FIAT Punto 1.9 JTD Sport

Vorwort
Auf mich haben kompakte Italiener einen gewissen Reiz. Sie sind oft etwas verrückt, überdreht und vielfach angenehm traditionell. Wenn man genau hinschaut oder auch hinhört, findet man oft Anleihen an die glorreichen Ahnen, Lancia, Ferrari, Fiat, Alfa Romeo; bei all diesen Herstellern findet man heute noch dezente Hinweise auf die Vergangenheit im Motorsport, ohne dass gleich die grosse Retrokeule geschwungen wird. Daraus entsteht auch das häufig gesprochene Vorurteil, Italiener sind meist in der Werkstatt anzutreffen und rosten schon im Prospekt. Muss nicht sein...


Was denn?
Ein 2009er Fiat Punto 1.9 JTD Spocht, mit 131PS und 280Nm.






Laufleistung
103'000km.

Wie weit?
Über die Zeiten hinweg ca. 500km


Handbuch gelesen?
Ne.


Erster Eindruck
Oh, ein flotter Fiat in schickem Weiss und gefälliger Form. Als ich das Auto das erste mal gefahren bin, dachte ich, da steckt ein zwangsbeatmeter Benziner drin. Pustekuchen, der Punto läuft mit LKW-Treibstoff. Das hat dann meine Freude etwas gedämpft, Diesel und Spocht, das ist wie ein Brauereipferd in Turnschuhen. Aber das Design gefällt, auch für heutige Ansprüche scheint der Punto fast schon zeitlos gezeichnet. Abgesehen von der etwas glubschig hereinblickenden Front.

Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP, gut ausgelastete Traktionskontrolle

Innenraum
Für einen Italiener ist der Innenraum des Puntos eher schlicht geraten. Man sieht schon, dass das Konzept ein paar Jahre auf dem Buckel hat, aber das tut der Funktionalität keinen Abbruch. Etwas plastiklastig ist das alles natürlich, bedingt durch die in der Klasse üblichen Materialien, aber trotzdem fernab von einem Tupperware-Abend mit Silvio Berlusconi. Die Sitze sind erste Sahne, bieten richtig viel Seitenhalt und würden auch gut in so manchen anderen Sportler passen. Wer sich einen wasserlöslichen Stift ins Handschuhfach packt, kann auf den Sitzen auch mal ne Runde Tic Tac Toe spielen. Für Bud Spencer-Ausmasse sind die Stühle dann aber doch ne Nummer zu schmal.





Die ersten Kilometer
Nach dem Schlüsseldreh ein wenig Enttäuschung, hier wird noch so richtig hart genagelt, das klingt eher nach einem Iveco TurboDaily oder einem Ducato. Auch die Anfahrschwäche ist etwas gewöhnungsbedürftig, das können moderne Triebwerke besser.


Nach 10 Kilometern
Was der Schiffsdiesel wiederum besser kann als die modernere Konkurrenz ist drehen, untenrum geht nicht viel, aber nach dem Einsatz des Laders scheint die Maschine Blut geleckt zu haben und giert nach dem Begrenzer. Das könnte tatsächlich Spass machen, wenn da nicht die vorderen Reifen gerade in den ersten drei Gängen so herzerweichend jammern würden.


Multimediaplunder
Radio, CD, etwas blechern klingende Lautsprecherbestückung. Bunga Bunga sollte man wohl besser im Maserati feiern.


Die Fahrt(en)
Reifen! Hier macht der Punto dem 147er GTA alle Ehre und Konkurrenz, der drehmomentstarke Diesel überfällt die Grenzen der Physik regelrecht mit Pauken und Trompeten und nur die Traktionskontrolle verhindert (einigermassen), dass man sich plötzlich Gedanken über einen Mengenrabatt beim Reifenhändler machen sollte. Der Punto scharrt und kratzt am Asphalt wie der Stubentiger im Katzenklo. Allerdings wird dies nicht untermalt von einem wohlklingenden Sechszylinder, sondern von besagter Dieselnagelei, bääääh. Das trübt zumindest für mich den Spass und vermasselt auch den Reiz, das Auto sportlich zu fahren komplett. Eine kurze Bergpassage bestätigt dann auch ein wenig meinen Eindruck, das Drehmoment des Diesels auf der Vorderachse ist einfach nix aus scharfen Kehren raus, schon gar nicht bei nasser Strasse. Und die turbotypische Verzögerung beim Leistungseinsatz macht eine feine Dosierung mit dem Gaspedal zur Frustaktion. Man kann zwar unter Teillast ohne durchdrehende Räder aus der Kurve raus, aber das Wissen, dass unter dem Fuss nochmal ein paar Zentimeter Luft sind, das zieht dann die Mundwinkel eher nach unten.


Aber irgendwann realisiere ich, wo eigentlich das Wesen des Puntos gründet. In Turin tickt man halt ein wenig anders;

Poke something!

Erster Gedanke, WTF? Zweiter Gedanke, ok, das hat was. Replay.

Man darf die italienische Autobaukunst nicht mit dem Rest in Vergleich stellen. Sie spinnen einfach ein wenig, die Stiefelbewohner. Sie mögen keine Konventionen, das ist hier auch klar zu spüren. Homogene Leistungsentfaltung ist etwas für jene, die keine penne all arabbiata mögen. Unauffällig sind andere schon genug, da macht man einfach nicht mit. Und Vernunft? Pah! Der Punto will gar kein Golf sein so wie manch andere. Auf Anfrage vom rechten Fuss hin beweist er zweifelsfrei, woher er kommt und das ist eigentlich gut so.  

Aber man müsste ja nicht immer das Beschleunigungspedal in den Teppich packen...

Lassen wir das sportliche mal weg und fahren den Punto "normal". Das geht wirklich ganz gut, die 6-Gang Schaltung geht präzise, die Lenkung ist unter normalen Umständen frei von Antriebseinflüssen und das Fahrwerk ist zwar straff, aber nicht beinhart. Auch die Übersicht ist akzeptabel, sogar ohne Parkdistanzradar schaffe ich es, den Punto rückwärts zu parkieren, ohne die Versicherung anrufen zu müssen. Auch von der Wendigkeit her ist der Punto zum Glück meilenweit vom 147er weg.

Auf Langstrecke wäre mir der schicke Italiener aber dann doch etwas zu nervig. Die Maschine zieht zwar auch im höchsten Gang dank den 280Nm noch amtlich nach vorne, aber bei konstanten Drehzahlen brummelt es schon ganz schön ordentlich in der Hütte, schade wurde das Entertainment nicht auf den lauten Diesel adaptiert. Ich würde mir hier wirklich den Benzinerturbo wünschen, das würde dann auch zu der eigentlich ansprechenden Optik passen. Aber so ist das wie ein schniekes italienisches Sportboot mit Schiffsdiesel im Heck. Ne. Geht leider nicht.

Trotz meinem Zwiespalt über das Triebwerk, man darf eines nicht vergessen;

Costruiamo macchine con passione!


Nein, der kleine Fiat ist kein Ferrari. Aber in Italien baut man auch die kleinen Autos noch mit Leidenschaft, wenn auch immer stärker gebremst durch Sparmassnahmen und dem Willen zur Konvention, zum Leidwesen der Fans. Man könnte fast meinen, dass die Konstrukteure manchmal fast schon heimlich versuchen, den Charme und das Charisma der alten Zeiten in die modernen Autos zu packen, vorbeigeschmuggelt an straffen Budgets und den Vorgaben der etablierten Konkurrenz. Das geht zwar auch mal schief, aber zeugt von Mut. Mut, den andere Autobauer längst nicht mehr haben oder noch schlimmer, sie lassen sich diesen Mut der alten Tage auch noch fürstlich bezahlen.

Fazit
Ja nun, alles in allem ist der Punto wirklich ein gutes Auto. Die Optik ist zeitlos, die Verarbeitung ok, nix klappert, das Fahrverhalten unproblematisch. Der Diesel ist laut und ungehobelt, die Leistungsentfaltung gleicht einer kleinen Ladung TNT. Und das macht ihn wiederum sympathisch. Der Punto ist nämlich ein kleiner Verrückter, ein verkappter Irrer, die bei diesem Fahrzeug unschuldige Lackierung in weiss unterstreicht das sogar noch.


Kaufen?
Der Punto ist mutig, das sollte man auch sein, wenn man sowas in die Garage stellen möchte. Über das lästige Heimweh nach der Werkstatt kann ich aber nicht viel gutes berichten, leider wäre auch bei diesem Exemplar ein Werkstattbesuch angestanden, ein relativ unübliches Mahlgeräusch aus dem Motorenraum schien mir nicht ganz original. Rost oder sonstige Verarbeitungsdefizite habe ich aber keine gefunden. Und da diese Autos gebraucht recht fair gehandelt werden, kann man sich hier für kleines Geld einen günstigen, gut ausgestatteten und schicken Italiener mit Charme und Charakter zutun, vorausgesetzt man kuckt sich den Punto von allen Seiten gut an und macht eine ausgiebige Probefahrt. Oder aber man bezahlt einen Aufpreis in der Grössenordnung eines fetten Italienurlaubes drauf, verzichtet auf Charme und Charakter und fährt dann den vermeintlichen Klassenprimus. Ich persönlich würde den Italienurlaub vorziehen, schon das Essen dort zeugt ebenfalls von unendlich viel mehr Leidenschaft, als es Currywurst und Pommes je haben werden, egal wieviel Chili man reinpackt und ob ne bunte Plastikgabel drinsteckt.


Ich habe fertig!

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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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