Die Faszination der Maschine - 2. Teil



Die Energie
Der Mensch fühlt sich von Energie angezogen. Er sucht das Licht, die Wärme und lässt sich manchmal überwältigen von der Natur, welche unerschöpfliche Energiereserven zu haben scheint. Wir wandern zu Vulkanen, zu Geysiren und lassen uns gerne mal von den Wellen der Brandung unter blubberndem Gelächter an den Strand spülen. Wir haben uns immer ums Feuer herum versammelt und als makabere Eigenheit dieses Verhaltens scharen sich immer dort viele Leute, wo irgendwas abfackelt; Autos, Häuser, Trafostationen. Und nicht vergessen; Kamera draufhalten.

Wumm!
 
Auch Maschinen an der Belastbarkeitsgrenze haben eine beklemmende Faszination, das Überschreiten jener Grenze lässt zumindest mich eine Augenbraue hochziehen;
 
Ups!


Die Kontrolle (und deren Illusion)
Wir lieben es, wenn die Maschine das tut, was wir von ihr wollen. Wirklich? Anderer Meinung? Wieso werden Leute so emotional, wenn die Technik mal nicht das tut was sie soll? Ich weiss Leute, die würden in einen spontanen Blutrausch kommen, wenn aus der Kaffeemaschine plötzlich nur noch mit Honig gesüsster Grüntee raussabbert. Wenn der Drucker im Büro anstelle der bunten Powerpoint Präsentation nur noch jungfräulich weisses Papier ausspuckt, da zucken die Leute so richtig aus. Und Gott bewahre, dass der Rennwagen plötzlich nicht mehr auf allen Zylindern läuft, kurz bevor man das Ziel erreicht, da flog schon so manches Lenkrad in die Botanik, gefolgt von einem herzhaften Tritt in die Fahrertür. Grenzenloser Hass ist jeder Maschine gewiss, welche nicht das tut, wofür sie gebaut wurde.

Es kann aber auch passieren, dass die Maschine zum Selbstläufer wird. Sie macht irgendetwas völlig unvorhergesehenes und das lässt uns dadurch gerne mal so richtig panisch werden;

ab der 2.ten Minute wird's lustig!

Man stelle sich vor, man ist gemütlich auf der Autobahn unterwegs, im Becherhalter dümpelt irgendein lauwarmer Starbuckslatte, im Radio dudelt Coldplay und im ganzen Auto riecht es nach Vanille und Zimt, Puls ca. 60. Und plötzlich fängt der Diesel vorne drin an wegzurennen . Kein schöner Moment für den Fahrer, da fliegt der Puls auf ungesunde 180, wenn die Technik dermassen versagt. Und für solche Situationen hat der Mensch auch immer den Wortschatz aus der untersten Schublade parat, die Kinder sollten sich dann die Ohren zuhalten. Das tun wir übrigens generell gerne, auch ich, fluchen im Auto befreit.

Zwischen Mensch und Maschine ist aber immer noch der Mensch das schwächste und anfälligste Teil für Fehler. Der Satzteil "wegen überhöhter Geschwindigkeit" ist ein treuer Begleiter, wenn es darum geht, Autounfälle zu begründen. Selten liest man, dass Auto hat selbstständig zwei Gänge runtergeschaltet und ist unter Volllast in die Kurve reingeschossen. Weil; es reizt halt einfach, die Grenze der Maschine auszuloten, schauen was geht, mal kucken wie's läuft. Daran kann man katastrophal scheitern, meistens dann, wenn die Grenzen der Physik überschritten werden. Somit ist die Kontrolle über die eine oder andere Maschine eine Illusion, vielmehr gilt es wohl, die Kontrolle über sich selbst zu haben. Dann klappt's auch mit der Maschine. Und von mir aus auch mit der Nachbarin.

Die Emotionen
Gänsehaut, Freude, aber auch Ärger und Wut, all das kann ein Konstrukt aus totem Metall, Glas und Kunststoff auslösen. Aber wie kommt es, dass manche zu einem Auto eine grössere emotionale Bindung entwickeln, als zu ihren Mitmenschen? Dass sie ihre Maschine beschützen, indem sie sie in die heimische Garage stellen und sie hegen und pflegen? Und wehe, es wagt jemand Kritik an dem heiligen Zylindergral, dann heisst es für den Kritiker Deckung suchen, bevor Gollum spuckend und sabbernd seinen Schatz verteidigt.

Aber man kann es irgendwie nachvollziehen, man ist ja auch zumindest für einen Moment sehr böse mit dem sonst so süssen Hund, welcher ein Paar wunderschöne Guccitreter zuerst gefressen und dann wieder über die weissen Pumasneakers gekotzt hat. Da wird man auch gerne mal emotional. Bevor man dann treublickenden Kotzdackel doch wieder mit einem Leckerli füttert, und das ist abgesehen von der geltenden Hundepädagogik gut so.

Maschinen können tatsächlich Gefühle wecken, gute wie schlechte. So paradox es klingt, aber der Mensch scheint in der Lage zu sein, einem Konstrukt aus toter Materie Leben einzuhauchen, ihm Kosenamen zu geben und sich dem Gedanken hinzugeben, die Maschine habe so etwas wie eine Seele. Dafür spielen unendlich viele Faktoren eine Rolle, sei dies z.B. die Ästhetik, die Macken, der Klang oder eben einfach nur das verschmitzte Grinsen welches das Gefühl der Beschleunigung auslöst. Dieses Verhalten mag für manchen gegen die Natur sein, aber was spricht gegen ein gesundes Mass an Emotionen einer Maschine gegenüber? Ich finde da keinen Grund, möchte aber den Begriff "gesund" betonen. Wer wegen einem Parkschaden einen Weinkrampf kriegt, übertreibt's vermutlich ein wenig mit der Liebe...

Die Macht
Grosse Maschinen suggestiveren auch grosse Macht. Kann man leider fast jeden Tag im Strassenverkehr beobachten. Ich würde nicht soweit gehen, um das zu verallgemeinern, aber es ist manchmal schon auffällig, wie sich der Wert des Wortes Sicherheitsabstand proportional zur Motorleistung reduziert. Gleichzeitig scheint sich auch das Rechtsempfinden in Relation zu der Motorleistung zu verhalten. Auf der Strasse gilt das Recht des Stärkeren, ein Spruch an dem leider viel Wahres dran ist (mehr Power, mehr Recht, so funktionieren auch Diktaturen). Davon zehrt auch ein ganzer Industriezweig, jener der es uns im Rahmen der Strassenverkehrsgesetze (und auch ausserhalb dessen) erlaubt, das Instrument der Macht zu individualiseren und ggf. auch in dessen Leistungsabgabe zu steigern. Die Auswüchse dessen sorgen dann auch ab und an mehr für die Belustigung als für den vielfach erwarteten Respekt.

Yup, knew that was coming...


Wie man sieht, solch ein Machtkampf kann auch mal böse in die kurze Hose gehen, ist man denn der Maschine nicht Herr. Hier blieb's dann zum Glück auch bei gebrochenem Plastik und mindestens einem ramponierten Ego.

Wie gesagt, grosse Maschinen scheinen mächtig zu sein. Im alltäglichen Strassenverkehr gilt allerdings nur eine Macht, diejenige der geltenden Bussenkataloge und deren verheerende Wirkung auf den Geldbeutel, und die kann mächtig weh tun. Wer das ultimative Machtspiel zwischen Mensch und Maschine sucht, sollte sich mal an einen Trackday anmelden. DAS ist der grösste Spass, den man ohne Scheidungspapiere haben kann.

Die Verantwortung
Aus großer Macht folgt große Verantwortung - sagte schon Spidermans Opa, oder war's der Onkel? Abgesehen von der Fiktivität des Zitatgebers ist da eine unbestrittene Wahrheit dahinter. Wer die Fernbedienung in der Hand hat, ist schuld wenn RTL2 läuft. Wer staubsaugt, sollte sich von der Katze fernhalten. Und wer den Panzer steuert, sollte dabei keine SMS schreiben, das resultiert oft in ca. sechzig Tonnen Papierkrieg mit der Versicherung. Mit grossen und mächtigen Maschinen kann man so richtig grosse und mächtige Scheisse bauen. Leider vergisst man dass oft... 

Der Reiz
Unabhängig vom Hunger nach Macht reizt die grosse Maschine, staunend steht der Mensch davor und malt sich in der Fantasie aus, wie es wohl wäre, diese Maschine mit einer Hand zu lenken, zu kontrollieren. Der/die Pilot/in/en eines A380 steuert den Vogel nicht aus einem Machtgedanken heraus, er würde sich auch wohl kaum auf ein Rennen mit einer Boeing 787-800 einlassen. Hier ist es nicht der Wettkampf, der reizt, dafür sitzt hinter ihm zu viel Verantwortung und lässt sich von der Bordunterhaltung berieseln. Und auch wenn ein A380 vermutlich technisch in der Lage wäre, einen Looping zu drehen, wird das wohl kaum ein Pilot mit vollbesetzter Maschine versuchen. Das hoffe ich persönlich ganz fest, ich mag einfach keinen Kaffee, der vom Anschnallzeichen runtertropft und ich mag auch nicht mein Bordmenü vom Fenster runterkratzen müssen. Danke dafür, liebe Linienpiloten.

Das Verständnis?
"Ich verstehe nicht, was man an Autos so toll findet." So ähnlich ertönte es letztens in meinem Umfeld, begleitet von einem dermassen energischen Kopfschütteln, dass ich den Urheber dieses Zitats schon mit einer Halskrause im Krankenhausbett sah.

Ich denke, jeder, der eine Maschine in seiner privaten Schatzkammer (vielfach auch als Garage bezeichnet) hortet, kennt diese Form der Ablehnung. Ob das eine Modelleisenbahn, eine Drehbank, eine Customharley, ein Helikopter oder einfach nur ein Motor ist, oft kriegt man dafür nur ein fast schon mitleidiges oder ein abschätziges "Aha.." oder ein "Aja?" als Rückmeldung für seine Leidenschaft. Für Manchen grenzt sowas schon als Majestätsbeleidigung.

Wozu braucht man das?

Man kann sich aber damit abfinden, schliesslich hat auch nicht jeder Verständnis für eine Streichholzschachtelsammlung, Glasschmuck oder zig Paar Schuhe. Schlicht, weil man dessen Faszination nicht versteht.

Aber immerhin, solche Leidenschaften taugen immer als Einstieg in den gesellschaftlich so akzeptierten Smalltalk, bevorzugt am Bistrotisch mit einem Glas viel zu sauren Weisswein in der einen und irgendeinem fettigen Fingerfood in der anderen Hand. Und das wiederum ist extrem praktisch. Ist man dem Lobgesang des Gegenübers über dessen Faszination müde, haut man den Wein oder das Knabberzeug unter einem Sturz weg und verzieht sich wieder in Richtung Buffet, noch bevor man versucht, die einseitig herrschende Euphorie mit gespielter Höflichkeit zu umrahmen. Das Schlimmste, man muss noch Autofahren, hat schon zwei Gläser Chateau Migraine auf Ex getrunken und der bierbäuchige Mittefünfziger labert einem seit einer Viertelstunde das Ohr ab, über sein mittelmotorisiertes Zahnarztfrauenauto, welches er an einem Trackday so richtig fliegen liess. Man möchte dann nur noch sinnlos saufen und dem Elend ein Ende bereiten. Und nicht, dass ich mit meinem Gelaber über Autos nicht auch schon Leute in den Alkohol getrieben hätte...

Aber, man kann sich auch mal auf so ein Gespräch einlassen und sich gleichzeitig lustig saufen, sofern man nicht mehr fahren muss. Gibt wirklich schlimmeres. Und man muss seinem gegenüber dabei nicht seine eigene Faszination für was auch immer um die Ohren klatschen, bis Blut aus den selbigen rausläuft. Im schlimmsten Fall kann man immer noch über das Wetter herziehen, das kann sich auch nicht wehren.  

Fazit
Autos sind nüchtern betrachtet "nur" Maschinen. Nicht wie Kaffeemaschinen oder Geschirrspüler. Die machen nämlich keinen Spass. Sie machen einem höchstens sauer, wenn sie keinen Kaffee mehr ausspucken oder die Gläser zu wenig glänzen, um den Nachbarn zu beeindrucken. Aber, Autos können und dürfen Spass machen, auch wenn das nicht jeder so sehen mag. Das hängt von vielen Faktoren ab, so mancher hat beim Spassfaktor die Leistung zuoberst auf seiner Spassliste, der andere setzt auf Optik, wiederum andere auf Understatement.

Ein Auto kann auch mit wenig Leistung Spass machen. Ein 200PS starker Diesel macht mir selber definitiv weniger Spass als ein alter Mini mit 70PS und offenen Vergasern. Ein voll ausgestatteter AMG muss auch nicht zwangsläufig mehr Spass machen als eine Hossfly, abgesehen dass er sicher praktischer ist, wenn es darum geht, mit der Familie ins Grüne zu fahren.

Ich mag die Maschine, in vielfacher Form. Sie kann mir das alltägliche Leben erleichtern oder überhaupt ermöglichen oder sie kann mich auch ein Stückweit glücklich machen. Antidepressiva mit Rädern nannte letztens ein Liebhaber seinen Sechszylinder und ich kann das absolut nachvollziehen. Der eine setzt sich Abends auf sein Motorrad und reisst lächelnd ein paar Kilometer über Wiesen und Täler runter, der andere verzieht sich in den Keller und schaltet den Strom auf der Märklin ein. Gemeinsam haben sie (wir) alle etwas, sie sind fasziniert von der Maschine, egal ob gross oder klein. Und sie sind glücklich damit. Das scheint mir als Grund gut genug, um von der Maschine immer wieder aufs Neue fasziniert und ihr gegenüber auch mal emotional zu sein. Drecksschneeschleuder verdammte, fahr zur Hölle!

Die Faszination der Maschine - 1. Teil

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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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