BMW 530i E39

Vorwort
Ich mag mal kurz ein wenig schätzen (alles in ca., Rechenfehler vorbehalten); zehnmal um den Globus rum. Ca. 50'000 Liter Bleifrei durch den Motor geblasen. Grob gerechnet 1'250'000'000 Umdrehungen auf der Kurbelwelle bei 60km/h und 2500 U/min im Durchschnitt, plus minus ein paar Millionen. 68 Reifen. 10'000 mal die Fahrertür auf und zu gemacht und den Schlüssel gedreht. 100 Scheibenwischerblätter. Die Fensterheber haben sicherlich auch ein paar Tausend Höhenmeter hinter sich. Und das Lenkrad wurde wohl schon einmal von München nach Mailand und wieder zurück gerollt. Puh...

Was denn?
Ein 2002er 530i, 5-Gang Handschalter mit 231PS, sechs Zylinder in Reih und Glied, vollzählig angetreten.
 



Laufleistung
WTF...


Wie weit?

ca. 1000km, grösstenteils Autobahn.

Handbuch gelesen?
Njet.


Erster Eindruck
Der Dinosaurier aus dem Fuhrpark. Hat schon etliche Passats & Co. kommen und vor allem wieder gehen sehen. Unauffälliges Silber aussen, umso auffälligeres Interieur. Typisches Auto, wie es Opa Heinz auch fahren würde. Steht auf den ersten Blick noch recht gut da. Hmm?


Zeigefinger (Assistenzssysteme)
ABS, ESP (ASC+T)

Innenraum
Etwas gewöhnungsbedürftiges weinrotes Leder, Zierleisten und Schalthebel aus Holz, jede Menge Schalter ohne nennenswerte Abnutzungserscheinungen. Nur der Fahrersitz, der musste schon mit einer Menge Ärschen zurechtkommen, als ob man sich auf einen Haufen zwei Tage alter BigMacs setzt. Der Nebeneffekt von dem ausgelutschten Sofa; eine Menge Seitenhalt, hauptsächlich weil man in dem Sitz regelrecht versinkt. Das Leder weisst keine übermässigen Abnutzungen oder sogar Risse auf, wohl auch dank der regelmässigen Pflege unseres Firmenfuhrparks. Und wohl auch deswegen, weil die Sitzfläche vom Fahrersitz im Laufe der Jahre so richtig schön geschmeidig gefurzt wurde.







BMW-typisch findet sich hier auch die zum Fahrer hin ausgerichtete Mittelkonsole. Die Bedienbarkeit ist auch für heutige Verhältnisse immer noch ohne Tadel, lediglich das Bedienteil vom Radio macht dank einiger (die Mehrheit) defekter Pixel die Einstellung von allerlei Radiokram zum Glückspiel, plötzlich hört man Radio Moskau und weiss gar nicht warum...

Alles in allem kann man den Innenraum als etwas altbacken, aber trotzdem als sehr wertig beschreiben.

Die ersten Kilometer
Die Tür fällt satt ins Schloss, keine Spur von Klappern oder Rattern im Innern, Wumm, zu. Nach dem ersten Schlüsseldreh der ungläubige Blick auf den Kilometerzähler. Innen sieht das so gar nicht nach einer halben Million Kilometer aus. Im Maschinenraum geht man sofort und ohne üble Geräusche sofort an die Arbeit, alles wie's sein soll. Losfahren, erster Gang, dann, der zweite Gang. Der braucht etwas mehr Nachdruck, bei mir springt er erstmal wieder raus, die Maschine heult ungewollt hoch. Innerlich entschuldige ich mich augenblicklich bei dem alten Herrn, war so nicht geplant, sry! Und die zahlreichen Leute an der Bushaltestelle denken sich wohl, der Depp kann nicht mal Autofahren, was soll's. Und dann die Lenkung, also hier stecken die Kilometer tief drin. Die Servounterstützung ist nur noch ein Schatten ihrer selbst und das Spiel um die Mittellage erinnert an 40 Jahre alte Amischlitten.

Nach 10 Kilometern
Ich bin immer noch schwer beeindruckt über den Zustand des 5ers. Alles funktioniert, nichts klappert, knackt, knarzt oder quietscht. Die Maschine geht immer noch richtig gut. Obwohl sicherlich schon das eine oder andere Pferd den Gnadenschuss erhalten hat, erscheint mir die Motorleistung von nominell 231 Gäulen noch recht gut versammelt und diese wiehern ein euphorisches Lujasogi! beim Schritt aufs rechte Pedal.

Multimediaplunder
Hier gibt's nicht so viel, Radio, Business CD. Wie kommt man eigentlich zu einer solchen Namensgebung für einen simplen CD-Player? Muss man hier irgendwo Münzen einwerfen um Musik zu hören?


Typisch für diese Baureihen (auch bei den 7ern) sind auch die Pixelfehler, man findet wohl kaum einen Bimmer aus den Jahrgängen, der nicht entweder im Tacho oder eben am Radio schon einigen Interpretationsspielraum für die Displayinhalte zulässt. Wie spät ist es? Zehnvorirgendwas, im Radio läuft gerade Biunc Nars. Die Lautsprecher sind zwar zahlreich, klingen aber eher etwas verhalten.

Die Fahrt
Eine kleine Ehre, mit solch einem Langläufer lange Strecken in Angriff zu nehmen. Der Reihensechser klingt richtig gut, vor allem unter Last und hohen Drehzahlen. Lediglich die Schaltung mag hier nicht so wirklich zu dem munteren Triebwerk passen, die Schaltwege sind elend lang. Zwischen dem 4. und dem 5. Gang hätte locker eine gute Flasche Paulaner Platz. Ist dann aber mal ein Gang drin und Kraftschluss da, freut man sich über den gummiartigen Durchzug von dem erstaunlich drehmomentstarken Sechszylinder. Ich bin wahrlich beeindruckt, so viele sportliche Attribute hätte ich dem alten 5er nicht zugetraut.
 

Allzu sportlich mochte ich den alten Kasten aber gar nicht bewegen. Einerseits will man ja nicht dafür verantwortlich sein, dass man solch einem Auto kurz vor der halben Million genau den Defekt verpasst, welcher den Weg zum Verwerter zur beschlossenen Sache macht. Andererseits liesse die Lenkung keine überschwängliche Kurvenhatz mehr zu, dafür ist sie schlicht zu verschlissen, zu schwergängig, zu gefühllos. Als ob man einen übermotorisierten und völlig überladenen Gurkenlaster über die Nordschleife prügelt, macht sicherlich auch keinen Spass.

Vom Fahrwerk her hätte ich allerdings keine Zweifel, dass man die grosse Limousine auch mal flott um die Ecken ziehen könnte. Gerade noch komfortabel genug für lange Autobahnetappen, aber immer noch im Ansatz sportlich und straff, wie man es eigentlich von einem BMW erwartet. Der bekannte Ruf der Münchner Fahrzeugschmiede ist hier noch ziemlich präsent, für ein Auto mit solchen Ausmassen und Gewicht (ca. 1650kg) fühlt sich Opa Heinz' sein BMW recht kompakt und agil an, solange man sich eine taufrische Lenkung dazu denkt.

Der Dreiliter Reihensechser gefällt mir, ich kann die Faszination rund um diese Triebwerke gut verstehen. Der Klang passt definitiv auch zu einem flotten kleinen Roadster, ohne dass man hier grossartig in die Trickkiste greifen müsste. Unter Teillast beim Dahingleiten unmerklich leise, unter Volllast knurrig, kernig, tatsächlich eines Sportwagens würdig. So erwische ich mich auch des Öfteren, wie ich das Gas einfach mal in Richtung Boden drücke, nur um mal wieder etwas Musik aus dem Motorraum zu hören. Nervig ist hier lediglich, dass das Gaspedal sowohl beim drauflatschen sowie auch beim weglatschen ein lautes Klick von sich gibt. Beschleunigen unter Vollgas klingt so wie eine alte Telefonzentrale bei der Arbeit; Klick...klick...klickklick... .  

Einen kurzen Lacher hatte ich dann auch noch. Vergisst man z.B. das Licht auszumachen und reisst die Tür auf, erklingt normalerweise ein Warnton, ein Gong, ein Bimm, ein Piep, ein Klick oder ein Summer. Anders bei diesem BMW, der Lichtwarnsummer klingt hier wie einer dieser uralten Wecker mit den Klappziffern, Terror! Passt so gar nicht zu dem 5er, aber sicherlich auf den Nachttisch von Opa Heinz. Mööp! Mööp! Mööp! Licht aus!

Während einer kurzen Rast und einer Zigi laufe ich mal um den 5er rum, ob sich der Eindruck aus dem Innenraum fortsetzt? Mitnichten; der 5er kann sein Alter und die vielen Kilometer von aussen nicht verbergen, auch wenn man nahe rangehen muss.


Die Haube sieht aus, als ob mal jemand mit Schmackes durch einen Haufen Rollsplit gefahren wäre. In Anbetracht der Laufleistung muss man aber auch davon ausgehen, dass schon so viele Steine und Teile von anderen Fahrzeugen die Haube geküsst haben, dass man damit wohl locker drei bis vier Winter lang die heimische Auffahrt splitten könnte.



Bei der Tankklappe sieht man ebenfalls die Spuren von mindestens 770 Tankvorgängen, hätte man denn den Tank jedes mal lehrgefahren, bevor man ihn wieder gefüllt hätte. Realistisch waren es wohl eher 1500 bis 2000 mal Deckel auf, Sprit rein, Deckel zu. Dass hier die braune Pest einen Nährboden gefunden hat, kann man dem betagten Münchner verzeihen.


Und auch am Kofferraumdeckel scheint schon so manche Hand gewesen zu sein.

Die gesamte Fahrt war relativ entspannt und auch wenn ich auf deutschen Autobahnen ab und zu mal freie Fahrt und eine Menge Platz gehab hätte, wollte ich die Leistungsgrenzen von dem alten Silberrücken nicht mehr ausreizen, trotz der willigen Maschine vorne drin. Fast schon mit einer gesunden Portion Ehrfurcht habe ich dieses alte Eisen bewegt, wie gesagt, ich wollte nicht schuld sein, wenn der Zähler wegen mir nicht demnächst die 5 an vorderster Stelle stehen hat. Würd' ich mir nur schwer verzeihen.

Etwas schwer gemacht wurde mir meine Fürsorge lediglich durch die arg klein geratenen (und fürs Modelljahr üblichen) Seitenspiegel, auch die Sicht nach hinten ist nicht wirklich der Hammer. So wurde das eine oder andere Parkmanöver mit der fertigen Servolenkung zum schweisstreibenden Kraftakt, da braucht man beide Hände. Wochensport? Check.

5er typisch bietet die Fuhre richtig guten Langestreckenkomfort. An Bord gab's hier noch einen wunderbar funktionierenden Regensensor, in diesem Sommer der Renner schlechthin auf den Aufpreislisten, wer da kein Kreuz gemacht hat gilt offiziell als dummbeutelmässig geizig! Auch dabei; Ambientebeleuchtung, Tempomat und eine Zweizonenklimaanlage. Bei Autobahngeschwindigkeiten tendiert der Lärmpegel im Innenraum gegen null, sehr fein. Zweifellos ein Auto, welches für die Langestrecke konzipiert wurde.

Etwas wehmütig war ich schon, als ich den 5er wieder beim heimischen Fuhrpark abgestellt habe. Würde ich diesen Innenraum in Holz und weinrotem Leder nochmal sehen, den Sechsender nochmal knurren hören? Den Antworten auf diese Fragen ungewiss, verblieb ich noch eine Minute, liess ihn im Leerlauf noch etwas vor sich hinflüstern und hab das Fahrtenbuch ausgefüllt. Hoffentlich bleibt der alte Münchner noch eine Weile...

Fazit

Beeindruckend. Sicherlich muss man noch anrechnen, dass der silberne 530er eine ausserordentlich gute Pflege und regelmässige Wartungen genossen hat, anders liessen sich solche Laufleistungen kaum erzielen. Andererseits muss man aber auch bedenken, dass dieses Auto durch unzählig viele Hände gegangen ist und sicherlich nicht von jedem Fahrer im Schonprogramm bewegt wurde. Wenn ich nur sehe, wie manche Mietwagen mit einem 20igstel der Laufleistung beisammen sind, so würde ich diesem E39 das Prädikat "unzerstörbar" verpassen. Würde man hier noch ein wenig in Karosserie und Servolenkung investieren, würde man diesem Schlitten nicht mal die Hälfte der Laufleistung eingestehen. Kompliment nach München, auch wenn dies für die Neuwagenverkäufe vermutlich eher kontraproduktiv ist.

Kaufen?
Naja, vielleicht nicht gerade mit solchen Kilometerständen. Lässt man diese grosse Zahl aber mal weg, kann man den E39 sicherlich als gutes, ne, als richtig gutes Auto bezeichnen. Dreiliter Sechszylinder; Top. Innenraum; Top. Fahrverhalten; Top. Schaltung; lieber die Automatik. Karosserie; gut kucken. Pixelfehler; gehört dazu. Platz; genug, Touring? Auffällige Optik? Ne, aber da gab's ja noch nen M5 mit nem geilen V8, das sollte dann auch die Frage nach "etwas" mehr Leistung und dem Spassfaktor beantworten. 
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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