Auf der Suche nach meinem ersten Muscle Car - die Entscheidungsnacht

Vorwort
Mit Entscheidungen beim Autokauf ist das ja so eine Sache. Trifft man sie aus rationellen, finanziellen, emotionalen oder bauchtechnischen Gründen? Oder lässt man einfach den Verstand alleine entscheiden? Was allerdings nicht immer so einfach ist, vor allem wenn Herz und Bauch auch noch ein Wörtchen mitreden wollen. Ungefähr so lief dann die Diskussion ab...
 
Wer sich um Spoiler keinen Deut kümmert, kann nun ganz nach unten Scrollen.  

Es war...
ungefähr halb zwölf in Clearwater Beach im Staate Florida und mir schwirrte der Kopf wie ein Kuhhintern voller Fliegen. Einerseits von den Eindrücken der Probefahrten, aber hauptsächlich, weil die sechs oder sieben Coronas aus der Hotelbar meinen Schädel in eine Kneipe voller lallender Besoffener verwandelte. Und ausgerechnet diese Besoffenen sollten nun eine fundierte Entscheidung herbeiführen? Ich stellte mal wieder fest, dass ich halt auch nur ein betrunkener Idiot war.


Herz: Nimm diesen wunderschönen Camaro. Damit kannst du auch gleich das Cabrio von der Bucketlist streichen!

Bauch: Blödsinn! Nimm den Nova. Der hat wenigstens Eier. Und eigentlich wolltest du gar kein Cabrio. Das riecht nach Midlife Crisis wie Sau!  

Ich: Cabrio muss man mal gehabt haben. Und nein, ich habe keine Midlife Crisis!

Verstand: Hallo zusammen, darf ich auch mittreden?

Bauch: Nein. Kannst dich wieder hinlegen. Warst ja an der Bar auch nicht da, als er sich die letzten drei Coronas in den Schädel geschüttet hat.  

Verstand: Worum geht's?

Herz: Hör nicht auf den Bauch. Der denkt mal wieder etwas zu weit unter seiner eigenen Gürtellinie. Geh wieder weg. 

Bauch: ...sagte das Herz, welches ein Cabrio aus einem 70er Jahre Porno favorisiert. Vermutlich werden wir demnächst auch am morgen einen Schnauzer im Spiegel erblicken müssen.

Ich: Haltet mal alle die Klappe. Hier entscheide immer noch ich.  

VerstandAlso ich.

Bauch: Ihr liegt beide falsch. Tchichichihi!

Herz: Na dann entscheidet mal.

VerstandWusstet ihr, dass Volvo eine Winterpromotion am laufen hat? Da gibt's einen Satz Winterreifen und Teppiche gratis dazu.

Herz: Ja. Super. Das letzte worum's gerade geht sind Winterreifen.

Bauch: Genau. Der Nova wird ja auch nicht im Winter gefahren.

Herz: Der Camaro auch nicht. Das ist ein Sommerauto par Excellance. Wisst ihr, wie cool es sein wird, wenn das Dach unten ist und der V8 ohne Filter das Trommelfell umschmeichelt? Erinnert euch an den 507...

Bauch: Ja ok, das war ja schon ganz nett, aber sogar der BMW hatte mehr Cojones wie dieser rote Eisbecher mit Sahne. Und die schwarzen Sitze werdet ihr noch verfluchen.

Eier: Was?!?!

Ich: Nixnix.

Verstand: Braucht's denn eigentlich noch ein Auto? Der Benz reicht do...

Alle: HALT DIE PAPPEN JETZT!

Das führte also nirgendwohin, wo's schön gewesen wäre. Im Bett nebenan sägte mein Zimmergenosse einen voll ausgestatteten Wald in die nächstgelegene IKEA-Manufaktur und von der benachbarten Zimmerterrasse hörte man eine völlig fertige Klimaanlage bei Ihrem verzweifelten Versuch, eine mittelgrosse Suite auf zwölf Grad runterzukühlen. Eine Waschmaschine mit nem Backstein drin klingt angenehmer.
 
Aber es war eigentlich nicht diese fertige Klimaanlage oder der röchelnde Zimmergenosse, welche mich um den Schlaf gebracht haben. Ich hatte Kopfkino. In Dolby Digital und mit überdrehten Woofern. Plömplömplöm.... Und aus dem Off redete es ununterbrochen weiter.

Herz: Gib's doch zu, du wolltest schon immer einen Camaro.

Bauch: Ja, aber einen mit Eiern, mit nem BigBlock! 

Ich: Der RS hat schon Eier. Er ist zumindest lauter als 99% aller Volvos mit Winterreifen auf diesem Planeten. Und wer hat gesagt, dass ich nicht trotzdem irgendwann einen BigBlock anschaffe?

Verstand: Hey! Ein Sandwich wäre jetzt lecker. Zimmerservice?

Herz: Morgens um zwei??

Bauch: Ich hab's ja schon immer gesagt, mit ein paar Bier kriegt man den Verstand immer aus dem Konzept. Lasst uns schnell eine Entscheidung treffen, bevor er wieder nüchtern und am Start ist!

Ich: Nicht so schnell. Ich mag das jetzt sachlich entscheiden.

Bauch: Hat eigentlich die Bar noch offen? Wir könnten ja nochmal auf ein Corona...

Verstand: Au ja! Noch mehr Coronas!!! Coronas! Coronas!


Und im Bett nebenan war die Säge für einen Moment verstummt. Ich versuchte, trotz der Kneipenatmosphäre in meinem Kopf mal kurz eine Pro/Contra Liste zu erstellen. Also, aus der Sicht eines Bürokraten. Schliesslich löst Bürokratie ja so manches Problem auf diesem Planeten und schafft dabei eine Menge neuer Probleme. Oder wie der redenschwingende Seminarmanager gerne sagt; Herausforderungen.

Ich: Romanoff ist zweifellos ein Eycatcher, was seinem Wiederverkaufswert mehr als zuträglich wäre. Eine gute Investition also, welche im besten Falle noch mehr Mittel für den Kauf eines BigBlocks ausspuckt. Der Nova hat diese Eigenschaften nicht, es existiert kein oder nur ein ganz kleiner Markt für den sandelholzfarbenen Kasten. Dafür aber hätte dieser aber die potentere Maschine und ist tatsächlich noch lauter. Und man könnte ihn sicher auch burnouten...

Verstand: Was ist denn nun mit den Coronas?

Bauch: Jetzt halt mal die Zähne zusammen, er hätte sich gerade für den Nova entschieden. Verdammt!

Herz: Das hättest du wohl gerne.

Ich: Verdammt!

Im Bett daneben wurde wieder die grosse Säge hervorgeholt. Ich hatte mal kurzfristig den Gedanken, dass diese Form der Atmung wohl kaum gesund sein kann und überlegte, ob ich eines meiner zwei Kissen rüberschmeissen sollte. Hab's dann aber doch gelassen, einerseits brauch ich einfach meine zwei Kissen, andererseits konnte ich ja eh nicht schlafen. In meinem Kopf ging gerade eine Kneipenschlägerei los und das Herz hatte gerade angefangen, den Bauch mit nem Stuhl zu kämmen. Ich meine, ich hätte auch ein paar leere Coronaflaschen auf den Boden fallen hören. Mittlerweile war es nachts um drei und das Kopfkino hatte Pause.
 
Die allwissende Müllhalde im Internet! Sie musste mir helfen. Ich zog mein Handy vom Nachttisch und öffnete die Suchmaschine. Soviel sei gesagt, die Bedienung eines Handys mit zu vielen Umdrehungen auf Leber und Hirn ist kein einfaches Unterfangen. So fand ich aber dann doch heraus, dass 1971 noch kein Lada Niva am Markt war und dass es 1967 mal ein berühmtes Pferd namens Cymro gab. Ich vermisste mein Tablet, dessen Netzteil wohl gerade irgendwo über dem Atlantik in einem Airbus der Swiss unterwegs war. Was ich aber doch noch hingekriegt habe, war mit dem Daumen von links nach rechts zu schmieren und so die Bilder des Tages nochmal Revue passieren zu lassen. Im Kopfkino ging's weiter.



Ich bin dann gegen fünf Uhr morgens tatsächlich mal kurz weggeschlummert. Der Akku von meinem Handy war auch leergelutscht und ich war mir plötzlich sicher, welcher von beiden es denn nun sein sollte. Also eigentlich war ich mir in dieser Nacht so ca. 85 mal sicher gewesen, welcher Chevy es denn nun sein sollte, der zukünftig meine Garage mit Betriebsflüssigkeiten vollsabbert. So wachte ich dann gegen Sechs wieder auf, mein Schädel pochte und ich hatte mich noch beim Aufwachen endgültig entschieden: Nie wieder Alkohol!
 
Mein Zimmergenosse war dann auch irgendwann wach und das erste, was ich von ihm nach seiner anstrengende Nacht im Wald gehört habe war ein "Und?? Welchen nimmst jetzt?" Ich hatte den Kanal voll, ich wusste es nämlich immer noch nicht. Ich fasste den Entschluss, dass ich dies nun zu einer finanziell fundierten Entscheidung mache. Ich stieg aus dem Bett, ging zu meinem Geldbeutel, schaute rein, holte einen Zweifränkler raus und verkündete mit der kratzigen Stimme eines verkaterten Idioten; "Bei Kopf ist es der Camaro, bei Zahl der Nova!" Noch bevor der Typ im anderen Bett so richtig realisierte was ich gerade tat, flippte ich die Münze und klatschte sie mit etwas zuviel Schmackes auf meinen Handrücken. Badumm tiss!

Entscheidungsträger beim Autokauf
Damit war es offiziell. Es sollte Romanoff sein, der mir in den kommenden Wochen eine unvorstellbare Flut an Bürokratie und zig Mails mitten in der Nacht bescheren würde, ca. 20 Seiten Papier inkl. dem Gang zum ortsansässigen Notar und den Wirren internationaler Postverbindungen.
 
Ein fettiges Frühstück hat uns dann auch wieder ein paar Lebensgeister eingehaucht. Wir machten uns noch vormittags auf den Weg zu PJ's Autoworld, wo wir Doug vorfanden, der gerade eine Chevelle wienerte, nachdem er sie kurz mal ausgefahren hatte. Wie besiegelten den Deal per Männerhandschlag und ca. 10 Seiten Papierkram, Romanoff wechselte offiziell den Besitzer. In den Kaufpreis habe ich auch noch die eine oder andere Reparatur reinverhandelt, was zwar Sinn gemacht, aber leider auch fast einen Monat gedauert hat. Darauf folgte eben noch der lange befürchtete bürokratische Aufwand mit der Transportfirma, welche sich aber als sehr geduldig und hilfsbereit herausgestellt hat.
 
Der aktuelle Stand der Dinge ist folgender;





Einen ausführlichen und penibel ausgeführter Schadensbericht habe ich bereits erhalten. Wobei sich die Schäden auf zwei Steinschläge, zwei Kratzer und eine dreckige Einstiegsleiste beschränken. Der rote RS steht aktuell in einem Warehouse in Miami und wartet auf einen Reisegefährten.
 
Dem Camaro steht nun also eine teure Kreuzfahrt ohne Aussicht im Container bevor. Und mir steht jetzt eine weitere Periode des Wartens bevor, auf das Auto, auf die Zulassung und vor allem auf den Frühling. Dann folgt auch ein ausführlicher Fahrbericht, ein paar bessere Fotos und evtl. noch ein paar bewegte Bilder mit Ton. Bis dahin lerne ich die Trackingnummer der Transportgesellschaft auswendig. Die VIN kann ich ja schon.


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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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