Die EU legt Hand an den Klappenauspuff

Vorwort
Schnelle Autos mit lauter Klappe sind nicht mehr erwünscht! So lautete diese Woche eine Schlagzeile, welche mich etwas erstaunte. Wer hat das beschlossen? Hab ich etwas verpasst? In der Tat;

Ein Ferrari darf kein Ferrari mehr sein! So emotional diese Aussage sein mag, so unemotional hat man dies innerhalb der EU zu Papier gebracht und in Worte gekleidet bzw. in einen grauen Anzug gesteckt. Soll heissen, ab dem nächsten Jahr werden auch leistungsstarke Fahrzeuge an die akustische Leine gelegt, kein infernalisches Zwölfzylindergebrüll mehr von einem Lamborghini Aventador oder einem Aston Martin, aus Aventador wird Silentador und aus dem Vanquish wird der Whistler. Alleine bei dem Gedanken kommen einem als Benzinfanatiker die Tränen...

Warum?
Die Argumentation ist grundsätzlich nachvollziehbar: 

Verkehrslärm ist in zahlreicher Hinsicht gesundheitsschädlich. Lärmbedingter Dauerstress kann die menschlichen körperlichen Reserven erschöpfen, die Regelungskapazität von Organfunktionen nachhaltig stören und somit deren Wirksamkeit beeinträchtigen. Verkehrslärm ist ein potenzieller Risikofaktor für die Entstehung von Krankheiten wie Bluthochdruck und gesundheitliche Zwischenfälle wie Herzinfarkte. Die Folgen von Verkehrslärm sollten daher in derselben Art wie gemäß der Richtlinie 2002/49/EG des Europäischen Parlaments und des Rates (3) weiter erforscht werden. 

Aus medizinisscher Sicht sicherlich absolut korrekt. Und daraus abgeleitet, ein lautes Auto ist grundsätzlich als Verursacher von Krankheiten und sogar Todesfällen einzustufen. Man bläst hier auch in das Horn jener Auspuffanlagen, welche eine Klappensteuerung besitzen und steckt diese damit in dieselbe Todesschublade wie fettiges Essen, dem Rauchen, dem Alkoholkonsum und dem Basejumping. Mit dem Unterschied, das ist alles noch nicht verboten, obwohl die gesundheitlichen Folgen absolut identisch sein sollen.   

Verhältnismässigkeit?
Mal ehrlich, wie viele Supersportwagen mit entsprechender Akustik fahren auch in den überdurchschnittlich wohlhabenden Teilen unsere Gesellschaft wie oft umher? Kleiner Auszug aus dem Jahr 2012 in Deutschland (Quelle: KBA):


 Neuzulassungen gesamt: 3'082'504

Lamborghini Gallardo: 60 Zulassungen

 Chevrolet Corvette: 59 Zulassungen

Lamborghini Aventador: 44 Zulassungen
 
Ferrari FF: 114 Zulassungen
Maserati GranTurismo: 206 Zulassungen
 
Ferrari California: 143 Zulassungen
 
VW Golf: 240'702 Zulassungen
 
Im Verhältnis also fährt ein Ferrari California auf rund 1684 VW Golf's umher, würden denn solche italienischen Brülleimer auch für den Alltag genutzt werden. In der Realität aber wird mit so einem Ferrari nur ein kleiner Bruchteil der Laufleistung eines Golfs abgespult. Ist auch klar warum, der Ferrari ist in Sachen Alltagstauglichkeit einfach nix, da kann man nicht mal schnell zu Ikea fahren und ein paar Billys in den Kofferraum schmeissen oder mit der Familie zum grossen M fahren. Das erklärt auch, dass sich auf dem Kaufhausparkplatz nicht an allen Ecken Supersportler stehen und Anghängerkupplungen sowie Dachboxen für Lamborghinis nicht gerade der Verkaufsschlager sind.

Damit diese kleine Veranschaulichung nicht überbewertet wird; man müsste mal die Zahl jener Fahrzeuge aus den Statistiken rausfiltern, welche eine gesundheitsgefährdende Klappenauspuffanlage besitzen oder von Haus aus mehr Lärm machen als ein 2.0er TDI. Da bin ich aber ehrlich, dazu fehlt mir die Zeit und auch ein wenig die Lust.

Woran liegt's denn,
dass in den Reihen der EU-Kommissionen der Eindruck entstanden ist, dass leistungsstarke Autos mit Klappenauspuffanlagen die Leute reihenweise in die Krankenhäuser treiben? Irgendwie kann zumindest ich das nicht so ganz nachvollziehen, wenn ich mich so umschaue und umhöre. 

Zurück zu der Argumentation, Verkehrslärm ist gesundheitsschädlich. Jawoll, dafür! Aber wenn ich das Fenster aufreisse, stelle ich zu meinem eigenen Bedauern fest, dass nicht an allen Ecken irgendwo irgendwelche leistungsstarken Supersportler die Strassen zum erzittern bringen. Ne, was ich hier an meinem Wohnsitz höre ist;

- Schienenverkehr
- LKW's
- Busse
- Sirenen
- Autos
- Kühe
- Rasenmäher
- Kirchenglocken
- Vögel!
- ...

Die Liste liesse sich beliebig fortsetzen und ich müsste vermutlich sehr lange am offenen Fenster stehen, um irgendwann einen der besagten Supersportler zu hören, welche uns alle langsam aber stetig ins Grab reinbrüllen. Aber bevor ich wegen eines zu lauten Auspuffgeräusches um meine Gesundheit fürchten müsste, sterbe ich entweder den Erfrierungstod oder verhungere.

Nein, irgendwie habe ich nicht den Eindruck, dass ein grosser, frei atmender Zwölfzylinder von der Akustik her so gesundheitsschädlich sein soll, wie z.B. das Passivrauchen. Ausser natürlich, ich stecke meinen Schädel in den Auspuff rein. Und wer sowas macht, naja, böse gesagt, da sollte man die Evolution einfach weiterarbeiten lassen.

Es entsteht der Eindruck...
dass man in Brüssel bemerkt hat, dass man ja einfach mal dort den Hebel ansetzen kann, wo der Spass für eine Minderheit anfängt. Und damit hört eben der Spass für viele auch gleich auf.

Wieso darf ein Meisterstück der Automobilindustrie nicht auch akustisch die Leidenschaft vermitteln, welche so ein Fahrzeug schon in der Entwicklung verschlungen hat und mit der martialischen Optik verspricht? Wirklich? Muss ich jetzt wirklich glauben, dass ein AMG GT schon beim Vorbeifahren gesundheitsschädlich ist? Ganz zu schweigen davon, wenn man drinsitzt, das müsste ja dann absolut tödlich sein, wenn man über längere Zeit der Akustik eines aufgeladenen Achtzylinder mit Klappenauspuffanlage ausgesetzt ist. Der pure Stress, der sichere Herzinfarkt auf Rädern!

Auch in eher gutverdienenden Gesellschaftsschichten ist die Dichte an Supersportwagen eher gering und solange die wenigen exotischen Supersportler beim Vorbeifahren nicht eine Kokainwolke aus ihren vierflutigen Abgasanlagen rauspusten, ist das Gesundheitsrisiko vermutlich genauso vernachlässigbar wie meine persönliche Abneigung gegen Kirchengebimmel morgens um sechs.

Die Befürworter der VERORDNUNG (EU) Nr. 540/2014
sitzen aber nicht nur in den Reihen des europäischen Parlaments. Nein, sie sind wirklich überall und zahlreich zu finden. So z.B. ein Maserati Geschädigter, welcher sich darüber moniert, dass einer seiner Nachbarn morgens um vier seinen GranTurismo mit offensichtlich offener Klappe startet und damit die gesamte Nachbarschaft aus dem Bett ballert. Hier habe ich für den Ärger Verständnis, vor allem wenn dann z.B. auch kleine Kinder geweckt werden, welche den Maserati auch dann noch spüren lassen, wenn er längst um die Ecke gebogen ist. Man mag morgens um vier einfach noch kein Nutellabrot für den aufgedrehten Nachwuchs schmieren. Ich habe wirklich vollstes Verständnis für die Ansicht des Autors, laute Autos können auch mal nerven wie ein Wadenkrampf. Aber, nur mal so nebenbei, auch Menschen haben eine Klappe, man kann damit ein Gespräch führen. Wenn's sein muss auch mit Maseratifahrern, die Bitte zum Schliessen der Auspuffklappe am frühen Morgen ist sicherlich schnell formuliert. Aber nicht vergessen, auch hier macht der Ton die Musik.  

Die Gegner VERORDNUNG (EU) Nr. 540/2014
sind nicht so zahlreich vertreten. Warum? Naja, das liegt wahrscheinlich wieder daran, dass die Supersportwagendichte nicht so hoch ist und jeder, der bereits einer dieser herrlich lauten Kisten besitzt, sich sicher sein kann, dass die Klappe seines Auspuffs auch nach 2016 ihre volle Funktionalität beibehalten wird. Der Widerstand gegen die geplante Umsetzung der EU-Verordnung wird also im Gegensatz des zitierten Übels der Gesundheitsgefährdung sehr, sehr leise sein. Schade, ich hoffe die Hersteller knobeln da noch was aus. Und bitte, keine Soundgeneratoren im Innenraum, das ist wie ein Cuba libre mit Cola light.

Als Autoliebhaber
muss sich heutzutage kleinlaut halten, ob dies die Klappe im Gesicht oder jener in der Auspuffanlage handelt. Es ist immer weniger sexy, sportlich klingende Autos gerne zu haben. Man ist damit nämlich an allem schuld, dem Klimawandel, an den Unfallstatistiken und neuerdings dem Lärm und dessen gesundheitlichen Folgen und den damit immer weiter steigenden Gesundheitskosten. Bald müssen wir uns im Geheimen treffen, um Benzingespräche zu führen und es wird eine Untergrundszene entstehen, wo man sich im schalldichten Raum unter flackerndem Neonlicht und im Beisein von Sinnesgenossen den Sound eines offenen V8's reinzieht. Quasi der Klappenauspuffclub, Regel Nr. 1, man spricht nicht über den Klappenauspuffclub. Zugegeben, eine ziemlich bescheuerte Theorie...

2026
Bis dahin will man durchsetzen, dass ein Fahrzeug mit mehr als 250kW noch 79dB abgeben darf. Im Gegensatz zu heute, ein Aventador macht schon im Leerlauf knackige 100db, das entspricht ca. dem Lärmpegel eines LKW's auf nasser Strasse. Nur mit dem Unterschied, dass es auch noch 2026 nasse Strassen geben wird und LKWs bis dahin nicht fliegen können. Kann man denn das Regnen nicht auch verbieten? Ne, eben nicht und fliegende LKW's generieren neue Probleme, was wenn ein LKW voller Mayonnaise auf einen Kartoffelacker abstürzt? Soviel Kartoffelsalat auf einem Haufen ist ja auch nicht gesund und es müsste erstmal reguliert werden, wie die Bevölkerung vor zuviel Kartoffelsalat geschützt werden kann.

Haben wir keine anderen Probleme?
Doch, aber die werden zur unangenehmen Nebensache, wenn man Klappenauspuffe zum neuen Feind der Gesellschaft erklären kann. Demnächst wird auch noch das Salz auf den Salzstangen verboten (ungesund) und die Chilisalami auf der Pizza (auch ungesund). Es gibt dann nur noch Stangen und Pizza ohne Diavolo.

Die Supersportler sind nicht die Essenz der Lärmproblematik im Personen- und Güterverkehr. Aber, das Reglement dazu ist schneller ausgearbeitet als z.B. die Diskussion mit der Kirche, ob denn diese schicken Türme zu jeder Tages- und Nachtzeit das verkünden müssen, was heute jeder am Handgelenk, am Handy, unten rechts am Computerbildschirm oder am Wecker ablesen kann? Sicherlich, schallende Kirchtürme sind nicht jedermanns Problem, aber z.B. genauso meins, wie der laute Maserati am Morgen. Also grundsätzlich vernachlässigbar und mittels gesundem Menschenverstand der Bevölkerung zu regulieren.

Bitte, liebe Regulierungswütige,
lasst uns auch noch ein bisschen Spass übrig. So rot wie ein Ferrari sein muss, so soll er auch klingen. Wir Autoliebhaber freuen uns, wenn wir alle paar Monate einen aufregend gezeichneten Supersportler vorbeifahren sehen und der Soundtrack dazu passt. Das zieht unsere Mundwinkel für ein paar Sekunden nach oben und schüttet Glücksgefühle aus, das soll erwiesenermassen gesünder sein als zu viel Salz in der Suppe oder eine zu eng geschnürte Krawatte. Nicht umsonst sind auch Stummfilme heutzutage passé und ein Horrorfilm ohne unheilvolle akustische Untermalung ist emotional so anregend wie die Zeitansage. Der Klang ist ebenso Teil der Dynamik und Ästhetik eines Sportwagens wie die Farbe und die Form, lassen sie doch den Entwicklern, den Käufern und den Fans diesen Freiraum.  

Und ich mag mich auch gleich selbst zitieren;

Jawoll, immer nur her mit den Verboten, Vorschriften und Bürokratie! Bitte dann auch gleich db-Grenzwerte für die SBB, Kirchenglocken, LKW's, WEF-Hubschrauber, Hunde, Ziegen, Kühe, Handys, Rasenmäher, den Fernseher vom Nachbarn, Fahrradklingeln, hohe Absätze und am wichtigsten, für das Dummgeschwätz unserer Politiker einführen, davon kriege ich das meiste Kopfweh.
Aber wirklich? Das Auspuffgeräusch eines Aston Martin oder Lamborghinis ist tatsächlich ein ernstzunehmendes Problem? Sensationell.... Zum Glück macht Bünzlitum* keinen Lärm, der daraus resultiernde Schallpegel würde die Trommelfelle im Akkord platzen lassen und die Schweiz wäre der wohl lauteste Ort der Welt, auch ohne dass unsere Strassen mit Lamborghinis und Aston Martins verstopft wären.


*ein weit verbreiteter Wesenszug der Schweizer, welcher sicherstellt, dass der Zeigefinger als Verlängerung für den Stock im Hintern immer erhoben genug ist im Sinne dessen, was man schon immer so gemacht hat und damit als Massstab für die Gesellschaft gilt.

Danke.
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

3 Kommentare :

  1. Kann es sein, dass die Regelung nicht nur wenige Serienmäßige Supersportwagen, sondern wesentlich mehr nachträglich aufgerüstete sportliche Autos und noch mehr Motorräder betrifft? Gerade letztere scheinen überwiegend keine Scham oder gar Rücksicht zu kennen, wenn es ums Krach machen geht.
    Ganz so winzig ist die Zielgruppe also nicht.

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    1. Nein, das betrifft natürlich alles, was innerhalb der Messnormen über 75db hat, egal ob GTI oder GT-R. Bei Nachrüstlösungen wird es ähnlich sein, ohne entsprechende Prüfung durch TÜV/MFK wird man auch die übelste Pennerschlafstelle nicht legal auf die Strasse kriegen. Das ist aber auch heute schon so. Und klar, die Zielgruppe mag zusammen mit den Mopeds recht gross sein, aber der Widerstand ist im Verhältnis nach meinem Eindruck eher klein.

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  2. Tjaa, das mit den Mopets kenne ich selber. In den 90'er durfte ich an meine TDM (Habe ich jetzt noch) nix anderes als die 3VD-Analge (Originool) schrauben. Aber in D durftes du jegliche Ersatz-Tüte wo zugelassen in EU ranbasteln, nur in der CH nicht! Müsste alle über Einzelabnahme Homologiert werden, was seehr teuer ist und glaube ich nur einer gemacht hat, was ein Sch... Und heute läuft es so, das die CH jeden Sch.. von Brüssel adaptiert. Weshalb? Zu bequem, um selber zu denken? Dünkt mich manchmal..

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