Renault Talisman Super ENERGY TCe 150 EDC "Intens"

Vorwort
Mit Glücksbringern ist das so eine Sache. Sie funktionieren nur, wenn man ein gewisses Mass an den Hang zum Aberglauben an den Tag legt. Davon leben dann auch irgendwelche Teleshoppingunternehmen, welche solchen Plunder zu Hauf verkaufen  und das anscheinend sehr gut. Da geht ein Abteilungspraktikant mal kurz spazieren, kommt mit einem Sack voll bunter Kiesel wieder zurück und das verkauft man dann als Energie- oder Glücksbringer, auf die Idee muss man erstmal kommen. Aber die eigentlich grosse Kunst dabei ist, dass man als Manager solch eines Unternehmens nachts noch schlafen kann. Ich persönlich halte da nicht viel davon, ich vertraue aus Prinzip auf nix, was nicht mit irgendeiner Form von Elektrizität und damit eigentlich auch mit urbaner Zauberei läuft. So vertraue ich z.B. dem USB-Stein. Der hat übrigens auch keinen Kopfhöreranschluss, aber da kräht komischerweise kein Hahn danach.
 
Was denn?
Ein Renault Talisman Super ENERGY TCe 150 EDC in der Ausstattung "Intens", Benzinverbrenner mit 150 PS an einem 6-Gang Doppelkupplungsgetriebe und Frontantrieb. 
 
 
 
 
Laufleistung
13700 km.
 
Wie weit?
ca. 160km.
 
Handbuch gelesen?
Es gab sowas wie eine Kurzanleitung im Handschuhfach, wenigstens die hätte ich mal lesen sollen. War aber irgendwie unter Zeitdruck, musste dringend in den KFC.
 
Erster Eindruck
Olàlà! Le Passat en francais. Ne Menge Auto steht da auf dem Parkplatz, wann hatte Renault denn sowas präsentes, grosses im Programm? Achja, der Vel Satis, dieser schizophrene Megane.
 
Zeigefinger (Assistenzsysteme)
ABS, ESP, Totwinkel-, Abstands-, Geschwindigkeits-, Spurhalte-, Kollisions- und Luftqualitätsassistent. Wirklich, der Talisman hat eine eigene Nase.
 
Madame, ihr riescht nach Pumakäfisch!
 
Innenraum
Schickschick. Und im Gegensatz zu den kleineren Modellen von Renault auch nicht mit der Ergonomie meiner Küchenutensilienschublade, wo das System nach dem Ordnungsprinzip "alles rein was die Schublade nicht verklemmen lässt" funktioniert.
 

Die Materialien sind lässig modern. Und wie heisst es so schön auf der Webpräsenz von Renault; "Beim Entwurf des Renault Talisman wurde auch an Geschäftskunden gedacht." . Kann ich als Teilzeitbusinesskasper gut nachvollziehen, die Farbgebung, Materialien und das Design im Innenraum erinnern entfernt an einen Markenanzug von der Stange. Grundsätzlich grau, mit einem dezenten Schuss Braun. Sozusagen Businesscamouflage, in dem Auto kann man Managerverstecken spielen. (auch wenn Renault bei der obenstehenden Aussage natürlich eher an den finanziellen Aspekt gedacht hat)  


Die Sitze sind magnifique, welcher Vertriebsmanager aus dem unteren Kader würde sich hier nicht gerne in das Stricknadelstreifen-Teilleder reinlümmeln? Wer jetzt mit dem Kopf schüttelt, für den habe ich ein Wort, welches auch den Kollegen aus der IT mit der C-Klasse neidisch werden lässt: Massaaaagesitze. Nach einem 28-Stunden Tag genau das richtige für das meetingeplagte Kadermitglied.  


Etwas schwindeln tut der Talisman aber schon auch. Das, was hier aussieht wie doppelt vernähtes Leder ist lediglich Kunststoff. Und nicht unbedingt der von jener Sorte, die man gerne anfasst. Etwas hart und uncharmant. Klar, man muss sich grundsätzlich ja nicht auf dem Armaturenbrett wälzen oder an der Türverkleidung reiben. Aber man kommt sich schon so ein klein wenig verschaukelt vor.  


Für Ambiente sorgt eine Armada von bunten LEDs, welche den Innenraum je nach Fahrprofil (Multi Sense) in Farbe tauchen, diese Form von Lichtmagie funktioniert für den Talisman sehr gut, das verleiht ihm eine Form von moderner Gediegenheit, auch ohne viel Leder und quadratmeterweise Holz.

 
Auch zum Innenraum gehört dieser Schlüssel. Bzw. dieses riesige Ding mit Aufschliessfunktion. Ich werte dies als eine Form von französischem Trotz dem konventionellen Autoschlüssel gegenüber, welcher nicht eine halbe Notebooktasche benötigt um verstaut zu werden. Nicht so famos. Aber am Schlüssel in Kreditkartengrösse halten die Renaulter schon seit Jahren fest, dass dies noch kein einziger Hersteller kopiert hat sagt ja schon alles.
 
Die ersten Kilometer
OK, gleich beim Motorstart der erste Wermutstropfen. Ein Reihenvierzylinder nimmt ziemlich unpassend zum Rest des Autos seine Arbeit auf. Was würde diesem grossen Franzosen ein Sechszylinder gut tun. Oh, und das ist keine seidenweiche Automatik, ein eher rüpelhaftes Doppelkupplungsgetriebe sorgt für den meist sehr plötzlichen Kraftschluss zwischen Motor und Strasse. Und auch das mag nicht zu dem sanftmütigen Franzosen passen.
 
Nach 10 Kilometern
Mit etwas Willenskraft gewöhnt man sich an den groben Antrieb bzw. lernt ihn zu ignorieren. Auch an den Start/Stop-Bonaparte, der erste der meiner Meinung nach sinnvoll programmiert ist. Der Motor geht nämlich nicht schon bei 3km/h aus, wie es z.B. bei den Kollegen von VW der Fall ist, wenn man z.B. im Stop&Go auf eine Ampel zurollt. Oder wie mein Benz, welcher gerne auch schon beim Parken seinen Spritsparfanatismus auslebt.  Nein, man kann mit dem Talisman durchaus auch mal ein paar Sekunden stehen, bevor der Motor ausgeht. Damit könnte ich irgendwie leben.
 
Multimediaplunder
Für den Businesskasper von heute ist ja der musikalische Klang eines Autoradios weniger wichtig, als die Sprachqualität beim Telefonieren. Im Talisman kann man allerdings beides haben, der Klang ist keine Offenbarung, aber für ein Auto in dieser Klasse OK. Dazu kommt, dass die Bedienung über den grossen Touchscreen intuitiv ist und nach ein paar Fehlbedienungen hat man den Dreh auch dort raus.
 

Jep, drehen kann man auch, am Drehregler in der Mittelkonsole. Damit lässt sich das System fast blind bedienen. Jedoch nur fast. Möchte man das System wirklich so manipulieren, ohne den Blick von der Strasse zu nehmen, bleibt einem nur die Sprachsteuerung. Und die verstand mein Deutsch so gut wie ich Französisch. Irgendwie doch, aber auch nicht alles und ich fühlte mich vielfach missverstanden.

 
Dafür war das Navi für mich eines der besten, die ich je zur Streckenführung verdonnern durfte. Wirklich sehr hilfreich, gerade nachts und bei Regen in einem fremden Stadtteil ist die Darstellung von Gebäuden in 3D auf dem grossen Display ziemlich hilfreich. So fiel zumindest mir die Orientierung etwas leichter und ich fuhr nicht wie sonst erstmal an meinem Ziel vorbei, sondern auf Anhieb mitten in das Parkverbot direkt vor dem Gebäude. Top.

Die Fahrt
Entspannend. So könnte man den Talisman in einem Wort beschreiben. Jedenfalls solange man auf der Autobahn unterwegs ist. Das Fahrwerk federt weich und die Assistenten verrichten Ihre Arbeit zuverlässig. Aber so eine Horde Assis kommt ja nie ohne denjenigen Streber aus, welcher einfach noch alles toppen muss. Dazu gehörte der Geschwindigkeitswarner. Und der funktionierte folgendermassen; mittels Kamera liest das System Strassenschilder und nimmt diese zum Anlass, die gesetzlich geltende Höchstgeschwindigkeit festzulegen. Und dabei schiesst dieser Assi komplett über's Ziel hinaus. Er liest nämlich alles, was ihm vor die Linse kommt. Die Schilder am Bus und LKW? Werden gelesen. Ab sofort ist auf der Autobahn nur noch 80. Gong. In der Abfahrt sind nur 40 km/h erlaubt? Ab sofort auch auf der Autobahn. Gong. Rechts geht eine Abzweigung in ein Wohnquartier weg? Ab sofort wird hier nur noch 30 gefahren. Gong. Und ja, das wäre alles noch eines, wenn es beim Einblenden der zulässigen Höchstgeschwindigkeit in das Head-Up und in das Tachodisplay bleiben würde. Aber ne, Geschwindigkeitsassi macht natürlich vehement akustisch darauf aufmerksam, dass man gerade böse ist. Mit einem Gong, der wirklich 1:1 dem Geräusch entspricht, welcher unser firmeninterner Messenger macht, wenn jemand eine Nachricht schickt. Ich sitz also im Auto und es gongt die ganze Zeit und ich frag mich, wie mein ausgeschaltetes Notebook im Kofferraum offline Nachrichten empfangen kann und dann auch noch so laut gongt. Hat sich die NSA mal wieder nicht ordnungsgemäss abgemeldet? Oder ist das einfach nur wieder irgendwelcher IT-Voodoo aus der Cloud?

Nachdem sich meine Verwirrung gelöst hatte, konnte ich mich wieder dem Fahren widmen, ohne im Hinterkopf zu haben, dass zu Hause gerade mein Büro abgebrannt sei und alle wissen wollten, ob ich noch lebe. Zurück zum Talisman...


In der Stadt offenbart die Form der Karosserie ein paar Mankos. So konnte ich mich in der zugegebenermassen kurzen Zeit nicht an die Abmessungen des Talisman gewöhnen und war froh um das Rückfahrfernsehstudio und die Sensorik rund um's Auto. Ohne den ganzen Kram hätte ich den Renault wohl nicht ohne Beschädigungen zurückgebracht, die Übersicht ist grottenschlecht, vor allem nach hinten. Btw; der Bremsassistent funktioniert tadellos, ohne ihn wäre in der Stadt Dortmund jetzt ein Ford Ka mit SMS-schreibender Tusse weniger zugelassen.

Der grosse Renault ist dann auch ein Fahrerauto. Auch wenn es sich im Fond sicherlich auch gut herumchauffieren liesse, ich mag den Talisman gerne selber fahren. Das Innenraumgefühl, die schlüssige Bedienung und das relativ sanfte Fahrverhalten lassen mich auch dank dem Knetsitz die Anstrengungen der Anreise vergessen. Allerdings, den Antrieb empfinde ich trotz kurzer Gewöhnung je länger desto mehr als Fremdkörper in diesem Auto. Gerade im Stop&Go ist das DKG zu ruppig und der Vierzylinder mit seinen für dieses schwere Fahrzeug schwachbrüstigen 150 PS spielt einfach nicht in derselben Liga wie der Rest vom Schützenfest. Wirklich, packt da einen Sechszylinder und eine Wandlerautomatik rein, mir persönlich wär's sogar egal ob Benzin oder Diesel, Hauptsache der Antrieb kommt gleich souverän daher wie der Rest des Autos.

Den mag ich gerne mal wieder ham.
 
Fazit
Taugt der Talisman als Passatschreck? Tut er. Der Innenraum ist um Welten gefühlvoller gestaltet. Das äussere Erscheinungsbild ist wesentlich verspielter und doch immer noch seriös genug für eine Businesskasperlimousine. Die Technik ist nicht ganz auf Augenhöhe mit dem Passat, es gibt hie und da noch ein paar Ecken und Kanten, an welchen Renault noch ein wenig schleifen dürfte. Das ist allerdings meckern auf hohem Niveau, z.B. den Geschwindigkeitsbegrenzungsassi kann man auch einfach abschalten, sollte man sich nicht daran gewöhnen können. Was aber gar nicht geht sind der schmalbrüstige 150PS Vierzylinder in Verbindung mit dem 6-Gang DKG. Find ich Quatsch. Für einmal haben's die massierenden Sitze rausgerissen, aber für jeden Tag ist der Antrieb schlicht der falsche.

Kaufen?
Jup, wem der Passat&Co. einfach zu langweilig daherkommt, sollte sich das Flaggschiff von Renault mal ankucken. Der Talisman hat sich bis auf ein paar wenige Ausnahmen des renaultschen Andersseins der vergangenen Jahre entledigt. Die kleinen Mankos gegenüber den Klassenprimussen kann man auch unter Geschmackssache abtun. Und das taugt dem Talisman, er besitzt nämlich jene Raffinesse, welche seine Mitbewerber allesamt nicht haben. Und das für weniger als ein Managerjahresgehalt. Glück gehabt.

 
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Über Duck@Cars

Mit dem Drehmomentschlüssel in der Hand zur Welt gekommen, aufgezogen mit Super verbleit. Wenn andere mit Lego gespielt haben, hat er Reifen gestapelt. Das ist Duck. Und das ist Quatsch. Tatsächlich ein Bürohengst der IT-Sorte, gerne und viel unterwegs und noch viel lieber hinter seinem Instrument. Benzin im Blut. Maschinen im Kopf. Rad ab.

6 Kommentare :

  1. Deine Küche, meine Küche. Der Trick: die Kochlöffel alle senkrecht zur Schubrichtung legen, dann rutscht beim Zuknallen nicht alles nach vorne und verkeilt sich nicht. Ansonsten: Talismantests habe ich bisher überblättert, danke für die Horizonterweiterung. Mal gespannt, wie lange man die Gongbingbing Assis überhaupt noch abschalten darf...

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  2. Die Benziner haben ein 7 Gang DKG!!
    Wenn du schon schreibst,informiere dich vorher richtig...

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    1. Hallo!!!!! Im Renault Konfigurator steht 6-Gang Automatikgetriebe oder 6 Gang Schaltgetriebe!!!!! Und auf der Fahrt ist mir kein siebter Gang aufgefallen!!! Wenn du schon anonym hier rumschreist, dann informier dich richtig!! Sacre Bleu!!!! Wo krieg ich noch mehr Ausrufezeichen her???

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    2. Da ist wohl jemandem eine Laus über die Leber gelaufen, dass er so herumkritisiert ;)
      Kleiner Tipp an Anonymous: ohne nonverbale Kommunikation sollte man sich in Kommentaren sehr zurueckhaltend äußern, um nicht als jemand dazustehen, der ungehobelt Leute vor den Kopf stößt.

      Kleine Anekdote zum Thema DKG noch von mir:
      Anscheinend ist BMW auch vom DKG weg - und bietet nur noch Automatikgetriebe an.
      Mit einer Ausnahme: M - Modelle (zumindest der M4 hat weiterhin ein DKG)
      Das Thema kam auf, als ich neulich an der Waschstraße einen M4 Fahrer ansprach, der meinte, dass er eigentlich nach seinem 335i mit DKG einen 435i kaufen wollte, aber ihm eine Automatik zu "Opa" war.
      Da seine Frau aber keinen Schalter wollte, hat der Verkäufer blitzschnell mitgedacht und den M4 aus dem Ärmel geholt - so kam er zum M4 und ist damit ziemlich glücklich, wie er mir sagte. ;)

      Gruß,
      Eno.

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    3. Ach, jeder hat einfach mal nen üblen Tag und zu viele Ausrufezeichen unter'm Finger ;-)

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    4. Ja, auch schön, dass du den Kommentar trotz der plumpen Art freigeschalten hast.

      Das hat mir jetzt aber keine Ruhe gelassen - auf der Renault seite findet sich in der Tat soetwas:
      "Die ENERGY TCe 150 EDC und ENERGY TCe 200 EDC Motoren sorgen zusammen mit unserem EDC 7-Gang-Doppelkupplungs-Automatikgetriebe für Flexibilität und einen direkten Effekt bei allen Motordrehzahlen." (*)

      Also hatte unser plumper Freund tatsächlich recht. Kein Wandler sondern ein DKG versieht seinen Dienst, sogar in 2 Ausführungen (6 bzw. 7 Gang)

      * https://www.renault.de/modellpalette/renault-modelluebersicht/talisman/leistung.html

      Viele Grüße,
      Enrico.

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Kommentare und Kritik sind immer herzlich willkommen. Grundsätzlich wird jeder Kommentar veröffentlicht und ggf. spiele ich auch noch Senfautomat. Auf verletzten Markenstolz gehe ich aber idR nicht ein.
Nicht veröffentlicht wird all jenes Zeug, welches unsere geschätzten Rechtsverdreher so zum Leben benötigen. Dazu gehören Beleidigungen, Verleumdungen, Rufmord etc.

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