Seat Ibiza 1.4ST

Was denn?
Müde komm ich nach einem recht holprigen Flug an, ich mag nur noch ins Hotel, schnell was essen und dann in die Falle. Beim Vermieter des Vertrauens wurde mir heute gewohnt freundlich mitgeteilt, dass ich einen Seat Ibiza fahren darf. Kombi! Das Navi wird mir in einem schnieken Stoffsack überreicht, sollte reichen um mein Ziel zu finden. Ich denke mir, Auto Emocion, Ibiza=Party, das verspricht Spass ohne Ende. Im Parkhaus finde ich dann folgendes vor:




Ju. Hu.
                                        
Ich mag ins Bett...

Irgendwie wurde hier vergessen, das Auto Emoffionn dranzubauen. Zu brav, zu grau, zu verschubst, keine Party, so gar kein Spass. Riesige Scheinwerfer dominieren die Front, der Anblick erinnert an ein verängstigtes Kätzchen. Überholprestige sieht anders aus, hier macht man eher aus Mitleid Platz.

Ausstattung:

- Lederinterieur
- Sportsitze
- elektrische Spiegel
- elektrische Sitzverstellung
- elektrische Fensterheber hinten
- Alufelgen

- Nebelscheinwerfer
- 6-Gang Schaltung
- Lenkrad mit integrierten Funktionstasten
- Schiebedach
- Spurassistent
- Radio mit Bluetooth, iPod-Anschluss, jede Menge Watt
- getönte Scheiben
- automatisch abblendbarer Innenspiegel
- Aluapplikationen im Innenraum
- Parksensoren
- Regensensor
- automatischer Lichtschalter
- automatische Klimaanlage


All diese schönen Dinge glänzen durch konsequente Abwesenheit. Stattdessen gibt es einen 1.4L Benziner mit 85PS und einen Innenraum der an den betriebsinternen Knast bei Tupperware erinnert. Die Türgriffe wollen fest gezogen werden, beim ersten Versuch ziehe ich mich selber mit Schmackes an die Fahrertür heran und beisse fast die Dachleiste ab, hoffentlich hat mich niemand gesehen. Aber, das macht schon einen sehr soliden Eindruck. Innen, den einzigen Knopf, der als Sonderausstattung zählen kann ist der für die Traktionskontrolle. Und die ist hier so sinnvoll wie Botox für Schweine.

Laufleistung
15600 km, kaum Gebrauchsspuren. Auto ist sauber, innen riecht es nach gar nix, keine Paella, keine Partygerüche.  


Wie weit?
140km, überwiegend Autobahn, ein paar km in der Stadt. Stau, davon reichlich.


Handbuch gelesen?
Nope, wüsste auch nicht wozu, die fünf Seiten spar ich mir.


Erster Eindruck
Hier gibt es nicht viel, was einen Eindruck erwecken könnte. Lenkrad, Radio, Tacho, fertig. Grau und schwarz dominieren den Innenraum und ersticken jegliche Abwechslung im Ansatz.


Zeigefinger (Assistenzsysteme)
Wie schon beschrieben, das Auto hat eine Traktionskontrolle, welche ihre Zeit mit Nichtstun verschwendet und vermutlich lungert auch noch irgendwo ein ESP in den Tiefen der Bordelektrik rum. Das feurige Temperament des Spaniers will ja gezügelt sein. Wobei, man muss sich jetzt nicht unbedingt einen wilden Stier vorstellen, wohl eher ein kleines Kälbchen, das regelmässig nach seiner Mama ruft.


Antrieb/Motor
Der 85PS Benziner ist gekoppelt an ein Fünfganggetriebe. Spanisches Temperament? Nö. Hier merkt man die Verwandtschaft zu Polo&Co. Ein Gasbefehl (wobei sich der Motor nicht allzu viel befehlen lässt...) wird mit widerwilligem Knurren aus der vorderen Hälfte des Ibizas quittiert. Was fällt mir auch ein, auf einer Autobahnzufahrt alle 85 Pferde versammelt abzurufen? Mir erscheint, als ob so ca. 20 der besagten Pferde der Party "Rauf auf die Autobahn!" angewidert fernbleiben. Hohe Drehzahlen mag die Maschine nicht und ich auch nicht, klingt alles sehr gequält, der Ibiza will wieder zurück ins trockene Parkhaus. Ich will ins Bett.


Innenraum
Wo soll ich anfangen, es ist einfach nur hoffnungslos. Die Farbgebung schwankt zwischen zwei Grautönen und schwarz. Einzige Ausnahmen, die Tachonadel (rot) und der nachträglich angebrachte Rauchverbotssticker (grün). Armaturenbrett und Türverkleidungen scheinen aus demselben Material zu sein, Hartplastik. Und man versucht nicht einmal, das durch irgendwelche Strukturen an den Oberflächen zu vertuschen, nein, hier kriegt man was man sieht. Sieht aus wie billiges Plastik, fühlt und hört sich so an, allerdings muss man dem Innenraum zugestehen, dass man die Kotze von übermütigen Partygängern locker mit dem Dampfstrahler rauswaschen kann, robust scheint das alles schon zu sein. Die Sitze sind relativ schmal, aber man kann tatsächlich darauf sitzen. Seitenhalt Fehlanzeige, aber bei der Fahrzeugdynamik auch nicht wirklich nötig. Immerhin hat es Becherhalter.


Hartplastik in rauhen Mengen!

Party hard!


Die ersten Kilometer
Erstmal den Sitz einstellen, anschnallen, den Aussenspiegel auf der Fahrerseite ganz altmodisch per Hebel ausrichten, den Gurt wieder lösen, auf der Beifahrerseite den Spiegel nach Augenmass einstellen, wieder anschnallen. Dann noch das Saugnapfnavi programmiert und raus aus dem Parkhaus, los geht's. Das Auto erscheint wendig, die Lenkung geht leicht und relativ direkt. Über die erste Temposchwelle an der Ausfahrt fahre ich vermutlich ein wenig zu zügig, von der Hinterachse kommt dann auch umgehend ein heftiger Protest über meine Fahrweise. Allerdings stelle ich fest, dass die Hinterachse generell nicht so gerne belastet werden will, jede Bodenwelle wird aus dem Fond mit einem Geräusch quittiert, als ob Diego Maradona zu seinen besten Zeiten den Seat mit Anlauf in den Hintern tritt. Das Navi hat sich unterdessen frei genommen, das GPS ist anscheinend einen saufen gegangen und niemandem gesagt wohin.


Bin dann mal weg!
                                       
Such ich mir meinen Weg halt selber und les ganz altmodisch Strassenschilder. Hmpf.

Nach 10 Kilometern
Es regnet. Fünfter ist drin. 120 km/h. Ich merke, dass ich anfange zu schwitzen. Entspanntes Fahren habe ich anders in Erinnerung. Aus den Lautsprechern blökt mich Rihanna an, untermalt vom Knurren des 1.4ers bei gefühlten 5000 Umdrehungen. Tatsächlich sind's dann nur etwas über 3000, ich wünsche mir einen sechsten Gang, aber der einzige, welcher noch übrig ist, könnte mit einem Anruf beim Pannendienst enden. Mir ist irgendwie nicht so recht wohl in dem kleinen Kombi, das Auto macht einen sehr angestrengten Eindruck und das überträgt sich auf mich. Ausnahmsweise habe ich beide Hände am Lenkrad und beschäftige mich mit Scheibenwischern und Blinker.


Multimediaplunder
Ja, das Auto hat ein Radio mit CD-Player und Lautsprecher in den Türen. In den A-Säulen sitzen noch Hochtöner, aber die reissen das Schnitzel auch nicht mehr vom audiophilen Teller. Das war's dann auch mit der Bordunterhaltung. Wenigstens kommt im Radio etwas Lustiges: http://www.einslive.de/comedy/o_ton_charts/
, der Steineflüsterer! Für die Klangdynamik von Steinen ist die Bordmukke also genau richtig, ich hab fast die grauen Stoffsitze eingesaut vor Lachen.

Die Fahrt
Kurz, noch nie hat mir das Aussteigen aus einem Auto so viel Spass gemacht.


Fazit
Für einen Hersteller, welcher seine Produkte mit einem erotisch gehauchten "Auto Emocion" untermalt ist das doch schon recht emotionlos. Weder die Optik noch die Fahreigenschaften noch die Ausstattung lässt hier grosse Emotionen aufkommen. Ausser man betrachtet eine Überdosis Valium als euphorisches Gedankenspektakel. Liebe Leute von Seat, das ist nicht Auto Emocion, das ist bestenfalls Auto Depresión. Sollte mir das nächste mal wieder solch ein Seat angeboten werden, ich nehm freiwillig den Bus.


Kaufen?
Kommt drauf an, was man dafür bezahlen muss. Wenn einem Optik, Materialien und Antrieb völlig(!) egal sind, dann wohl ja. Wenn man aber schon einen Farbfernseher zu Hause hat und gerne mal Spass hat, dann sollte man wohl eher die Finger davon lassen. Mein Fall ist der Seat Ibiza Kombi nicht. Auf der Homepage wird das Auto wörtlich beworben mit: Komfort, Sicherheit und jede Menge Fahrspass. Anscheinend gehen die Meinungen zu dem Auto weit auseinander, für mich war der Ibiza weder komfortabel, noch fühlte ich mich wahnsinnig sicher und von Fahrspass möchte ich gar nicht reden. Es sei allerdings entschuldigt, dass das Modell schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, für die nächste Baureihe wünsche ich den Spaniern viel Glück.
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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