Volkswagen Golf 7 2.0 TDi Variant

Vorwort
"Das Auto". Auch wenn diese zwei Worte etwas schlicht daherkommen, krallt sich der Hersteller das Privileg, dass er eben das besagte Automobil baut. Sozusagen die Hauptspeise auf der Speisekarte der automobilen Baukunst, alles andere ist nur Beilage. Aha?

Was denn?
Ein Volkswagen 7er Golf Variant mit dem 2.0er TDi mit 150 Heizöl-PS und 340Nm, gekoppelt an ein manuelles 6-Gang Schaltgetriebe.



Laufleistung
25'800km bei Übernahme.

Wie weit?
ca. 140km über volle Autobahnen und ebenso volle Stadt. 

Handbuch gelesen?
Nope. Obwohl; ich hätte mal kurz reinschauen können. Oder alternativ mal schnell norwegisch lernen. Dafür hatte ich aber mal wieder keine Zeit.

Erster Eindruck
So ein kleines bisschen Chic hat er ja mittlerweile. Vorne golfig mit einer einzelnen Chromzierleiste im Kühlereinlass, hinten passatig mit schicken Rückleuchten. Aber ansonsten ist das erste was mir einfällt: Langer Golf. Proportionen korrekt, Formen korrekt, vier Türen und eine Heckklappe sind dran und fallen beim öffnen auch nicht ab, ich sehe hier kein einziges designtechnisches Experiment. Golf!

Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP, Traktionskontrolle, elektronischer Baumumarmer.

Innenraum
Das golfige Äussere setzt sich innen nahtlos fort. Schwarz, grau, etwas Aluimitat. Auch hier keine Experimente. Aber, die Verarbeitung ist absolut tadellos, auch die Materialien machen einen wertigen und angenehmen Eindruck. Lediglich die schwarz glänzenden Applikationen am Lenkrad gefallen mir persönlich nicht, gegen diese Rotz- und Kratzermagneten hab ich eine gewisse Abneigung. Wem's gefällt.



Die Sitze finde ich klasse, Einstellmöglichkeiten sind alle da, nach vorne, hinten, oben und unten und Lordose. Die Sitzposition passt auf Anhieb wie ein alter Schuh. Die Stoffbezüge scheinen strapazierfähig und weisen keinerlei Abnutzungserscheinungen auf. Die Armaturen sind sinnvoll angeordnet und tiptop ablesbar. Hier gibt's nix zu meckern.

Die ersten Kilometer
Als allererstes stolpere ich gleich mal über die leichte Anfahrschwäche des sonst so kräftigen Diesels, die Start-Stop Automatik kompensiert aber mein fahrerisches Defizit augenblicklich und startet den Motor für mich gleich neu. Danke. Dieselnageln ist trotz der kalten Maschine nicht zu vernehmen, dafür brummt es bei sehr tiefen Drehzahlen etwas. Das Programmieren des Touchscreen-Navis wird allerdings zum Ratespiel;

Sieht norwegisch aus...

...und ich versteh kein Wort.

Somit kann ich auch gleich herausfinden, ob sich die Bedienung auch für Leute mit eher begrenzten nordischen Fremdsprachenkenntnissen erschliesst. Nach ein paar Minuten hab ich's dann auch geschafft, der Golf kommuniziert in astreinem Deutsch mit mir. Wie ich später feststelle, mehr als mir lieb ist... 

Nach 10 Kilometern
Sahnestück des politisch ach so korrekten Golfs ist der 2.0er Diesel. Das, weil es meiner Meinung nach die einzige Komponente an der ganzen Fuhre ist, welche heraussticht. Turbotypisch kommt das Drehmoment etwas verzögert, aber dann mit der Wucht einer Dampflok. Die Arbeitsweise des Laders erinnert mich an den Herrn hier;

Der Turbolader sorgt hier für die motortechnische Errektion
Von der Kreuzung das Gas runter, nix passiert und plötzlich bläst sich das Triebwerk auf die gefühlte dreifache Grösse auf, Ui! Oberhalb von 1500 U/min ist dann auch ordentlich Durchzug vorhanden, kein Zweifel, beeindruckend. Aber die Art und Weise, wie die Leistung einsetzt, macht es etwas schwierig, jene zu dosieren. So kann es auch passieren, dass die Maschine plötzlich an der Lenkung zerrt und die Vorderreifen auch bei trockener Fahrbahn an ihre Traktionsgrenzen bringt. Im Winter oder auch schon bei Nässe stell ich mir das etwas lästig vor. Wobei, vielleicht gewöhnt man sich irgendwann daran(?).

Multimediaplunder
Das Exemplar, welches ich gefahren bin hatte die "Discover Media" Ausstattung. Empfinde ich als ausreichend, es ist durchdacht, schluckt alles, spielt alles, navigiert und reagiert auf Ringelpiez mit Anfassen inkl. rumschmieren auf dem entspiegelten Display. Kennt man ja heutzutage von der heimischen Couch, auch wenn man im Auto eher weniger die fettigen Chipsfinger hat. Blauzahnverbindung mit meinem Nokia geht ebenfalls schnell und unkompliziert.

Die Fahrt
Abgesehen vom bärigen Diesel alles sehr unspektakulär. Der Golf ist und bleibt ein Golf, wer hier irgendwelche überbordenden Highlights erwartet, wird wohl bitter enttäuscht. Hier kriegt man ein stinknormales Auto, eben, "Das Auto". Nicht mehr, nicht weniger. Und wenn man hier wieder die Speisekarte als Vergleich hinzuzieht, mag das Hauptgericht wohl in Ordnung, aber vielleicht etwas fad sein. Ja, es dürfte noch eine kräftige Prise Salz an den Golf ran.  

In einer Eigenart aber sticht dieses Exemplar heraus. Dieser Golf ist das, was man im Volksmund einen Klugscheisser nennt. Niemand mag Klugscheisser, sie nerven. So hatte ich auf der Fahrt immer wieder mal einen sogenannten "Eco-Tip" im Display zwischen Drehzahlmesser und Tacho. Ob man mit offenem Fenster fährt, die Schaltanzeige ignoriert oder einfach nur mit getretener Kupplung auf Grün wartet; der Golf weiss es besser. So wird man dazu ermahnt, man solle doch Sprit sparen, indem man die Fenster schliesst, die Schaltanzeige beachtet oder den Gang an der Kreuzung rausnimmt. Geht's noch?? Ausgerechnet das Gerät, welches genau jenen Sprit verbraucht welchen man (gefälligst) sparen soll, reibt mir dauernd unter die Nase, wie ich Sprit spare? Würde man diesen Gedanken konsequent zu Ende führen, müsste mir der Golf schon den Motorstart verweigern und mir sagen, ich solle doch zu Fuss gehen, denn damit spare ich am meisten überhaupt. Und dann sowas noch von einem 150PS Diesel. Was kommt da in Zukunft noch? Eco-Tip: Pflanzen sie mal einen Baum. Eco-Tip; duschen sie kalt. Eco-Tip; trinken sie einheimischen Wein. Eco-Tp: Kaufen sie einen Tesla S, der braucht überhaupt keinen Sprit. Dazu klappt ein Mahnfinger aus dem Armaturenbrett hoch. Eine eigenartige Entwicklung der Art und Weise, dem Autofahrer immer wieder mal ein wenig schlechtes Gewissen unterzujubeln, indem man mittels künstlicher Intelligenz den Fahrstil kritisiert. Liebe VW; irgendwann kauft niemand mehr "euer Auto", ihr sägt da an jenem Ast auf dem ihr sitzt.

Abgesehen von den digitalen Nörgeleien fährt sich der Golf recht angenehm, die Lenkung ist leichtgängig und präzise genug. Die 6-Gang Schaltung flutscht fast schon synthetisch durch die Schaltkulisse, alle Schalter, Hebel und die Pedalerie gehen butterweich. So mag man's. Wenn man denn gerne mal in weiche Watte gepackt wird. Hat ein bisschen etwas von einem Fahrsimulator. So ist der Golf wegen den lange übersetzten Gängen auch sehr leise, die Tage der Pumpe-Düse Baggerdieselakustik sind zum Glück vorbei.

So lässt sich denn auch nicht viel mehr über den Golf Variant sagen. Er bringt einem entspannt von A nach B und wer sich wie ich über die Eco-Tipps nervt, kann den elektronischen Baumstreichler in den Tiefen der Bordelektronik mit einem breiten Streifen Gaffatape um die vorlaute Klappe versehen. Für mein kurzes Zusammensein mit dem Auto habe ich mir die Mühe nicht gemacht, aber wäre dies mein Dailydriver, wäre das etwas vom ersten, was ich ausschalten würde. Noch vor dem einstellen der Wohlfühltemperatur in der automatischen Klimaanlage.

Fazit
Zweifelsfrei hat hier VW einen guten Job gemacht, wenn es darum ging "ein Auto" zu bauen. Per Definition eines solchen gibt es nichts, aber auch wirklich nichts zu beanstanden oder speziell hervorzuheben. Und genau das macht es zumindest für mich zu einer weiteren grauen Maus aus dem VW-Konzern. Emotionen Fehlanzeige. Spass machen tut der Golf irgendwie auch nicht, auch wenn der Diesel toll schiebt, bleibt er ein Diesel, der bauartbedingt einfach keine hohen Drehzahlen mag. Nein, sorry, für mich ist das nix. So langweilig wie eine schlecht gesalzene Portion Pommes. Für meinen Geschmack ist das Auto zu korrekt und hat mir definitiv zu wenig Haare an der Kurbelwelle.

Kaufen?
Ich habe mir die überschaubare Mühe gemacht, jenes Exemplar so gut es ging im VW-eigenen Konfigurator zusammenzustellen. Unabhängig von Händler- oder Flottenrabatten kost' die Kiste schon ein paar Taler. Wer gewillt ist, solch eine Summe auszugeben kriegt eben "das Auto", ohne Kanten und Ecken, dafür aber mit guten Werten, einer guten Bedienbarkeit und einer korrekten Optik. Dafür geht man keine Experimente ein und hat dann wohl für die nächsten Jahre ein gutes und wertiges Gefährt unter dem Hintern. Wer sich die Eco-Tips im voller Länge antut hat dann vermutlich auch sein letztes Auto gekauft oder aber lässt den Golf aufgrund des schlechten grünen Gewissens in der Garage vergammeln.
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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