Stadler Rail Thurbo - SBB

Vorwort
Geniessen Sie ihren Urlaub in vollen Zügen - Fahren Sie mit der Bahn! Für mich war dies schon immer ein Graus, auf Züge warten, Fahrscheine lösen, stehend in einem überfüllten Wagon von A nach B zu kommen, bah, pfui Teufel! Aber manchmal ist man einfach zu besoffen, um noch ein Fahrzeug zu führen oder schwere Maschinen zu bedienen. Polterabende mit dem Auto machen auch so überhaupt keinen Spass. Da bleibt dann nur noch jene Form der Fortbewegung, bei welcher man den Fahrkünsten eines anderen ausgeliefert ist, also den öffentlichen Verkehrsmitteln. Ich meide diese Form der Fortbewegung grundsätzlich, ich bin nämlich auch der miserabelste Beifahrer überhaupt. Manchmal bleibt mir aber auch nix anderes übrig, vieles ist einfach nur im Suff zu ertragen und Polterabende gehören eben zu jenen Anlässen, welche nüchtern so gar nicht funktionieren. So wagte ich mich also nach gefühltem 10jährigem Fernbleiben von den ÖV mal wieder in die wilde Welt der öffentlichen Personenbeförderung, ab auf die Schiene.

Was denn?
Ein Stadler Rail Gelenktriebwagen, Typ "Thurbo" mit unglaublichen 1496PS bei 63 Tonnen Leergewicht. Nicht unbedingt ein ideales Verhältnis (42.1kg pro PS) bei 106 Sitzplätzen allerdings auch nicht verwunderlich. Und 140km/h Spitzengeschwindigkeit sind jetzt auch nicht so berauschend, da ist ein E-Bike schneller, wenn man es aus einem Flugzeug schmeisst.


Laufleistung
Das konnte ich leider nicht in Erfahrung bringen, der Chauffeur in seiner grosszügig dimensionierten Kabine erwiderte meine Frage nach der Laufleistung von seinem Apparat nur mit verständnislosem Kopfschütteln. Lag's vielleicht an meiner schon etwas undeutlichen Aussprache?

Wie weit?
ca. 70km.

Handbuch gelesen?
Zum Glück hat der Organisator dieser Gruppenfahrt vorab schon alle nötigen Formalitäten erledigt, damit ich legal und sicher dieses Schienengerät nutzen durfte. Was mich nicht davon abgehalten hat, mich im Erwerb einer Fahrerlaubnis mittels eines topmodernen Onlineterminals zu versuchen. Denn wo sonst kriegt man mit einem Bierchen in der Hand eine offizielle Fahrerlaubnis?

Bahnsteigromantik...

Einfach frei!

Einfach frei, ich entscheide wann und wo ich ein Billet für den Thurbo kaufe. Also, auf gehts!


Nachdem ich mich mehr oder weniger amüsiert durch die Menüführung dieses Zettelspuckers gekämpft habe, musste ich feststellen, dass mein Bier leer war. So habe ich den Vorgang abgebrochen, auch deswegen, weil ich den Schock über den erstklassigen Kostenvoranschlag der SBB erstmal mit etwas Alkohol lindern musste.

Erster Eindruck
Im Personentransportgewerbe ist es anscheinend üblich, dass man erstmal in einem überdachten Aufenthaltsraum auf seine Mitfahrgelegenheit warten kann. Ich erwartete jetzt nicht gerade eine beheizte Lounge mit chilliger Musik, einem Glas Prosecco und Fingerfood. Aber damit habe ich nicht gerechnet;

Bock auf Körperflüssigkeiten? Ne, lass mal..
Der Aufenthaltsraum hatte den Charme einer ausgebombten Tierkadaverstelle und hinsetzen mochte ich mich trotz dem feudalen Angebot an ergonomischen Stahlgitterstühlen irgendwie auch nicht. Mein Bedürfnis, mich so schnell wie möglich von innen zu desinfizieren linderte ich mit einem weiteren Bierchen.

Auch die Gesellschaft in diesem mit Neonlicht beleuchteten Glaspalast war nicht frei von Zweifeln, das ist jetzt also einer dieser berühmten Bahnhofspenner? Oje, der Kerl hat ja noch Hausschuhe an...

Martin.

Dieser halbe Bud Spencer für Arme war definitiv noch alkoholisierter wie ich und irgendwie wurden wir den Bärtigen in seinem Strampelanzug auch die ganze Nacht nicht mehr los. Trotzdem, lustiger Typ.

Zeigefinger (Assistenzsysteme)
Spurhalteassistent (zwei im Boden verankerte, massive und harte Stahlträger, ergänzt mit Weichen), Verkehrsleitsystem, persönlicher Fahrscheinkontrollassistent mit Auskunftsfunktion, Stop-Funktion (ohne Start??)

Halt! Stop! Alles bleibt hier wie es ist!
Das fand ich mal super, man kann in dem Gefährt den Fahrer dazu anweisen, dass er die Fuhre auf der Stelle zum Stehen bringt. Also einfach so spontan anhalten und mal schnell ein paar Fotos vom schönen Panorama machen? Wie geil ist das denn? Ich hab mir allerdings sagen lassen, dass diese Funktion kostenpflichtig sei und man danach einen Einzahlungsschein von den Behörden zur Zahlung zugeschickt bekommt, begleitet von einem Berg von lästiger Bürokratie. Doof, auf diesen Etikettenschwindel brauch ich nochmal ein Bier.

Innenraum
Der Innenraum ist eine 2. Klasse für sich. Vollautomatische Türen, aber keine elektrischen Fensterheber, die Klimaautomatik ist für den Fahrgast nicht regelbar und die Ambientebeleuchtung knallt etwas zu sehr für meinen Geschmack. Sicherheitsgurte und Airbags sucht man ebenso vergebens wie wohlig riechendes Leder und Alcantara.


Die robusten Stoffsitze bieten nur dann Seitenhalt, wenn man an seinen Mitfahrern anlehnt, was je nach sozialem Verhältnis zu diesen nicht immer gut ankommt. Was das Innenraumdesign anbelangt, da hätte ich noch ein paar Kritikpunkte. Mir ist das hier irgendwie zu bunt, die quietschig farbigen Kopfstützen sind auch nicht verstellbar, was heute eigentlich Standard sein sollte. Allerdings sind die Sitze bzw. deren Konturen für den Stadler Rail Gelenktriebwagen mehr als ausreichend, die Kräfte in den Kurven sind vernachlässigbar und auch für einen mit viel zuviel Bier und zu wenig Pizza gefüllten Magen gut zu ertragen. Falls doch nicht, bietet der Betreiber dieser Bahn eine On-Board-Lösung in trendigem Chromstahl;


Leider hatte es das Reinigungspersonal an diesem Abend nicht mehr geschafft, die sanitären Einrichtungen für uns auf Hochglanz zu wienern. Aber hey, das sieht immer noch besser aus als in so mancher Autobahnraststätte. Hat's noch irgendwo ein Bier?

Der Innenraum kann grundsätzlich als sehr robust bezeichnet werden und man kann ohne dass man irgendwelche Sitze umklappt auch mal mit Skiern, Fahrrädern oder einem mittelgrossen Pferd irgendwohin fahren, ohne das gleich was kaputtgeht. Das ist definitiv besser gelöst als in meinem Benz.

Die ersten Kilometer
Ok, die lahme Beschleunigung geht ja mal gar nicht. Und irgendwie ist mir auch nicht so recht wohl in diesem Gefährt ohne richtiges Lenkrad. Was macht der Typ ganz vorne eigentlich, wenn plötzlich und völlig unerwartet zwei Tonnen marinierter Räucherlachs auf den Schienen liegen? Ausweichen geht ja nicht und der Bremsweg ist ein Witz, das hier riecht eigentlich nach Todesfalle.

Nach 10 Kilometern
Ich entspanne mich langsam, zum Glück haben wir Bier dabei. Und Ich stelle zu meiner Erleichterung fest, dass ich nicht der einzige in unserer Gruppe von 12 Personen bin, welchem diese Art der Fortbewegung nicht ganz geheuer ist. Wir reden und prosten uns gegenseitig gut zu, wird schon schiefgehen und immerhin müssen wir heute nicht mehr Autofahren. Dummerweise, das Bier wird langsam warm und ich frage mich, wieso man in diesen riesigen Schienenbus nicht auch noch einen Kühlschrank eingebaut hat. Oder noch besser, eine komplette Bar? Ride and Drink, steigen sie nüchtern ein und hacke wieder aus. Wäre doch eine Marktlücke?

Multimediaplunder
Was für eine einzige Enttäuschung. Es finden sich zwar überall grosse Displays und anscheinend sind auch eine Menge Lautsprecher in der Fuhre verbaut. Aber die Möglichkeit, mal kurz auf Pro7 oder RTL zu schalten fehlt gänzlich. Das permanente Anzeigen der Fahrstrecke ist zwar immer noch anspruchsvoller als Frauentausch auf RTL2, aber schlussendlich auch nicht so lustig. Und die Durchsagen waren auch etwas emotionslos, wenigstens hätten sie zwischendurch mal nen Witz erzählen können. Immerhin besteht die Möglichkeit der Nutzung von Printmedien, welche sich in dem Zug überall finden;


iPads habe ich keine rumliegen sehen, das soll anscheinend vorkommen, aber meistens sind sie besetzt.  

Bluetooth bietet der Thurbo auch nicht, also keine Freisprechfunktion für den Fahrgast. Das soll aber die Leute in Zügen anscheinend trotzdem nicht davon abhalten, das ganze Abteil an ihren Gesprächen teilhaben zu lassen, vermutlich hat man bei den Bahnbetreibern deswegen darauf verzichtet, die Wagons mit Bluetooth auszustatten.

Die Fahrt
Was für uns perfekt war und auch für den überlegten Einsatz von Schienenmaterial spricht; der Zug war leer. Somit zerschlugen sich meine Bedenken, dass wir unsere Reise in vollen Zügen geniessen konnten/mussten. Und eines muss man auch einem leeren Zug anrechnen, er fährt. Nicht vor die Haustüre oder vor die nächste Bar, aber zumindest zu jenen von Menschen belebten Plätzen, welche man Bahnhöfe nennt. Und wenn dann dieses riesige Konstrukt mal seine Reisegeschwindigkeit erreicht hat, dann fährt es sich überraschend komfortabel. Ich konnte kein einziges Schlagloch bemerken, das Fahrwerk scheint trotz der Stahlreifen sehr ausgereift und komfortabel abgestimmt. Was mich in meinen Komfortansprüchen ein wenig gestört hat, waren die zu klein dimensionierten Ablagefächer;
 
Voll ist hier Programm, nicht nur bei den Passagieren. 
Diese waren nämlich voll mit dem Krempel anderer Leute und ich musste somit mein Handy weiterhin in der Hostentasche deponieren. Da wäre noch etwas Verbesserungspotential vorhanden. Und auch Getränkehalter gibt's nicht, wo soll denn der zahlende Kunde sein Bier sicher aufbewahren?
 
Wir haben die Bahnreise an dem Abend auch noch unterbrochen um uns mal die Beine zu vertreten. Und um irgendwo mal wieder ein Bierchen zu trinken und vielleicht mal etwas zu essen. Obwohl ich schon den ganzen Abend Lust auf Pizza hatte, entschied ich mich für eine Lasagne, eine Pizza schien mir in meinem Zustand zu kompliziert, um sie in Gesellschaft zu essen. Oh, Wodka...
 
Apropos Wodka, in einem nicht näher genannten Etablissement wollten wir unserem gesellig klebrigen Bahnhofspenner etwas gutes tun und haben ihm ein passives Wellness-Programm gekauft, inkl. einer halben Flasche Prostituiertensprudel, welcher allerdings nicht zum trinken gedacht war. Die Erklärung der vermutlich russischstämmigen Betreiberin haben wir bis heute nicht verstanden, die Flasche Schampus ist bei dem vereinbarten Programm zwar an Bord, ellenlange Saufgelage wären aber à Séparée abgerechnet worden. Und mein Cola hat auch nicht geschmeckt, es wurde Zeit für einen weissen Russen, allerdings woanders als in dem komischen Tanzlokal.
 
Der Fahrer unseres Thurbos hat anscheinend gesagt, dass er uns zu einer festen Zeit wieder am Bahnsteig abholt, das nenn ich mal Top-Service. Und tatsächlich, pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk stand unser Gefährt wieder dort wo wir es ein paar Stunden zuvor verlassen hatten, um uns sicher wieder in unsere Heimat zu bringen. Dorthin, wo wir unseren Weg dann noch zu Fuss fortgesetzt haben, hauptsächlich um nochmal ein Bierchen oder einen Wasser zu trinken, soll ja gut sein für die Verdauung und einen erholsamen Schlaf.
 
Fazit
Ich bin etwas zwiegespalten. Die Fahrt war unter dem Strich eigentlich sehr angenehm und komfortabel, aber für mich als Autoliebhaber fehlte hier ein wenig die Seele. Hätte die Lok einen bzw. mehrere dicke Diesel an Bord gehabt, hätte das wieder anders ausgesehen. Als positiver Aspekt jedoch bleibt, dass man sich in dem Ding schon auf dem Weg zu seinem Ziel dezent zuschütten kann, die sanitären Anlagen gleich mitfahren und die Bediensteten an Bord immer gerne Auskunft geben. Wäre da nicht der Preis, für die Kosten der 70km langen Fahrt hätte ich an der Tanke auch mindestens zwei 10er Packen Premiumbier kaufen können. Ausserdem, die Nebenwirkungen vom Zugfahren sind für mich ein absolutes No-Go, ich hatte am Tag darauf heftigste Kopfschmerzen und den Geschmack einer toten Katze im Mund, ich habe mich an jenem Morgen dazu entschlossen, ich fahre nie wieder Zug!! 
 
Kaufen?
Ich konnte leider nirgendwo einen Preis für diesen schnieken kleinen Zug in Erfahrung bringen, weder auf Ebay noch bei der Informationsstelle der SBB. Anscheinend kann man die Gefährte nur im Rahmen einer begrenzten und kollektiv fundierten Art der Gebrauchsüberlassung mitbenutzen. Für mich ist das zu wenig flexibel, sollte ich allerdings wieder mal im Rahmen einer überhöhten Leberfunktion irgendwo hin müssen, fasse ich diese Dienste wieder ins Auge. Bis dahin fahre ich liebend gerne Auto und trink Eistee.
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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