Auf der Suche nach meinem ersten Muscle Car - Der 1967er Chevy Camaro RS convertible

Vorwort
So, jetzt geht's ans Eingemachte. Am Schluss meiner Suche standen schlussendlich noch zwei Kandidaten im Finale. Für die anderen gab's leider keine drei Sterne, keine Wildcard und auch keinen Publikumsjoker. Viele kamen in Frage, aber nur zwei haben's mir am Schluss dermassen angetan, dass ich schon angefangen habe, mir über die Dimensionen der zukünftigen Garage Gedanken zu machen. Also wie, ob man sich einen Hund oder doch eine Katze zutut und erstmal googelt, was denn so ein Vieh so frisst.

Der erste Kontakt
Zuerst war das allwissende Internet, mit seinen bunten Bildern und den vollmundigen Versprechen der Händler. "Drives like fresh from the factory", "looks like new", "one owner!", "bolt of restoration" und so weiter und so Ford. Hier lautete die Beschreibung folgendermassen;

1967 Chevrolet Camaro Rally Sport Convertible For Sale. Correct ME code
327 cubic inch V8 engine block, 4 barrel carburetor, dual exhaust, TH400 automatic transmission, power steering, power disc brakes, 15" Rally wheels with Cooper Cobra white letter radial tires, classic red exterior with white nose stripe, working hideaway headlights, rear deck spoiler, dual sport mirrors, white convertible top, deluxe bucket seat interior with white accenting pin stripe, day night mirror, AM/FM radio with IPOD input, Antique Automobile Club of America Junior award winner( with plaque and entry card). Here is one of the beautiful and desirable American cars ever built, don't miss it!!!

Bla. Bla. Ich war mir schon bewusst, dass da zwar nicht zwangsläufig gelogen, aber gerne mal ein wenig übertrieben wird wenn es um den Zustand eines solchen Autos geht. Und dessen Verkaufswert. Der 1967er Chevy Camaro der ersten Generation fiel mir schon auf den Bildern im Netz auf, hauptsächlich wegen des augenscheinlich guten Zustandes. Er war rot mit einem weissen Häubchen, was die Assoziation auf einen Coupe Romanoff, also Erbeeren mit Sahne und Vanülleeis nahelegt. Nicht, dass ich auf die Bilder allzu viel gegeben habe, ich wusste ja, dass diese pixeligen Zeitzeugen immer aus vorteilhaften Winkeln geschossen werden. Und das ist auch verständlich, als gewinnorientierter Händler mag man ja nicht mit der Tür ins Haus fallen und gleich zeigen, dass der Schlitten an den Türfalzen rostet und der Unterboden aussieht wie der Mars. Hier war aber wenig Spielraum für verkaufstechnische Schönfärberei und anscheinend war der Text auf seine Weise durchaus seriös formuliert, abgesehen von den drei Ausrufezeichen am Schluss;





Sieht ja alles schon mal sehr lecker aus. Coupe Romanoff hat also einen Haken bekommen auf meiner ToDo-Liste und PJ's Autoworld war schon seit Jahren eine mir bekannte und sowieso beliebte Adresse, wenn es um diese Art von Autos ging. Auch wegen den Jungs die dort arbeiten, dazu später noch mehr.

Der zweite Kontakt
Der zweite Kontakt fand dann in persona statt. Ich habe mich nicht vorher angemeldet, wir sind einfach mal hingefahren auf gut Glück, wäre der Camaro meines Interesses schon verkauft gewesen, wir hätten sicher noch etwas anderes gefunden. Aber, er stand noch da, in der ersten Reihe gleich am Schaufenster.

Bei PJ's finden sich zwei Showrooms, jeweils eine knappe Meile voneinander entfernt, beide sind rappelvoll mit allem, was das hubraumaffine Herz begehrt. Und eben auch mein Objekt der Begierde, der 1967er Chevy Camaro RS Cabriolet. Wobei, ach, dieses letzte Wort, Cabriolet. Das klingt schon nach Midlife Crisis, Haarausfall und Viagrarezepte vom 10er Block runterreissen. Ich mag eigentlich keine Cabrios, wirklich nicht. Eben, wegen diesem meist unbegründeten Klischee, dass an ihnen klebt wie der Fliegenfänger an der Fliege. Cabrios fahren nur Yuppies, ältere Herren mit wachsendem Bauch und schwindendem Haaransatz und sie befinden sich entweder gerade in der Scheidung oder in einer sexuell motivierten Neuorientierung. Und dann war er noch rot, hätte mir jemand vor ein paar Jahren mal gesagt, er interessiere sich für ein rotes Cabrio mit weissem Dach, ich wäre wohl aus Reflex einen Schritt von der Person weg getreten. Tja, und jetzt? So stand ich da und kuckte mir diesen Erdbeereisbecher mit Sahne von allen Seiten an. Und plötzlich stellte ich fest, der Eimer sieht gar nicht mal so übel aus. Trotzdem, dass er nicht die böse Front mit dem Keil im Kühler hatte. Trotzdem, dass er nur den Smallblock drin hatte. Und trotz dem Dach, welches aussah wie ein Klecks Sahne. Hm. Aber er sah halt auch aus, wie eines der Matchboxautos, das ich als Rotzlöffel mal hatte.

Meine Damen und Herren; Coupe Romanoff.
Ich wusste eigentlich gar nicht, wie mir geschah, ich hatte plötzlich das Bedürfnis, diese 48 Jahre alte Schönheit besser kennenzulernen. Und ich dachte mir, hey was soll's, machen wir doch mal ein erstes Date.

Die Frage nach einer Probefahrt ist grundsätzlich keine einfache bei Händlern, welche solche Schätze in Ihren Showrooms beherbergen. Verständlich, die Frage nach Spassprobefahrten scheinen keine Seltenheit zu sein. Normalerweise wollen sie gleich eine Anzahlung, die Telefonnummer und am liebsten noch die Uhr am Handlegelenk als Sicherheit, dass man es dann wirklich auch ernst meine. Mein Vorteil hier jedoch war, dass ich mich mit den Jungs vorher schon intensiv in Benzin unterhalten habe und sie wohl merkten, wenn wir hier schon nix verkaufen, dann haben wir immerhin einen von uns glücklich gemacht. Sympathie scheint ein nicht unerheblicher Faktor zu sein, wenn es um die Bereitschaft für eine Probefahrt geht.

Relativ unkompliziert holte man also den Mechaniker, welcher die Batterie anschloss, den Motor startete und Romanoff brabbelnd und spuckend aus dem Showroom herausfuhr. Erst JETZT wurde ich langsam nervös, allerdings das gute nervös. Das richtig geile nervös. Ich roch unverbranntes Benzin und bildete mir ein, ich höre die Zündfolge heraus; 1-8-4-3-6-5-7-2! Ich würde hier gerne ein Videodokument von genau diesem Moment einfügen, aber dummerweise ist da ein Kameraschwenk dabei, der mich in einem ganz schwachen Moment erwischt hat.


Jawohl, ich war zwar glücklich, aber auch gleichzeitig schielte ich und sabberte den Showroomboden voll, das ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt und wirkt nicht unbedingt professionell.  

Doug
Doug Sherwood war der Mann, der mir den Camaro schlussendlich in all seinen Feinheiten präsentierte. Und ich hätte wohl keinen erfahreneren Berater für mein Wissensdurst am RS finden können. Doug hatte über die Jahre ca. 25 Camaros der ersten Generation in seiner Garage und das habe ich auch gemerkt, der Mann war der Camaroexperte schlechthin. Ich hatte schon mit vielen jener Verkaufsberater Kontakt, welche nur auf den schnellen Abschluss aus sind und dir das blaue und wenn's sein muss auch noch das rote vom Himmel runterpalavern. Bei Doug und auch seinen Kollegen Ron und Rick hatte ich allerdings sofort das Gefühl, hier geht es nicht um den Abschluss, hier geht es um das Auto, die Leidenschaft und die fast schon lebensverachtende Bereitschaft, einen richtig üblen BigBlock mitten im Showroom sein lautes Lied singen zu lassen. Und wenn wir hier drin alle draufgehen, wir haben dabei herzlich gelacht wie Brüder.

Nachdem Doug von mir verständlicherweise wissen wollte, ob ich überhaupt eine gültige Fahrerlaubnis besitze, ging's los.

Die Probefahrt
Die ersten Meter vom Formengelände weg fuhr Doug angeblich aus versicherungstechnischen Gründen selbst. Mir war allerdings schon klar, weshalb er mich nicht sofort ans Steuer gelassen hatte. Er wollte mir erstmal zeigen, wie sich denn so ein alter Camaro fährt.

auf geht's
Nicht, dass ich nicht imstande gewesen wäre, den alten Chevy selber vom Hof zu fahren. Nicht dass ich nicht gewusst hätte, dass die Lenkung nicht den modernen Standards entspricht und gefühlte zwölf Umdrehungen von einem zum anderen Anschlag besitzt. Und nicht dass ich nicht gewusst hätte, dass man so wie Doug dieses Auto auch mit links bremsen könnte, wenn man denn möchte. Nein, was ich nicht gewusst habe war, dass der Weg zu der eher ruhigen Probefahrtstrasse einmal an einem Kreisel vorbeiführt, den a) die Amerikaner nicht verstehen und b) an einem Zentrum für Kriegsveteranen vorbeiführt. Doug meinte, dass die ehrwürdigen Herren auch gerne mal einen über den Durst trinken und eben an jenem Kreisel so ein feuerrotes Cabrio keinen Grund darstellt, um da nicht mit einem grossen PickUp und ein paar Kurzen intus über die Haube zu walzen. Doug hatte durchaus ein inniges Verhältnis zu diesem RS und so etwas wie einen ehrlichen Beschützerinstinkt.

Schon auf der Beifahrerseite merkte ich, der Camaro ist kein Sprinter. Mit seiner Dreigang-Automatik wäre das aber auch nicht zu erwarten gewesen. Jedoch, gerade mit dem versenkten Dach blubberte der Smallblock auch bei Teillast einfach nur herrlich vor sich hin und machte keinen Hehl daraus, dass er im Cruisermodus seine Wohlfühlzone hat. Sehr fein. Kleiner Sound- und Optikteaser;


Dann der grosse Moment; Fahrerwechsel. Den Wählhebel auf 3 und los geht's mit einer ernsthaften und fachlich fundierten Beurteilung eines Autos, dass ich für einen Kauf in Betracht gezogen habe, ja klaaaar! Bremst er gut? Wie hängt er am Gas? Wie fühlt sich die Lenkung an? Nun ja, wie schon woanders erwähnt, die normalen Massstäbe für ein modernes Auto gelten hier nicht. Und auch wenn ich mich darauf konzentrieren wollte, es ging einfach nicht. Dieses alte Eisen war fast schon beängstigend gut zu fahren. Und, er hatte zwei Rückspiegel. Das sicherste Auto der Welt! Für mich jedenfalls.


Die Leistungsentfaltung des 5.4 Liter grossen V8's war ein bisschen wie eine Achterbahnfahrt auf einem superweichen Lümmelsofa. Bestimmt, aber sanft. Das Getriebe schaltete butterweich und wenn man vom durchaus munteren Gaspedal wieder runterging, fing der Camaro mit seiner Paradedisziplin an, dem Gleiten auf einem Stück Butter. Technisch gesehen war das logischerweise nur das rumrühren im Wandler, aber trotzdem passte dies zu diesem Auto wie die Faust aufs Auge. Natürlich konnte Romanoff auch richtig rennen, aber er wollte eigentlich nicht. Dieser Chevy war zwar ein Musclecar in seiner Erscheinung, aber ein Cruiser in der Seele.


Technisch und so
Man läuft nach so einer eindrücklichen Probefahrt immer etwas Gefahr, kurzuschliessen und sabbernd alles zu unterschreiben, was einem unter den Kugelschreiber gelegt wird. Ich hatte aber meinen Verstand trotzdem noch einigermassen beisammen und zurück im Showroom fing ich an, den RS von oben bis unten und von hinten nach vorne nach Macken und Fehlern abzusuchen, die mich davor bewahrten, einen dummen Fehler zu machen. Gerade bei alten Amerikanern sollte man lieber zwei- oder dreimal hinschauen. Für mich war es absolute Pflicht, mit dem Magneten alle Karosserieteile auf üppige Spachtelexzesse zu prüfen und ich habe wirklich keine einzige Ecke gefunden, wo Zweifel an der Substanz gerechtfertigt gewesen wären. Dieser Camaro war tatsächlich aus Blech, hatte keinen Rost und eine wirklich tiptoppe Lackierung. Nicht erstklassig, aber frei von Pfusch.


Und vor allem der Innenraum hat's mir auch ein wenig angetan, völlig makellos kam er daher, die Sitze und Teppiche neu, das Armaturenbrett ohne Risse und auch von Innen sah das Verdeck und das dazugehörige Gestell aus, als hätte man es erst gestern montiert.



So fand ich dann auch den einen oder anderen Makel. Der Rückwärtsgang, der relativ unsanft seinen Platz im Getriebe einnahm. Das wacklige Fenster in der hinteren Reihe. Das nicht wirklich mittig montierte Lenkrad. Und... das war's dann auch schon mit den Mängeln. Sonst gab es nichts, über was ich mit Doug noch verhandeln konnte. Das Auto stand wirklich da wie eine Eins und fuhr bzw. bremste sich auch so. Die von mir gefundenen Macken würden bei einem Kauf noch beseitigt werden, womit ich gut leben konnte. Und auch preislich fanden wir uns nach einem harten, aber fairen Gespräch. 

Recherche
Solche alten Autos haben ja immer ein bisschen Geschichte. Kein Wunder bei dem biblischen Alter. Und damit habe ich auch etwas gefunden, was ich unheimlich spannend finde, wo kommt der Schlitten her, wie war er ausgestattet, was war damals der technische Standard? Die Geschichte dieses roten RS Cabrios interessierte mich und da ich mir sowieso noch einen Tag Bedenkzeit einräumte, konnte ich noch ein bisschen etwas in Erfahrung bringen.

So zum Beispiel, dass dieses Auto nicht immer so rot war. Dieser RS war ursprünglich hellblau mit einem türkisen Interieur und schwarzen Dach. Wär jetzt nicht unbedingt meine bevorzugte Farbcombo gewesen. Auch rollte Romanoff mit einem 2-Gang Powerglide Getriebe statt dem verbauten 3-Gang TH400 aus dem Werk in Norwood Ohio. Und; dieses Auto war immerhin ein wenig prominent; Which Is Curvier? Katie, Or This ’67 Camaro?? Achtung, dieser Link ist NSFW!!! Nicht draufhauen, wenn ihr in der Arbeit sitzt und der Chef/Chefin/IT-Admin hinter euch steht. Und ja, ich weiss, mein Geschmack ist die Braut auch nicht, aber ich suchte ja auch nur nach dem Auto o_O.

Und wie auch schon im Inseratetext stand, dieses Auto besass einen sogenannten Antique Automobile Club of America Junior award. Das hob ihn auch aus der ganzen Fülle der anderen Kandidaten heraus, diese Plakette links an der Spritzwand war nicht im Walmart oder bei den Pepboys zu kriegen. Als hätte man einem Schmuckstück irgendwo noch einen kleinen, wenn auch verborgenen Diamanten eingepasst.

Fazit
Romanoff hatte mich eiskalt erwischt. Denn, trotz Stoffdach war die Form mit dem von mir so favorisierten Coupé identisch. Er hatte einen herrlich blubbernden V8 und er war bis auf ein paar kleine Details makellos, Fehler die man einem Auto in dem Alter verzeiht. Und ich habe schon zwei Jahre alte Autos gesehen, die hatten wesentlich mehr Mängel als der rote Sahnehauben-RS. Damit war ich schon glücklich, wenn der andere Kandidat ein Schuss in den Ofen wäre, dann würde ich mit dem roten Cabrio mit seinen breiten Schlappen, den chromverzierten Stahlrädern und dem brabbelnden Smallblock glücklich sein...können. Aber der Entschluss, welcher von den beiden V8 Vergasern in meiner engeren letzten Auswahl zukünftig meine Freizeit bereichern sollte, den behielt ich mir noch vor. Gegen wen Romanoff antreten sollte, dass wird dann nächste Woche hier veröffentlicht. Soviel sei verraten; ich konnte mich nicht aus eigener Kraft entscheiden.

Bilder u. Video; PJ's Autoworld. Thanks Doug!
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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