Mercedes Benz E200 4Matic

Vorwort
Mal kurz in meine Jugend abgeschweift; ich bin ja in einem Fuhrbetrieb aufgewachsen. Und dazu gehörten auch Taxis. Als ein Kind der 70er und 80er kann man sich jetzt denken wo das hinführt, Mercedesse. Und ein Toyota Cressida. Und ein '71er Chevy Bel Air für die Transporte von Leuten in klimatisierten Holzkisten. Aber hauptsächlich Strichachter und W123. Damit hat für mich der Stern ein wenig den Stempel des "von A nach B"-Autos. Super für den Personentransport, komfortabel, solide und bekanntermassen auch teuer. Aber schön waren sie nicht, unsere Taxis. Der Toyota gefiel mir damals besser, auch weil er schon elektrische Fenster hatte. Und gefaktes Holz im Innenraum. Trotzdem, der Strichachter war einfach ein Mercedes, wenn man die Taxilampe vom Dach nahm, machte er auch noch was her mit seinem Stern auf dem Kühler. So gesehen hatte ich schon sehr früh den ersten Kontakt mit DEM Arbeitstier der Taxistände, der E-Klasse.
 
Was denn?
Ein Mercedes Benz E200 Benziner mit 184PS und Allradantrieb, dazu ein 9-Gang Automatikgetriebe.
 
 
 
Laufleistung
5'800km.
 
Wie weit?
172km.
 
Handbuch gelesen?
Ja, tatsächlich. In elektronischer Form auf der Bordintelligenz.
 
Erster Eindruck
Ey? Ess? Zeh? Ich kann mir nicht helfen, aber die aktuellen Limousinen von Mercedes sehen alle gleich aus. Je höher die Klasse, desto mehr werden die Proportionen an Hintern und Haube etwas gestreckt. Aber die wesentlichen Designelemente wie Seitenlinie, Chromzierrat und Leuchtenkram sehen bei allen gleich aus. Fällt den Leuten in Stuttgart nix mehr ein oder traut man sich einfach nicht? Alles in allem gefällig, aber auch nicht sonderlich aufregend.
 
Zeigefinger (Assistenzsysteme)
Nur die Mindestbesetzung; ABS, ESP. Keine Autonomie.
 
Innenraum
Als ich vor ein paar Jahren in Genf den Innenraum der S-Klasse das erste Mal gesehen habe, dachte ich mir noch, holla die Waldmeisterfee. Eine beispiellose Materialschlacht aus Alu, Kunststoff, Leder und LED's überall. Und in der hier dargestellten E-Klasse mit dem mehr oder weniger Standardinnenraum scheint mir das nicht viel weniger als damals im Schlachtschiff.


Die untere Hälfte von der C-, die obere Hälfte von der S-Klasse. In Anbetracht der äusseren Gestaltung war diese Pointe etwas vorhersehbar, aber in Summe ist das Armaturenbrett wirklich schnieke. Schnieke im Sinne von, nicht mit Murks auf modern getrimmt, aber man findet auch keinen Hosenträger- und Huthalter im Innenraum. 
 
Nicht so toll, diese gefühlten zwölf Quadratmeter schwarzen Rotz- und Staubmagnet als Mittelkonsole. Ich würde ein anderes Material empfehlen, wenn's auch zehn Minuten nach Abholung vom Autohaus noch gut aussehen soll.

 

Bei der Struktur der grossflächigen Aluleiste hatte ich ein kurzes Dejà-vu.


Sympathisch, hat man hier (bewusst oder unbewusst) eine kleine Hommage an den Opa einfliessen lassen.


Die Sitze sind für mich über jeden Zweifel erhaben und passen soweit perfekt an meine Rückseite. Auch die halbelektrischen "Billig"ausführung in Teil-PU-Leder geht völlig i.O. Der Stuhl fühlt sich angenehm straff und wertig an und ist für ein Auto in der Klasse nicht übermässig sportlich geschnitten. Ich wüsste gar nicht, wozu hier ein Aufpreissitz geordert werden sollte.     


Ich gestehe, ich find' Ambientebeleuchtungen cool. Hie und da ein paar dezent gesetzte LED's machen gerade Fahrten bei Nacht etwas angenehmer, entspannter. Ob man bei der E-Klasse nicht ein wenig übers Ziel hinausgeschossen ist kann ich nicht abschliessend beantworten.  


Mir war's anfangs etwas zu bunt, ich konnte mich nicht wirklich dran gewöhnen in der knappen Stunde Fahrt bei Nacht.
 
Die ersten Kilometer
"Leider kein Diesel" hiess es bei Schlüsselübergabe am Schalter. Ich konnte meine Enttäuschung im Zaum halten, ein Vierzylinderdiesel in einer Limousine wie dieser? Bäh. So gestalteten sich die ersten Kilometer in der neuen E-Klasse als die ruhigsten seit langem. Tür zu, die Welt hält die Klappe. Danke.
 
Nach 10 Kilometern
Wir haben Einstellungsbedarf. Die Helligkeit des Hamsterkinos ist etwas arg auf der Stufe elf, ich befürchte ich kriege demnächst einen Pupillenkrampf. Himmel, wo regle ich in diesem Dschungel an Einstellungen einfach nur die Displayhelligkeit runter?
 
Multimediaplunder
Und wir bleiben gleich im Einstellungswahnsinn. Gegen die Menüstruktur und Einstellmöglichkeiten der Kapelle im E scheint die mir bestens vertraute Umgebung in meiner vier Jahre alten C-Klasse wie ein iPad gegen einen Taschenrechner. Und das meine ich jetzt nicht nur vom grafischen Aspekt.
 
 
Bedient wird das System über die bekannte Multimediakartoffel und einen Drehregler. So weit so gut. Handy koppeln geht problemlos und tatsächlich sehe ich es das erste Mal, dass mein schon etwas in die Jahre gekommenes Gerät es schafft, Albumcovers via Bluetooth auf die grosse Leinwand im Benz zu schicken. Feine Sache.
 
Klangtechnisch war Standard angesagt. Kein Burmester, Bose, Harman Kardon oder ein sonstig nach famosen Digitaldirigenten klingendes Lautsprechersystem, sondern einfach nur dasselbe, was man vermutlich auch in 0815-Taxis hören kann. Und das klingt gar nicht mal so übel, mir erschien der Klang sogar nicht weit entfernt von der Dynamik des Burmester Systems aus der C-Klasse. Also eigentlich auch völlig ausreichend, zumal das System nicht übermässig gegen den Soundtrack der garsteigen Aussenwelt anzukämpfen hat.
 
Die Fahrt
Der Innenraum der E-Klasse ist tatsächlich ein Ort um sich wohl zu fühlen. Auch wenn mir der hochauflösende Pixeltacho in seiner Luminanz immer noch etwas zu überpräsent scheint. Ich bin seit Fahrtantritt dabei herauszufinden, wie ich die Helligkeit des Selben auf ein Niveau runterregeln kann, welches nicht den letzten fünf Minuten eines Madonnakonzertes entspricht. Etwas genervt fahre ich auf einen stockfinsteren Rastplatz raus, welcher zwar ziemlich voll mit Autos ist, auf dem aber irgendwie weit und breit keine Leute zu sehen sind. So fangen Horrorfilme an. Und Pornos.

Das Wühlen durch die Menüs bringt's nicht. Auch die sprachliche Kontaktaufnahme mit der Braut im Armaturenbrett fördert nichts zu Tage. Ebenso wenig die haptische Suche nach einem Regler im Innenraum. Also, sehe ich mir mal das elektronische Handbuch an und suche dort nach "Helligkeit". Finde nix. Suche nach Beleuchtung. Finde auch nix. Suche nach "Instrumente". Finde entgegen meiner Erwartung an ein Ablagefach für Trompeten und Banjos eine Illustration eines Reglers neben dem Lichtschalter. Und dort finde ich im Dunkeln dann auch tatsächlich jenen Regler, welcher meine Augen in den regulären Nachtbetrieb schickt.


Da isser, der Flachwitz in diesem Auto. Da ist der Innenraum der E-Klasse gespickt mit Millionen von LED's, welche im kompletten Farbspektrum des Universums leuchten können. Bis auf diesen einen und einzigen Regler. Der ist bei Nacht so finster wie ein Bärenarsch. Ein unbeleuchteter Helligkeitsregler. Ihr Typen bei Mercedes, wegen solchem Zeug fällt irgendwann das Universum in sich zusammen. Hört auf solche Paradoxen in eure Schlitten einzubauen oder wir werden alle dabei draufgehen!

Ich zieh wieder auf die Autobahn, wobei Ziehen nicht mal der falsche Ausdruck ist. Der kleine Benziner wird bei Bedarf nämlich schon recht munter. Nicht dass er die E-Klasse sportlich machen würde, aber eigentlich reicht's für dieses Auto. Und die neun Gänge tun ihr Übriges dazu, dass immer ein gutes Übersetzungsverhältnis besteht. Jenseits der 120km/h bemerkt man dann das fehlende Drehmoment und Temperament, aber darunter ist die E-Klasse, wie gesagt, gerade so ausreichend agil und dank Allrad auch mit genügend Traktion für unnötig zügige Ampelstarts versehen.

Ansonsten ist alles wie gehabt im Hause Daimler. Gleiten statt Rasen. Auffallend ist die Geräuschdämmung im E. Auch bei regennasser Fahrbahn dringen nur wenige Fahrgeräusche in den Innenraum und verlangt man dem Triebwerk nicht gerade Leistung ab, hört man auch davon so überhaupt nix. Hier würde ich im Pepsitest komplett versagen; verrichtet hier ein Vier-, Sechs- oder Achtzylinder seine Arbeit? Ich könnte nur raten und würde ziemlich sicher den Zonk mit nach Hause nehmen.

Mein Weg führt in die Stadt. Dorthin, wo Parkplätze rar und teuer sind. Da ich aber mit Parkplätzen eigentlich immer ein unverschämtes Glück habe, werde ich auch an diesem Abend fündig. Hätte ich denn eine etwas kompaktere C-Klasse. Mir graust's ein wenig vor den Dimensionen der Parklücke, welche von einer ebenso neuen E-Klasse und einem Jaguar flankiert wird. Dank dem integrierten 360° Fernsehstudio in der Drohnenperspektive wird das Parken allerdings zum Klacks, was ich vom Aussteigen nicht behaupten kann, die Zeiten als ich mich durch einen zehn Zentimeter breiten Spalt drücken konnte sind definitiv vorbei. Ich überlege, ob ich nicht gleich im Auto übernachte, es gäbe unangenehmere Plätze zum Schlafen. Ich gönne mir dann aber doch die üppigen Platzverhältnisse einer Stadttiefgarage und bezahle die Völlerei der letzten Jahre mit 13 Euro pro Nacht.    

Den selben Weg zurück bei Tag und einige Stadtfahrten gehen im E200 leicht von der Hand. Die Lenkung agiert locker flockig im unteren Geschwindigkeitsbereich und bietet ein angenehmes Minimum an Rückmeldung um Kurven rum. Sportlich ist das alles aber auch nicht, obwohl mir ein Kippregler in der Mittelkonsole was anderes unterjubeln will. Ich stelle wieder zurück auf Comfort und gleite durch die Stadt, welche wie ein Stummfilm an mir vorbeizieht. Ein Benz ist halt doch ein Benz, schiffig, scheffig, ruhig. Viel gemein hat dieser E nicht mehr mit dem /8 von damals. Zum Glück, das war nämlich noch ein ziemlich rauher Geselle.
 
Fazit
Zusammengefasst ist die E-Klasse ein ziemlich unspektakuläres Auto, weder fahrdynamisch noch optisch reisst sie das Schnitzel vom Teller. Sie punktet mit Gelassenheit, eine soliden Fahrgefühl und einem guten Innenraumkonzept. Als Fahrer kann man dem E keine grossen Makel ankreiden und noch weniger wird es zu motzen geben, wenn man in dem Auto auf dem Rücksitz von A nach B chauffiert wird. Somit kann man sagen, dass man in Stuttgart ein tolles Taxi gebaut hat, welches sicherlich auch dem Fahrer ein angenehmer Zeitgenosse sein wird. Nix fürs Herz, aber gut fürs Kreuz. Ich hoffe für mich, obwohl das Auto in Summe wirklich, wirklich gut ist, ich habe noch mindestens zehn Jahre, bis ich eine E-Klasse haben möchte.

Kaufen?
Die Benzen sind teuer. So der allgemeine Tenor. Irgendwie ist das aber gerade bei der E-Klasse nur die halbe Wahrheit. Natürlich ist die Aufpreisliste länger als die Bibel und natürlich kostet das Auto in der Grundaustattung schon ein paar Peseten. Aber in vielen Punkten kann man den Haken auf der Aufpreisliste auch mal weglassen, Leder z.B.. Oder ein teures Soundsystem. Schiebedächer braucht irgendwie kein Mensch mehr. Den Tacho als Display braucht's auch nicht unbedingt. Wer sich also ein Taxi in Minimalausstattung zusammenstellt, kriegt schon eine Menge Auto, welches auch in ein paar Jahre sicherlich noch auf dem Stand der Technik sein wird.
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

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