Honda Civic 1.8Vtec "50 Jahre Edition"


Vorwort
Es gibt Tage, da möchte man einfach gerne mal jemanden zum Mond schiessen. Politiker, Beamte, Typen, die einem hinten draufknallen. Und dann gibt es Tage, da möchte man gerne mal auf'm Mond alleine nen Kaffee trinken gehen. Die Raumfahrt ist leider nicht soweit, schiessen könnte man, aber selber mal kurz hinfliegen? Ne. Leider zu teuer für den Otto-Normalverbraucher. Aber, es gibt da Alternativen, zumindest was die Art der Fortbewegung im Strassenverkehr anbelangt.

Was denn?

Ein Honda Civic 1.8i Benziner 50 Jahre Edition, heute bin ich mal wieder in der Golf-Klasse gelandet. Gelandet im wahrsten Sinne des Wortes, der Civic steht von der Optik her einem unbekannten Flugobjekt in nix nach. Zu meinem Glück ist er am Boden geblieben...





Laufleistung
Dieses sündig rote Exemplar hat gerade die 50Tkm durchgeschossen.

Wie weit?
Ca. 500km, davon 300km deutsche Autobahn, der Rest im normalen Strassenverkehr.
Handbuch gelesen?
Nein, ich befürchte es wäre auch sinnlos, ich kann nur ein paar Brocken klingonisch.

Erster Eindruck

Mal was ganz anderes. Form, Design, Attribute, alles anders als man es sonst von der Golf-Klasse gewohnt ist. Auch nach bald acht Jahren im Strassenbild empfinde ich das ungewöhnliche Erscheinungsbild immer noch gefällig. Die an diesem Exemplar verbauten 18"er in Anthrazit runden die Optik optimal ab.

 Rakete!


Das Design hat eine klar erkennbare Linie und viele nette Details mit wiederkehrenden Formen. Gefällig!





Schickes Auto, vor allem auf den zweiten Blick!

Zeigefinger (Assistenzssysteme)
ABS, ESP (komplett abschaltbar).

Innenraum
Woah! Hier sieht's aus wie bei Jean-Luc Piccard im Wohnzimmer. Die Armaturen sind eine Klasse für sich, Drehzahlmesser in der Mitte, Tacho über dem Lenkrad, Infodisplay über der Mittelkonsole. Das Armaturenbrett oder wohl besser die Kommandokonsole ist schwungvoll gezeichnet und um den Pilotensitz herum angeordnet. Auf dem Tisch des Innenraumdesigners findet sich wohl kein einziges Lineal. Die Stoffsitze haben gute Konturen und sind mit einem flauschigen Stöffchen bezogen, erinnert an Alcantara. Griffiges Lenkrad, alles in Reichweite. Für meinen Geschmack aber etwas arg verstreute Schalter. Für die Kontraste zu den schwarzen Kunststoffen gibt's Alupedale, beleuchtete Einstiegsleisten, Aluapplikationen in der Mittelkonsole und den Türverkleidungen. Noch raumschiffiger, und sie müssen wirklich Flügel an das Ding dranbauen.

Kanzel?

Ganz clever, die Rücksitzbank. Die Beinauflage lässt sich gesondert hochklappen, damit hat man hinten eine Menge zusätzlichen Stauraum für sechs Bierkisten, 6000 Star Wars DVD's, 250 Paar Jeans oder einen Satz Winterreifen. Findet sich nirgends sonst in der Fahrzeugklasse.

Die ersten Kilometer
Das Finden einer für mich idealen Sitzposition gestaltet sich erstmal etwas umständlich. Hat man den Sitz erstmal in die richtige Position gerückt, stellt man fest, dass der Lenkradkranz entweder den Drehzahlmesser oder den digitalen Tacho ungünstig verdeckt. Alles zurück auf Anfang. Aber, das ist eine einmalige Sache, sofern man sich das Auto nicht mit jemandem teilt, der für gewöhnlich aus Dachrinnen säuft. Schlüssel rein, zum Anschlag drehen, das Cockpit erwacht zum Leben, aber der Motor bleibt stumm wie ein Fisch? Achso, da ist ein Startknopf. Und was für ein hübscher, Honda hat den wohl so knallig rot gemacht, damit auch solche Blindfische wie ich das Auto in Gang kriegen, ohne den Schlüssel im Schloss einen barbarischen Tod sterben zu lassen, danke! Ist der Honda erstmal in Bewegung, ist alles wie in einem anderen Auto, die Schaltung ist nicht kopfüber angeordnet, das Auto geht in die Richtung, in welche man das Lenkrad dreht und die Uhr zeigt die Zeit im 24h Format und nicht in der Sternenzeit an.



Nach 10 Kilometern

Man gewöhnt sich an den kleinen Japaner. Die Schaltung geht locker flockig durch die sechs Gänge, die Lenkung ist ungewöhnlich direkt und gibt gutes Feedback. Lediglich die Maschine ist etwas zäh im Bereich unter 3500 U/min, das wird dem sonst recht sportlichen Eindruck vom Fahrwerk nicht ganz gerecht. Oberhalb der 3500U/min geht's dann aber standesgemäss zur Sache. Alles fühlt sich recht solide an, die Materialien scheinen strapazierfähig, trotz 50Tsd km auf der Uhr sieht hier immer noch alles aus wie aus dem Showroom. Ich fühl mich schnell wohl im Civic.

Multimediaplunder
Das Auto kommt serienmässig mit Radio, CD, USB Anschluss und kann auch mit einem iPhönchen via Lenkradbedienung musizieren. Die Lautsprecher klingen für die Fahrzeugklasse ok.  

Die Fahrt
Man muss sich mit dem Civic etwas anfreunden. Anfangs sucht man die Geschwindigkeitsanzeige dort, wo man sie für gewöhnlich erwartet vergebens. Dort sitzt aber nur der grosse und toll inszenierte Drehzahlmesser mit dem Infodisplay und erzählt von unendlichen Weiten des Vtec, aber leider nix von der aktuellen Geschwindigkeit. Diese findet sich über dem Lenkrad platziert, digital illustriert und inkl. Hinweis zum Schalten. Allerdings, sicherlich nicht ganz verkehrt, so muss man den Blick nicht allzu weit von der Strasse nehmen, will man denn unnötiges Beamtenporto sparen. Gewöhnungssache, aber zugegebenermassen durchdacht.

Arsch!

Der Motor knurrt zwar sportlich, leider aber passt die Akustik nicht ganz zur Leistungsentfaltung, man wartet immer darauf, dass es denn nun richtig losgeht. Dafür muss man das Triebwerk ordentlich drehen lassen, erst ab 3500 Umdrehungen gehen die 140 Pferde nach und nach an den Start. Fährt man den Civic aber flott, wird man belohnt mit einer zielgenauen Lenkung und einem straffen Fahrwerk. Der Civic ist tatsächlich ein spassiger kleiner Sportler in seinem Herzen. Und wer einmal einen 1er GTI gefahren ist, wird hier schnell Parallelen entdecken, abgesehen vom besseren Fahrwerk ist er Spass derselbe. Leider muss man den Honda auch ab und an mal parken, und hier wird's dann etwas abenteuerlich. Der Wendekreis macht jeder Weltraumputze alle Ehre und die Sicht nach hinten ist sowohl durch den Innenspiegel wie auch über die Schulter gleich null. Hier kann man bestenfalls raten, wer einem gerade von hinten auf die Pelle rückt. Der mittige Spoiler ist vom Design her zwar eine Augenweide von aussen, aber von Innen möchte man das Ding am liebsten auf besagten Mond schiessen. Das kleine Heckfenster macht die Misere auch nicht besser. Was der Motor an Nervenkitzel vermissen lässt kompensiert der Civic durch ein einfaches Parkmanöver. Ohne Parkdistanz entspricht einfaches Rückwärtsparken einer Runde russisches Vollkaskoroulette.

Ich seh nix!!

Apropos nix sehen; bei diesem Modelljahr und den vorhergehenden TypeR Modellen hat Honda den Balken zwischen den Scheinwerfern von einem durchgehenden Glasbalken auf einen klassischen schwarzen Kühlergrill geändert. Wieso nicht von Anfang an? Sieht um Welten, ja sogar um Galaxien besser aus.

Auf der Autobahn verhält sich der Honda wie jeder Benziner in der Leistungs- und Fahrzeugklasse. Etwas brummig bei 140 km/h, aber gut für 200 auf ner deutschen AB. Drängeln muss man mit dem Civic nicht unbedingt, auch wenn er sich im Seitenspiegel gut in Szene setzt. 

Weg da!(?)

Die schnittigen Scheinwerfer verheissen Dynamik, aber jenseits der 150 ist diese dann doch recht verhalten. Er hat also Überholprestige, aber nicht unbedingt das Drehmoment um mal locker an nem 5er vorbeizufliegen. Überlisten, nicht überholen ist hier das Motto. Man muss mit dem Japaner aber auch gar nicht drängeln, schubsen und pöbeln. Der Tempomat und die kommunikative Lenkung lassen auch entspanntes Reisen zu. Die bequemen Sitze und das schicke Cockpit tun ihr übriges, um auch lange Fahrten einigermassen angenehm zu gestalten.

Nachtflug...


Das Fahrverhalten fand ich toll. Auch im Winter mit ausgeschaltetem Rettungsanker fuhr sich der Civic sehr aktiv, lebendig, aber trotzdem immer sicher. Keine bösen Überraschungen am Grenzbereich, immer gutmütig, braves Auto. Der Honda ist zwar eher straff abgestimmt, in so einem Auto ist mir das allerdings lieber als bandscheibenschmusende Stossdämpfer aus dem Orthopädenregal. 

Ein paar unübliche Eigenschaften hat der Civic auch, das gibt dem Auto mehr Charakter als den meisten seiner blutsverwandten Kontrahenten aus Japan. So z.B. die Hommage an die alten Batteriewecker von Braun. Vergisst man den Schlüssel abzuziehen, erklingt genau derselbe Piepston wie an so manchem tiefschläfrigen Morgen. Man zuckt da automatisch zusammen und zieht den Schlüssel blitzschnell ab, aufhören! Allerdings möchte man deswegen nicht gleich das Auto an die Wand schmeissen. Die Beleuchtung der Armaturen werden der äusseren Erscheinung gerecht, die sind mindestens so abgehoben wie das Exterieur. Und die Schaltkulisse findet sich sonst auch nur bei den Schweden in den Volvos.



Fazit

Das Wort "Cool" wird heutzutage für allen möglichen Mist angewandt. Handys, Schuhe, Musik, Lampen, ach, sogar Klobürsten aus dem Ikea werden als cool bezeichnet. Das relativiert die Bedeutung natürlich etwas. Mir kommt zu dem Civic allerdings kein anderes Wort in den Sinn, eigentlich, weil es hier wirklich zutrifft. Der Civic ist einfach cool, weil er polarisiert, weil er entweder gefällt oder nicht. Weil die Armaturen aussehen wie die Brücke der Enterprise, weil er so unkonventionell ist. Fernab von jedem Massstab in der Golf-Klasse, wo nur wenige Hersteller Experimente eingehen und auch mal den Blick in den Himmel wagen. Schlussendlich scheiden sich die Geister an der Optik, von der Technik, Fahrverhalten und der Zuverlässigkeit her braucht sich der Civic aber vor keinem zu verstecken. Und trotz der "nur" 140PS gibt der Honda mehr Raum für Emotionen her als so mancher Klassenprimus mit Monsterdiesel. Cool!

Kaufen?
Den Civic dieser Baureihe gibt's nur noch als Gebrauchten. Und da hätte ich keine Bedenken. Bei dem von mir gefahrenen Exemplar gab es erst einen Defekt, der Verschluss des Treibstofftanks liess sich nicht mehr öffnen. Die Bremsscheiben hinten wurden auch bereits einmal ersetzt, das ist vielleicht etwas ausserhalb der Norm, beim Gebrauchtwagenkauf sollte man sich die hinteren Scheiben einfach mal kurz ansehen und in die Preisverhandlung mit einbeziehen. Aber sonst, top-Auto mit vielen netten Gimmicks welches sich wohltuend von dem üblichen Einheitsbrei im Golf-Segment abhebt. Wer zu Hause seine Schuhe schön aufgereiht und nach Farben sortiert vor die Garderobe stellt, der wird mit dem Civic nicht glücklich. Aber wer seine bunten Schuhe kreuz und quer in der ganzen Wohnung verteilt, auf Konventionen pfeift, Antworten sucht und weiss, für was das "T" bei James T. Kirk steht, der sollte sich den Civic reinziehen. Ohne jedien Zweifel, auf der hellen Seite der Macht der Civic steht! 
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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