Volkswagen Polo 1.0 Trendline

Vorwort
Das Leben ist manchmal etwas ungerecht. In der Schlange drängelt einer vor, du bist der eine Million und erste Kunde bei MacDonalds und beim Bingo schreit immer derselbe unsympathische Vollkoffer eine Zahl vor dir "Bingo!". Man kann einfach nicht immer gewinnen, dafür wurden zur Leidensminderung der Zweitplatzierten auch die Trostpreise erfunden, Silberpokale, ein Gratisgetränk inkl. Wurst oder einen Gutschein für einen Fahrradcheck, obwohl man eigentlich kein Fahrrad hat. Damit, hier kommt ein Trostpreis von einem eigentlich guten Auto.


Was denn?
Ein VW Polo 1.0 Trendline (Trend zur Langsamkeit?) mit drei Zylindern und 60 komatösen Zwergponys unter der Haube. 95Nm Drehmoment, damit kann man nicht mal eine Radschraube festziehen. 






Laufleistung
21'500km.


Wie weit?
ca. 130km.


Handbuch gelesen?
Zeitverschwendung, die Bude ist minimalstausgestattet.


Erster Eindruck
"Volkswagen Polo RED" steht auf der Schlüsselfahne, mir schwant Übles. Auf dem Parkplatz bestätigt sich dann auch mein Verdacht, das Auto ist im Gegensatz zu so manch anderem unauffällig lackierten Mietwagen knallrot lackiert. Durch meinen Kopf schwingt ein omnipräsentes Werbejingle aus dem Vorabendprogramm;"maybe it's Maybelline!". Abgesehen davon aber ein stinknormaler Polo mit Plastikradkappen und einem Paar topmoderner Scheibenwischer.
 

Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP und vermutlich noch eine durch Boreout arg gebeutelte Traktionskontrolle.


Innenraum
Plastic fantastic in ca. 3 verschiedenen Grautönen, mechanische Lüftungsregler und als Luxusschmankerl vier elektrisch betriebene Fenster. Der Kofferraum schluckt ebenfalls ein paar Kisten Bier und die Wochenendeinkäufe, Gepäck für die grosse Urlaubsreise passt aber nur rein, wenn man die Sitze umnietet. Wobei ich jetzt nicht unbedingt mit diesem Auto, möglichst noch vollgepackt über den San Bernardino knattern möchte...


Willkommen in Plastikhausen.

Schluckt fast alles.

das ist keine Mordstür, aber eine Tür.

Die ersten Kilometer
Nach dem ersten Schlüsseldreh kommt das mir bereits vertraute Dreizylinderknattern aus dem Motorraum. Vom Clio und auch aus dem aktuellen Focus weiss ich, dass dies nicht unbedingt etwas schlechtes heissen muss, die Motoren jener Hersteller machen Spass durch Drehfreude und beim Focus durch das schier unglaubliche Drehmoment. Tja, der Polo mit dem kleinen Sauger spielt da nicht in derselben Liga, abgesehen vom schnatternden Motorengeräusch hat die Maschine leider nichts gemein mit den agilen Mitbewerbern. Obwohl der Polo nur etwas knapp über eine Tonne wiegt, haben die 60PS sichtlich Mühe mit der Fuhre, schon die Auffahrt auf die Autobahn grenzt an mittelalterliche Foltermethoden, für mich wie auch für das Triebwerk. Das wird eine lange Fahrt...


Nach 10 Kilometern
Das wird nicht besser. 60PS und 95 Nm sind für meinen Gusto einfach zu wenig und wenn ich meinen Rasenmäher mit italienischem Salatdressing betanke, zieht er gefühlt doppelt so gut. Aber abgesehen davon macht der Polo erstmal einen soliden und ziemlich komfortablen Eindruck.


Multimediaplunder
Wir haben ein Radio mit CD und vier Lautsprechern, für Staumeldungen reicht's, aber von einem Mobiltelefon will das Radio nichts wissen und tut mein Handy als Teufelszeug ab.


Die Fahrt
Bei vielen Autos ist der Weg das Ziel, aber hier war entsprechend dem recht schlichten Charakter des Polos das Ziel das Ziel. In so manchen Fahrzeugen mag man gerne mal eine längere Strecke in Kauf nehmen und ist abgesehen vom Zeitverlust nicht mal so wahnsinnig sauer über einen Stau. Hier war ich aber wirklich froh um jeden Kilometer, den ich dem Ziel meiner Reise näher kam und nicht auch noch im Stau stehen musste. Die verhaltene Leistungsabgabe des spürbar gequälten Motörchens gepaart mit dem ellenlang übersetzten Fünfganggetriebe hat mir tatsächlich ein wenig die Laune verhagelt, gerade bei dieser Maschine wäre ein etwas kürzer abgestuftes 6-Gang Getriebe die wohl sinnvollere Variante. Kaum ging's etwas bergauf, wanderten die Nadeln des Drehzahlmessers und des Tachos gen unten und auch mein schwerer werdender rechter Fuss änderte an diesem Umstand so wenig wie Aspirin an einer Nierenkolik. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich in einem Auto das letzte mal einen Gang runterschalten musste, nur damit ich die 120km/h Autobahngeschwindigkeit an einer kleinen Steigung halten konnte. Und nicht, dass nur ich mich darüber genervt hatte, auch diejenigen, welche sich hinter mir eine etwas flottere Gangart auf der Überholspur gewünscht hatten, wurden vom Beschleunigungspotential des kleinen Motors bitterst enttäuscht. So eierte ich etwas unfreiwillig auf der Überholspur herum, mogelte mich an LKW's vorbei und ging den Leuten hinter mir gehörig auf den Sack, trotz durchgelatschtem Gaspedal. Macht dann auch irgendwann Sinn, Überholvorgänge mit frühzeitigem Schwung zu planen. Also, wenn der erste LKW am Horizont auftaucht, gleichmal einen Termin ins Handy reinnageln.


Immerhin, Lenkung, Schaltung und Fahrwerk sind hier allesamt butterweich, der Polo fährt sich für einen Kompakten sehr komfortabel und wenn man nicht gerade einen Zug erwischen sollte und etwas spät dran ist, dann kann man den Weg auch recht entspannt unter die Räder packen. Aufregend im positiven Sinne ist der Polo aber wirklich nicht, da ist ein gebratenes Stück Tofu an einer abgeschreckten Wasserreduktion aufregender.

Damit war der Kessel für mich dann auch geflickt, das emotionalste an dem 1.0er war die knallrote Lackierung, die auch einer Clownsnase gut stehen würde. Oder den Lippen einer Strassenarbeiterin am Hafen. Der Rest des Autos kann einem dafür fast schon leid tun, der Motor muss unnötig gequält werden, damit man wenigstens einigermassen am Verkehr teilnehmen kann, ohne auf dem Pannenstreifen fahren zu müssen. Wo bei anderen Autos eine solch verhaltene Leistungsabgabe ins Notprogramm führt und damit fast als Panne gilt, ist beim Dreizylinder Sauger des Polo die Welt noch in Ordnung. Jedenfalls solange man nicht die manuelle Klimaanlage zuschaltet, die kostet dann nochmal ein paar wertvolle Pferdestärken.
  
Ich würde die Motivation zu dieser minimal dimensionierten Motorisierung noch verstehen, wenn sie denn einher gehen würde mit einem kleinen Verbrauch. Und höchstwahrscheinlich liegt's auch an meinen unverschämten Ansprüchen an ein zügiges Vorankommen, aber schlussendlich standen gemäss der Bordintelligenz acht Liter Durchschnittsverbrauch auf dem Wecker. Inakzeptabel für jeden Kunden, welcher sich so etwas im Glauben an die Werksangabe von 4.8L/100km in die Garage stellt. Und auch wenn mir persönlich der Verbrauch eines Autos in der Regel am Allerwertesten vorbeigeht, aber hier empfinde ich dies als richtig übel, nix rennen und dann noch saufen wie ein Grosser?? 

Normalerweise nehme ich VW als Hersteller wahr, dessen Motto zu sein scheint: "Bloss nix falsch machen!". Und damit fahren sie in der Regel recht gut, kaum ein VW leistet sich grobe Verfehlungen oder Skandale. Aber dieses Triebwerk ist meiner Meinung ein Griff ins Klo, schade um den eigentlich sonst recht angenehm zu fahrenden Polo. Aber vielleicht bin ich einfach nur ein schlechter Verlierer, ich mag einfach keine Trostpreise, second place is the 1st Loser.  

Fazit
Der Polo an sich ist definitiv kein schlechtes Auto, er ist robust, für seine Klasse gut verarbeitet und auf der Aufpreisliste findet sich sicherlich auch noch das eine oder andere Gadget, welches das Autofahrerleben etwas erheitert. Der Dreizylindersauger mit seinen 60PS wäre aber vermutlich in einer mittelgrossen Waschmaschine besser aufgehoben.


Kaufen?
Den Polo an sich kann man glaub ich kaufen, das Auto ist als Gesamtpaket dank solider Grossserientechnik voll und ganz ok, VW macht hier grundsätzlich nichts falsch und schubst hier gemessen am Preis ein einwandfreies Auto vom Band. Die Motorenpalette ist ebenfalls umfangreich und wer nicht unbedingt den minimalsten Antrieb wählt, kann mit dem Polo uU auch mal Spass haben. 


Nachtrag
Ich wurde gerade drauf hingewiesen, dass hier womöglich noch der 1.2er mit 108Nm verbaut sein sollte, ich habe mich also womöglich in den technischen Daten getäuscht. Das macht das Ganze aber leider nicht besser, man kann immer noch keine Radschrauben damit festziehen und alleine der Gedanke, dass diesem Gefährt nochmal 13Nm abgehen sollten, lässt mich mitleidig erschaudern. 

Ich geh dem Mysterium nach den ominösen 13Nm aber nochmals nach. Im Zweifelsfall kann man den 1.0er mit einem mittelklassigen Akkuschrauber koppeln, damit hat man die 13Nm sicher mit an Bord und kann sich gleich im Prius-Forum anmelden.
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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