Motorisierte Hauptdarsteller - 5. Teil

Vorwort
Rote Autos haben einfach etwas. Sie sind meistens auffallend, aufregend, schnell und vielfach auch deswegen gefährlich. Und, je nach Modell will man sie etwas mehr haben wollen als wenn sie z.B. in einem schlichten Grau lackiert sind. Dass Ferrari heutzutage dermassen erfolgreich ist und der Name alleine für die Speerspitze des Sportwagenbaus steht, hat wohl auch etwas mit dem berühmten Ferrarirot zu tun. Wären die Geräte aus Maranello damals in Grün lackiert worden, naja, wer weiss, vielleicht würde Ferrari heute eher Trekker denn Sportwagen bauen. Rot ist die Sünde und die Liebe, der Teufel. Nicht umsonst...

Aber hier gilt; Spoileralarm!

Christine


Entstanden ist der Streifen aus dem gleichnamigen Buch von Stephen King, kurioserweise war der Film aber noch kurz vor dem Buch fertig. Der Film wird dem gebundenen Papier allerdings wie so oft, nicht gerecht. Was aber auch kaum möglich ist, sonst würde der Film locker als Triologie à drei Stunden gehen. Heute hält das ja keinen Drehbuchschreiber mehr auf, aber 1983 galt es, den Streifen unter zwei Stunden zu halten.

Der Hauptdarsteller in Fleisch und Blut
Arnie Cunningham ist der menschliche Hauptdarsteller in diesem Streifen des Horrorspezialisten John Carpenter. Arnie ist ein 17 jähriger Teenager mit einer (heute wieder modischen) Trottelbrille und pausenlos das Opfer von Buddy Repperton und seiner Gang von Halbstarken. Schutz kriegt er nur von seinem besten Freund Dennis, der ihn immer wieder vor Schlimmerem bewahrt. Jedoch schafft er es nicht, Arnie vor dem automobilen Unheil zu bewahren, der Teufel trägt hier nicht Prada, sondern rot und hat immense Heckflossen.

Arnie und Dennis in Dennis' Dodge Charger.

Das verfluchte Auto
Als motorisierte Hauptdarstellerin wurde ein 1957er Plymouth Fury bestimmt. Das sündige Rot war eine (nicht offizielle) Werksoption, normalerweise rollten die Furys in beige/gold vom Band. Das sieht man auch im Film, Christine ist als einzige blutrot, während die anderen Autos auf dem Band die eigentlich "normale" Farbkombination haben. Es war wohl naheliegend, dass gerade die Farbe in Verbindung mit den ausladenden Formen die Assoziation mit einer femme fatale dargelegt hat. Und zack, schon nach zwei Minuten Film muss der Q-Inspektor dran glauben.

Über die Motorisierung in den Filmautos (je nach Quelle 25 Stk.) ist relativ wenig bekannt, sicher ist nur dass dicke Achtzylinder verbaut wurden. Und nicht, dass die Werksmotoren schwach auf der Brust gewesen wären, für 1957 galt der Fury mit dem grössten V8 (361cu) und seinen 315PS als eines der flottesten Autos aus Detroit. Aber da Furys auch 1983 nicht gerade an jeder Ecke zu kriegen waren, griff man auf Belvederes oder Savoys zurück, welche man für die Aufnahmen und Stunts optisch und motorentechnisch angepasst hat. Kleine Nebengschichte, der etwas missglückte Versuch eines Belvederes, welchen man als Zeitkapsel vergraben hatte.

Arnie verfällt Christine auf Anhieb, keine Macht der Welt und auch Dennis scheint ihn davon abhalten zu können, sich diesen Haufen roten Rosts und matten Chroms anzueignen. Er ahnt nicht, wozu und wohin ihn die Liebe zu diesem 1957er Plymouth Fury treiben wird.

made in Detroit!

for sale!
Ich denke, jeder Autofanatiker hatte schon mal so einem Moment, als er vor "seiner" Christine stand und dachte, das Ding muss um jeden Preis in meine Garage!

So eben auch bei Arnie, er kauft das Heckflossenmonster vom Hof des alten Mannes und macht sich an die Arbeit, um den Fury wieder in seinem alten Glanz erstrahlen zu lassen. Was ihm dank eines Garagenplatzes und einem dahinterliegenden Schrottplatz mit unendlich viel Ersatzteilen auch gelingt. Christine erwacht wieder zum Leben.

wie neu.

Arnie macht aber mit dem Wiederaufbau von Christine selbst eine Veränderung durch, er wird plötzlich tougher, lässt sich nicht mehr rumschubsen und entwickelt ein für seinen Freund Dennis beängstigendes Selbstwertgefühl. Auch seine Eltern nehmen die Entwicklung mit Besorgnis zur Kenntnis, was in einem handfesten Streit und Tränen der Mutter endet. Das Unheil nimmt unaufhaltsam seinen Lauf.

Während des Streifens zeigt Christine dann immer mehr ihr wahres Ich. In dem alten Schlitten steckt Leben und das Bewusstsein einer mordenden Eifersüchtigen. Jede/r, der/die sich zwischen Sie und Arnie drängt, wird in nächtlichen Streifzügen dahingemeuchelt. So auch die Bullys, welche in Ihrem Hass Arnie an seiner empfindlichsten Stelle treffen;

kurz drüberpoliert und der sieht wieder aus wie neu.

Das ist nicht nett. Arnie's Liebe zu dem alten Schlitten jedoch scheint das Lebenselexier für Christine zu sein, sie repariert sich kurzerhand selbst und steht ziemlich flott wieder für Schandtaten zur Verfügung. Damit mutiert das Auto zum Traum jeder Versicherungsgesellschaft, aber zum Alptraum für Pozilei und dem Strassenunterhaltsdienst.

Zeig's mir!

Womit gemeint ist, Christine lässt nun diejenigen bezahlen, welche Ihre Figur mit Vorschlaghammern ruiniert haben.

Lauf Forrest, lauf!
Spektakulär ist die Szene, in der Christine Buddy Repperton zur Rechenschaft zieht. Dabei fährt sie nicht nur seinen 69er Camaro zu Klump, nein, sie steckt gleich eine ganze Tankstelle in Brand und lässt so den buschhaarigen Kumpel von Buddy mit Stil zu Hölle fahren.

factory AC blows icecold!
Die Szenen mit dem brennenden Fury hinterliessen zumindest bei mir den bleibenden Eindruck einer rachsüchtigen Furie, welche nichts aufzuhalten scheint. Waaah...


Buddy stirbt einen grausamen Tod, er wird von dem heissen Schlitten auf der Landstrasse überfahren und flambiert. Als ob überfahren werden nicht so schmerzhaft genug wäre. Und auch der Garagen- und Schrottplatzbesitzer wird im Anschluss zum Opfer von Christine, er hat gesehen, wie die angekokelte Schönheit zurück in die Garage gefahren ist. Damit war er reif für die Presse und wurde zwischen Sitz und Lenkrad von Christine erdrückt. Was für eine Ironie des Schicksals. Und als Zuschauer denkt man sich, wieso setzt er sich da rein?

Natürlich rufen die vielen Toten und vor allem eine explodierte Tankstelle die Aufmerksamkeit der Behörden auf den Plan. Und auch Arnies Freundin Leigh und Dennis merken, dass Christine der Treiber hinter den Morden und der Douchebagisierung von Arnie ist.

Das grosse Finale naht...

Leigh und Dennis wollen Christine in eine Falle locken, heute nennt man das Geschwindigkeitsmessanlagen, in dem Film nimmt man dazu die abgeschlossene Halle des toten Garagenbesitzers und einen grossen Bagger. Während dem etwas grotesken Katz und Maus Spiel wird Arnie getötet, er fliegt durch die Scheibe von Christine. Hätte der junge Mann sich mal angeschnallt. Wenn's denn etwas zum anschnallen gehabt hätte.  

Der ganz normale Autofahrerwahnsinn.  

Wo hast du den Bagger geparkt? Oh...

Irgendwann hat das Ganze dann auch ein Ende. Christine landet in der Presse und endet als BigBlock der anderen Art.


The End.

Wie anfangs schon erwähnt, der Film wird dem Umfang des Buches in keinster Weise gerecht. Es ist allerdings auch nicht sehr einfach, ein Auto als selbständig mordendes Etwas so darzustellen, so dass es nicht vollends lächerlich wirkt, daran sind schon so viele andere gescheitert. Das ist Carpenter nicht unbedingt schlecht gelungen, auch deswegen, weil der rote Plymouth eine gewisse Leinwandpräsenz hat, Stephen King hatte da eine gute Nase. Ein roter VW-Käfer hätte in dem Horrorgenre wohl nicht funktioniert, dafür gab's aber auch die Herbie Filme von Disney. Und die wurden auch zum grössten Teil am Tag gedreht, da bleibt der Horror sowieso auf der Strecke. Und wer Christine als mordendes Auto etwas zu abgehoben findet, sollte sich mal den Streifen hier antun. Ich empfehle Chips und Bier in rauen Mengen.

In meiner virtuellen Autosammlung würde Christine auch stehen. Einfach deswegen, weil ich rote Autos und Heckflossen so mag. Und sie würde eine dicke Kette um die starre Hinterachse kriegen. Nicht dass sie wegen dem ständig defekten Fahrstufenschalter plötzlich eines Morgens woanders steht. Yikes!
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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