderen Tag wieder zurück. Das nennt sich Boatkill. Und dafür kriegt man auch noch Kohle. Unfassbar.
 
Wir bauen uns ein Motorboot. Aus einem Boot und einem Pickup.
Einen eigentlichen Favoriten unter den Episoden hab' ich eigentlich nicht. Ich kann mir den Quatsch sogar nüchtern in Endlosschlaufe ansehen. Sei es der völlig fertige Jaguar, dessen nicht ganz originaler 350er Chevy V8 einfach mal mit nem unanständig grossen Kompressor bestückt wird. Und weil der Kühler sowieso zu klein ist für diesen Motor, fährt man den abgerotzten Jag von Zeit zu Zeit mal durch die Waschanlage. Alle zwölf Meilen. Zur Kühlung. Und wenn man schon mal da ist, kann man gleich noch einen Burnout machen. In der Waschanlage. Geht auch nur in Amerika, ohne dass die GSG9 anrückt und Toast aus den beiden macht.
 
 
Die Jungs kennen kein Pardon. Material ist zum brauchen bzw. zum rauchen da. Was gibt es schöneres, als bei minus 10°C auf einem Parkplatz einen Motor in einem El Camino zu wechseln, ein paar Bierchen zu killen und dann festzustellen, dass noch Teile fehlen aber der Laden schon zu hat? Find ich ganz grosses Kino. Und da kann es auch schon mal vorkommen, dass man auf einem Parkplatz einen Vergaser neu einstellt und ein erboster Französischlehrer halt einfach kein Flowmaster spricht.
 
Grundsätzlich findet man ja auch MotorTrend eine Unmenge an Material für einen feuchtfröhlichen Männerabend. Für mich ist aber Roadkill das Highlight. Lustig, vielfach spannend und in Anbetracht der eher bescheidenen Mittel richtig gut gemacht. Kucken. Futschgröhlen!

Jean Pierre's Kanal wird vielen kein Unbekannter sein. Darum weil er in der Sendung "die PS-Profis" schon vor Jahren Berühmtheit erlangt hat, aber auch darum, weil sein Channel mittlerweile der meistgeklickteste Autokanal im deutschsprachigen Raum ist. Vermutlich auch deswegen, weil JP eine Klappe wie ein Maschinengewehr hat.   
 
 
Keine Ahnung wie das alles im Detail passiert ist, aber Jean Piere hat eine bemerkenswerte Karriere hingelegt. Und nach meiner Auffassung hat er das nicht, weil er ein mieser kleiner Glückspilz ist, sondern weil er einfach mal kurz die Birne einschaltet, bevor er alles richtig macht. Und damit ist JP und sein Team den gängigen TV-Formaten manchmal mehr als nur eine Nasenlänge voraus. Auch deswegen, weil der Krämer einfach ein Typ ist. Weil man merkt, dass die Jungs um ihn herum ihre Arbeit gerne machen. Und vermutlich auch deswegen, weil keine PR-Berater ihm den Sack wund kraulen und ihm dauernd sagen, was denn gerade Hashtag Nummer eins ist und welches Unternehmen gerade auf dem Sender Werbung macht. JP nimmt sich (noch) die Zeit, die Kommentare auf seinem Kanal zu lesen, unkonstruktive Kritik zu erkennen und dann darauf zu scheissen. Und trotzdem dass er noch ein nicht unerheblich grosses Business und einen Sack voll Angestellten zu leiten hat schafft er es, den Dialog mit seinen Fans und Kunden aufrecht zu erhalten.
 

Das muss ihm mal einer nachmachen. Dazu kommt, dass auch bei JP trotz all dem Unfug und dem meiner Meinung nach richtig hohen Unterhaltungswert noch eine Menge an fundierten Kenntnissen über den Motorenbau und überhaupt, über die Technik geboten wird. Siehe z.B. sein Autolexikon, in welchem er auch solchen Dumpfbacken wie mir noch etwas beibringen kann. Und dabei kann er sich noch beiläufig über einen gelben Multipla dermassen abkotzen, so dass ich ihm sofort seinen Wahn zu Kotflügelverbreiterungen und netzhautablösenden Farbkombinationen verziehen habe, ein Bruder im Geiste. Abgesehen davon, und der Mann redet wie ein Radio mit kaputten On/Off Knopf. Würde er noch mehr und noch schneller reden, würde vermutlich die Zeit anfangen rückwärts zu laufen. Dafür aber habe ich rausgefunden, dass wenn man JP's Geplapper auf 150% raufpitcht, kann man in der richtigen Lautstärke ein Billyregal zerlegen. So in meinem Büro passiert. Alta, ich schwör!
 
Damit macht auch JP alles richtisch, wenn es darum geht, Technik und Faszination rund ums Auto fern vom Ernst des Lebens und ohne Filter ansprechend so zu präsentieren, dass den Hassern unserer Welt der Hut nicht nur steigt, sondern gleich an die ISS knallt. Und dass macht ihn trotzdem glaubhaft und damit auch sympathisch, wirklich ein Typ mit Herz für Quatsch und Motoren. Alda! Kucken. Los!

Jay Leno hat sie einfach nicht alle. Also, fahrzeugtechnisch ist er auf dem besten Weg bald mal alle zu haben, aber tassentechnisch fehlen sicherlich auch ein paar Exemplare. Der Mann quatscht einfach gerne und das kann ihm niemand streitig machen, er ist wohl einer der Besten darin und würde auch Thomy Gottschalk die Locken glätten. In einem Satz. Alleine mit der Eigendynamik von seinem Kinn.


Auf Jay's Kanal gibt's vielleicht nicht ganz soviel Action und hektische Schnitte wie auf den anderen Kanälen. Aber als ehemals hauptberuflicher Quassler spricht Jay gerne über seine Schätze. Und zwar ohne Allüren, dafür aber mit Herz. Und einer Scheissfrisur, sowas geht auch nur, wenn man sich nicht mehr um den Style kümmern muss, weil man selber zum Style geworden ist.  
 
Ich kenne Leute, die können noch vor dem Mittagessen einen Kühlschrank komplett volllabern und zwar ohne dass etwas Abgelaufenes drin ist. Und Jay Leno hat im Laufe seiner Karriere und den Kapazitäten seiner Gesichtsmuskulatur entsprechend einfach eine Garage vollgelabert (ca. 180 Autos, 125 Motorräder). Eine richtig grosse Garage. Gerüchte besagen, dieser Mann habe schon während einer normalen Unterhaltung aus Versehen einen Endschalldämpfer durchgebissen, mit welchem ihn ein Mitglied von Greenpeace während eines Interviews beworfen hat. Und einen Bus soll er auch mal umgeschmissen haben, weil er sich an einer Bushaltestelle über einen Toyota Prius halb totgelacht und mit seinem Kinn den Bus erwischt hat.

 
Dass er heute als "Ruheständler" via Youtube seine beräderten Besitztümer mit der Welt teilt ist natürlich ein feiner Zug. Es entspricht halt einfach seinem Naturell, der Mann redet einfach gerne. Dass er dies meist in einem doppeltem Denimdisaster tut, sei ihm verziehen, er ist lange genug in Anzug und Krawatte in der Arbeit gesessen und musste sich das selbstgefällige Gesabbel von Leuten anhören, welche mehr oder weniger talentbefreit den Sprung in die Medien geschafft haben. Also zum Beispiel, einen Löffel voll Zimtpulver verputzen, ohne dabei in einer braunen Staubwolke draufzugehen. Dazu kommt, seine Videos sind nicht nur das Gelaber eines selbstverliebten Autosammlers und Talkshowrentners. 


Dieser Mann hat zu jedem seiner Fahrzeuge eine Geschichte und; er fährt alles was da in seiner Garage so rumsteht regelmässig und man merkt, das sind alles seine Babys.  Er weiss bestens über die Technik seiner Fahrzeuge Bescheid und man kann auch als alter Hase im Autogeschäft von Leno noch einiges lernen. Damit das irgendwann nicht all zu langweilig wird, hat Leno auch immer wieder Gäste aus allen Ecken der Medien- oder Autobranche. Sei dies der alte Binfordgrunzer Tim Allen oder der CEO von Dodge USA, Tim Kuniskis höchstpersönlich, welcher in bester Verkäufermanier den Hellcat Challenger vorstellt. Wie empfänglich Leno für dessen Marketinggelaber ist wird spätestens dann klar, als Leno zeigt, was ER unter der Farbe Hemi-Orange versteht und wer hier gute Geschichten über diese Motoren erzählen kann.  

Leno macht auch nicht Halt vor den skurrilsten und kompliziertesten Gefährten. Sei dies eine Dampfmaschine oder das Rocket II Trike. Er schert sich nicht um Marken oder Namen. Wenn es ohne Pedaltreten rollt, macht es potentiell Spass. Und damit kuck ich auch immer wieder mal bei Jay Leno rein, damit lässt sich auch mal der Horizont erweitern und der Blick über den Tellerrand tut nicht ganz so weh. Vor allem nicht dann, wenn man gerade aus dem 26. MQB Volkswagen gestiegen ist. Tut gut und ist eine interessante Alternative zum Konsum von Antidepressiva und veganem Müsli mit Algencarpaccio.  

In diesem Sinne; viel Spass noch!
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

2 Kommentare :

  1. Du sprichst mir aus der Seele mit deinen Kommentaren zu den Sendungen, aber etwas ganz wichtiges hast du vergessen: Wheeler Dealers ;) (Topgear kann man ja nicht mehr schauen seit die drei Jungs nicht mehr dabei sind)

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    1. Von Wheelers Dealers hab ich mir beiläufig ein paar Folgen angekuckt. Was mir da etwas abgeht ist das Augenzwinkern beim Thema selber, das ist mir ein wenig zu ernst und ein wenig zu sehr nach Script. Aber zweifelsfrei, man kann bei den beiden auch mal was dazulernen :-). Und jo, Top Gear ist leider tot, mal schaun was die Jungs demnächst auf die Welt loslassen...

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