Volkswagen Golf IV R32

Vorwort
Der Mensch und vermutlich auch Enten neigen grundsätzlich zu Vorurteilen, vegetarisch ist bäh, in China essen sie Hunde, Charlie Sheen ist dauerbesoffen und Kim Jong Ils Friseur ist blind. Oder eben, Golfs sind langweilig, korrekt, meist grau und aus dem Tankstutzen riecht's nach LKW. Manchmal muss man aber seine Meinung revidieren... 

Was denn?
Ein Volkswagen Golf IV R32, 3.2Liter 24V VR6 Sauger mit manuellem 6-Gang Getriebe und 4Motion Allrad. 241PS und 320Nm bei 2800 U/min.





Laufleistung
Knapp über 100Tsd km.

Wie weit?
Ca. 100km über Land und Berg. Vor allem Berg.

Handbuch gelesen?
Nä, keine Lust.

Erster Eindruck
Ein 4er Golf, im Ansatz altbekannt aus dem täglichen Strassenbild. Schwarz aussen, schwarz innen, filigrane 18 Zöller und doppelflutige Auspuffanlage. In Summe so gar nicht golflike, aber immer noch dezent. Stimmige Optik!


 
 MotorRRRR...


Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS und ESP (komplett abschaltbar)

Innenraum
Im Innenraum findet sich alles was man braucht, logisch und übersichtlich angeordnete Schalter, gut ablesbare Armaturen und als Sahnestück belederte Sportsitze mit Löffelchencharakter. Hie und da etwas Alu und die für die damalige Zeit typische blau-rote Beleuchtung von Tacho und Radio.


 
 
 
Obwohl dieser Gefährte schon 12 Jahre und zwei Weltumrundungen hinter sich hat sieht alles noch tiptop aus, keine abgeplatzen Stellen, keine Risse im Leder, kein Geklapper oder Geknister. Spricht für eine schlichte, aber dennoch wertige Verarbeitung im Jahre 2002.

Die ersten Kilometer
Schlüssel drehen und gleich mal die Lauschlappen auf Empfang stellen. Von hinten verkündet der Sechszylinder ohne grosse Umschweife, hier hat der Frosch die Locken onduliert! Augenblicklich sehen meine Zähne die Sonne und geniessen so ein kostenloses Bleeching. Ich freu mich auf die nächsten 24 Stunden im schwarzen R32.

Nach 10 Kilometern
Wohoooo. Dieser Golf will so gar keiner jener biederen Gölfe sein, welche idR unauffällig ihren Dienst im Alltag verrichten. Dickes, griffiges Lenkrad und gute Rückmeldung von der Vorderachse, knochiges aber präzises und mit erfreulich kurzen Wegen zu schaltendes 6-Gang Getriebe. Toller Anzug in den unteren Drehzahlen. Geil, fühlt sich ziemlich agil an.  

Multimediaplunder
Irgendwo steckte ein Radio inkl. Kassettenspieler in der Mittelkonsole. So genau hab ich's aber nicht angeschaut bzw. angehört, hier macht das Triebwerk den schönsten Klang, jener wenn Geld in Brennräumen explodiert und dabei die Trommelfelle mit einem rollenden Staccato umschmeichelt. Radio? Braucht niemand. Kein Navi? Ist doch super, wenn man sich noch ein wenig verfährt.

Die Fahrt
Würde ich es nicht besser wissen, würde ich behaupten, ich sitze nicht in einem 4er Golf. Ich bin schon so einige gefahren und meine Meinung hat sich dadurch gefestigt; Diese Autos sind politisch korrekt, sparsam, leise, komfortabel gefedert und halten sich von jeglichen Skandalen fern. Der R32 ist da aber ganz anders als seine Konzernbrüder, sein Charakter entspricht eher denen, die sonntags erst um zwei aus dem Bett kriechen und sich erstmal am Sack kratzen. Er ist härter, lauter, dreckiger, er säuft. Der Wolf im schwarzen Schafspelz. Wo andere säuseln oder nageln, knurrt er unmissverständlich, ich bin anders und wem's nicht passt, kriegt auf's Maul. So ein kleiner Drecksack...

Die Maschine hängt saugertypisch giftig am Gas, jeder Gasstoss wird augenblicklich in Vortrieb umgesetzt. Und man kann den Sechszylinder so schaltfaul fahren wie es halt nur mit grossvolumigen Saugern geht, ich mag solche Leistungscharakteristiken. Den Berg hoch im 5.? Kein Problem, das macht tatsächlich noch mehr Spass, als ihn im 2. in die Nähe zum Begrenzer zu quälen, die Akustik ist einfach nur Bombe! Und so zwischen 2000 und 3500 U/min klingt der Motor einfach fantastisch. Beispiel gefällig?


Rrrrrrrrr! 
 
Auch wenn das Aussenthermometer nur frische 13°C anzeigt, das Seitenfenster bleibt erstmal unten, basta! So gesehen verleitet dieser Golf zu einer ziemlich ungesunden Lebensweise. Aber wer einer Mauer entlang das Pedal nach unten drückt und dem VR6 bei der Arbeit zuhört, denkt als letztes an eine erkältete Schulter und dass man die nächsten zwei Wochen nach Sportsalbe stinkt. Und wer sich dann doch mal eine kleine Erkältung holt, hat fast so etwas wie eine Win-Win Situation, schliesslich müsste man dann entweder zum Arzt oder zur Apotheke fahren. Inkl. Umweg durch einen Tunnel. Ein Teufelskreis...
 
Unanständig; lässt man den R ausrollen und tippt mal kurz aufs Gas, röchelt und rotzt der VR6 im Heckbereich dermassen lautstark, dass man ungewollt Krämpfe im Gesicht kriegt. Schöner Moment!
 
Die Leistungsentfaltung verläuft eher linear, allerdings mag die Maschine Drehzahlen jenseits von 5500 U/min nicht so gerne, da fällt die Leistungsabgabe spürbar nach unten. Jedoch, ich empfinde dies als nicht wirklich schlimm, in der nächsten Fahrstufe geht das Spiel von Vortrieb und der basslastigen Beschallung wieder von vorne los, das ist alleweil so unterhaltsam wie hohe Drehzahlen.
 
Kurven nimmt der 32er anfangs eher untersteuernd bis neutral, aber niemals zickig oder irgendwie problematisch. Das Fahrwerk in Zusammenspiel mit der responsiven Lenkung und der guten Traktion vermittelt viel Ruhe, keine überraschenden Lastwechsel, nachschaukeln oder plötzliche Rutschpartien, die Federung ist straff, aber dennoch nicht unkomfortabel. Hier zeigt sich die Verwandtschaft zu seinen hemdsärmeligen Konzernbrüdern, im positiven Sinne. Die Bremse lässt ebenfalls keinen Tadel zu, es braucht zwar etwas mehr Kraft, aber die Verzögerung ist für einen sportlich motorisierten Crossdresser im Schafskostüm absolut ausreichend und auch gut zu dosieren.
 
 Bremst gut, sieht schick aus.
 
Wo der Golf aber definitiv punkten kann, ist die Fahrdynamik auf losem oder rutschigem Untergrund. Ich selber bin ihn aufgrund des bald schon vier Monate dauernden Herbstes nicht auf Schnee gefahren, war aber dabei, als der Besitzer das schwarze Schaf im Rahmen eines Winterfahrtrainings artgerecht quer getrieben hat.
 

 
 
Der 4Motion Allrad ist im normalen Betrieb ein reiner Fronttriebler. Erst bei Traktionsverlust an der jeweiligen Achse fängt das System an, den Leistungseinsatz zu verteilen. Und das funktioniert überraschend gut. Der R32 hat sich an diesem Tag wacker geschlagen in einer Runde von permanent angetriebenen Allradlern und so manchen Bilderbuchdrift hingelegt. Und dies auch noch untermalt von seinem herrlichen Motorensound, gute Show, toller Soundtrack inklusive.


 
 Da gibt's was zu Grinsen!
 
Genau, hier ist Grinsen Programm. Dieser Golf ist die grosse Ausnahme in der Regel und für mich ist das der Golf! mit dem dicksten Ausrufezeichen. Ich hatte tatsächlich noch nie soviel Schmerzen in der Backe in einem Fahrzeug aus der VAG Flotte. Und auch wenn ich wegen ketzerischer Aussage das Alpenpanorama demnächst vom Scheiterhaufen aus betrachte, aber dieses Auto ist trotz der Leistungsdifferenz spasstechnisch auf einer Linie mit dem Shelby Mustang und dem 147er GTA. Er ist weniger beängstigend, nicht so verrückt, aber trotzdem rotzfrech und herrlich laut. Sehr schade, ist dieses Triebwerk dem Downsizing-Wahn zum Opfer gefallen und hatte nur noch eine letzte Zugabe im im 5er Golf. Danach kamen ausschliesslich aufgeladene Vierzylinder, welche zwar schneller, ökologischer, aber wohl eher zu der Frühstückerfraktion gehörten (reine Mutmassung aufgrund von nichtfundiertem Halbwissen). Btw; jenen R32 den ich hier fahren durfte ist in absolutem Serienzustand und von Liebhaberhand gepflegt.
 


Fazit
Tja, hätt ich den vor ein paar Jahren mal auf dem Radar gehabt, ich hätte wohl doch die eine oder andere schlaflose Nacht gehabt. Ich hätte zwar trotzdem den GTA gekauft, aber nicht ohne dem R32 einen verstohlen wehmütigen Blick zuzuwerfen. Der 32er ist die grosse Ausnahme in der Golfwelt. Er mag nicht der schnellste in seiner Klasse sein, aber er kann lustig, wütend, kindisch, provokativ oder einfach auch nur mal entspannt. Auf der Autobahn ist er angenehm leise und hat tatsächlich auch noch so etwas wie Restkomfort. Ein toller Allrounder für alle, welche sich abseits vom automobilen Alltag an einem sonnigen oder auch regnerischen Nachmittag auf eine Fahrt in die Berge machen und sich damit eine amtliche Dosis oktangeschwängerter Antidepressiva verpassen wollen. Klasse, so macht Golfen Bock.

Kaufen?
Ja!! Wer einen solchen Bomber in gepflegtem Zustand findet, sollte zuschlagen. Die Preise sind zwar fast so unverschämt wie die Werksbeschallung, aber genau das ist ein Garant dafür, dass man hier keine grossen Nachinvestitionen tätigen muss um damit Spass zu haben. Hier ist alles nötige an Bord, Xenon, Allrad, Klima, betörende Brülltüten am Heck, gute Sitze, aber auch eine durstige Maschine, hauptsächlich weil der Schweinehund unter dem Gaspedal so gross ist, dass er auch noch dem Ego von Justin Bieber auf den Kopf pinkeln könnte. Dafür kriegt man allerdings eine Menge Golf fürs Geld, inkl. schlechter Manieren und sich umdrehende Passanten innerorts. Risiken? Fragen Sie mal ihren Arzt oder Apotheker...
 
Share on Google Plus

Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

0 Kommentare :

Kommentar veröffentlichen

Kommentare und Kritik sind immer herzlich willkommen. Grundsätzlich wird jeder Kommentar veröffentlicht und ggf. spiele ich auch noch Senfautomat. Auf verletzten Markenstolz gehe ich aber idR nicht ein.
Nicht veröffentlicht wird all jenes Zeug, welches unsere geschätzten Rechtsverdreher so zum Leben benötigen. Dazu gehören Beleidigungen, Verleumdungen, Rufmord etc.

Vielgelesen

Blog-Archiv