Seat LEON ST Style 1.4 TSI

Vorwort
Ich hatte ja keinen guten Start mit Seat. Das Vergnügen mit dem Ibiza hatte ich die Tage gleich nochmals und nein, der Eindruck von damals hat sich nicht geändert. Eine lahme, emotionslose und pampige Kiste mit der Innenausstattungslinie "Tupperware" und manuellen Spiegeln. Und obwohl der heutige Kandidat in einer komplett anderen Liga spielt, habe ich immerhin einen Eindruck vom Last-minute-Ibiza unbewusst mitgenommen. Manchmal zweifle ich anscheinend nicht umsonst daran, ob ich dazu in der Lage bin, ein Auto fachmännisch beurteilen zu können...


Was denn?
Ein Seat LEON ST Style 1.4 TSI mit munteren 150 Benzinpferden. Frontantrieb und sechs im H-Schema sortierte Gänge.




Laufleistung
12'000km.

Wie weit?
150km, hauptsächlich Autobahn.

Handbuch gelesen?
Nein.

Erster Eindruck
Die Mietwagenfirmen gehen ja kein Risiko ein, wenn's um die farbliche Gestaltung ihrer Flotten geht. Da steht er also, in demselben Grau wie der Ibiza am gleichen und der Octavia am Vortag. Das schürt jetzt nicht unbedingt die Emotionen, vor allem nicht dann, wenn ein vermeintlich feuriger Spanier sein Temperament zur Geltung bringen sollte. Aber ok, die nächste graue Maus aus dem MQB-Verbund, der Leon kommt weniger wie ein majestätischer Löwe, eher doch wie ein grauer Bettvorleger daher.

finde den Unterschied.

Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP, ein an dem Tag arbeitsloser Start-Stop-Heini.

Innenraum
Der Innenraum im Leon bietet keine grossen Überraschungen. Altbewährtes aus dem Golf&Co. findet sich überall inkl. den spärlich vorhandenen Kontrasten. Lichtschalter, die verschiebbare Armauflage, Fensterheber, Blinker- und Scheibenwischerhebel inkl. dem dümmsten aller Tempomaten, den man des Öfteren falsch bedient und damit den Blinker auslöst. Willkommen bei VW-Lego.


Die Materialien sind einigermassen gefällig und robust, einzig das in diesem Modell etwas dünne und hart geschäumte Lenkrad trübt den sonst guten Eindruck. Aber, es kommt immer noch einiges wertiger daher als im Ibiza. Dort ist ja ein grau angemaltes Trekkerlenkrad aus den 50er Jahren verbaut.


Die Sitze waren für meinen Geschmack zwar bequem und gut einzustellen, aber etwas weit geschnitten. Seitenhalt war jetzt nicht unbedingt die Stärke der Löwenbestuhlung. Und auch vom Design her könnte man vielleicht etwas mehr erwarten, ich könnte schwören, dieses Muster habe ich in irgendeinem günstigen Hotel an den Vorhängen schon mal gesehen. Dafür, Sitzposition top. Übersicht ebenfalls top.

Die Bedienung ist MQB-typisch einwandfrei, alles ist da wo es hingehört bzw. wo man es vermutet. Vor allem, wenn man die letzten 10 Jahre schon mal den einen oder anderen VW gefahren ist.

Die ersten Kilometer
Hui, der Löwe kann ja doch noch temperamentvoll. Die Maschine hat für die eher putzige Grösse einen stattlichen Durchzug, wenn denn mal die 1500 Umdrehungen überwunden und die 250Nm am Start sind. Das ist ein wesentlich spassigeres Auto als seine Cousins Golf bzw. Octavia.

Nach 10 Kilometern
Ich bin wirklich erstaunt, der erste MQB der sich im "sportlichen" Sinne von den anderen abhebt. Die Lenkung ist wesentlich(!) präziser als im Octavia, der Motor scheint etwas giftiger abgestimmt als im Golf und auch vom Fahrwerk her scheint der Leon etwas straffer und leichtfüssiger als der A3, aber nicht unkomfortabel abgestimmt. Feine Sache.

Multimediaplunder
Hier war das leicht aufpreispflichtige Media System Plus verbaut. Kein Navi, aber dafür die Möglichkeit, zig Formate von allen möglichen Quellen abzuspielen. Meistens jedenfalls, die Bluetooth Audio Wiedergabe von meinem Handy aus hat des Öfteren mal gestockt, der Effekt verschwand jedoch je länger ich gefahren bin. Wenn's dann mal ohne Unterbrechungen gelaufen ist, machte das System eine Menge(!) Druck im Innenraum. Nicht sonderlich präzise oder hoch aufgelöst, aber erstaunlich pegelfest machte die Bude einen Heidenlärm. In dieser Disziplin konnte bisher nur den Mondeo punkten. Yay! Die Bedienung erfolgt zeitgemäss via Tasten am Headunit, Lenkrad und Klickibuntitatschi.

Die Fahrt
Ich war nach einem langen Tag schon ziemlich froh, hat man mir nicht den Schlüssel von irgendeinem anstrengenden Kleinstwagen mit Dreizylinder-Saugmotor überreicht. Der Löwenkombi hat ja doch eine stattliche Grösse und bietet ein gewissen Mass an Komfort, so habe ich mich dann still und heimlich über den Leon gefreut.

Auf der Autobahn war ich wirklich überrascht, wie die Maschine auch im (vermeintlich) höchsten Gang noch super am Gas hängt und ordentlichen Vortrieb bietet. Und das ohne zu dröhnen oder zu brummen, im Innenraum des Leon geht es ziemlich ruhig zu und her. OK, ich hatte die Musik auch recht laut, aber trotzdem, der Spanier scheint ausserordentlich gut gedämmt. Und jetzt kommt's; so nach ca. 40km bei ca. 130km/h habe ich vermutlich aus Langeweile doch mal einen Blick auf das monochrome Informationsdisplay geworfen. Und ich musste feststellen, dass ich für meine Ignoranz gegenüber den Schaltempfehlungen nun die digital dargestellte Quittung bekomme. Da stand tatsächlich 5->6. Ich hatte es also wirklich geschafft, 40km weit im fünften Gang zu fahren, obwohl der sechste Gang sehnsüchtig darauf gewartet hatte, endlich mal eingelegt zu werden.

Is ja gut...
Das dies passieren konnte ist aber die alleinige Schuld von Seat, einerseits weil der Ibiza vom Tag davor nur fünf Gänge hatte und ich mich schon daran gewöhnt hatte, andererseits weil der Leon wirklich richtig gut gedämmt ist. Jawoll, Seat hat's verbockt. Irgendwie. Dass ich zu doof bin ein Schaltgetriebe zu bedienen kann's ja nicht sein, ausserdem hat mich der Vortrieb im 5. dazu verleitet, dort zu bleiben. Ach Mönsch... 

Halt die Klappe!
Nachdem ich mich über mich selber über die nächsten 10km fast zu Tode gekichert habe, ging's wieder normal weiter, sechster Gang war drin und die Bordelektronik hatte wieder einen Puls von unter 180. Noch ein Ticken ruhiger, aber mit etwas weniger Vorwärtsdrang hat der Leon die souverän die anstehenden Autobahnkilometer gefressen, unterstützt von Tempomat und gelegentlichem Falschblinken. Es ist nicht nett, wenn man auf jemanden auffährt, den Tempomaten ausschalten möchte und dabei versehentlich links blinkt. Sorry dafür, bärtiger Typ mit dem blauen Sprinter, so eilig hatte ich's gar nicht.

Ich wäre gerne noch etwas kurvigere Strassen gefahren, ich hatte so den Eindruck, dass der Leon gerade auf einer gewundenen Bergstrecke ein gewisses Mass an Fahrfreude vermittelt hätte, nicht zuletzt wegen dem munteren Vierzylinder-Turbo. Allerdings war ich dann auch ein wenig froh, konnte ich wieder aus dem Spanier aussteigen. Nicht weil die Sitze unbequem oder das Fahrwerk knüppelhart gewesen wäre, aber das Stottern der potenten Bordkapelle hat dann irgendwann doch genervt. Und ne, an meinem Handy lag's nicht, in meinem eigenen Auto lief die Jukebox absolut einwandfrei.

Fazit
Der Leon ist bis jetzt der Golf, der mir am besten gefällt. Vom Fahrverhalten her ist das Auto in Verbindung mit dem 1.4er Turbobenziner eine wirklich erfreuliche Kombination mit nur sehr wenigen Ecken und Kanten. Zu bemängeln gibt's nur das nach einem Softwareupdate schreiende Media-System und die zumindest für mich etwas breit geschnittenen Sitze. Dagegen würden so ca. 177 Schnitzel mit Pommes Abhilfe schaffen, aber ich mag meine Wohnung ja eigentlich auch so wie sie ist, mit Türen anstelle von Garagentoren. Designtechnisch hebt sich der Leon am meisten von seinen MQB-Cousins ab und nach meinem bescheidenen persönlichen Geschmack zu urteilen ist er damit derjenige, der am wenigsten als Mitglied jener Familie zu erkennen ist, im positiven Sinne!

Kaufen?
Ja nu, was kann man bei einem schnittig gezeichneten Golf schon falsch machen? Eigentlich nicht viel. Das Media System plus würde ich jedem empfehlen, der seine Musik gerne mal in Konzertlautstärke hören möchte und das auch noch für einen überschaubaren Aufpreis. Jedoch würde ich dies nach Möglichkeit an einem Aussteller testen bzw. zusichern lassen, dass das BT-Audio auch ohne Stottotottern die bevorzugte Musik in den Innenraum ballert. Ansonsten ist der Leon ein rundum gutes Auto mit einem Quäntchen Emotionen und gefälliger Aussenhaut.
  
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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