Volkswagen Passat 2.0TDI Variant

Vorwort
Manchmal kann man sein Glück gar nicht fassen. In einer Woche wird man mit einem französischen Fragezeichen auf Rädern gestraft, und dann hält man plötzlich den Schlüssel für "das beste Auto des Jahres 2015" in der Hand. Mein Gott, ich war so ausser mir, dass ich mir fast in die Hosen gemacht hätte, als ich den Begleiter für die anstehende Fahrt nach Hause in dem Parkhaus erblickt habe. Soll nun meine Suche nach dem besten Auto überhaupt ein Ende gefunden haben?

Was denn?
Ein Volkswagen Passat 2.0TDI Variant in der Comfortline Ausstattung, altbekannter 2.0er TDI mit 150PS und sechs manuell sortierte Gänge.




Laufleistung
15'102km.

Wie weit?
ca. 140km, hauptsächlich Autobahn.

Handbuch gelesen?
Nein, ich war viel zu aufgeregt um das beste Handbuch des Jahres 2015 zu lesen.  

Erster Eindruck
So sieht also das beste Auto dieses Jahres aus. Geradlinig, gross und in dem Fall Schwarz wie meine Seele. Das beste Linealdesign des Jahres 2015.

Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP, Bremsassistent, Automatische Distanzregelung ACC, City-Notbremsfunktion, Umfeldbeobachtungssystem "Front Assist" und der beste Müdigkeitsassistent des Jahres 2015.

Innenraum
Das Lineal war auch im Innenraum das liebste instrument des Designers. Allem voran die durchgezogenen Linien am Armaturenträger, in welchen sich die Lüftungsschlitze nahtlos integrieren. Unterbrochen werden die Streben in Aluoptik lediglich von einer analogen Uhr. Der Rest der Innenraumkomponenten hat man schon mal gesehen, hauptsächlich im 7er Golf.


Bei den einzelnen Bedienelementen ist VW zumindest in diesem minimalst ausgestatteten Fahrzeug absolut kein Experiment eingegangen. Wer schon mal einen VW gefahren ist, wird sich hier sofort zurechtfinden. Wie immer.


Die Instrumente in der analogen Ausführung sind gut abzulesen. Wie immer.

 

Der Fahrersitz kam in der "ergoComfort" Ausführung daher, ich empfand den Stuhl aber eher als netto wie ergo. Trotz der geringen Laufleistung des Autos schien mir der halbelektrisch einstellbare Sitz schon arg durchgeritten, zu weich in der Sitzfläche und zu hart an den Flanken. Nicht so meins. Die Bezüge hatten aber noch keine Abnutzungserscheinungen und schienen robust, VW hat also zumindest im Innenraum genügend Stoff gegeben. Wie so oft.


Auf den billigen Plätzen im Fond fand ich zu meiner Überraschung noch eine dritte Klimazone. Macht im Passat auch Sinn, der Innenraum ist riesig und die dunklen Sitze neigen bei Sonneneinstrahlung dazu sich auf Niedergartemperatur aufzuheizen. Allerdings, bei den Innenraumdimensionen würde ich davon abraten, hinten eine Temperatur einzustellen, welche mehr als 5°C vom vorderen Teil abweicht. Ausser man hat gerne mal ein Gewitter im Auto...

Bei diesem Exemplar etwas schade, die Oberflächen im Passat hatten schon ziemlich unter den vorherigen Benutzern gelitten. Keine Ahnung, was in dem Auto umhergeschüttet wurde, aber es fanden sich überall blaue Flecken und von minder erfolgreichen Putzversuchen verursachten abgewetzte Stellen, siehe auch auf dem Bild oben. Damit; der versiffteste Innenraum des Jahres 2015 und das am ärgsten misshandelte Mietauto des Jahres 2015.  

Die ersten Kilometer
Das beste Auto der Welt fährt sich zu meiner Enttäuschung genau so, wie viele andere Autos, welche aus dem volkigen Wagenkonzern kommen. Kommt da noch was? Aus dem engen Parkhaus raus finde ich dann aber doch noch einen Makel; dieser lange Lulatschpassat hat den gefühlten Wendekreis von einem Flugzeugträger. Handlich wäre definitiv anders, das ist dann dem langen Radstand und dem eher bescheidenen Lenkeinschlag geschuldet (Wendekreis 11.5m). Dafür finde ich im Passat die für mich endlich mal sinnvolle Start/Stop Automatik gut; nachdem ich unsensibler Depp die Maschine abgewürgt habe, startet die Automatik für mich neu. Zweimal. Beste Start/Stop/Depp Automatik des Jahres 2015.

Nach 10 Kilometern
Es wird verwirrenderweise nicht besser, allerdings auch nicht schlechter. Der allseits bekannte TDI kommt zwar etwas weniger agil daher als in anderen Modellen, aber er zieht den Passat auch auf der Autobahn ausreichend nach vorne. Im Innenraum ist es ruhig, abgesehen von einem gelegentlichen Knarzen aus dem Bereich der Schaltkulisse. Wars das schon? Das beste Auto dieses Jahres 2015?

Multimediaplunder
Auch hier gibt sich der Passat keine Blösse. Ausgestattet mit einem flott zu bedienenden "Discover Media" System welches auf den ersten Blick auch alle Stücke spielt, bis auf eins;



Nein, "MirrorLink" geht erst, nachdem man beim Händler vorstellig geworden ist. Kost das was? Der teuerste Aktivierungsschlüssel des Jahres 2015? Hoffentlich ist der billiger als der von Adobe Photoshop...

Der Klang geht für die Standardbestückung in Ordnung, ist aber von erstklassig weit entfernt. Aber dafür gibt's ja auch die beste Aufpreisliste des Jahres 2015.

Via Bluetoothaudio mag das System auch wunderbar mit meinem Zeugen des grössten Abschreibers in der Geschichte von Microsoft kooperieren, tatsächlich kann ich auch mal via Bordentertainment und Touchscreen auf die Ordnerstruktur von meinem Lumia zugreifen. Yay! Bestes 7,6 Milliarden Dollar Handy des Jahres 2015!

Die Fahrt
Im besten Auto des Jahres 2015 geht's für meinen Geschmack etwas zu sehr mittelmässig zu und her. Die Leistungsentfaltung der Dieselmaschine ist etwas arg turbotypisch, die Lenkung ist weder direkt noch pampig und der Fahrkomfort ist weder sportlich noch übermässig komfortabel. Der Passat ist sowas von übermässig korrekt, dass ich langsam das Gähnen anfange. Und das bleibt im Passat nicht unbemerkt. So plärrt mich schon nach kurzer Zeit das erste mal der Aufmerksamkeitsassistent aus dem Kombiinstrument an, ich soll doch bitte eine Pause einlegen. Damit ist er der aufmerksamste Aufmerksamkeitsassistent des Jahres 2015, das hat nämlich noch keiner geschafft. Und schon gar nicht zweimal innerhalb einer Stunde.

Die Helferlein im Passat sind wie bei anderen Herstellern auch also etwas übermotiviert, wenn es darum geht, den Fahrer vor nahendem Unheil zu beschützen. Der Kollisionsassistent hat dann auch öfters mal Panik gemacht, wenn es gar nichts zu kollidieren gab. Ein normaler Linienbus am Strassenrand hat zuverlässig dazu geführt, dass ich lautstark und auch optisch darüber informiert wurde, ich könnte doch bald Teil eines Versicherungsfalls sein. Und wenn ich darüber etwas nachdenke, muss ich dem Assistenten im Nachhinein recht geben. Busse neigen nämlich gerne dazu, den Blinker links zu stellen und aus der Haltestelle auszuscheren, egal ob hinten noch was kommt. Schlauer Assi, bester Kollisionswarner des Jahres 2015.

Hab ich was vergessen? Achja...


Genau so einen hatte mein Opa. In derselben Farbe. Damit hatte ich damals die Funktionsweise eines Kupplungs-, Brems- und Gaspedals in Verbindung mit einer 4-Gang H-Schaltung erlernt, im Stand, in einer Garage und ohne Motor vorne drin. VW hat auch im neuesten Passat die Funktionsweise jener Bedienelemente bis heute beibehalten, was mich schier ausflippen lässt. Und das macht den aktuellen Passat vermutlich zum besten Auto des Jahres 2015. Oddr?

Fazit
Ach, was soll ich da schönreden. Der Passat ist das langweiligste beste Auto irgendeines Jahres, dass ich jemals fahren durfte. Und das muss jetzt ausnahmsweise nicht unbedingt etwas schlechtes heissen. Er hat zumindest optisch eine Menge Ecken und noch viel mehr Kanten, diese stören aber keineswegs. Dafür hinterlässt das Auto beim Aussteigen auch keinerlei Emotionen, ausser einem leichten Überschuss an Entspanntheit. Er hat alles, kann alles und bewegt sich dabei innerhalb aller gängigen Konventionen des Automobilbaus. Wo der Passat ebenfalls keine Ausnahme macht ist bei der allseits herrschenden Preispolitik vieler europäischer Hersteller. Die Aufpreisliste ist lang und verlockend.

Und ist er jetzt das beste Auto des Jahres 2015? Das gibt es eigentlich gar nicht, nicht jeder gewichtet seine Ansprüche an ein Auto gleich, der eine ist happy mit einem guten Radio, der andere möchte lieber 900Nm Drehmoment. Ich für meinen Teil mag Autos, die meine Mundwinkel nach hinten ziehen, egal aus welchem Grund. Der Passat aber ist für mich das Auto, welches es tatsächlich geschafft hat, mich dermassen zu langweilen, dass der Aufmerksamkeitsassi aufs Infodisplay gesprungen ist. Das hat tatsächlich noch kein Auto geschafft, der Passat hat jene Emotion detektiert, die er selber ausgelöst hat. Bravo!


Kaufen?
Bei Erstserienfahrzeugen bin ich immer etwas skeptisch. Viel neues bedeutet viel Potential für Fehler, die in der Entwicklung aufgrund der fehlenden Langzeiterfahrungen gerne mal zu Tage treten können. Beim Passat ist das aber etwas anders. Die von mir gefahrene Maschine ist nicht neu, ebenso wenig die Bedienelemente und Materialien im Innenraum. Damit könnte ich eigentlich eine Kaufempfehlung für den neuen Passat aussprechen, sofern man gerne ein korrektes, solides und emotionsloses Auto haben möchte. Und wenn man gerne den Preis einer (weniger) gut ausgestatteten C-Klasse oder eines A4 bezahlt, aber es nicht so gerne hat, wenn man den Reichtumsstempel auf die Stirn gedrückt kriegt. Wer aber auch gerne mal ausserhalb des Kellers lacht, sollte sich beim Autokauf Zeit lassen und gerne mal auch etwas anschauen, was nicht mit dem Lineal gezeichnet wurde. Oder einfach nur den 7er Golf Variant.
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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