Ford Mustang Shelby GT500


Vorwort
Als wir damals die Strassen von Florida mit dem Dodsch unsicher gemacht haben, hatte das durchaus einen weiteren Sinn. Der Zweck der Reise war nämlich unter anderem die Beschaffung eines ungestümen Ponys, welches eine Menge Hummeln im dicken Hintern hatte...


Was denn?

Ein Ford Mustang Shelby GT500 (MY2012), der Inbegriff des bösen Pony Cars aus den 60ern. Damals ein Verkaufsschlager und Kassenfüller für Ford USA. Heute ein (leider) belächelter Exot, zumindest in unseren Breitengraden. Das Exemplar, welches ist fahren durfte, hatte im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen ein paar wenige sinnvolle Optimierungen erfahren; so z.B. wurde das Fahrwerk etwas straffer gemacht, die Abgasentsorgung optimiert und das sinnvollste überhaupt, die Leistung auf dezente 650PS und 850Nm gesteigert. Also grade mal genug um eine Kirche mit Getriebeschaden abzuschleppen :-D.



 

Laufleistung

aktuell ca. 10000km.

Wie weit?
ca. 300km, als Fahrer und Beifahrer über Berge, Täler und deutsche Autobahn.


Lauern.


Handbuch gelesen?
Nein. Interessiert hier kein Schwein.

Erster Eindruck

Böse. Monster. Schon beim Start des aufgeladenen Achtzylinders hat man Gewissheit, dieses Auto hat den Humor von Clint Eastwood und der Luftfilter besteht wohl aus Chuck Norris' Barthaaren. Ich bin nicht direkt eingeschüchtert, aber merke sofort, die Optik und Akustik ist nicht nur Show. Keine Auspuffklappentricks hier. Das Triebwerk rotzt direkt und ungefiltert in die Atmosphäre rein. Exzellent!

Devils keys

Zeigefinger (Assistenzssysteme)
ABS, ESP und Traktionskontrolle an sehr lockeren Zügeln. Alles komplett abschaltbar. Man muss die Amis einfach lieben!

Innenraum
Die tiefen Sportsitze fordern einem geradezu heraus; setz dich, nimm dir nen Keks, gib dem Pony etwas Hafer. Viel Platz vorne, hinten genügend Platz für Kleingewachsene. Die Sitze sind straff, bunt beledert und bieten guten (notwendigen) Seitenhalt, der Rest des Innenraums wird von schwarzen Kunststoffen und etwas Alu dominiert. Dass das Konzept im Cockpit schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, fällt zwar auf, allerdings nicht unangenehm. Ins Auge stechen der Schalthebel und die Armaturen, eine kleine Huldigung an die Ahnen aus den glorreichen 60ern. So macht Retro Spass. Dass die Innenraumqualität nicht dem europäischen Massstab entspricht ist klar, das Auto kostet auch keine 100TSD Euro. Trotzdem, geht OK, weil hier nebensächlich.



Setz dich, Keks?
  

Die ersten Kilometer
OK, hier is nix mit gemütlichem Cruisen. Die Lenkung ist das einzige, was an ein ziviles Alltagsauto erinnert. Die lange Haube macht Eindruck, grosses Auto! Der Federungskomfort auf unebenen Strassen ist vergleichbar mit einer Barschlägerei, die 6-Gang Schaltung mit den kurzen Wegen verlangt nach Kraft und der V8 unterstreicht akustisch den Eindruck, hier werden keine Scherze gemacht. Nichts für DSG-Streichler und Sporttastendrücker, hier ist immer Sport. Mir kribbelt der Sack...




Nach 10 Kilometern

Man hat sich dann auch irgendwann ein wenig miteinander angefreundet. Unüblicherweise beschäftige ich mich für einmal nicht mit den Bedienelementen und Gadgets im Innenraum. In diesem Auto sind meine Sinne auf die Strasse, den Tacho und das Brabbeln aus der Heckrichtung fixiert. Man kann den Shelby im normalen Strassenverkehr tatsächlich auch recht entspannt fahren. Sogar ohne dass man das beunruhigende Gefühl hat, hier steht jemand mit ner .44er Magnum hinter einem und schiesst, bevor er die Fragen stellt. Zumindest solange man keinen Blödsinn macht...



Multimediaplunder
Verbaut sind ein fordseitiges Navi auf dem Stand der heutigen Zeit. Wie's funktioniert konnte mir der Besitzer auch nicht sagen, das Navi kennt nur Amerika und wie die Musikzentrale funktioniert konnte mir der Besitzer auch nicht sagen, er hat sie noch nie gebraucht. In Anbetracht des Spektakels, welches das Auto veranstaltet kann ich das sofort verstehen, ich verschwende meine begrenzte Zeit im Shelby auch nicht mit Musikhören und das Navi ist sowieso nutzlos, hier ist wirklich mal der Weg das Ziel.

Hier spielt die Musik.

Die Fahrt
Heilige Scheisse. Das Ding macht Ernst. Wo Shelby draufsteht ist auch Todesfalle drin. Das ESP erscheint im erstem Moment komplett überflüssig. Wie was!? denkt sich der Leser. Spinnt der? Nun, wer hier auch nur kurz mal der Meinung ist, er müsse die Bombe unter der Haube etwas anzündeln, kriegt unverzüglich eine saftige Klatsche mit einem nassen Handschuh, mitten in die Fresse. Danach ist man so wach, dass man selber zum humanen ESP wird. Die Pupillen weit, beide Hände am Lenkrad, den Popo tief in den Sitz geschoben, der Puls etwas erhöht. Blinkende Lämpchen im Armaturenbrett sind hier völlig sinnlos und gehen in der Orgie aus brachialer Gewalt sowieso gänzlich unter. Wenn der Kompressor bei etwas über 2000 U/min mit seinem charakteristischen Singen damit anfängt, alles in den Motor zu schaufeln, was sich vor der Haube rumtummelt, dann weiss man, hier ist Alarm auf der Bude! In einem Wort: mir fällt grad keins ein. Die Bremsen sind üppig dimensioniert und greifen ordentlich, hier ist man zum Glück von den alten Traditionen abgekommen. Beruhigend.

Keine Trommeln, Danke!

Die Leistungsentfaltung kann einfach nur als brutal bezeichnet werden. Unter Volllast und schlupffreiem Vorankommen zerrt die Fuhre ordentlich an der Nackenmuskulatur. Die Traktion will gesucht und gefunden werden, gerade in den unteren drei Gängen schmeisst sie gerne mal das Handtuch in Form von kleinen Rauchschwaden aus den hinteren Radkästen, wohlgemerkt, inkl. der Traktionskontrolle. Diese nimmt irgendwann recht gemächlich die Leistung etwas zurück, wie gesagt, die Zügel sind relativ locker, Brrrrr! Grosser. Das Ausschalten des besagten Hilfsmittels sollte man sich wirklich gut überlegen und man sollte vielleicht auch schon den einen oder anderen Kilometer mit dem Shelby gefahren sein, alles andere wäre (für mich) so etwas wie eine etwas dämliche Mutprobe. Ohne dieses Hilfsmittel kennt der Ford kein Erbarmen mehr, weder mit Reifen, noch mit mit Strassenbelägen, noch mit den Egos hinterherfahrender AMG's oder anderen modernen MuscleCars. Nicht weil der Shelby schneller wäre(?), nein, weil die Show einfach besser ist. Wenn man so will, John MacClane gegen Nik Tschiller. Wo Bruce Willis noch umgeben von Flammen und Explosionen auf einem Bein humpelnd dem Bösewicht hinterherballert, sitzt Til Schweiger schon depremiert in ner verrauchten Hamburger Bar und kippt nuschelnd einen Kurzen nach dem anderen.


Ein scheissgefährliches Auto mit viel Entertainment, mir gefällt das. Vorausgesetzt, man hat den nötigen Charakter, kann man mit dem Shelby unendlich viel Spass haben, er ist aber definitiv nichts für ungestüme Gemüter. Leistung? Genau genug zu viel. Fahrverhalten? Ehrlich, roh, hart, aber immer berechenbar, sofern man auch schnell rechnen kann. Eyecatcher? Jep, wer den GT500 nicht sieht, hört ihn und kann dann gar nicht mehr wegsehen, sei es ob vor Begeisterung oder vor blankem Entsetzen. Überholprestige? Nun ja, wer diesen Schlund im Rückspiegel auftauchen sieht und dann immer noch nicht freiwillig Platz macht gehört entweder zu den Leuten, denen das Verständnis für solche Monster fehlt, oder aber man gehört jenen wenigen Leuten, die ein ähnlich potentes Auto unter dem Hintern haben. Und wer's denn wirklich wissen will, z.B. auf einer freien deutschen Autobahn, der sollte den Shelby nicht unterschätzen. Hier kommt ein echtes 300km/h Auto, wo andere bei 250km/h kurz mal nach vorne Nicken, ballert das Pony einfach weiter. Ob es schön ist, mit dem Shelby 300 zu fahren habe ich nicht herausgefunden, ich vermute aber, dass auch hier besagte Barschlägerei dasselbe Mass an Entspannung bietet. 

Grosse Fresse.
Dicker Hintern.



Fazit

Zitat aus dem Buch Muscle Cars:

"Der perfekte Wechsel in den dritten Gang ist pure Magie" "So muss sich Gottes Presslufthammer anfühlen". 


Bei diesem Shelby unterschreibe ich das ohne Nachzudenken.

Wer einen komfortablen US-Retro-Cruiser mit Leistung sucht, ist mit einem Hemi-Challenger oder einem weniger brutal motorisierten Mustang besser bedient. Wer sich solch einem Leistungsberg ohne ausgeklügelte Fahrwerkstechnik und elektronischen Helferlein nicht gewachsen sieht, sollte die Finger vom Shelby lassen und sich eine (meist 3-4mal so teure) deutsche Wuchtbrumme aus den allseits bekannten Häusern anlachen. Nochmal, der schnelle Mustang taugt nicht für Scherze, wer ihn herausfordert, muss damit rechnen, dass er erst einmal schiesst und erst danach die Fragen stellt.




Für mich geht der Shelby, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich mag die Faszination, die solche Autos ausmachen. Dieses aberwitzige Draufpacken von Leistung auf eine der heutigen Zeit völlig fremden Technik. Hubraum, als ob noch nicht genug auch noch zwangsbeatmet. Ich könnte im Viereck springen, wenn ich so was nur höre, fernab jeglicher Konventionen bei Fahrzeugen in dieser Leistungsklasse. Andere kommen mit aktiven Fahrwerken, ausgeklügelten Differentialen, Allradantrieb, Automatik und einer Armada von Assistenzsystemen daher, blablabla. Nicht so der GT500. Hier wurde die Idee des Muscle-Cars aus den 60ern konsequent umgesetzt. Wenn auch nicht ganz so halsbrecherisch wie damals, als man noch mit Trommelbremsen und Blattfedern (meistens) Herr über 400PS+ war. Mich fasziniert der Gedanke, dass man ein dermassen böses Auto noch selber beherrschen muss, egal wie hoch motorisiert. Wird solch ein Auto irgendwann nur noch von Rechenpower auf der Strasse gehalten, geht mir die Faszination ab, nicht unbedingt langweilig, aber ja...



Der Shelby will die ungeteilte Aufmerksamkeit des Fahrers. Jede Fahrt wird zum Ritt auf der Kanonenkugel, begleitet vom einem Permanentgrinsen und Unmengen von Adrenalin und Endorphin, welches man je nach Bedarf mit dem rechten Fuss dosieren und damit quasi stufenlos vom einen in's andere wechseln kann. Dazu V8 Bass und Kompressorgesang, Musik überflüssig. Für mich etwas vom schönsten, was man an einem sonnigen Sonntagnachmittag machen kann. Daumen hoch für diesen ach so unkorrekten Dinosaurier, hoffentlich kommen da noch ein paar von. Leider ist für die neue Baureihe kein neuer Shelby angekündigt, aber da man bei Mopar gerade den Hellcat Challenger mit 707 Ami-DIN PS in den Verkauf loslässt, muss man geradezu mit einem neuen Shelby Mustang rechnen. Ich bin gespannt...

Wer sich für den Verbrauch interessiert; ich weiss nur, dass er nicht mit Babyhasen betankt wird, somit ist der Verbrauch sicherlich akzeptabel.


Kaufen?
In diesem speziellen Fall hat man das Auto direkt aus den USA importiert. Warum macht man sich die Mühe? Nun, die Verbindung des Kaufs von so einem Auto zu einem Spottpreis (= BMW 320i mit Basisausstattung) und zwei Wochen Roadtrips durch den Süden der USA gilt für mich als erstklassige Form des Autokaufs. Wer sich das antun will, sollte sich aber bewusst sein, dass man hier zwar ein unschlagbar günstiges Monstercar in die Garage holen kann, das aber ohne Werksgarantien und ohne dichtes Händlernetz. Auch die Bürokratie der Überführung und Zulassung ist nicht zu unterschätzen, aber hier gibt es mittlerweile eine Menge Firmen, die einem dabei behilflich sind. Selbstverständlich finden sich die Shelbys auch in den hiesigen Breitengraden bei spezialisierten Händlern, nur, der Preiszuschlag ist immens und dann hatte man immer noch keinen schönen Urlaub z.B. in Florida gemacht. Somit; ja, kaufen, am besten inkl. Urlaub in den USA. Mehr Todesfalle für weniger gibt's nirgends, beim Preis war man ebenfalls Retro. Und hey! Da ist ne Schlange im Kühler!!!


 
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

1 Kommentare :

  1. Hallo Duck, super geschrieben, ohne Übertreibung, genauso ist das Auto.
    Ich fahre ebenfalls einen 2012 Shelby, nur die Farbe ist genau andersrum (rot mit schwarzen Streifen).
    Weiterhin viel Spaß und immer eine Handbreit Platz rumdum.
    Gruß
    Kl

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