Volkswagen Scirocco II 1.6 GTI & 1.8 16V Scala


Vorwort
Das erste Auto ist für die meisten etwas Besonderes, vergleichbar mit dem ersten Fahrrad oder Moped. Man hat einen frischen Lappen, jede Menge Reisepläne, aber meist immer nur knapp Sprit im Tank und Ebbe im Geldbeutel. Zumindest war das bei mir so. Diese neue Freiheit, mit einem Dach über dem Kopf überall und zu jeder Zeit da hin zu fahren, wohin und mit wem man wollte, das war schon was. Ein grosser Schritt für mich, aber ein eher vernachlässigbar kleiner Schritt für die Menschheit. Ich wollte auch nicht gleich zum Mond, ich war schon froh, wenn ich mal ins Nachbarkaff fahren oder einfach nur Kippen holen konnte, ohne auf dem Weg vom Moped runtergeschneit zu werden.

Man möge bitte etwas nachsichtig sein, die Schlüssel dieser beiden Budgetsportler hängen schon seit einiger Zeit nicht mehr an meinem Schlüsselbund und Vieles liegt im Schleier des Vergessens. Dass vielleicht einer der beiden als Suppenkelle oder Toaster reinkarniert hat, ist relativ wahrscheinlich. Und die Fotos sind noch aus der Zeit, als sich nur Bill Gates eine Digitalkamera und das dazugehörige Haus für die Speicherkarte leisten konnte. Das hier sind Papierbilder, abgeschossen mit einer Low-Budget Spiegelreflex auf meinem Küchentisch.

Was denn?

Eigentlich waren es zwei VW Sciroccos der zweiten Generation, also jene, welche nicht schon im Prospekt das Rosten angefangen haben. Der erste war ein '81er 1.6er GTI mit 110PS in Jägergrün metallic, gepaart mit einem schokoladenbraunen Interieur und einem Einarmwischer. Da haben die 70er Jahre noch etwas in die 80er rübergesabbert. Beim zweiten musste es dann etwas mehr von allem sein, also eigentlich gar nicht mal so viel. So wurde der zweite Rocco ein '88er 1.8er 16V in der Scala Ausführung, soll heissen, diverse Anbauteile waren in Wagenfarbe lackiert, der Schlüssel hatte ein Lämpchen (Luxus!) drin und das Lenkrad war etwas griffiger, nicht ganz so LKW-mässig. Und die Maschine hatte "brutale" 129PS inkl. Katalysator. Für ein Auto mit weniger als einer Tonne Gewicht eine Menge.


Halali!!

Laufleistung
Der GTI ging mit 239'000km für'n Flaschbier vom Hof, der 16V hatte 210'000km und wurde gegen eine Einstiegsdroge eingetauscht.

Wie weit?
Der GTI musste meine jungen Fahrkünste ca. 40'000km ertragen, der 16V ca. 50'000km.

Handbuch gelesen?
Nein, da gab's nicht viel, was man nachlesen musste. Ein Bleistiftspitzer ist komplizierter.

Erster Eindruck
Es fährt. Alles andere war mir im ersten Augenblick egal. Selber schuld, beim 16V stellte sich später heraus, dass er mal einen Hecktreffer hatte und der rote Lack auf der Haube und Dach schon ziemlich abgeschossen war. Zumindest dort, wo er nicht nachlackiert wurde. Ich wurde also bereits bei meinem zweiten Autokauf über den Tisch gezogen, die dort entstandene Reibung habe ich im Kaufrausch vermutlich als angenehme Nestwärme empfunden. Abgesehen davon waren die Sciroccos eine willkommene Abwechslung zu den damals sonst so verbreiteten Gölfen und Kadetten, vor allem die sportliche optische Note beeindruckte mich. Irgendwann. Gezeichnet wurden die Sciroccos von Giugiaro, offensichtlich beim Abendbrot auf einer Serviette, inspiriert durch ein Stück Käse auf dem Tisch. Nicht die schlechteste Arbeit von dem Mann...

Zeigefinger (Assistenzssysteme)

Keine, kein ABS, kein ESP, nicht mal Servolenkungen.

Innenraum
Der war für heutige Verhältnisse relativ lustig. Abgesehen von der braunen Farbgebung im GTI (Sitze, Türverkleidungen, Armaturenbrett) war der Innenraum eher zweckmässig. Die grosse Ablage unter dem Radio vermisse ich heute noch, dort konnte man Unmengen an Kippenschachteln, CD's oder noch mehr Kippenschachteln reinlegen. Vier riesige Lüftungsschlitze, abgewinkelte Oberflächen, klassische Schieberegler und knackige Kippschalter. Die Sitze im 16V waren rot überzogen, irgendwann habe ich festgestellt, dass man vor dem Verkauf einfach einen originalen Sitzbezug über die völlig versifften Sitze gestriegelt hat. Trotzdem, die sahen gut aus und waren durchaus sportlich konturiert. Alle Schalter und Regler waren noch so richtig mechanisch und verlangten nach Kraft oder noch besser, nach einem Hammer. Nicht wie heute, wo es schon ausreicht, einmal in Richtung Mittelkonsole zu husten um die Klimaregelung komplett aus dem Konzept zu bringen und gleichzeitig zwölf neue Radiosender abzuspeichern.

Die ersten Kilometer
Die fanden im 1.6er GTI statt. Und ich war da noch völlig anspruchslos. Der Drehzahlmesser hing immer irgendwo bei 4000 Umdrehungen rum, egal ob der Motor an oder aus war. Die Maschine war extrem brummig und war nicht unbedingt eine Ausgeburt an Laufruhe. Es hätte sich wohl gleich angefühlt, wenn zwei 50kg schwere Karnickel auf der Haube um ihr Leben gerammelt hätten. Trrrrrrrr! Und das ganze Armaturenbrett hat bei bestimmten Drehzahlen so extrem geflattert, dass zeitweise der Eindruck von Bewegungsunschärfe entstand. Das nachgerüstete Radio konnte schon etwas mit CD's anfangen und somit war ich überglücklich mit dem grünen Rocco, meine Musik in meinem Auto, was wollte ich mehr? 

Nach 10 Kilometern
Immer noch alles erste Sahne. Das beste Auto der Welt!!



Multimediaplunder
Damals ging nix ohne dickes NachrüstHiFi. Das Originalradio flog als allererstes raus und wurde durch irgendein Pioneer CD-Radio ersetzt. Die Heckablage und die Türen wurden mit zahlreichen Lautsprechern zugeballert, etwas anderes war damals keine Option. Die Kofferraumheizung wurde durch die eine oder andere Endstufe gewährleistet.

Die Fahrt
Der GTI war eine verkappte Küchenmaschine und so ein richtiger Schüttelbecher. Er war innen lauter wie aussen (ohne HiFi), vor allem zwischen 120 und 140 km/h brummte die ganze Hütte wie ein Marshall Verstärker mit Massefehler, den Regler auf der 11. Dazu kam, dass die ganze Bude eben richtig heftig vibrierte, so dass man sich die wöchentliche Sportmassage sparen konnte. An tiefe Gespräche war in dem Scirocco nur zu denken, wenn man irgendwo parkte. Das schlingernde Fahrwerk könnte man heute auf dem Rummel gewinnbringend als Charlie-Sheen-Simulator verkaufen und das Lenkrad war vom Gefühl her an eine Schüssel Nudelteig anstelle eines Lenkgetriebes angeschlossen. Als ich den GTI übernommen habe, war er eigentlich schon fast alt und abgerotzt genug für sein zweites Leben in Afrika. Trotzdem; ich war glücklich mit der grünen Käseecke. Er fuhr mich überall hin und auch wieder zurück. Und, er bot Platz für sieben Leute, vorausgesetzt die waren alle stramm wie die Kesselflicker und die Fahrt ging maximal 100m weit, noch weiter und die Radhäuser wären vermutlich durchgebrochen. Oder irgendetwas anders wäre gebrochen, bäääh.

Spass machte der GTI alleweil, der Auspuff hatte diesen knatternden Unterton, den man schon von den 1er Golf GTI's kannte und er machte zumindest optisch etwas her, schliesslich war er ein Sportcoupé mit Moosgummispoiler hinten.

 Moosgummi!
Der GTI war dann irgendwann fertig, die vielen Kilometer, mein jugendlicher Fahrstil sowie eine sabbernde Zylinderkopfdichtung haben ihn auf einen Abstellplatz wandern lassen. Dort stand er auch noch, als sein roter Nachfolger bereits mein Herz erfreut und meinen dürren Hintern durchgerüttelt hat.

Doppelroar!
noch mehr Moosgummi!

Der 16V Scala war in vielerlei Beziehung ein anderes Auto als der GTI. Das Fahrwerk war zwar immer noch nicht das, was man heute als sportlich straff bezeichnen würde, aber immerhin wurde man da drin nicht augenblicklich seekrank. Die Maschine hing um einiges besser am Gas und die Lenkung war auch dank der breiter dimensionierten Bereifung etwas präziser. Dummerweise ist man im Neulenkeralter mit seinem automobilen Verstand noch nicht so wirklich auf Du und Du, also musste ich auch noch ein möglichst kleines Sportlenkrad reinbauen. Aus heutiger Sicht und in Anbetracht der fehlenden Servolenkung kommt mir sprachloserweise nur noch das in den Sinn:

Dämlich.
Wenigstens die dreiteiligen BBS 15-Zöller passten wunderbar auf den roten Keil und die werkseitig lackierten Schweller und Stossstangen rundeten den sportlichen Eindruck des Coupés standesgemäss ab. Leider befiel mich dann der jugendliche und unter meinesgleichen weit verbreitete Wahn, dass ich das Auto noch schöner machen konnte. Ein absoluter Trugschluss und ein Sammelsurium an Peinlichkeiten, welche der schöne Scala eigentlich nicht verdient hatte. Ich hatte irgendwann die wenig glorreiche Idee, diverse Schriftzüge und Interieurkomponenten mit einer Kontrastfarbe zu "verschönern". Was zum Teufel habe ich mir dabei gedacht, als ich mich für Senfgelb entschieden habe? Aussen war das noch einigermassen erträglich, aber der Innenraum sah aus, als wäre tatsächlich ein grosser Eimer mittelscharfer Senf explodiert. Zum Glück habe ich davon keine Fotos mehr gefunden. Wirklich nicht!

DIE BBS Felge schlechthin

Auch Nebelscheinwerfer gehörten zum guten Ton bzw. Licht. Wir hatten zwar selten Nebel, aber man musste solche Funzeln trotzdem haben. 

 überall Nebel!

Die Maschine blieb technisch unangetastet, hauptsächlich wegen der knappen Budgets. Optisch machte sie mehr her wie jene des GTI's, die hätte auch in nem Trecker gut ausgesehen. Der 16V hatte seine groben Eigenheiten gleich in der Ansaugbrücke eingefräst bekommen. Heute wird da einfach ein Plastikdeckel draufgepappt, die Hersteller trauen sich irgendwie nix mehr. Wobei es natürlich noch angenehme Ausnahmen gibt...


Was man hier nicht sieht, ich habe selbstverständlich auch diese Schriftzüge gelb "verziert", ich habe tatsächlich mal einen Motor gelb angemalt! Ach, es gibt Dinge, auf die ist man nicht wirklich stolz. Und dann gibt es Dinge, für die hätte man die automobile Hölle verdient. Und dahin muss man vermutlich mit einem Sportkombi fahren. Moment, war das die gerechte Strafe für Senfgelb bereits in diesem Leben? Achsoooo, ich verstehe...

Selbstverständlich mussten auch diese beiden Exemplare das über sich ergehen lassen, was die meisten Ersteroberungen von Neulenkern über sich ergehen lassen müssen. Böser Blick, D&W Tuninglego überall und andere grenzwertige Modifikationen. Auch vom Fahrstil her mussten diese beiden Exemplare unter mir unverdient heftig leiden. Das ging von irgendwelchen unkontrollierten Rutschpartien im Winter über ebenso unterhaltsamen Rutschpartien im Sommer, in meiner eher ländlichen Heimat bevorzugt auf wunderbar schmierigen Kuhfladen, bis hin zu traktionslosem Absaufen in einer matschigen Wiese. Glücklicherweise blieb ich aber von Kaltverformungen verschont, nicht auszudenken, wie sich solch eine Pappschachtel bei einem harten Aufprall verhalten hätte. Das Streifen eines Zaunpfahls hätte wohl bereits Totalschaden bedeutet. Solche Tragödien hat aber zuverlässig das idiotensichere Fahrverhalten verhindert. Der Fakt, dass ich diese Zeilen hier schreiben kann beweist das einwandfrei.

Die beiden Volkswagen haben mich und meine Passagiere trotz meiner Verfehlungen und meiner neulenkerischen Inkompetenzen klaglos immer da hin gebracht, wo ich hin wollte. Und auch immer wieder zurück nach Hause. Sie dienten auch mal als Nachtlager, wenn man denn unverhofft dem Alkohol etwas zu zuträglich war, die Roccos waren unerbärmliche Bestrafer solcher Eskapaden. Wenn man morgens mit einem Schädel so gross wie ein Haus nach Hause fahren musste, war das Brummen im Innenraum gleichzusetzen wie heute Helene Fischer mit 150db, man wollte eigentlich nur noch sterben, quasi den Atem los werden. Deshalb hab das auch nur zweimal gemacht (nicht die Fischer), ein explodierter Schädel hätte dem Innenraum des Scala vollends den Rest gegeben. Wobei, ne, das wär auf's Selbe rausgekommen.

Fazit
Ach, was soll ich hier ein Fazit schreiben? Es waren meine ersten beiden Autos. Sie waren flott, es regnete nicht rein, sie hatten Musik an Bord. Sie waren für damalige Verhältnisse einfach super und das wären sie für mich auch gewesen, wenn sie grün mit lila Punkten gewesen wären und statt einem Lenkrad eine blaue Rohrzange gehabt hätten, die hätte ich einfach senfgelb angemalt...

Kaufen?
Leider findet man diese beiden vielfach unterschätzen Sportcoupés nur noch selten auf dem Markt. Und dann sind sie entweder komplett durchgerockt und fertig oder aber, sie geniessen ein zweites Leben als gepflegter und restaurierter Youngtimer. Und dort könnte ich persönlich schon schwach werden, sollte plötzlich wieder ein roter Scala mit dreiteiligen BBS'en zu einem guten Preis dastehen. Nicht, weil das Fahrverhalten oder die umfassenden positiven Fahreigenschaften mich zu einem Kauf verleiten würden. Nein, einfach, der Nostalgie wegen. Hach...
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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