Mercedes Benz C350 Avantgarde


Vorwort
Früher, als alles noch so viel besser war, war Mercedes für mich der Inbegriff des besten Autos, das man für eine Menge Geld kaufen konnte. Burt Reynolds fuhr mit seinem schwarzen TransAm einem texanischen Kaugummiautomaten davon und Bud Spencer galt schon deswegen als unbesiegbar, weil er Leute mit einer Kopfnuss einwandfrei narkotisieren konnte. Die Helden von damals brauchten keine Knarren um souverän zu sein, sie waren andere als heute, auch bei den vierrädrigen Zeitgenossen. Doch sie werden unvermeidlich auch alt, und manchmal schmerzt es etwas, wenn man einen seiner damaligen Heroen sieht, wie er am Stock geht, das schelmische Lächeln von damals in tiefe Falten gelegt. Auch Mercedes musste Federn lassen, gewisse Baureihen waren fernab jenes unbesiegbaren Eindrucks und vielfach sah ich die Marke heftigst am Gehstock stolpern, z.B. wenn man plötzlich Unmengen der braunen Pest an einem noch nicht so alten Stern nagen sieht oder hört, wie Stossdämpfer unvermittelt durch die Dome brachen. Plötzlich waren die sonst so selbstverständlichen Sterne von den Hauben der kilometerfressenden Taxis in den Städten verschwunden, hatte Mercedes etwas falsch gemacht? Und wenn, haben sie daraus gelernt?

Was denn?

Ein 2012er Mercedes Benz C350 Avantgarde Benziner T-Modell, Mopf. AMG Optikpaket mit den dazugehörigen Fussmatten, ich befürchte aber, die bringen auf der Nordschleife auch nix. Der Optik des 204er C-Kombis ist der ganze AMG Zierrat allerdings recht zuträglich.




Laufleistung
gekauft mit 38500km.

Wie weit?
Bis heute ca. 4000km.
Handbuch gelesen?
Vorwärts, rückwärts, querbeet.


Erster Eindruck

Taxi!! Naja, nicht ganz. Schickes Taxi.

Zeigefinger (Assistenzssysteme)
Eine Menge. Meinen Senf dazu gibt's hier.

Innenraum
Hier wird dezent geklotzt. Saubere und tadellose Verarbeitung, Leder, dunkles Holz, Alu, wenig Plaste. Viele Knöpfe, schickes Ambiente bei Nacht.





Die ersten Kilometer
Erste Probefahrt; dieses Auto hat nicht mehr viel von den alten /8ern von damals gemein. Kein laut nagelnder Diesel mit dem Charme eines alten Fischerboots, kein dünnes LKW-Lenkrad mit Hupkranz. Die 7-Gang Automatik schaltet unmerklich, die Sport-Parameterlenkung arbeitet direkt und hat wirklich sportliche Ambitionen, da kommt auch mal etwas von der Strasse zurück. Nett. Auch der erste Qualitätseindruck ist überzeugend, die Türen fallen satt und ohne Zweifel in die Schlösser, auch das habe ich von den alten S-Klassen noch gut in Erinnerung. Fiel so eine Tür ins Schloss, war das so endgültig wie das Amen in der Kirche. Wer jemals einen Finger in so einer Tür eingeklemmt hat, wusste Bescheid, die Tür ist zu und der Finger futsch.

Nach 10 Kilometern
Entspannend, so kann man den "kleinen" Benz durchaus bezeichnen. Bei Autobahntempo ist der Schallpegel im Innenraum angenehm tief, so hatte ich die Baureihen 116 und 126 noch aus meiner Jugend in Erinnerung. Mich freut diese Erkenntnis, hatte mein Held von damals doch noch eine seiner alten Tugenden ins 21. Jahrhundert gerettet? Doch, ja. Ich habe seit langer Zeit mal wieder das Gefühl, in einem echten Benz zu sitzen.




Multimediaplunder
Eine Menge. Radio, CD, DVD, Navi, Internet, MP3 via USB, SD, Bluetooth. Harman Kardon Soundsystem mit Dolby Digital, optimal, zweckneutral. Wer braucht sowas in einem Auto? Kuckt man sich wirklich samstagabends zu zweit mit ner Tüte Popcorn im Auto Leonardo di Caprio aufm Schiff an? Und muss ich im Smartphonezeitalter auch noch mit meinem Auto ins Internet? Updated his status via Microwave@Mercedes Comand... . Nö, aber danke. Trotzdem, sehr üppige und einwandfreie Bordunterhaltung, das HK-System macht bei Bedarf ordentlich Radau, klingt aber bei leicht gehobener Lautstärke am besten.

Die Fahrt
Bevor ich mich im C in den Alltagsbetrieb stürzte, hab ich erstmal die Handbücher ausführlich angeschaut. Soll heissen, ca. 1h im Auto sitzen und alles mal durchdrücken, einstellen, verstehen, den Spieltrieb etwas ausleben. Das war eine Menge bedientechnisches Holz, welches es zu sägen galt. Ist aber erstmal alles so eingestellt, wie man es mag, hat man am Schluss ein Auto, welches passt wie ein Schuh. Man steigt nicht einfach in die Fuhre rein, nein, man wird empfangen, Oho! Hat was von den Türaufhaltern in überteuerten Hotels.


Entriegelt man den Benz aus der Ferne, dimmt sich ein Christbaum von Lichtern innen und aussen weich auf, das Lenkrad fährt in Position, der Sicherheitsgurt zieht einem sanft und doch sehr bestimmt in den Sitz rein. Toll für alle, die Fesselspiele mögen, ich hab's irgendwann abgeschaltet. Weil, es stört dann doch ein wenig, wenn man beim rückwärts ausparken mal kurz über die Schulter gucken muss, aber der Gurt einem vehement in den Sitz reinschnürt. Als Entschuldigung gibt's in dem Modell eine Rückfahrkamera, welche den Schulterblick zwar nicht überflüssig macht, dafür aber die Sicht nach hinten etwas erleichtert.


Sportlich klingt der V6 dann, wenn man denn die Leistung abruft und er erinnert bei gewissen Drehzahlen und Last klangtechnisch etwas an den Reihensechser aus den 116er Baureihen, Absicht? Das macht Lust auf mehr. Im normalen Verkehr kann man herrlich leise und entspannt dahingleiten, unauffällig, dezent. Latscht man das rechte Pedal durch und gibt dem 7-Gang Automaten noch etwas Zeit, die Gänge zu sortieren, mag der Benz auch mal rennen, inkl. einer dezent sportlichen Akustiknote. Das lässt sich durch drücken einer dieser obligatorischen Sporttasten auch noch etwas verschärfen. Dann wird das komfortable Fahrwerk spürbar härter, die Gangwechsel schneller, die Gasannahme giftiger und die Lenkung zumindest gefühlt präziser. Das vermittelt zwar einiges an Dynamik, aber irgendwie ist ein dicker Kombi auch mit gedrückter Sporttaste immer noch ein dicker Kombi. Das hohe Gewicht ist zwar spät, aber am Grenzbereich dennoch spürbar. Und trotz der Möglichkeit, die Gänge via Schaltknöpfen am Lenkrad selber durchzuwühlen, fehlt etwas giftige Resonanz. Keinesfalls langsam oder gar langweilig, aber für einen Sportler erfolgen die Kraftschlüsse zu behäbig. Und ist man dann doch mal etwas zu lange am Gas gestanden, die Bremse ist üppig dimensioniert, gelochte Scheiben vorne verzögern den Kombi einwandfrei auch aus hohen Geschwindigkeiten. (Btw; ich persönlich lege auf solche löchrigen Bremsscheiben mehr Wert als auf einen Spurassistenten...)

Die Sitze sind für meinen Geschmack etwas zu breit geraten und geben zu wenig Seitenhalt, hier hätte ich gerne die Stühle aus dem Coupé gehabt. Die hab ich aber nicht und somit muss ich wohl kucken, dass mein Hintern etwas breiter wird, solange die Sitze nicht von selbst schmaler werden. Problem gelöst.

Das hab ich jetzt von meiner Schleicherei...

Man ist gut umsorgt im Hause Daimler und möchte nur das Beste des Käufers. Nicht nur sein Geld, nein, man möchte auch, dass es den Passagieren an nichts mangelt. Das Soundsystem massiert die Ohren dem Ruf der Marke Harman Kardon entsprechend gut, die zugfreie Klimaanlage in Verbindung mit den belüfteten und beheizten Sitze sorgen für ein gutes Klima und das Fahrwerk lässt nur wenig von unseren kaputten Strassen an die Insassen durchschimmern, das beruhigt den Strassenverkehrssteuerzahler. Kleiner Wehrmutstropfen, die Vorderachse neigt bei Autobahntempi etwas zum nachschwingen. Aber abgesehen davon, ist man wie in Watte gepackt, alles ist gediegen, gedämpft, die Tasten und Regler gehen weich und geräuschlos. Ebenso wie das ILS, welches Kurven-, Fern und Autobahnlicht fliessend und unauffällig regelt. Leider weniger weich, die Regelung des Tempomaten, diese erfolgt oft etwas abrupt.

Radar!


Man kriegt zum Mercedes noch etwas gratis dazu. Den Spott der Kollegen. "Hast du schon Hut, Hosenträger, Wackeldackel und Zigarre dazu bestellt? Was kost die Fahrt zum Bahnhof?" Man gewöhnt sich dran. Und man steht auch drüber, der 350er ist weit weg von dem Klischee, ein Auto für ältere Herren im Rentenalter zu sein. Nein, man schleicht nicht automatisch mit 57km/h über die Landstrasse und nein, man will nicht aus Reflex hinten einsteigen. Dieser Benz ist ein Auto für Fahrer, auch wenn dies durch die Unmengen an Fahrhilfen etwas verwässert wird. Das ESP ist leider nicht komplett abschaltbar. Die Maschine wäre von der Leistung (306PS) und dem Drehmoment (370nM) durchaus in der Lage, die Socken ordentlich qualmen zu lassen, aber die Elektronik hat hier das letzte Wort. Und nicht, dass man das mit dem Kombi machen möchte, aber manchmal ist es einfach auch schön, wenn man weiss, dass man es könnte. Spassbremse, blöde.

Auch diese unsägliche Taste mag ich nicht. Die wird dann irgendwann mal so richtig abgenutzt aussehen...

Geh weg!

Das war's dann aber auch mit der Kritik. Ich bin zuversichtlich, der C350 wird mir noch lange Freude machen und er wird viele Kilometer fressen müssen. Er macht trotz den vielen Besserwissern an Bord Spass, nicht zuletzt wegen dem grossen Benzinsauger vorne drin. Auch die vielen netten und durchdachten Details erleichtern den automobilen Alltag. Ich mag die Anzeigen der Parkdistanz auf dem Armaturenbrett und im Dachhimmel hinten. Anfangs dacht ich noch, wie, kein CSI-mässiges Radarbild im Navidisplay? Macht aber Sinn, denn man ist beim Rückwärtsparken genötigt, nach hinten zu sehen, das vermeidet Feindkontakt und schont die Vollkasko. Die Schildererkennung ist gerade in unbekannten Ecken von Vorteil und arbeitet zuverlässig. Das Bedienkonzept der ganzen Unterhaltungselektronik wirft keine grossen Fragen auf, auch wenn hier die Mitbewerber aus München schon etwas weiter sind.


Fazit

Gutes Auto, vom Hersteller im Rahmen der Modellpflege zu Ende gedacht und konsequent umgesetzt. "Das Beste oder nichts". Der Spruch bietet unendlich viel Angriffsfläche und ich dachte erst, das ist mal wieder so ein typischer Marketingspruch ohne Inhalt. Allerdings hat man sich bei Mercedes bemüht, das Motto nicht ad absurdum zu führen. Verglichen zu früheren Baureihen hält die Qualität wieder Einzug, auch das Design ist erfrischend moderner geworden. Statt braunem Wurzelholz und aberwitzig dicken Teppichen gibt's heute zeitgemäss (lookalike) Aluminium, dunkle und unauffälligere Hölzer und moderne Materialien. Klar, wer die alte Zeit nochmals aufleben lassen möchte, kann den C auch in der Elegance-Ausführung haben, dort gibt's dann womöglich auch noch einen schönen alten Backsteinkamin anstelle der Klimaregelung. Aber hier scheint man bei Daimler verstanden zu haben, dass die Käufer abends nicht nur mit dem Dackel eine Runde spazieren gehen, sondern auch mal ein Gummiseil um die Füsse binden und von ner Staumauer hüpfen oder mit nem Fahrrad eine Felswand runterballern. Nicht das ich das jemals getan habe, höhenangstbedingt hab ich schon Adrenalin, wenn ich von nem Gehsteig runterspringe. Und dort fängt bei mir der C-Benz auch an zu gefallen, hier erlebt man keine bösen Überraschungen, keine Schreckensmomente, keine roten Flecken auf der Stirn, weil man gerade mit Schmackes die Handfläche draufgeklatscht hat. Der C kommt souverän daher und hat die eine oder andere Eigenschaft, an welcher sich andere Hersteller in dem Segment einfach messen müssen. Ich bin gespannt auf den neuen C400, mal schauen, ob die Evolution in der richtigen Richtung weitergeht...

Kaufen?
Da die neuen Modelle bereits bei den Händlern die Showräume dominieren, ergibt sich für den Interessenten eines 204 ein Vorteil. Aktuell kommt so mancher mit seinem 204er C daher und tauscht ihn gegen einen neuen ein. Das füllt die Gebrauchtwagenplätze und drückt so die Preise, wie in meinem Fall. Ich habe hier für das Geld eines standardmässig ausgestatteten 200+PS Hatchbacks einen zwei Jahre alten, jedoch voll ausgestatteten und vor allem ausgereiften C-Benz im Neuwagenzustand und verlängerter Werksgarantie geschossen. Und dazu gab's von der MB-Vertretung einen Regenschirm und einen Bausatz für ein italienisches Abendessen (Pasta, Sugo und einen richtig guten Rotwein) oben drauf, stilechter wären Spätzle mit Soss und zwei Flaschen Bier gewesen, aber OK. Abgesehen von diesen Goodies kriegt man hier ein gut ausgestattetes Auto welches (zumindest bis jetzt) einen zuverlässigen Eindruck macht und man sich auf jede Fahrt freut. Ich zumindest.

Defekte
da es hier um meinen Dailydriver handelt, schreib ich von Zeit zu Zeit die Defekte mit rein. Los geht's...

km 40'000:
- die Rücksitzbank meldet von Zeit zu Zeit drei Passagiere und verlangt nach deren Sicherung mittels Gurte, obwohl kein Mensch da sitzt. Nicht weiter störend, wird beim nächsten Servicetermin hoffentlich behoben.
Share on Google Plus

Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

2 Kommentare :

  1. Danke für den Bericht!
    Ich wünsche allzeit gute Fahrt und hoffe, dass Du lange Freude an dem Stuttgarter Produkt hast.
    Grüße, retseroF

    AntwortenLöschen
  2. Wir haben ein paar 220 CDI als Dienstwagen. Ich finde die nicht gerade berauschend - vor allem nicht für DAS Geld.
    Innen ok, Fahrleistung ok, Kofferraum beim Kombi - sprechen wir lieber über was anderes :)

    Gruß, Peter

    AntwortenLöschen

Kommentare und Kritik sind immer herzlich willkommen. Grundsätzlich wird jeder Kommentar veröffentlicht und ggf. spiele ich auch noch Senfautomat. Auf verletzten Markenstolz gehe ich aber idR nicht ein.
Nicht veröffentlicht wird all jenes Zeug, welches unsere geschätzten Rechtsverdreher so zum Leben benötigen. Dazu gehören Beleidigungen, Verleumdungen, Rufmord etc.

Vielgelesen

Blog-Archiv