Auf der Suche nach meinem ersten Muscle Car - Der 1971er Chevy Nova

Vorwort
Ich hatte ja keinen wirklichen Plan. Ich hatte mich nicht auf einen bestimmten Hersteller oder auf ein bestimmtes Modell festgelegt als ich mich dafür entschlossen habe, mir ein altes, klappriges und benzinsüchtiges Eisenschwein aus den USA über den grossen Teich zu holen. Es gab nur ein paar wenige Rahmenbedingungen; älter als 40 Jahre, V8, zulassungsfähig, und laut sollte er sein. Achja, und er sollte Sprit saufen wie ein schwarzes Loch. Den Rest überliess ich meinem Hormonhaushalt, sollte mir eines dieser Geräte den Ärmel reinziehen, nochmal kurz den letzten Rest Verstand einschalten und dann zuschlagen. Hier hat's mir den Ärmel langsam, aber stetig reingezogen...

Der erste Kontakt
Im Gegensatz zu Romanoff fand der erste Kontakt mit dem Nova nicht schon im Internet statt, also nix mit carship24.de. Auf den Nova bin ich nämlich beim Stöbern in den Hallen von PJ's gestossen, quasi im Vorbeilaufen auf dem Weg zu einem anderen himmelblauen Camaro RS welchen ich vor dem endgültigen Entschluss für das rote Cabrio unbedingt auch noch anschauen wollte. Halllloo! Wo kommst du denn plötzlich her?


Der himmelblaue Camaro musste erstmal warten. In meinem Kopf hatte gerade jemand Romanoff beiseite geschubst und machte sich ein Bierchen auf. Is was? Noch nie einen bösen Buben im neuen, sandelholzfarbenen 70er-Jahre Anzug gesehen? Mmmmh...ein glänzender Novaaa...


Natürlich entging Don von PJ's mein energisches Taschenbilliard nicht. Er stand eigentlich schon beim blauen Camaro und wollte gerade anfangen, dazu etwas erzählen, während ich bereits mit glasigen Augen um den Nova herumstolperte. Fett grinsend rief er "Oh, the nova!", kam zu mir her und erzählte mir kurz die Geschichte von dem Auto, welche sinngemäss folgendem Inseratetext entsprach:
      
1971 Chevrolet Nova For Sale. 350 cubic inch V8 engine, Holley carburetor, headers, dual exhaust, automatic transmission, power steering, power disc brakes, A/C, 15" rally wheels with BF Goodrich Radial T/A white letter tires, code 61 Sandalwood exterior, super sport hood and trim package, black vinyl top, bucket seat interior, console with floor shift, deluxe steering wheel, AM/FM/CD radio. This is one beautiful classic Chevrolet, don't miss it!!!
 

 
Kurz darauf kam auch noch der Chef höchstpersönlich zu uns her und erzählte etwas davon, dass es sich hier eigentlich um einen Neuwagen handelte. Da war er dann wieder, mein Verstand, der immer dann auf die Matte springt, wenn ich das Gefühl habe, hier wird mir einer vom Pferd erzählt. Ich nahm mir ein paar Minuten, um das Auto von allen Seiten und vor allem auch von unten mal zu begutachten. Und das hat mich dann vollends verwirrt. Es war wahr. Einfach alles. Und es war noch nicht mal die ganze Wahrheit. Dieser Nova war nämlich wirklich sowas wie ein 44 Jahre alter Neuwagen. 


  
An dem ganzen Auto fanden sich noch blitzblanke und schneeweisse Sticker, welche von Neuteilen zeugten. Überall. Sollte dies wirklich eine jener bombensicheren Banken sein, welche für mich fast schon in das Reich der Märchen und Legenden verbannt wurden? Ein weiteres, seriös und liebevoll aufgebautes Auto? Gleich zwei an einem Tag? Eigentlich sprach alles dafür, ich war fast schon sauer darüber, dass an dem Auto auf den ersten Blick keine Macken zu finden waren, das nahm mir die heissgeliebte Möglichkeit zur Demontage des Verkaufspreises. Und eigentlich wollte ich ja den Nova gar nicht, Romanoff hatte mir eine Stunde zuvor schon die Augen verdreht und von der Erscheinung her war der Nova kein Vergleich zum feuerroten Cabrio von vorhin. Trotzdem hatte er dieses gewisse Etwas, die Rallywheels, die weiss beschrifteten BG Goodrichs, den Flaschenhals im Heck. Und er machte mich neugierig. Don bemerkte meinen sich anbahnenden Gewissenskonflikt und zog sich mal kurz zurück um unser Tun diskret aus der Ferne zu betrachten. Und obwohl er wohl kein Wort verstanden hatte wusste er, dass wir den Nova wirklich geil fanden. Es gibt Geräusche in der Männerwelt, die sind überall gleich.


Don Williams
Nein, hier handelt sich nicht um einen Countrysänger aus Texas, die heissen soviel ich weiss alle Hank oder Jeff. Don war einer jener sympathischen Jungs, welche sich um die Kundschaft bei PJ's Autoworld kümmern. Und auch er war wie Doug mit den Autos aufgewachsen, welche sich nun in seinem Arbeitsumfeld Seite an Seite stellen. Don war wie Doug ein feiner Kerl hatte ein paar gute Storys auf Lager. Vor allem über sein Ex-Frau, welche damals sein Muscle Car gegen einen Toyota eingetauscht hatte. Ohne sein Wissen. Deswegen auch Ex-Frau, was ich irgendwie verstehen konnte. Don war wirklich ein lustiger Kerl und wie Doug auch keiner jener Salesmen, welche nur auf den schnellen Abschluss aus waren. Er steckte mir mit gesenkter Stimme, dass gerade zu dieser Jahreszeit bei ihnen nicht so viel los sei und sie froh wären, wenn sie eines ihrer Babys aus dem Showroom auf die Strassen loslassen können, sein Chef stand immer noch in unserer Nähe. Don fragte also mich also so um drei Ecken rum nach einer Probefahrt statt umgekehrt, für mich eine ganz neue Erfahrung. Ich liess mich nicht zweimal bitten, das war ja auch das was ich wollte.  

Die Probefahrt
Der Nova stand nicht unbedingt ideal für eine Probefahrt, nämlich mitten im Showroom, umgeben von allerlei Blech und vor allem flankiert von einem Cadillac Deville mit den Ausmassen eines LKW's. Für die Jungs hiess das, Batterien anschliessen, umräumen, aus dem Weg stellen, rausfahren. Und das war recht unterhaltsam für uns Petrolheads. Dabei mussten sie nämlich auch diesen Chevy 210 aus dem Showroom rausfahren;

Es gibt wirklich schlimmere Rahmenprogramme während der Wartezeit auf eine Probefahrt als ein richtig böse gemachter 50er Jahre Chevy. In anderen Autohäusern muss man sich das Gelaber über CO2 und Verbrauchswerte anhören (ausser grad bei VW), man kriegt Verkaufsprospekte in die Hand gedrückt und meist mittelmässigen Kaffee serviert. Hier wurden Dinosaurier als Betriebsspesen verheizt. Sehr schön. Der eigentliche Höhepunkt war aber der kleine Chevy meines gesteigerten Interesses, der's dann irgendwann auch aus der Halle geschafft hatte.

Doug bei der Arbeit. Was für ein Shycejob.
Alles was jetzt kommt, passierte ohne aktivierten Verstand. In dem Moment, als Doug den Nova den 5.7 Liter grossen V8 im Showroom gestartet hatte, switchte ich geistig um zu einem dämlich grinsenden, acht Jahre alten Jungen und dessen Sucht nach Spielzeugautos. Und dass der Nova nun im Tageslicht stand, machte das Ganze auch nicht besser. Der sandelholzfarbene Lack kommt auf den Bildern leider nicht so gut zur Geltung und ist für das heutige Strassenbild natürlich ziemlich ungewohnt. Vor Ort, live und in Farbe sah das allerdings wirklich zum ablecken gut aus.

Don setzte sich dann wie ich bereits vermutet habe recht zügig auf den Fahrersitz, ich nahm daneben Platz und wir fuhren erstmal entspannt ein paar Meter weg vom Stadtverkehr.

Auf geeehts!
Don erzählte mir während der Fahrt noch eine kleine Anekdote aus seiner Jugend, während er die Maschine auf Betriebstemperatur fuhr. Einer seiner Freunde hatte damals auch einen Nova, mit nem bösen BigBlock drin und damit fuhr jener Freund auch gerne mal auf den Dragstrips in der Gegend der Konkurrenz davon. Was aber anscheinend viel wichtiger war, jenes Auto war ein wahrlicher Chick-Magnet. Alle fuhren zu der Zeit Mustangs, Camaros und diverse Mopars aber jener Freund mit seinem kleinen Nova war anscheinend einfach anders. Der Nova war anders. Und damit auch interessant. Ob der Freund oder der Nova war mir nicht ganz klar. Jedoch, Don hatte sich immer geweigert, auf dem Rücksitz jenes Novas Platz zu nehmen. Warum auch immer...

"Everyone wants a Camaro and no one wants the Nova because it's not that pretty and not that popular. Because of that, you should buy the nova, it's far more unique then any camaro or mustang. "

Don hatte damit auch jenen Gedanken zitiert, der mir kurz davor schon durch den Kopf schoss. Der Nova war exklusiver, auch wenn er in Sachen Charme und Erscheinungsbild nicht dem Muscle Car Mainstream entsprach und eigentlich auch nur eine Nachwehe der bereits abklingenden Muscle Car Ära war. Dafür aber war er der "andere", der etwas verrückte und vielfach unterschätzte. Unter dem Blech teilten sich Nova und Camaro der ersten Generation nämlich einen beachtliche Menge Teile. Ich fand den Nova von Minute zu Minute immer besser, obwohl ich selber noch keinen Meter damit gefahren war. Es war höchste Zeit, das schöne und logischerweise neue Lenkrad selber in die Hand zu nehmen, die Automatik auf 3 zu stellen und die Fenster runterzukurbeln, ich gab mir jetzt die Überdosis.

Als ich langsam vom Parkplatz rollte, hatte ich den Camaro bereits vergessen. Ich war gefangen in diesem neuwertigen Interieur und von der langen kantigen Haube, unter welcher der V8 sein Liedchen blubberte. So musste sich ein neues Auto jener Zeit angefühlt und auch gerochen haben. Das war wirklich sehr faszinierend und ich entwickelte langsam aber unaufhaltsam das Verlangen, diesen Underdog mein Eigen zu nennen, 44 Jahre alte Neuwagen sind eher selten.   



Endgültig um mich geschehen war es dann auf einer langen, verkehrsarmen Strasse, auf welcher ich das Pedal in den Teppich packte. Auch wenn der Camaro soundtechnisch absolut in meiner all Time favourite V8-Playlist spielte, der Nova trieb mir unter Volllast die Freudentränen in die Augen. Die wohl nicht ganz originalen Krümmer und die rudimentäre Auspuffdämmung liessen die Maschine den Untergang der Welt lautstark verkünden und der herrschende Vortrieb war frei von Zweifel, dass es sich hier um eine recht potente Fuhre handelte, wesentlich potenter als der 327er im Cabrio eine gute Stunde zuvor. Damit war mein Dilemma besiegelt. Ich wollte diesen wütenden Nova (auch) haben. Dass er auch noch richtig fair bepreist war, machte meine Misere nicht besser. Verdammte Axt.  


Technisch und so
Zurück beim Showroom musste ich erstmal runterkommen. Auf die Frage meiner Begleiter, wie es denn war folgte meinerseits nur ein zufriedenes Grunzen, zu ganzen Sätzen oder zu zusammenhängenden Silben war ich noch nicht in der Lage. Nichtsdestotrotz musste ich mich nochmal kurz zusammenreissen um den Nova mit Verstand zu betrachten. Dabei gab es nur einen Punkt, der mich kurz mal etwas auf den Boden der Radsachen zurückgeholt hat. Eine nicht so schöne Lache feinstes Getriebeöl dort, wo der Nova noch im Showroom geparkt hatte. Der Nova war zwar perfekt restauriert, aber alles andere als Stubenrein.


Der Zweifel wurde aber gleich von Don und Doug ausgeräumt, wird selbstverständlich behoben, bevor der Nova auf den Trailer geht. Auch die Suche nach Spachtelmasse oder anderem Metallersatz mittels Magnet war nicht von sonderlich viel Erfolg gekürt, lediglich an einer Stelle unter dem Heckscheibenrahmen rutschte der Magnet weg, "klein" Chevy hatte also noch viel Substanz. Auch der Innenraum war absolut einwandfrei, während der Probefahrt wies Don noch darauf hin, dass in diesem Innenraum absolut nichts klapperte, ratterte oder sonstige Geräusche von dem Auto kamen, ausser eben dem ambitioniert brüllenden V8.


Don behielt Recht, auch das willentliche Überfahren von Schlaglöchern steckte der Nova ohne Nebengeräusche weg, im Inneren von Romanoff war klappertechnisch schon etwas mehr los. Und auch wenn ich mir bewusst bin, dass das nicht lange so bleiben würde, sprach das zumindest für die Qualität der Restauration dieses Autos.

Tank leer. Wird wohl oft so sein.
Tja, schöner Mist, damit hatte ich absolut nichts, was gegen den Nova sprach. Das Auto war abgesehen von einer Lacknase an der Kofferraumklappe optisch und technisch absolut mängelfrei, lediglich die scharfen Krümmer könnten theoretisch noch ein Problem bei der Zulassung darstellen, aber das war nichts, was man mit überschaubarem Aufwand nicht noch beheben könnte.
 
 
Ansonsten dasselbe lied wie beim Camaro, keine Fahrwerksgeräusche, bremst gut und gleichmässig, tolle Gasannahme, das Lenkrad scheint an irgendetwas, was mit den vorderen Rädern zu tun hat, angeschlossen zu sein.

Fazit
"Ein Nova? Denn will ja keiner." Genau so hätte ich vor ein paar Monaten noch dahergelabert, hätte mir jemand einen Nova aufschwatzen wollen. Nun ja, so schnell kann sich eine Meinung verabschieden und einem Habenwollengefühl Platz machen. Wie so oft bestätigt sich die Aussage, bist du's nicht gefahren, ist dein Urteil keinen Schuss Pulver wert.


Ja, der Nova ist keine Schönheit vom Kaliber des Camaros. Er hat im direkten Vergleich nur wenig Charme und wenn überhaupt welchen, dann den eines etwas zurückgebliebenen, aber liebenswerten Aussenseiters. Aber Aussenseiter sind auch vielfach die unterschätzten Underdogs, jene, mit welchen man nie rechnet und damit haben sie einen unschätzbaren Vorteil, das Überraschungsmoment. Dieser Nova hat mich nicht nur überrascht, sondern auch fasziniert. Und damit eiskalt erwischt. Dass er da stand, wie eine Zeitkapsel aus 1971 war eigentlich schon Grund genug, um eine richtig grosse Dummheit in Form einer Überweisung zu machen. Die Kirsche oben drauf war aber der 350cui V8. Er war laut, er war wütend und er war ein ungehobelter Sportler vom ganz alten Schlag. Einer jener Motoren, welche an der Ampel im Leerlauf noch unauffällig, aber beim Schritt auf's Gas unverhohlen verkündet haben, wo der Frosch die Locken hat. Dieser Nova hatte die Gene eines Sleepers, die Art eines Autos, dass ich ebenfalls schon immer mal haben wollte. Warum nicht gleich dieser? Ein ganz klein wenig gestört hat mich die Tatsache, dass es sich um keinen echten SS gehandelt hat, sondern "nur" um ein Tribute. In Anbetracht des Preises konnte ich darüber aber hinwegsehen.

Wie geht's denn jetzt weiter?
Ich bin den Nova und Romanoff am selben Tag gefahren, im Abstand von so ca. einer Stunde, damit hatte ich einen direkten Vergleich mit derselben Tagesverfassung. Meine ebenfalls benzinbegeisterten Begleiter waren mir keine Hilfe, sie fanden beide Chevys gleichermassen geil. Das hört man übrigens auch auf den Handyvideos, die Reaktionen sind bei beiden Autos dieselben, hautsächlich dreckiges Lachen und urzeitliches Grunzen. Ein Telefonat nach Hause war auch nicht hilfreich, man kann eine Frau einfach nicht fragen, ob sie ein feuerrotes Cabrio oder ein sandelholzfarbenes Coupé besser findet, zumal sie den Nova ja nicht gefahren ist. Damit habe ich mich an diesem Abend mit meinen Weggefährten in der Hotelbar um ein paar herrenlose Coronas gekümmert und die Autos Autos sein lassen, in der Hoffnung, die paar Bierchen und ein grosser Teller voll Meerestieren würden mich zumindest gut schlafen lassen. Dachte ich jedenfalls.

Der Schöne?
Oder doch...

Das Biest?
In den nächsten Wochen löse ich das allgemeine Rätselraten dann auf. Soviel sei verraten, ich habe aktuell Fotos aus einer Lagerhalle im Hafen von Miami. Und es ist ein Chevy mit einem Dreispeichenlenkrad und mit einem durstigen V8 vorne drin.

Fotoquelle; PJ's Autoworld (mangels ruhiger Hand vor Ort)

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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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