Mythos Autofahrer - eine Bestandesaufnahme

Vorwort
Als Autofahrer/in ist man ja auch nur ein Mensch. Also, so biologisch gesehen. Aber eigentlich verhalten sich viele Leute auf der Strasse eher wie ein Cyborg, eine Symbiose zwischen Mensch und Maschine. Und wie wir seit Arnold Schwarzeneggers Terminator wissen, ein Cyborg hat keine wirklich gute Kinderstube gehabt. Also, im weit ausgeholten und übertragenem Sinne, weil eigentlich steckt ja in jedem/jeder von uns manchmal auch...


Geht's noch?
 
Der Lehrer
Sie sind überall. Sie fahren meist schon seit gefühlten 94 Jahren unfallfrei Auto und damit sind sie auch ohne Zertifikat ausgewiesene Experten im Bereich Fahrsicherheit, kompetenztechnisch noch weit vor Polizei, amtlichen Fahrlehrern und Niki Lauda. Wehe, wenn so jemand auf der Überholspur mal seine Richtgeschwindigkeit erreicht, das bedeutet meist kilometerlanges Kennzeichenauswendiglernen und die Frage nach dem Sinn des Lebens und dem Sinn einer freien rechten Spur. Zweitere Frage stellt sich dem Lehrer gar nicht. Weil, er fährt ja Richtgeschwindigkeit und mit jedem Meter kommt er seinem persönlich gesteckten Lebensziel näher, aufgrund seines guten Autofahrerkarmas irgendwann einen Satz Billigreifen in einem Preisausschreiben zu gewinnen. Geschwindigkeitsbegrenzungen sind für sie nicht nur eine Zahl auf einem runden Stück Blech, für sie ist das eine Lebenseinstellung. Lehrer scheinen auch gerne mal von den Fahrzeugherstellern damit beauftragt zu werden, Tachos zu eichen, bevorzugt Sonntags. Kein GPS dieser Welt erreicht die atomare Genauigkeit eben jener Seitenbachermüslifresser, welche es sich zur Aufgabe gemacht haben, möglichst vielen hinterherfahrenden Leuten die geltenden Tempolimiten auf's Auge zu drücken und sie daran zu erinnern, wer hier eigentlich alles richtig macht. Ihre letzte Geschwindigkeitsbusse steht in den Geschichtsbüchern und wurde noch mit einem Schwein und einem halben Ochsen beglichen, danach ging man gemeinsam zum Metsaufen oder in ein römisches Bad. Und man sollte niemals den Zeigefinger einem Lehrer gegenüber erheben, nein tun sie's nicht! Sie haben von Natur aus schon eine viagragleiche Ausdauer im Erheben des Mahnfingers, welcher als Verlängerung für den Stock im Hintern dient und damit die Standhaftigkeit eines mit Beton gefüllten Kirchenturms besitzt.

 
 
Der Ampelhasser 
Man müsste meinen, dass Ampelhasser nicht so zahlreich vertreten sind, man sieht sie irgendwie nicht mehr so oft. Und das obwohl wir ja mittlerweile an jedem Feldweg eine Ampel haben müssen. Aber der Eindruck täuscht, schliesslich kann immer nur einer ganz vorne an der weissen Linie stehen. Zu erkennen sind diese Leute aber auch dadurch, dass sie das Aufleuchten der Farbe grün auf der Lichtsignalanlage durch einen augenblicklichen Schlag auf die Hupe signalisieren und damit das illuminierte Farbenspiel akustisch untermalen. Und weil sie ihr Lebensziel, Ampeln so schnell wie möglich hinter sich zu lassen, mit Vehemenz durchsetzen, knallen sie auch gerne mal mit 150 bei Orange drüber. Wehe dem, der nicht sofort bei Grün aufs Gas latscht und sich fluchtartig von der Kreuzung davonmacht. Dann ist aber mal Kirmes in der hinteren Reihe. Das stehen an einer Ampel scheint also für diesen Schlag Autofahrer sowas wie eine unerträgliche Folter zu sein. So beobachtet und am eigenen Leib erfahren diese Woche am Dienstag. Oder Mittwoch. Ich stand in der zweiten Reihe, als der Fahrer vor mir bei Grün nicht augeblicklich sein volles Körpergewicht gen Gaspedal stemmte und der Mann im Volvo hinter mir quasi augenblicklich den vollen Dynamikumfang seiner schwedischen Qualitätshupe zum Besten gab. Ich hätte mir fast den Kaffee in die Fritten geschüttet, während ich an einem Preisausschreiben für Winterreifen teilnahm. Sowas von unnötig.
 
Der Multitasker
Sie sind unsere heimlichen Genies im Strassenverkehr. Sie können nicht nur alles, sie können auch alles gleichzeitig. Essen, trinken, rauchen, simsen, telefonieren, mal kurz auf dem Handy ein Haus zeichnen oder sich während der Fahrt auch mal irgendwelche Kosmetikprodukte in Gesicht und Haare zu klatschen. Und dabei verlieren sie fast nie die Kontrolle über ihr Fahrzeug.


Parken Sie ihren Schlitten zwischen einer warmen Mahlzeit und einer SMS trotzdem mal in der Botanik, war das sicher nur die wohl überlegte Absicht für einen Ausflug ins Grüne. Multitasker sind auch jene kreativen Leute, welche sich beim Anblick einer Friteuse für den Zigarettenanzünder denken: Warum eigentlich nicht? Mit Multitaskern kann man sich auch gerne mal einen Scherz erlauben; wenn Sie einen von diesen Leuten sehen, wie er sich gerade einen bei 50°C flüssiggegarten Schokoriegel ins Gesicht stopfen, einfach hupen. Es ist wirklich unbezahlbar, wenn man zuschauen kann, wie sich jemand mit einem Snickers ein nussig-braunes Komma quer über die Backe zeichnet und danach mit weit aufgerissenen Augen über einen Acker brettert.  
 
Der Ausflipper
Sie sind eigentlich die ungewollten Kinder von Ampelhassern und Lehrern. Man erkennt sie unerkennbar daran, dass sie halt eben mal ausflippen. Also nicht im Sinne des normalen Autofahreralltags, wenn man mal jemanden als Idioten oder Vollpfosten beschimpft oder kurz mal genervt an der Lichthupe zupft. Nein, der Ausflipper ist ein wahrer Meister seines Fachs. Wer einmal nicht rechtzeitig den Blinker stellt, der kann sich des grenzenlosen Hasses eines AF's sicher sein, der zuckt bei sowas nämlich so richtig aus. Die Hupe als Signalisation für seinen Unmut genügt seinen Emotionen längst nicht mehr. Er tut seinem Unverständnis mit Wörtern kund, welche vermutlich mit Gefängnisstrafen belegt werden. Und er gestikuliert dabei dermassen wild, dass nur noch Chuck Norris mit seiner Faust bis zu seinem Gesicht vordringen könnte. Würde man einen Ausflipper während seiner Rage kopfüber in ein Fass voll warmer Milch tauchen, er würde sie in Rekordzeit aufschäumen und damit Tür und Tor öffnen für den grössten Latte Macchiato der Welt. Und sollte man in der misslichen Lage sein, dass man sich nicht sofort aus dem Staub machen kann, dann steigt er gerne mal aus dem Auto und tobt sich so richtig mit Schmackes aus. Wenn's sein muss mitten auf der Autobahn, auf dem Pannenstreifen und mit Fusstritten gegen das gegnerische Auto. In gewissen Ländern soll es auch schon vorkommen, dass sie Leute von der Strasse rammen oder gleich erschiessen. Dabei würd's doch eine simple Fingergeste auch tun.

 
 
Die Schlafmütze
Sie sind halt einfach nicht immer wach. Auch nachmittags um drei nicht. Sie gähnen im fünfsekundentakt, dümpeln geistig knapp vor Notstrom, befinden sich fast schon in der REM-Schlafphase und wenn sie nicht gerade den Rest der Welt angähnen, dann kucken sie sich verträumt die Gegend an. Sie verhalten sich im Strassenverkehr oft wie übermüdete Kinder und lassen sich einfach mal gerne vom Verkehrsfluss mittragen. Irgendeiner wird schon hupen oder sich mit einem Fusstritt an die Tür bemerkbar machen. So gesehen sind sie quasi das pure Gegenteil des Ausflippers, tiefentspannt, langsam, aber dafür sehr tolerant und verständnisvoll. Da fährt einer an der Ampel bei Grün nicht gleich los, da wittern sie schon die Gelegenheit für einen erholsamen Sekundenschlaf und hegen die leise Hoffnung, in dem Auto vor ihnen ist auch schon das Sandmännchen durchgerauscht. Leider sind Schlafmützen sowas wie ein Wadenkrampf nachts um zwei, kann unter Umständen ziemlich nerven, vor allem beim Schwimmen. Strassenverkehr hat etwas von Teamarbeit und wenn einer nicht mitmacht, weil er die letzte Nacht bis morgens um fünf durchgesoffen hat, dann funktioniert der restliche Haufen halt auch nicht rund. Man müsste meinen, dass dafür die Lehrer zuständig wären, aber meist übernehmen die Ausflipper den Job und wecken die Schlafmützen mit einer Pumpgun. Oder einem Bagger.


 
Der Tote
Manchmal glaube ich wirklich, ich habe den siebten Sinn. Bzw. eigentlich ist es der sechste, denn selten aber doch kann ich tote Menschen sehen. Sie fahren Auto. Also, meistens kratzen sie hart an der Grenze zwischen Stillstand und Bewegung, oftmals aber gehören sie einfach auf Google Maps als Hindernis eingezeichnet und mit Umfahrungsschildern eingezäunt. Auch sie fahren schon seit mindestens 120 Jahren Auto, oft auch seit der Fahrprüfung immer noch das selbe. Hektik ist ihnen so fremd wie Rainer Calmund eine Karottendiät. Und das ziehen sie durch, sie lassen sich einfach nicht hetzen und ziehen ihr Ding durch. Verständnis kriegen sie nur von den Lehrern, welche in diesen scheintoten Verkehrsteilnehmern anscheinend ihre Meister zu finden glauben. Tempo 30 auf der Landstrasse? Läuft. Am Beschleunigungsstreifen stehen, den Blinker links gesetzt und warten bis keiner kommt? Passt doch. Nicht wissen, welches Jahr wir haben? Egal. Und die Intensität der Beschleunigung mittels Vollgas und Kupplungsspiel regulieren? Geht immer. Was leider gar nicht geht ist, wenn Tote vergessen, was denn nun das Beschleunigungs- und welches das Verzögerungspedal an ihrer Dampfmaschine ist. Dann liesst man leider immer wieder mal in der Zeitung: - Autofahrer (126) fährt in Einkaufszentrum und parkiert vor dem Hosenträgergeschäft im Parkverbot -. Nein, das geht so nicht. Falschparken ist das letzte. Und nicht, dass ältere Leute generell schlecht fahren würden, aber manche würden doch lieber den Schein abgeben, bevor sie durch einen Imbiss durchrauschen und jemandem die Mittagspause versauen. 

 
 
Der Rennfahrer
Ich gestehe, auch ich war mal Rennfahrer. Zumindest hab ich für eine kurze Zeit daran geglaubt. Ja, auch ich hab's mal etwas mehr fliegen lassen, als es der Gesetzgeber für mich vorgesehen hätte. Und auch mag es, wenn mein Auto Eier hat und damit die Fähigkeit besitzt, einen Reifen etwas zügiger zu verschleissen, als es eigentlich nötig wäre. Was aus Rennfahrersicht völliger Schwachsinn ist, weil es nur Zeit und Material kostet. Tatsache ist aber, ich hatte einen kleinen Pokal (vermutlich aus dem Quellekatalog) aus meiner Rennfahrerkarriere, hart verdient auf der Rennstrecke und danach jahrelang in meinem Büro stehen. Und der war noch so etwas wie ein Trostpreis, danke fürs Mitmachen. Er war nicht sonderlich schön und bevor er im Altmetall gelandet ist, hat er mich nur an zwei Dinge erinnert. 1.: Du bist nicht der geborene Rennfahrer, du weisst nur wo das Gas ist. Und 2.: Du solltest mal wieder abstauben, hier sieht's aus wie in einer Gruft.

Wir alle sind gerne mal Rennfahrer, nehmen gerne mal das Messer zwischen die Zähne und wetzen mit geringfügig übersetzter Geschwindigkeit über eine Landstrasse, dass die Kuhscheisse nur so gen Himmel fliegt. Das ist aber alles Illusion. Rennen finden auf der Rennstrecke statt. Und nicht nachts um zwei auf einer Stadtautobahn von einer Ampel zur nächsten. Oder auf einer mit Kuhscheisse vollgepappten Landstrasse. Soweit ich weiss, ist damit noch keiner erfolgreich gewesen oder hat sich irgendwelche solventen Sponsoren geangelt. Vielmehr angelt man sich dabei Bussgelder, Versicherungsformulare und überteuerte Werkstattrechnungen. Trotzdem aber reissen die Ambitionen der Leute dadurch nicht ab. Wer ist nicht schon mal mit 30km/h gemütlich über die Landstrasse getuckert, hat sich die nette Gegend angesehen und dann ist irgendein VW Lupo mit 160 Sachen an einem vorbeigeflogen? Das muss man erstmal können, 160 sind ne Menge Holz wenn man durch einen Wald prescht. Und eine 80 Jahre alte Fichte ist auch eine Menge Holz, wenn sie sich gerade in den Fahrgastraum vorkämpft.  


Damit schliesse ich das heutige Klischeedreschen ab. Einen schönen Sonntag noch. Und falls es bei ihnen schon Montag ist, das tut mir jetzt leid. Ich geh jetzt meinen Tacho eichen. 
 
 
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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