Opel insignia Sports Tourer 2.0 CDTI

Vorwort
Eigentlich hatte ich mich schon auf einen Ford Focus mit dem flotten Dreizylinder gefreut, aber leider stellte sich bei mir nach 5min Menüwühlerei (heute mal auf spanisch) heraus, dass das Navi keine Karten vorzuweisen hatte. Der Vermieter hatte bei der Bereitstellung nicht bemerkt, dass die SD-Karte vom Navi gefehlt hat und der Focus damit denselben Orientierungssinn vorweisen konnte wie ich. Nämlich keinen. Also nochmal kurz zum Schalter, und dem freundlichen Herrn dort erklärt, dass ich gerne ein Auto mit funktionierendem Navi hätte. Der erste Griff in seine Schlüsselschublade brachte einen Golfschlüssel hervor (ochnö, schon wieder...), dieser wurde da aber gleich wieder zurückgeschmissen, mit den vehementen Worten; "Scheisse, der ist ja zugeparkt!". Dann fing er sichtlich genervt wieder damit an, in der Schublade zu wühlen. Ich befürchtete schon, dass ich gleich mit einem richtig hässlichen Auto für meine Unfähigkeit zur selbstständigen Wegfindung bestraft würde. Ein Juke? Ein VW up!? Ich hatte nochmal Glück.

Was denn?
Ein Opel Insignia Kombi mit 163PS Dieseltriebwerk, bis zu 380Nm (mit Overboost Funktion) und 6-Gang Automatik.





Laufleistung
12600km.

Wie weit?
ca. 140km, Autobahn, Stadt.

Handbuch gelesen?
Kurz reingeschaut, warum hab ich vergessen.

Erster Eindruck
Unauffälliger Kombi, markante Front, viel Chrom. Doch ja, gefällt mir, schicker Opel.

Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP, Totwinkel-Warner

Innenraum
Das moderne, schwungvolle Design setzt sich im Innenraum fort, kaum eine gerade Linie, das einzig gerade sind die Linien des Opel-Blitzes auf dem griffigen und dicken Lenkrad.  

 
Der eine oder andere Kontrast findet sich auf dem Armaturenbrett, die Bedienelemente werden meist sinnvoll durch verschiedene Materialien wie matte und glänzende Kunststoffe sowie chromverzierte Umrandungen klar voneinander getrennt. Was mir so nie aufgefallen ist, aber dies erleichtert die Bedienung aus dem Augenwinkel und reduziert so das Suchen von Knöpfen oder Schaltern. Da hat sich jemand etwas dabei gedacht und er/sie hatte wohl auch die Unfallstatistiken im Hinterkopf. Clever. Wenn sie jetzt noch etwas erfinden, was whattsappenden Leuten das Handy beim Autofahren aus der Hand schlägt und gleichzeitig über das Lenkrad kurz tasert, dann ist er Gedanke auch zu Ende gedacht. Dann sind die Leute hoffentlich wieder mehr mit dem Kopf auf der Strasse statt in den Airbags. 
 
Im Grossen und Ganzen ist der Innenraum aus meiner Sicht sehr gefällig und ansprechend gestaltet. Der Fahrzeugklasse entsprechend nicht mit Mückenleder oder tausend Jahre altem Schwemmholz, sondern mit diversen Kunststoffen, die sich aber wertig anfühlen. Die Sitze fand ich super, straff, mit für mich perfektem Seitenhalt und dank Stoffbezug auch nicht so rutschig wie so manche Kollegen mit synthetischen oder echten Kuhhäuten. Dazu liess sich der Fahrersitz in allen möglichen Parametern einstellen, Lordose und Höhe elektrisch, resultiert für mich in einer guten und angenehmen Sitzposition.
 
Zack, Futsch.
 
Leider nicht so schön, bei diesem Auto fand sich schon ein Defekt, wenn auch ein vernachlässigbar kleiner. Die Kopfstützenführungsstangenpolsterabdeckung (wie nennt sich das Teil eigentlich wirklich??) war nicht mehr an ihrem zugewiesenen Platz und hatte trotz meiner liebevollen Bemühungen auch keinen Bock, da wieder hinzugehen. Und zu meinem (überschaubaren) Leid findet sich auch hier eine Menge Kunststoff in Hochglanzoptik. Was haben die Hersteller zur Zeit nur mit diesen Klavierlackrotzmagneten? Das sieht wertig aus an einem 100'000 Euro teuren Meisterwerk der Instrumentenbaukunst aus Holz, Stahl, weissen und schwarzen Tasten. Aber nur da, da kommt nach der Benutzung idR auch ein schönes Tuch drüber. Im Auto bestenfalls ein alter Lappen oder besagter Rotzlumpen aus der Hosentasche. Wuärg.

Die ersten Kilometer
Ein wenig euphorisch war ich im ersten Moment ja schon. Schliesslich wurde ich zum ersten Mal kostenlos upgegradet, nur weil ein ca. 2x3cm grosses Speicherkärtchen im Focus gefehlt hat. Der Motorstart hat die Euphorie aber gleich etwas gedämpft, der GM-Diesel läuft rau und laut und vor allem kalt klingt der Turbo wie die erste Flötenstunde vom Junior, das kann die Konkurrenz heute deutlich besser. Abgesehen davon fühlt sich der Insignia aber wirklich gut an. Die Maschine ist elastisch, die Automatik schaltet flott und die Lenkung hat sogar sportliche Ambitionen. Achja, das Auto war ebenfalls komplett auf spanisch eingestellt, das entwickelt sich langsam zu einem Running-Gag. Immerhin liess sich das Auto innert zehn Sekunden komplett eindeutschen.

Nach 10 Kilometern
Ich liebe Nachtflüge und so gut das Licht (Xenon+Kurvenlicht) vor dem Auto auch war, innen röstete mir das viel zu helle Navidisplay fast die Pupillen weg. Obwohl dieses auf automatischen Tag/Nachtmodus eingestellt war verharrte es trotz der geltenden Finsternis im Tagmodus und erleuchtete so den Innenraum taghell. Glücklicherweise gibt das ganze System keine unlösbaren Rätsel auf und so war dann der 8Zöller in der Mittelkonsole schnell manuell auf eine Nachtfahrt getrimmt.

Multimediaplunder
Das grosse und hochauflösende Touchscreendisplay in der Mitte beherbergt die gesamte Unterhaltungs- und Navigationsarmada im Opel. Radio, CD, MP3, Bluetooth Audio, alles da was heute als State of the art gilt. Die Lautsprecherbestückung hat Wumms und klingt einigermassen ausgeglichen, vor allem auch bei eher geringerer Laustärke. Dazu ist das ganze System einfach zu bedienen und vor allem das Navi arbeitet ohne Verzögerungen. Feine Sache.

Das kommt mir reichlich spanisch vor.

Die Fahrt
Mit einem Wort; souverän. Das Auto fühlt sich als Ganzes und sehr solide an, die Lenkung ist überraschend direkt und hier entpuppt sich die Kombo drehmomentstarker Diesel und Automatik als perfekt. Kein hektisches und unnötiges hoch- und runterschalten oder Schaltruckeleien. Wenn's sein musste zog die Maschine gut durch und spontane Sprints werden ausreichend schnell erledigt. Nicht dass man mit dem Insignia jetzt am Wochenende auch mal die Viertelmeile runterballern kann, aber trotzdem, das Auto geht recht gut. Antriebseinflüsse auf die Lenkung gibt's trotz dem vielen Drehmoment erfreulicherweise keine.

Für mich ein ungewohnter weil neuer Anblick, das grosse Display anstelle eines analogen Tachos.

 Spocht!
 
On Tour

Hier liessen sich über die Lenkradtasten zwischen zwei Anzeigemodi umschalten, Sport (normaler Tacho) und Tour (digitale Geschwindigkeitsanzeige). Was ich bei Tour nicht rausgekriegt habe; Navigationsanweisungen oder gar die Kartendarstellung auf dem reichlich vorhandenen freien Platz unter der Geschwindigkeitsanzeige liessen sich nirgends aufrufen. Auch die Anzeige der vor Ort geltenden Grenze zwischen kostenloser und kostenpflichtiger Geschwindigkeit wäre nett gewesen, das ist bei anderen Herstellern ein nützliches Gimmick. Nichtsdestotrotz erfüllte das Display seine Primäraufgabe, es wies mich gut ablesbar darauf hin, wie schnell ich gerade durch die Landschaft pflüge. Ob ich dies zugunsten meiner Finanzen oder jener des ortsansässigen Trachtenvereins mache überliess der Opel aber mir.   

Auch sonst hielt sich der Insignia in allem angenehm zurück. Kein Start-Stop Kim-Jong-Un, kein Spurassistent und kein radargestützer Geschwindigkeitsregler meckerten über meinen Fahrstil. Lediglich die Aussenspiegel vermeldeten dezent via oranger Beleuchtung, dass da wohl gerade ein anderes Auto neben mir rumlungert. Zurückhaltung ist dann auch die Beschriftung jener Schublade, in die man den Insignia stecken kann. Das Fahrwerk erledigt seinen Job unaufdringlich, die Maschine ist vor allem bei Autobahngeschwindigkeiten dank tiefer Drehzahlen kaum zu hören und die 6-Gang Automatik sortiert die Gänge sinnvoll und unmerklich. Die Grösse und das Gewicht (ca. 1.7 Tonnen) machen sich nicht unangenehm bemerkbar, fast schon leichtfüssig und vor allem sehr zielsicher und spurtreu liess sich der grosse Opel auch durch enge Baustellen zirkeln.

Etwas ungünstig ist die Sicht nach hinten. Von aussen sieht die Heckscheibe zwar recht gross aus, aber im Innenspiegel wird die gefühlte Hälfte der Sicht durch die massive Heckklappe ziemlich eingeschränkt. Immerhin hatte dieses Modell eine Rückfahrkamera inkl. Linienführung, das ist zwar beim Parken hilfreich aber nützt bei Bewegung in Vorwärtsrichtung herzlich wenig. So muss man sich darauf verlassen, dass derjenige, der einem hinten reinsemmelt kurz vorher noch auf die Hupe raufhaut, damit man sich auf den Knall und den bevorstehenden Papierkram mit den Versicherern einstellen kann. Aber abgesehen von der nagenden Ungewissheit über das Geschehen hinter dem Auto ist der lange Opel ein entspannendes Auto, vorne kann man nämlich prima rausgucken und dank gutem Licht sieht man auch etwas.  

Alles in allem ist der in Rüsselsheim produzierte Insignia ein toller Reisebegleiter, mit dem ich wirklich gerne auch noch etwas weiter gefahren wäre und ich könnte mich abgesehen von dem rauen Diesel auch damit anfreunden, sowas im Alltag als Kilometerfresser vor die Tür zu stellen. Schade, stehen bei den Vermietern keine OPC's rum, aber soviel Glück hätte ich sowieso kein zweites Mal, als dass ich wegen einem fehlenden Plastikkärtchen kostenlos auf solch einen überraschend angenehmen Weggefährten umgeleitet werde. Opel, Schappo! 

Fazit
Alles in allem braucht sich der Insignia vor der versammelten Konkurrenz nicht verstecken, sogar das "Sports" in der Bezeichnung hat eine Daseinsberechtigung. Das Auto macht einen soliden Fahreindruck, keine fahrwerkstechnischen Zickereien, keine pampige und gefühlskalte Grosslimousinenlenkung, keine ach so innovative Bedienung und Schalterparade a là B2TF DeLorean. Alles ist so wie man es von einem guten Auto erwartet und an vielen Stellen (z.B. Bedienbarkeit) besser gelöst als bei anderen sogenannten Klassenprimussen. Klar, der rote Faden im schwungvollen Design ist nicht jedermanns Sache. Aber genau das ist so ein Punkt, der dem Kombi so etwas wie Charme verleiht, welcher den anderen Klassenkameraden fehlt. Innen wie aussen kann man durchaus den Blick etwas schweifen lassen und man findet so viele Details, welche bei anderen einfach im Ansatz mit dem breiten Lineal erschlagen wurden. Mir gefällt lediglich der raue Diesel nicht. Von der Leistungsentfaltung und dem Zusammenspiel mit der Automatik passt das sehr gut, aber die Laufkultur erinnert vor allem bei kalter Maschine manchmal an den Trekker von Rübenbauer Alois.

Kaufen?
Kommt drauf an, was sonst noch auf dem Zettel steht. Zweifelsfrei hat auch Opel den Weg zum Trend zu der üppigen Aufpreisliste gefunden und so lässt sich auch der Insignia so umfangreich individualisieren, dass jeder "sein" Auto findet, vorausgesetzt die Portokasse ist nicht nur mit Hosenknöpfen gefüllt. Man kriegt hier alles, was die anderen auch bieten, einfach anders verpackt. Besser oder schlechter als ...? Kann man so nicht sagen. Ist wie Cola oder Pepsi. iOS oder Android. Pommes oder Nudeln. Und somit Jacke wie Hose, genauso wie Image, alte Vorurteile und längst vergangene Altlasten à la rostende Vectra A. Davon ist der Insignia Lichtjahre entfernt.
 
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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