Mercedes Benz ML350 CDI

Vorwort
Wenn man einen gängigen Übersetzer im Netz fragt, was denn ein SUV in Deutsch sei, kommt ein Sport Nutzen Fahrzeug bei raus. Wenn ich aber frage, was denn ein Geländewagen auf Englisch heisst, kommt dabei SUV raus. Hä? Ist das nun Sport oder Gelände? Und was nutzt mir so eine Burg von Auto? Kann ich damit zu dem sagenumwobenen Fitnesscenter fahren, welches in einem matschigen Acker steht? Oder kriege ich da einfach mal 1277 Paar Turnschuhe in der Grösse 42 in den Laderaum?

Was denn?
Ein Mercedes Benz ML350 CDI 4Matic, 258PS und 620nM Drehmoment.
 

 
 
Laufleistung
Etwas um die 20TSD km.

Wie weit?
ca. 50km den Berg hoch und wieder runter (Asphalt)

Handbuch gelesen?
Nöp, bin da schon "vorbelastet".

Erster Eindruck
Was für ein Schrank. Und dann auch noch schwarz wie die Nacht, der ideale Firmenwagen von Vladimir von der Moskau Inkasso. Abgesehen davon, wenigstens hat man nicht einfach ein Modell aus dem Limousinensegment solange mit Bohnen betankt, bis es sich auf Geländewagenmasse aufgebläht hat. Trotz der ausladenden Dimensionen sieht das Ganze aber noch ziemlich stimmig aus und das Markengesicht ist unverkennbar vorhanden. Ist aber auch nicht sonderlich schwierig, wenn das Markenemblem so gross wie ein Kuchenteller ist. Mmmh... Kuchen...

Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP, ILS, Pre-Safe Bremse, Totwinkel-Assi, der unsägliche Eco-Modus, Distronic Plus,

Innenraum
Leder, Alu, wertige Kunststoffe. Im Vergleich zu meiner C-Klasse sieht dass auch alles etwas robuster und nicht ganz so filigran aus, hier kann man auch mal mit dreckigen Wanderschuhen irgendwo anditschen, ohne dass man gleich Angst um's Material haben müsste. Die Sitze sind beledert, belüftet und beheizt und damit aus Hinternsicht für jede Jahreszeit bestens gerüstet. Sportlich straffen Seitenhalt sucht man allerdings vergebens. Klar, diese Burg möchte man auch kaum über die Nordschleife prügeln, aber wenn man denn doch mal ein Abstecher ins Gelände wagen möchte, dann wäre man um etwas mehr Seitenhalt froh. Man möchte ja nicht bei jeder Bodenwelle unfreiwillig den Sitzplatz wechseln.


Das Armaturenbrett würde ich grad noch so als übersichtlich bezeichnen, das liegt aber auch daran, dass mich die Mittelkonsole in meinem Dailydriver in praktisch identischem Layout begleitet. Der klassische Wählhebel ist hier in Gestalt eines Scheibenwischerhebels zum Lenkrad hochgerutscht. Das nenn ich mal Karriere!



Die Türen bzw. Tore öffnen hier extrem weit. So weit, dass hier wohl auch eine ausgewachsene Kuh auf die Rücksitzbank steigen könnte, ohne sich die Glocke abzuschnallen. Aber das ist natürlich Quatsch, Kühe fahren ja bekanntermassen Trekker und gerade als Kuh weiss man ja nie, ob die Sitze nicht mit Oma bezogen wurden. Man merkt auch, dass die Türen eine Menge Gewicht haben, wer sie mit zuviel Schwung an einen Smart knallt, riskiert nicht nur eine Parkdelle, sondern dass sich der Kleinstwagen danach in der stabilen Seitenlage befindet und damit Totalschaden erleidet. Dafür fallen die Türen beim Schliessen ordentlich satt ins Schloss, als ob man die Welt rundherum einfach mal ausgeschaltet hätte. Wummf!


Der robuste Qualitätseindruck setzt sich dann auch im ganzen Innenraum fort, nichts knistert oder klappert und gerade bei der Ruhe, die den Innenraum während der Fahrt beherrscht, würde dies vermutlich auch nerven wie ein doppelter Wadenbeinbruch.

Die ersten Kilometer
Man kommt sich so klein vor in diesem Auto. Sehr schön. Platz in Hülle und Fülle, vermutlich kriegt man halb China in den Kofferraum rein. Der Dreiliter Diesel passt perfekt zu dem schweren ML (leer rund 2.2 Tonnen), dank 620Nm schiebt er auch bei tiefen Drehzahlen beeindruckend voran. Und dabei bleibt er auch noch angenehm leise, kein LKW-Feeling in diesem Sechszylinder.  

Gehen sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen!

So unauffällig wie der Diesel klingt, so sieht es auch unter der Haube aus. Aber das Konstrukt unter dem Deckel aus Putzeimerplastik hat ordentlich Punch.

Nach 10 Kilometern
Gemächlich, ruhig, entspannt, das ist von A bis Z kein pulstreibendes Auto. Und trotz meiner eher etwas flotteren Fahrt den Berg hoch vermittelt der ML keine Hektik, stoisch ruhig liegt das Auto in den Kurven und abgesehen von der gefühllosen Lenkung würde man glatt meinen, man sitzt in einer normalen Limousine. Allerdings, das Gewicht macht sich schon irgendwann bemerkbar, ohne den Grenzbereich angetastet zu haben, würde ich mal mutmassen, wenn der ML das Rutschen anfängt ist's schlagartig vorbei mit der Ruhe. Spätestens dann, wenn man lautstark durch ein rustikales Bauernhaus scheppert. Erscheint mir etwas trügerisch, diese Ruhe...

Multimediaplunder
Hier findet sich das MB Comand Online ohne das Harman Kardon System. Das frisst alles (BT-Audio, SD-Karten, iPod/Foun, CD, DVD) was gerade so angesagt ist und sein wird die nächsten Jahre. Die Beschallung der Burg geht ok, auch wenn es etwas an Volumen fehlt. Gerade für diesen üppigen Innenraum würde das HK-System noch Sinn machen.

Die Fahrt
Ok, hier ist alles ein wenig grösser. Und weiter weg, von der Klimabedienung bis zur Strasse. Das macht sich erstmal dadurch bemerkbar, dass man sich im ML wirklich sehr weit weg fühlt vom Geschehen um sich herum. Die Geräuschdämmung ist üppig, man fühlt sich hier wortwörtlich wie in Watte gepackt. Da hupt einer? Wenn's gut geht hört man's auch. Die Strasse? Keine Ahnung ob ich über Schotter, Asphalt oder über ausgemusterte Hamsterkäfige fahre. Das Fahrwerk hat Pornostar-Qualitäten, es schluckt schlicht alles. Und die Lenkung erscheint fast schon spiessig, sogar im Stand ist das Rückstellmoment so hoch, dass sich das Lenkrad fast von alleine wieder gerade dreht. Der ML mag's wohl lieber geradeaus als um die Ecken rum.

Das soll nicht heissen, dass der grosse Sportnutzenbenz Kurven scheut, aber er mag sie auch nicht sonderlich. Wankbewegungen sind kaum vernehmbar, vermutlich auch wegen dem dezent sportlich, aber nicht übermässig hart abgestimmten Luftfahrwerk und der Parameterlenkung. Der Beweis dafür ist, dass sich auf der MB-Aufpreisliste keine Alcantara-Kotztüten finden, die man den Passagieren in die Seitenablagen packen könnte. Der Range Rover, den ich vor ein paar Jahren mal gefahren bin, hatte schon eher das Potential, um seegangbedingten Lebensmittelhusten zu verursachen.

grosszügig dimensionierte Bremse. Zum Glück!

Das Triebwerk ist eine Wucht und passt perfekt zu dem schweren Allradler. Sichtlich unbeeindruckt schiebt der Selbstzünder den Berg hoch, keine Spur von Anstrengung oder hohen Drehzahlen. Selbst beim Treten des Kickdownschalters verzichtet der Antriebsstrang auf hektisches Herunterschalten, gelassen über den plötzlichen Leistungsabruf verbleibt die Automatik in dem Gang in dem man sich gerade befindet und bläst die Fuhre zügig nach vorne. Hier scheint der Diesel wirklich mehr Sinn zu machen, als der V6 Benziner, ich hatte hier keinen Bedarf nach hohen Drehzahlen und sportlichem CGI-Geschrei.

Ins Gelände hab ich mich mit dem ML nicht gewagt, aber ich hab mir mal etwas Geländefeeling verpasst. In der Tiefgarage. Wie? Einfach mal den Geländemodus vom Luftfahrwerk aktivieren. Damit hebt sich der ML auf eine stattliche Höhe herauf, auch wenn das sehr gemächlich passiert. Wer zufällig auf der Flucht ist und ins Gelände abstechen will, sollte sich vorher mindestens eine Minute Vorsprung herausfahren. In der Maximalhöhe angekommen hab ich dann mal die Tür aufgemacht, mit Aussteigen ist da nix mehr, hier kann man nur noch aus dem Auto rausfallen. Und einsteigen geht dann wohl nur noch mit einer Bockleiter. Ne, Schmarrn, so hoch wird der ML dann doch nicht, aber die Bodenfreiheit ist dann schon ziemlich beeindruckend. Man fragt sich aber schon zu recht, wozu? Die wenigsten Besitzer der ML-Serie werden wohl kaum im Matsch rumballern und auf der Strasse liegen idR auch nicht so viele Waschmaschinen rum, als dass man die erweiterte Bodenfreiheit benutzen könnte.

Auch nach längerem Aufenthalt im Bomberbenz verschwindet der Eindruck nicht, das Ding ist so gross wie ein Haus. Ich würde den ML nicht als unhandlich bezeichnen, aber in den heutigen Parkhäusern wird das Rein- und Rausfahren zur wahren Herausforderung des Autofahreralltags. Trotz der guten Übersichtlichkeit inkl. Rückfahrkamera und Piepsarmada rundherum kann es dann doch schon etwas knapp werden. Klar, in der kurzen Zeit die ich das Auto gefahren bin konnte ich mich nicht wirklich an die Abmessungen gewöhnen, das wäre wohl nur eine Frage der Zeit. Aber der Eindruck, dass man hier ein richtig grosses Auto unter dem Hintern hat, der wird wohl bleiben.

Im Sommer gibt er Schatten, im Winter gibt er warm.
 

Ich hab mich noch zu einem Gedankenspiel verleiten lassen; bei uns in der Tiefgarage steht in einer dunklen Ecke ein ML63 AMG. Ich frage mich, wie sinnvoll es ist, solch eine Schrankwand mit rund doppelt soviel Leistung zu versehen. Ich mag den grossen V8-Sauger aus Benztown, aber empfinde es fast schon als beängstigend, so ein Auto unter maximaler Leistung zu bewegen. Nein, mehr Leistung als der 350CDI braucht im ML kein Mensch, das passt schon so.

Fazit
Ich vergleiche mal ganz kühn mit dem Range Rover von 2006. Abgesehen von dem Triebwerk (4.2L V8 Benziner vs. 3.0 V6 Diesel) fehlt das ultimative Geländewagenfeeling beim ML. Im Range Rover sitzt man gefühlt noch höher, hauptsächlich dank der tiefen Seitenfensterlinie. Und damit bestätigt sich auch mein leises Vorurteil, der ML ist einfach kein wirklicher Geländewagen, er ist eben ein Sportnutzenfahrzeug. Das bevorteilt den ML, für den täglichen Strassenverkehr ist er tauglicher, ziviler und er bewegt sich auch leichtfüssiger. Für das endgültige Limousinenfeeling fehlt ihm lediglich ein etwas besseres Gefühl zur Fahrbahn, das ist allerdings kaum möglich, da zwischen Fahrer und Fahrbahn ein Luftpolster ist, welches alles wegschluckt. Und das ist wiederum super für all jene, welche sich nicht darum kümmern, was gerade unter den Rädern vor sich geht und so komfortabel wie möglich von A nach B kommen möchten. Als Kirsche oben drauf bietet der ML die theoretische Möglichkeit, auch mal über einen Acker abzukürzen, insofern da keine Kühe mit Trekkern ihre ersten Fahrstunden absolvieren.

Btw; der Übersetzer ist wie so oft nicht korrekt, ein SUV ist noch lange kein richtiger Geländewagen.

Man kann es drehen und wenden wie mal will...
 


 
Das beweist, Online-Übersetzer haben keinen Plan von Autos. Oder aber, ich bin hier einfach rückständig und ein Geländewagen und ein SUV ist dasselbe. Mmmm... Nein! Für mich noch lange nicht.
 
Kaufen?
Ich? Nein? Ich bin noch nicht soweit für ein SUV und wenn der Zeitpunkt dafür mal eintreffen sollte, dann sind SUV's entweder verboten oder unsere Berge sind flächendeckend asphaltiert. Dazu kommt, dass sich MB diese Kreuzung zwischen E und G-Klasse auch fürstlich bezahlen lässt, das kann man nicht abstreiten. Vergleicht man aber eine identisch bepreiste E-Klasse mit dem ML kriegt man doch das eine oder andere Plus fürs Geld. Gerade hinten; eine Menge(!) Platz und einen luftigen Innenraum. Man kriegt locker mal einen kleinen Kühlschrank hinten rein und Amokshoppen bei Ikea wird mit dem ML zum wohnraummordenden Hobby. Langstreckentauglich ist der ML uneingeschränkt, auch wegen des 93 Litern fassenden Treibstofftanks. Und dann ist da noch die dezente Geländetauglichkeit, auch wenn diese nicht mit dem Schlag eines Range Rovers vergleichbar ist. Nicht dass man sie brauchen würde, aber manchmal ist es auch einfach gut zu wissen, dass man kann, wenn man denn möchte.
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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