Hyundai Tucson 1.7 CRDI

Vorwort
Der Moment, wenn man am Mietwagenschalter steht und die nette Dame einen Schlüssel aus der Box hervorkramt. Ich denk mir ja immer, bitte nicht schon wieder einen VW/Audi/Seat/- oder Skodaschlüssel, ich hab die doch alle sowas von durch und ich hatte doch die Tage schon den vierten A1 und den dritten Seat Leon. Dieses mal wurde ich erhört, es gab mal wieder was exotisches. Und gerade bei den Koreanern bin ich immer wieder gespannt. Bei denen kann man die Fortschritte wirklich von Modelljahr zu Modelljahr beobachten und zukucken, wie sie ihrer Konkurrenz langsam aber sicher immer näher auf die Pelle rücken.

Was denn?
Ein Hyundai Tucson 1.7 CRDI mit 116 schnarchigen Pferden, sechs manuellen Gängen und Vorderradantrieb ohne nennenswerte Traktionsdefizite. Wovon auch...


 

Laufleistung
8500km

Wie weit?
ca. 160km.

Handbuch gelesen?
Nein, war keins da.

Erster Eindruck
Von aussen, schick. Nicht mehr so kantig und ladamässig wie noch vor 10 Jahren. Die können schon Design, wenn sie wollen. Leider nur aussen. Innen war die Tristesse des finstersten Schlumpfmittelalters präsent.

Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP, Notbremsassistent, Totwinkelwarner, aktiver und damit auch extrem nervöser Spurhalteassistent.

Innenraum
Innen setzt sich der moderne Eindruck von aussen leider nicht konsequent fort. Das für asiatische Verhältnisse schlichte Design ist noch gefällig und schreit nicht nach dem Cockpit aus dem Jahr 2115. Und die Materialien scheinen immerhin schon aus den 90ern und nicht mehr aus den 80ern zu stammen. Das macht's aber auch nur bedingt besser, alles fühlt sich hart, rauh und leider auch etwas billig an, als ob das hier der Entwurf eines richtigen Innenraums sein sollte.


Was ebenfalls für eine längst vergangene Zeit steht, ist der exzessive Gebrauch von blauen LED's. Und nicht dieses dezente blau, nein, es ist dieses knallende Schlumpfblau, dass man vor vielen Äonen schon in den 4er Golfs gefunden hat.


Aber abgesehen von der wenig dezenten Schalterbeleuchtung ist es in Schlumpfhausen ziemlich aufgeräumt und bedientechnisch erfreulich logisch eingerichtet, alles ist da wo es hingehört und lässt sich ohne Kletterpartien vom Fahrersitz aus bedienen. Sogar das nutzloseste aller nutzlosen Gimmicks, eine Lenkradheizung, war an Bord. Das ist eines jener Dinge, welches man an einem Auto einmal ausprobiert und dann wieder vergisst.

 
Völlig doof fand ich die Fensterheberschalter in der Fahrertür. Sie waren direkt unter dem Schalter der Zentralverriegelung angebracht und so mancher Versuch mal schnell ein Parkticket zu ziehen, wurden mit dem charakteristischen "Klack!" aus den Türen rundum quittiert. Hatte ich dann aber den richtigen Knopf gefunden, war es wieder da, dieses 90er Jahre Gefühl. Die Schalter fühlten sich so wertig an wie in einem 15 Jahre alten Toyota Corolla.  


Die Sitze waren top. Zumindest, der, auf dem ich gesessen bin. Eine angenehme Sitzposition war schnell gefunden und der Support der Stühle war für mich absolut in Ordnung. Wobei ich hier nicht einen knüppelharten Sportsitz erwartet hatte.


Ein klein wenig Abwechslung fand sich dann doch noch in dieser Schlacht von schwarzem und an manchen Orten geschäumten Hartplastik. Blau war ja unverkennbar die zweite und damit auch die einzige und letzte Farbe im Innenraum und der eine oder andere blaue Faden fand sich dann auch noch im Gestühl und am griffigen und perfekt dimensionierten Lenkrad. Nett, aber mir persönlich zu viel blau.

Man kann sich den Tucson im Innenraum aber auch etwas gefälliger gestalten, diverse Pakete und Zusatzausstattungen bringen dann doch etwas mehr Farbe und Kontraste in die Plastiklandschaft.

Die ersten Kilometer
Brumm. Kalt klingt der 1.7er Diesel wie ein Bär. Weniger bärig ist allerdings seine Leistungsentfaltung. Drehzahlen werden nur widerwillig angenommen, man sollte sich mit dem früh anliegenden 280Nm Drehmoment in den unteren Bereichen zufrieden geben und einfach früh hochschalten. Das wird schon.

Nach 10 Kilometern
Ne, das wird dann doch nix. Der Motor ist ein Schwein der ganz armen Sorte, wirklich. Er hats nämlich nicht leicht mit den rund 1600kg. Und es hilft leider auch nicht, wenn man den kleinen Diesel mit Gewalt zu hohen Drehzahlen bringen will, muss man sich das Gejammer der Maschine nur noch lauter anhören. Immerhin, wenn der Tucson mal rollt, dann tut er das überraschend europäisch und nicht so amerikanisch, wie die namensgebende Stadt in Arizona US vermuten lassen würde. Warum eigentlich dieser Name?

Multimediaplunder
Was die Liebe zur Musik in einem Auto anbelangt, da werden die Asiaten und ich wohl niemals Freunde. Im Tucson ist die Kapelle einfach da, aber scheint in dasselbe matte Horn zu blasen wie der Motor. Man hat einfach keine Lust, seine Arbeit richtig zu machen. So dröhnt und scheppert es in dem Korea-SUV zwar ambitioniert laut, aber völlig sinnlos. Und dass die weibliche Stimme des Navis den Frequenzumfang eines Wählscheibentelefons besitzt, macht die Sache auch nicht besser. Die Dame klingt wirklich, als ob sie von irgend nem Berg in Tibet her anruft um Ihre Ansagen zu machen. Das jedoch, macht sie ausgesprochen freundlich.


Immerhin, man muss dem System abgesehen vom kakophonischen Klangcharakter doch einiges zu Gute halten. Es ist richtig flott, die Bedienung ist ein Kinderspiel, die grafische Darstellung zweckmässig und die Konnektivität entspricht dem Stand der Technik. Gerade die Bedienung via Touch UND konventioneller Tasten empfinde ich logischer und schneller als so manches System mit Drehrädern oder irgendwelchen Multimediakartoffeln.

Die Fahrt
Wie bereits erwähnt, der Motor ist keine Glanzleistung aus dem Hause Hyundai und das ist ein wenig schade. Denn die restliche Technik im Tucson erscheint wirklich ausgereift und zu Ende gedacht. Das Getriebe ist zwar etwas sehr lang übersetzt, aber schaltet sich einigermassen präzise und komfortabel. Als komplettes Auto funktioniert der kleine Tucson also durchwegs gut. Wo er weniger gut funktioniert ist in kleinen, aber vernachlässigbaren Details. Wie z.B. der über das Multifunktionslenkrad bedienbare Bordcomputer;


Dschnverbrwas? Wieso ist das Menu plötzlich auf russisch? Die Schnecke verbröselt? Den Schnaps verbraucht? Achso, Durchschnittsverbrauch. Leider ist die Anzeigefläche jenes Displays für die Fülle der Funktionen etwas klein geraten und ich hab's auch nicht geschafft, mir die Geschwindigkeit in digitaler Form anzeigen zu lassen. Dafür aber konnte ich den Spurhalteassistent in Form eines Autos zwischen zwei Fahrstreifen anzeigen lassen. Mehr passierte da aber auch nicht. Keine Ahnung wozu das hätte gut sein sollen. Auch hier entsteht ein wenig der Eindruck, dass man wie die Mitbewerber ein solches Display im Tacho haben wollte, aber nicht wirklich wusste wozu.

Den Spurhalteassi habe ich dann auch mal ausprobiert, dieser liess sich Gottseidank auch über einen ordinären Druckknopf neben dem Lenkrad aktivieren, anstelle dieses Schlumpfkinos im Tacho. Man muss sich diesen nervösen Gesellen so vorstellen; Grunzätzlich benötigt es dafür eine elektrisch unterstützte Lenkung, welche eben bei Bedarf die nötigen Korrekturen durchführt.


Lenkung auf Spocht!
Und harrjessas, was ist das bloss für ein Werk des Teufels. Was man nicht machen sollte, aber trotzdem kann, ist den Tempomaten einzuschalten und das Lenkrad loszulassen, das wäre dann auch meine erste kurze Erfahrung im vollautonomen Fahren gewesen (hab ich mir selbst eingeredet). Zumindest so lange, bis man vom Tucson angehupt wird, man solle doch das Lenkrad wieder in die Hände nehmen. Und das tut er auch dann, wenn man die Hände am Lenkrad hat. Aber, wenn der Spurassi mal davon ausgeht, dass alles in Butter ist, hält er die Spur einwandfrei. Irgendwie. Denn das dauernde hin- und herkorrigieren der Lenkung schürt mein Vertrauen in die bordinterne Intelligenz nicht wirklich. Wirklich im Sekundentakt zupft und rupft es am Volant und es beschlich mich das Gefühl, dass entweder ich nicht Autofahren kann oder dieses System mit einem massiv betrunkenen Fahrer geeicht wurde. Dazu kommt, dass dieser Assi sich nur zu seiner Arbeit berufen fühlt, wenn man mit über 60km/h auf einer Autobahn unterwegs ist. In der Stadt bzw. bei Innerortstempi hat der Kollege nämlich dienstfrei. Unter dem Strich erscheint auch dieses System wie ein verzweifelter Versuch von Hyundai, bei dem Thema (teil)autonomes Fahren auch noch ein Wörtchen mitreden zu wollen. Obwohl ich noch kein anderes Auto mit sowas gefahren bin, das kann unmöglich der Weisheit letzter Schluss sein. Setzen, sechs.

 
Was ich ebenfalls nicht so prickelnd fand, war die Übersicht nach hinten. Dort schaut man nämlich durch ein Guckloch dorthin, wo sich potentielle Hindernisse problemlos verstecken könnten. Z.B. ein Panzer. Oder ein Bagger. Hätte das Auto keine Rückfahrkamera mit Hilfslinien, wäre die Fahrt nach hinten ein reines Glückspiel und ein gutes Geschäft für alle tüchtigen Karosseriespengler. Mit der Kamera und der obligatorischen Piepsarmada geht's, aber ich bin auch bei Konzerten lieber selber vor Ort, als dass ich mir sowas im Fernsehen anschaue. Ist einfach nicht dasselbe. 

Das war's dann aber auch mit meinem Gemecker am Tucscon. Wenn die Bude mal in Schwung ist, dann fährt man gelassen und komfortabel von A nach B. Das Fahrwerk ist für so einen hochbeinigen Koffer tiptop abgestimmt, keine übertrieben sportliche Härte, aber immer noch genug straff um nicht augenblicklich seekrank zu werden und dabei in eine der grosszügig dimensionierten Ablagen zu reihern. Auch die elektrische Lenkung ist zwar nicht wirklich mit Rückmeldung gesegnet, aber immerhin recht direkt und einigermassen zielgenau. Da hatte ich im
i40 andere Erfahrungen gemacht. Schlussendlich musste ich auch bei diesem Vertreter aus Korea feststellen, sie machen kontinuierlich Fortschritte, auch wenn sie dabei manchmal etwas holprige Wege betreten.

Fazit
Unter dem Strich ist der Tucson eigentlich ein ziemlich ordentliches Auto. In Anbetracht des Preisunterschiedes zu einem ähnlich dimensionierten Audi Q3 gehen die kleinen Abstriche im Innenraum, der Bordkapelle und des etwas fragwürdigen Spurhalteassistenten völlig in Ordnung. Von der gebotenen Ausstattung kann der kleine SUV locker mit seinen europäischen Kollegen mithalten und auch vom Fahreindruck her ist der Tucson zwar kein grosses Kino, aber immer noch gute denkfreie Unterhaltung. Lediglich die Maschine mit ihren eher verhaltenen 116 PS ist nix für ein Auto in der Gewichtsklasse. Das ist ja schon grenzwertig, wenn man mit leichtem Gepäck und alleine unterwegs ist, aber was passiert, wenn man mit vier Personen und Gepäck mal in die Berge fahren will? Sollte man vielleicht gleich den Bus nehmen?
 
Kaufen?
Kuckt man sich an, was der Tucson fürs Geld bietet, gibt's nix zu meckern. Fährt man ihn Probe, wird es vermutlich auf den ersten Eindruck hin auch nix zu mosern geben. Wo ich aber Meckerpotential vermute, ist im Innenraum. Wie sieht das aus, wenn das Auto mal ein paar Jahre und km abgespult hat? Sind die Kunststoffe wirklich langlebig oder nur für die nächsten zwei oder drei Jahre gut? Wird man den Spurassi wirklich nutzen oder ihn nach kurzer Zeit für immer ausgeschaltet lassen? Da mache ich mir ein wenig Sorgen, denn wirklich als langlebiges Konzept kommt der Tucson nicht überall daher. Dafür aber entschädigt er mit einer passablen Optik und das muss man den Koreanern lassen, designtechnisch trauen sie sich mehr, als die meisten Europäer.
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

3 Kommentare :

  1. AAARGH! Mach es weg, mach es weg! Nicht den Artikel, sondern das neue Seitendesign. Die Performance unter Android/Firefox ist selbst auf einem sehr schnellen Tablet unterirdisch. Jede Wischgeste braucht tatsächlich zwei Sekunden bis zur ruckligen Reaktion.
    Unter Android/Chrome ist es erträglich, aber immer noch weit weg von der Normalität. Mit Windows Phone 8.1 ruckelt es zwar nicht, aber die Ladezeiten sind enorm. Und bringen tut es ja eigentlich auch nichts, oder?
    Bitte, bitte und nochmal bitte mit ganz viel Zucker drauf, nimm wieder das vorherige simple Design.
    Ansonsten weiter so, ich lese immer gern deine Artikel.

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  2. Sorry, aber der Umbau muss einfach sein. Das alte Design ist zwar schlanker, aber nicht wirklich übersichtlich für jene, die das erste mal hier aufschlagen. Das lustige ist ja mal wieder, dass der Googlekram auf einer Google Device am schlechtesten performt. Gut gemacht Jungs. Auch auf meinem Android Tablet ist die Darstellung unter aller Sau, liegt an ganzen den Java-Geschichten. Bin dran...

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  3. Hatte wieder mal viel Spass an diesem launigen Kurztest.

    Das viele Blau ist schon witzig, waere von daher das iseale Dienstfahrzeug fuer Kaept'n Blaubaer, der wuerde sich auch nicht an der bescheidenen Dynamik stoeren, sondern konstatieren: "Alles in Butter auf dem Kutter".

    Koestlich die Beschreibung der Navi-Stimme ('klingt, wie wenn sie von einem Berg im Tibet anruft'), hab' ich gelacht!

    Schade, dass du diese asthmatische Motorisierung erwischt hattest. Es gibt noch vier weitere Motoren, am besten passen wohl der 1.6 Turbobenziner mit 177 PS und der starke 2.0 Diesel mit 185 PS und 400 Nm. Allerdings bewegt man sich dann preislich schon in Richtung 40.000 €

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Kommentare und Kritik sind immer herzlich willkommen. Grundsätzlich wird jeder Kommentar veröffentlicht und ggf. spiele ich auch noch Senfautomat. Auf verletzten Markenstolz gehe ich aber idR nicht ein.
Nicht veröffentlicht wird all jenes Zeug, welches unsere geschätzten Rechtsverdreher so zum Leben benötigen. Dazu gehören Beleidigungen, Verleumdungen, Rufmord etc.

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