Insane Mode?

Im Fieberwahn
Mich hat diese Woche eine Grippe ins Bett genagelt. Ich habe grundsätzlich nichts gegen arbeitsfreie Tage, aber den Mist hätte ich mir gerne erspart und wäre stattdessen lieber zur Arbeit, einer Bandprobe und der hiesigen Fasnacht gegangen. Hätte wesentlich mehr Spass gemacht, als fiebrig und mit dem Bewegungsapparat eines 112-Jährigen im Bett rumzulungern und mich mit Tee und Grippemitteln zuzuballern, was ich aktuell immer noch tue. Dafür hatte ich Zeit für das Internet und seine unendlichen Weiten. Und dabei bin ich über dieses Video gestolpert;


Ich gestehe, ich bin nach wie vor kein wahnsinniger Fan von elektrischem Antrieb. Mir fehlt da voreingenommenermassen die Emotion, welche ein spritfressender Verbrennungsmotor alleine durch sein Betriebsgeräusch erzeugt, ein Elektromotor ist da ja eher verhalten, um nicht zu sagen, er ist das Clausthaler der Antriebsakustik. Soundgeneratoren? Geschenkt. Doch Halt, in dem Video scheinen die Emotionen durchaus sehr präsent zu sein, das macht mich trotz Benzin im Blut neugierig, was können denn diese batteriebetriebenen Autos denn, ausser die Rückenlehnen einem erhöhten Verschleiss auszuliefern?

Von Anfang an
Ich hatte eine Menge batteriebetriebene Autos, meist im Massstab 1:24 - 1:10. Sie alle hatten mir Spass gemacht, jedenfalls solange bis die Batterien oder Akkus leer waren oder noch schlimmer, bis sich langsam das Ende der Kapazität angekündigt hat. Dann hiess es, die Fuhre ein paar Minuten stehen lassen und dann konnte man nochmal ein paar Manöver fahren. Das war manchmal etwas frustrierend, denn neue Batterien verlangten im Schüleralter nach finanzieller Unterstützung und das Laden der Akkus verlangte nach Geduld. Die hatte ich damals schon nicht.

Also schwenkte ich im "Erwachsenenalter" irgendwann um, auf Verbrennungsmotoren. Die kann man unendlich mit Nitromethan betanken, sie machen Lärm und sie stinken. Super. Jedenfalls meistens, wenn gerade Temperatur, Mischverhältnis und das Wohlwollen des Glühkerzensteckers gesichert waren. Der hatte nämlich eine Batterie. Genauso wie die Servos, welche ohne genügend elektrischen Strom nur motivationslos mit ihren Schultern zuckten.

Ups?

Diese Zwiebackfräsen machten als auch nur dann Spass, wenn sie gerade nicht nach einer Reparatur, neuen Batterien, oder nach der Neujustierung des Vergasers riefen. Ergo, zwei Stunden fahren, vier Stunden daran rumfummeln. Vor allem, wenn man die Dinger so richtig hart rangenommen hatte.

Putzen? Boah ne...

Der oben abgebildete Monstertruck kam vom Werk aus mit einem 2.5ccm Verbrenner und einem ausgeklügelten Automatikgetriebe mit zwei Vorwärts- und einem Rückwärtsgang. Die Leistungsabgabe war aber ein süsslich rauchender Witz, also hab ich den nominell 0.7PS starken OEM Motor gegen einen 4.2ccm Universalmotor mit ca. 2.5PS getauscht. Damit war das Gerät zwar immens flott und auch laut, aber noch mehr futsch als vorher. Die Freude währte jedenfalls so lange, bis sich das Getriebe in viele kleine Teile zerlegt hat, der Motor hat es förmlich aufgefressen und wieder ausgespuckt. Damit hatte ich die Schnauze von diesem Hobby gestrichen voll. Der Verbrenner war einfach zu reparaturanfällig und hatte für meine Verhältnisse zu wenig Nehmerqualitäten. Und ja ich weiss, es gäbe sicherlich robustere Konstrukte als dieses, aber wenn ich mich in meinem Kollegenkreis umgeschaut habe, sah ich auch bei den anderen Fabrikaten dieselben Probleme, abgedrehte Antriebswellen, gebrochene Gelenke, geplatzte Motoren, wuäch! Auch meine finanzielle Bereitschaft hatte ihre Grenzen erreicht, alles Mist.

Die Stromer liefen relativ wartungsfrei, dafür mussten sie nach drei Akkus und ca. 30min Fahrzeit die Segel streichen und zusammenpacken, während die Verbrennerfraktion meist noch munter weiterknatterte, wenn's sein musste auch noch mit platten Stossdämpfern oder nur drei angetriebenen Rädern. Aber immerhin, die Stromer gingen meist intakt wieder auf den Heimweg.

Zurück auf die Strasse
Auf der Strasse scheint dasselbe zu gelten. Das Elektroauto scheint nach weniger Aufmerksamkeit der Autohäuser zu schreien. Weniger bewegliche Teile, weniger Nebenaggregate, dafür eine Menge Software und Batterien. Das macht den Stromer grundsätzlich pflegeleichter im Alltag. Es soll Teslas geben, die haben seit 75TSD km keine Werkstatt von innen gesehen. Trotz Insane Mode. Das verdient ohne Einschränkungen einen gewaltigen Respekt, der Fortschritt in Richtung wartungsfreies Auto hat gerade einen Riesensatz genommen. Wer fährt sonst mit einem 300+PS Auto 75TSD km ohne regelmässige Wartung?

Die Leistungsdaten eines P85D lesen sich traumhaft, 700PS und 930Nm Drehmoment aus dem Stand (mit Allrad!), das klingt eigentlich eher nach einem vollanalogen 502cu.in V8 Big-Block mit zittriger Tachonadel als nach einem batteriebetriebenen Elektroauto mit Breitbandinternetanschluss und der Mutter aller iPads in der Mittelkonsole.  

Fun anyone?

Dass so ein alter Big-Block Spass macht ist zweifelsfrei bewiesen. Nicht umsonst besitzen diese Triebwerke seit Jahrzehnten eine riesige Fangemeinde, zu der ich mich auch zähle. Hubraum ist durch nichts anderes zu ersetzen als eben noch mehr Hubraum. Oder doch durch Amperestunden?

Ob diese beeindruckenden technischen Leistungsdaten in elektrischer Form auch Spass machen, kann ich nicht abschliessend beurteilen, ich bin bis heute nie ein Stromauto selbst gefahren. Aber anhand der zahlreichen Videos und Berichte welche sich im Netz finden, macht sich bei mir der Eindruck breit, dass auch der elektrische Tritt ins Kreuz durchaus seinen Reiz haben muss. Ich muss zähneknirschend zugeben, mich macht das etwas neugierig. Teslas virales Marketing funktioniert anscheinend recht gut.

Jedoch, was mich immer noch kritisch stimmt ist der heute schon geltende Einfluss von batteriebetriebenem Zeug in meinem Alltag. Brauche ich noch ein Gerät, bei welchem ich mich vor Gebrauch regelmässig davon überzeugen muss, ob der Akku geladen ist? Handy, Tablet, Notebook, ein Elektroauto? Ich sehe jetzt schon zu viele Leute an den Flughäfen, welche irgendwo in der Nähe einer Wandsteckdose, meist auf dem Boden sitzend ihre Arbeit verrichten, umzingelt von Ladegeräten und Kabeln und teils sichtlich gestresst. Noch ein paar Jahre und die Leute klingeln an wildfremden Haustüren, nicht wegen Zucker, sondern weil sie Strom für ihr Auto benötigen. Verheult, pitschnass und mit einem 50 Meter langen Verlängerungskabel in der Hand...

Noch ist aber noch nicht so weit. Steige ich morgens in mein Auto und stelle fest, dass der Tank fast leer ist, biege ich rasch bei der nächsten Tanke ab und mach das Ding innert ein paar Minuten voll. Beim Stromer wird das nicht ganz so einfach, da will das auffüllen der Energiereserven lange im Voraus geplant sein. Und ich krieg's ja nicht mal gebacken, dass meine anderen Akkufresser immer voll genug am Start sind.

Spasspotential hat also so ein Batterieauto sicherlich, das muss man eingestehen. Der Spass wird aber ein anderer sein, als er von einem grossvolumigen Verbrenner geliefert wird. Ich muss echt mal ne Probefahrt bei Tesla vereinbaren. Vielleicht liegt's am Fieber, aber ich mach das doch jetzt gleich mal.

Damit kommt demnächst ein Bericht über einen Tesla. Sofern die mich damit auch fahren lassen...

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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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